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Alpaufzüge und Alpträume

Das Museum im Lagerhaus St.Gallen sammelt seit 30 Jahren naive Kunst und Art brut. Zum Jubiläum zeigt es «Highlights und Neuentdecktes» aus rund 35'000 Werken und gibt Einblicke hinter die Kulissen.
Von  Peter Surber
Pietro Angelozzi: Visisioni del ventesimo secolo 3. (Bilder: Museum im Lagerhaus)

Zuerst glaubt man nur schwarze Kleckse zu sehen. Dann zeichnen sich zwei Augen ab, eine lange Nase, ein Kreis mit Klumpen drin, die Zähne sein könnten. der schrei, den man nicht hört ist die Zeichnung betitelt. Sie ist schön und schrecklich in einem. Den lautlosen Schrei hat Philippe Saxer gezeichnet, ein Künstler, der der Ausstellungskuratorin Dorothee Haarer besonders am Herzen liegt.

Abgründe und Idyllen

Saxers «Schrei» ist in der Abteilung «Hello Darkness» zu sehen. Der Titel könnte auch Saxers Lebensweg umschreiben. 1965 im Bern-Bümpliz geboren, gelernter Kunstglaser, litt Saxer unter Depressionen und war ab 1986 in der Berner Klinik Waldau immer wieder stationär in Behandlung. Hier hat er gemalt, tausende von Bildern, daneben entstanden Figuren, Glasarbeiten, aber auch mal «Bierdeckel»-Kunst.

Philippe Saxer: Ich im Bus (1984)

«Wenn es ihm gut lief, konnte er sich hinsetzen und in einer Stunde zwanzig bis vierzig Bilder malen, expressionistisch, aus einem Guss, blitzschnell», hat sein Betreuer in der Waldau einmal erzählt. Um Saxers Werk kümmert sich heute, fünf Jahre nach seinem Selbstmord 2013, ein Freundeskreis. Das St.Galler Museum im Lagerhaus hat ihn seit 2006 mehrfach ausgestellt. Eine Schenkung von 68 neuen Werken ermöglicht jetzt viele neue Einblicke in Saxers verstörende Welt. Ein Tier-Doppelkopf Saxers taucht auch auf dem Plakat zur Ausstellung «Backstage» auf.

Zwei weitere schmerzhaft erotische Saxer-Zeichnungen hängen nebenan in der Abteilung, die der Darstellung des Körpers gewidmet und «Body and Soul» betitelt ist. Von vis-à-vis schaut Ulrich Bleikers kindergebärende Muschelfrau heiter in den Raum, daneben werfen Werke von Walter Arnold Steffen, Peter Zahnd, Pauline Ingold und anderen düstere Körper-Schatten.

Emily Salz: Salome (1997)

Spielerischer geht es im «Wonderland» zu. Einen zentralen Platz nehmen hier die gestickten Märchenwelten auf grossformatigen Gobelins von Emily Salz ein, die vor zwei Jahren aus dem Nachlass ins Museum gekommen sind. Vorne dreht sich das fantastische Klingelkarussell von Marcel Rime neben dem Vehikel SALAM BOMBAY – 1er Rex Burlandissimus von Francois Burland.

Im Wunderland sind auch Benjamin Bonjour, Pya Hug oder Brida Lazzarino heimisch, die buchstabenverliebte Vreni Müller oder, zerbrechlich in einer Vitrine geschützt, die Blüten-Collage von Olga Bücheli, die mit einer Schenkung neu ins Lagerhaus gekommen ist.

Jakob Müller: Gidio Hosenstoss, 1993

Definitiv von der unbeschwerten Seite zeigt sich die Sektion «Home, sweet Home». Die eigene Umgebung, das Brauchtum, Land und Leute: Für diese Themen ist die naive Kunst seit je besonders zuständig. Man kann in Alpaufzügen schwelgen mit Josef Oertle und Hans Krüsi, ein Wiedersehen feiern mit Ulrich Bleikers Färlisau, Jakob Müllers Gidio Hosenstoss, Konrad Zülles Sennerin und Karl Uelligers Schüürlilüüt. Man kann Hedi Zuber an den Weissen Sonntag und Johann Eugster auf den Jahrmarkt folgen oder sich in den religiösen Fantasien von Urs Kupferschmid verlieren.

Der Kabinettraum ist dem Selbstporträt gewidmet – einem anderen Kernthema der Art brut. Am längsten aber bleibt man dann doch im Zwischenraum stehen, wo das Dunkle sich sammelt. Johann Hausers Böser Mann schreckt kleinformatig, in Reni Blums Ölgemälde greift Der Tod mit unwiderstehlichem Griff nach dem Menschen. Von Rosmarie Koczy zeigt die Ausstellung ein Gemälde aus der Serie Ich male euch ein Leichentuch und die Reliefstele Deportation Train – wobei der Lageraufenthalt der Künstlerin nach neuen Forschungen in Zweifel gezogen werde, wie Museumsleiterin Monika Jagfeld erklärt: möglicherweise ein Fall von biographischer «Darkness».

Antonio Odesti: 3 Muschelvögel (undatiert)

Gleich daneben löst sich der Rundgang in Heiterkeit auf. Michel Nedjars Hund ist zwar ein grosser Kerl, aber eher Nashorn als Hund und eher possierlich als bissig. Und neben ihm strecken Antonio Odestis witzige Muschelvögel ihre Schnäbel.

«Backstage». Highlights und Neuentdecktes aus 30 Jahren
Museum im Lagerhaus St.Gallen, bis 13. Januar 2019

Führung: So 2. September, 11 Uhr

museumimlagerhaus.ch

Mehr und mehr international gefragt

Die vielfältige Retrospektive erweist zum einen den  Museumsgründern die Reverenz: 1988 haben Simone und Peter Schaufelberger und Mina und Josef John die Stiftung für Schweizerische Naive Kunst und Art brut als Trägerin des Museums gegründet. Zum andern widerspiegelt die aktuelle Schau den Aufschwung, den die Institution erlebt hat: Zu den alten Bekannten kommen Neuentdeckungen hinzu – heute beherbergt das Museum schätzungsweise 35’000 Werke, und rechtzeitig zu seinem 30-Jahr-Jubiläum konnte es im Kellergeschoss des Lagerhauses neue Depoträume beziehen.

Für die Aufarbeitung der Sammlung ist Dorothee Haarer verantwortlich sowie mit einem temporären Mandat Marion Runer. Ein Blick in die Depoträume machte beim Medienrundgang deutlich, welche Riesenarbeit hier zu leisten ist. Der Ausstellungstitel «Backstage» soll daran erinnern, was im Museumsalltag hinter den Kulissen geleistet wird.

Hans Schärer: Ohne Titel, 1974

Das Renommee des Museums zeige sich aber auch an der wachsenden Zahl von Anfragen für Leihgaben, ergänzt die Leiterin des Museums, Monika Jagfeld. Rund 100 Leihgaben aus St.Gallen sind aktuell allein für eine Art-brut-Ausstellung unter dem Titel «Danser brut» im französischen Lille gefragt. Solche temporären Exporte gäben zwar Arbeit, aber seien auch eine Chance, den Ruf des Museums «in die Welt hinaus zu tragen», sagt Jagfeld.

Erinnerungen und «Zwiesprachen»

Das Rahmenprogramm bringt zum einen innerhalb der Ausstellung Dokumente zum Jubiläum: Gespräche mit Fachleuten und Stimmen aus dem Off versammelt der Dokumentarfilm «Eingeworfen…». Die Schule für Gestaltung, HF Fotografie steuert fünf Kurzfilme mit Einblicken in sonst nicht zugängliche Museumsräume bei. Und unter dem Titel «Eingeflüstert» zeigt das Museum Brief- und Tondokumente zu den Künstlerinnen und ihrem Leben.

Zwiesprache 1: Roman Rutishauser: Mondsichel mäht so leis…
Fr 31. August, Teil I: MoE Museum of Emptiness, Haldenstrasse 5 St. Gallen, 20.30 Uhr. Teil II: anschliessend im Museum im Lagerhaus

Zwiesprache 2: Roman Rutishauser: Streichquartett, geflügelt, Sa 8. September 19 / 21 / 23 Uhr, Museum im Lagerhaus

Eine eigene Tonspur zur Ausstellung hat zum andern der Musiker Roman Rutishauser geschaffen: vier Abende mit «Zwiesprachen». Der erste Anlass findet diesen Freitag, 31. August statt unter dem Titel Mondsichel mäht so leis…. Rutishauser hat dafür Gedichte der verstorbenen St.Galler Lyrikerin Ursula Riklin ausgewählt und für Chor vertont. Mit seinem Lattich-Chor bringt er sie zur Aufführung in zwei Teilen. Im «Museum der Leere» (MoE) an der Haldenstrasse singt der Chor die Kompositionen vorgängig allein, unter Ausschluss eines Publikums. Sobald der Chor den Raum verlässt, hat das Publikum Zutritt und hört den Nachhall in der Leere. Anschliessend erlebt die Komposition im nahen Museum im Lagerhaus ihre «physisch hörbare» Uraufführung innerhalb der Ausstellung.

Alle Veranstaltungen: museumimlagerhaus.ch

 

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