Zuerst glaubt man nur schwarze Kleckse zu sehen. Dann zeichnen sich zwei Augen ab, eine lange Nase, ein Kreis mit Klumpen drin, die Zähne sein könnten. der schrei, den man nicht hört ist die Zeichnung betitelt. Sie ist schön und schrecklich in einem. Den lautlosen Schrei hat Philippe Saxer gezeichnet, ein Künstler, der der Ausstellungskuratorin Dorothee Haarer besonders am Herzen liegt.
Abgründe und Idyllen
Saxers «Schrei» ist in der Abteilung «Hello Darkness» zu sehen. Der Titel könnte auch Saxers Lebensweg umschreiben. 1965 im Bern-Bümpliz geboren, gelernter Kunstglaser, litt Saxer unter Depressionen und war ab 1986 in der Berner Klinik Waldau immer wieder stationär in Behandlung. Hier hat er gemalt, tausende von Bildern, daneben entstanden Figuren, Glasarbeiten, aber auch mal «Bierdeckel»-Kunst.
Philippe Saxer: Ich im Bus (1984)
«Wenn es ihm gut lief, konnte er sich hinsetzen und in einer Stunde zwanzig bis vierzig Bilder malen, expressionistisch, aus einem Guss, blitzschnell», hat sein Betreuer in der Waldau einmal erzählt. Um Saxers Werk kümmert sich heute, fünf Jahre nach seinem Selbstmord 2013, ein Freundeskreis. Das St.Galler Museum im Lagerhaus hat ihn seit 2006 mehrfach ausgestellt. Eine Schenkung von 68 neuen Werken ermöglicht jetzt viele neue Einblicke in Saxers verstörende Welt. Ein Tier-Doppelkopf Saxers taucht auch auf dem Plakat zur Ausstellung «Backstage» auf.
Zwei weitere schmerzhaft erotische Saxer-Zeichnungen hängen nebenan in der Abteilung, die der Darstellung des Körpers gewidmet und «Body and Soul» betitelt ist. Von vis-à-vis schaut Ulrich Bleikers kindergebärende Muschelfrau heiter in den Raum, daneben werfen Werke von Walter Arnold Steffen, Peter Zahnd, Pauline Ingold und anderen düstere Körper-Schatten.
Emily Salz: Salome (1997)
Spielerischer geht es im «Wonderland» zu. Einen zentralen Platz nehmen hier die gestickten Märchenwelten auf grossformatigen Gobelins von Emily Salz ein, die vor zwei Jahren aus dem Nachlass ins Museum gekommen sind. Vorne dreht sich das fantastische Klingelkarussell von Marcel Rime neben dem Vehikel SALAM BOMBAY – 1er Rex Burlandissimus von Francois Burland.
Im Wunderland sind auch Benjamin Bonjour, Pya Hug oder Brida Lazzarino heimisch, die buchstabenverliebte Vreni Müller oder, zerbrechlich in einer Vitrine geschützt, die Blüten-Collage von Olga Bücheli, die mit einer Schenkung neu ins Lagerhaus gekommen ist.
Jakob Müller: Gidio Hosenstoss, 1993
Definitiv von der unbeschwerten Seite zeigt sich die Sektion «Home, sweet Home». Die eigene Umgebung, das Brauchtum, Land und Leute: Für diese Themen ist die naive Kunst seit je besonders zuständig. Man kann in Alpaufzügen schwelgen mit Josef Oertle und Hans Krüsi, ein Wiedersehen feiern mit Ulrich Bleikers Färlisau, Jakob Müllers Gidio Hosenstoss, Konrad Zülles Sennerin und Karl Uelligers Schüürlilüüt. Man kann Hedi Zuber an den Weissen Sonntag und Johann Eugster auf den Jahrmarkt folgen oder sich in den religiösen Fantasien von Urs Kupferschmid verlieren.
Der Kabinettraum ist dem Selbstporträt gewidmet – einem anderen Kernthema der Art brut. Am längsten aber bleibt man dann doch im Zwischenraum stehen, wo das Dunkle sich sammelt. Johann Hausers Böser Mann schreckt kleinformatig, in Reni Blums Ölgemälde greift Der Tod mit unwiderstehlichem Griff nach dem Menschen. Von Rosmarie Koczy zeigt die Ausstellung ein Gemälde aus der Serie Ich male euch ein Leichentuch und die Reliefstele Deportation Train – wobei der Lageraufenthalt der Künstlerin nach neuen Forschungen in Zweifel gezogen werde, wie Museumsleiterin Monika Jagfeld erklärt: möglicherweise ein Fall von biographischer «Darkness».
Antonio Odesti: 3 Muschelvögel (undatiert)
Gleich daneben löst sich der Rundgang in Heiterkeit auf. Michel Nedjars Hund ist zwar ein grosser Kerl, aber eher Nashorn als Hund und eher possierlich als bissig. Und neben ihm strecken Antonio Odestis witzige Muschelvögel ihre Schnäbel.
«Backstage». Highlights und Neuentdecktes aus 30 Jahren Museum im Lagerhaus St.Gallen, bis 13. Januar 2019
Führung: So 2. September, 11 Uhr
museumimlagerhaus.ch
Mehr und mehr international gefragt
Die vielfältige Retrospektive erweist zum einen den Museumsgründern die Reverenz: 1988 haben Simone und Peter Schaufelberger und Mina und Josef John die Stiftung für Schweizerische Naive Kunst und Art brut als Trägerin des Museums gegründet. Zum andern widerspiegelt die aktuelle Schau den Aufschwung, den die Institution erlebt hat: Zu den alten Bekannten kommen Neuentdeckungen hinzu – heute beherbergt das Museum schätzungsweise 35’000 Werke, und rechtzeitig zu seinem 30-Jahr-Jubiläum konnte es im Kellergeschoss des Lagerhauses neue Depoträume beziehen.
Für die Aufarbeitung der Sammlung ist Dorothee Haarer verantwortlich sowie mit einem temporären Mandat Marion Runer. Ein Blick in die Depoträume machte beim Medienrundgang deutlich, welche Riesenarbeit hier zu leisten ist. Der Ausstellungstitel «Backstage» soll daran erinnern, was im Museumsalltag hinter den Kulissen geleistet wird.
Hans Schärer: Ohne Titel, 1974
Das Renommee des Museums zeige sich aber auch an der wachsenden Zahl von Anfragen für Leihgaben, ergänzt die Leiterin des Museums, Monika Jagfeld. Rund 100 Leihgaben aus St.Gallen sind aktuell allein für eine Art-brut-Ausstellung unter dem Titel «Danser brut» im französischen Lille gefragt. Solche temporären Exporte gäben zwar Arbeit, aber seien auch eine Chance, den Ruf des Museums «in die Welt hinaus zu tragen», sagt Jagfeld.
Erinnerungen und «Zwiesprachen»
Das Rahmenprogramm bringt zum einen innerhalb der Ausstellung Dokumente zum Jubiläum: Gespräche mit Fachleuten und Stimmen aus dem Off versammelt der Dokumentarfilm «Eingeworfen…». Die Schule für Gestaltung, HF Fotografie steuert fünf Kurzfilme mit Einblicken in sonst nicht zugängliche Museumsräume bei. Und unter dem Titel «Eingeflüstert» zeigt das Museum Brief- und Tondokumente zu den Künstlerinnen und ihrem Leben.
Zwiesprache 1: Roman Rutishauser: Mondsichel mäht so leis… Fr 31. August, Teil I: MoE Museum of Emptiness, Haldenstrasse 5 St. Gallen, 20.30 Uhr. Teil II: anschliessend im Museum im Lagerhaus
Zwiesprache 2: Roman Rutishauser: Streichquartett, geflügelt, Sa 8. September 19 / 21 / 23 Uhr, Museum im Lagerhaus
Eine eigene Tonspur zur Ausstellung hat zum andern der Musiker Roman Rutishauser geschaffen: vier Abende mit «Zwiesprachen». Der erste Anlass findet diesen Freitag, 31. August statt unter dem Titel Mondsichel mäht so leis…. Rutishauser hat dafür Gedichte der verstorbenen St.Galler Lyrikerin Ursula Riklin ausgewählt und für Chor vertont. Mit seinem Lattich-Chor bringt er sie zur Aufführung in zwei Teilen. Im «Museum der Leere» (MoE) an der Haldenstrasse singt der Chor die Kompositionen vorgängig allein, unter Ausschluss eines Publikums. Sobald der Chor den Raum verlässt, hat das Publikum Zutritt und hört den Nachhall in der Leere. Anschliessend erlebt die Komposition im nahen Museum im Lagerhaus ihre «physisch hörbare» Uraufführung innerhalb der Ausstellung.
Alle Veranstaltungen: museumimlagerhaus.ch
Seit 25 Jahren zeigt das Museum im Lagerhaus in St.Gallen naive Kunst und art brut. Die Jubiläumsausstellung ist imposant.
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.