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Wurzeln aus dem Paralleluniversum

Das Kunstmuseum Thurgau zeigt zurzeit (äusserst sehenswert) den Vorarlberger Künstler Franz Huemer. «Saitens» Vorarlberg-Korrespondent Kurz Bracherz über den «Aussenseiter» (aus «Saiten» 06/2007): Wer mit dem Zug von Bregenz in Richtung Feldkirch fährt und auf der rechten Seite sitzt, bemerkt vielleicht ein kleines, fast zugewachsenes Häuschen, an dem man so schnell vorüber ist, dass man sich […]
Von  Redaktion Saiten , 

Das Kunstmuseum Thurgau zeigt zurzeit (äusserst sehenswert) den Vorarlberger Künstler Franz Huemer. «Saitens» Vorarlberg-Korrespondent Kurz Bracherz über den «Aussenseiter» (aus «Saiten» 06/2007):

Wer mit dem Zug von Bregenz in Richtung Feldkirch fährt und auf der rechten Seite sitzt, bemerkt vielleicht ein kleines, fast zugewachsenes Häuschen, an dem man so schnell vorüber ist, dass man sich im Nachhinein fragt, was daran auffällig gewesen war. Bei längerer Betrachtung würde man sehen, dass das ehemalige Bahnwärterhaus bemalt und mit Schnitzereien verziert ist.

Hier wohnt der schizophrene «Aussenseiter»-Künstler Franz Huemer. Huemer, der gerne Vorträge über Ufos und über eine Parallelwelt hält, die er überall hinter den Dingen wahrnimmt, hat ein umfangreiches Werk an Skulpturen aus bemalten Wurzeln hervorgebracht, das kaum etwas mit dem Oeuvre der üblichen «Wurzelschnitzer» zu tun hat. Es ärgert ihn auch, wenn er für einen solchen gehalten wird. Huemer holte aber vorwiegend mittels Malerei aus den knorrigen Formen der Äste heraus, was er in ihnen erkennen konnte und machte es so für alle sichtbar. Es waren nicht die üblichen «lustigen» Gesichter, Zwerge, Pilze der volkstümlich arbeitenden Wurzelseppen sondern Gestalten aus der katholischen, aber auch der griechischen Mythologie, aus Märchen und aus der Geschichte. Beispielsweise ist eines seiner Meisterwerke eine erotisch-elegante «Diana». Übrigens meines Wissens das einzige größere Objekt, das er jemals verkauft hat. Der größte Teil dieser zwischen den fünfziger und achtziger Jahren entstandenen Skulpturen ist nach wie vor in einem Schuppen hinter dem auch innen reich verzierten Häuschen aufbewahrt. Huemers Werk ist vor vielen Jahren von Ernst Fuchs der Öffentlichkeit präsentiert worden und wurde mehrfach durch Harald Szeemann in dessen Themenausstellungen gezeigt.

Franz Huemer hat hauptsächlich aus der (paranoiden) Angst heraus fast nie etwas verkauft, dass wenn seine Skulpturen in die Öffentlichkeit gelangten, andere sie ja kopieren könnten, denn es handelte sich für ihn ja nicht nur um irgendwelche Wurzelkunstwerke, sondern um an ihn gerichtete esoterische Botschaften. Die Neuigkeit ist, dass Franz Huemer jetzt angeblich zu Verkäufen bereit wäre, weil sich anscheinend seine finanzielle Situation plötzlich verschlechtert hat – bei der extremen Bescheidenheit seiner Lebensführung muss das einen Null- oder Minusstand auf seinem Konto bedeuten. Es gibt ein Gerücht, wie es dazu gekommen sei (jedenfalls nicht durch sein Verschulden), aber da es sich vorläufig eben nur um ein Gerücht handelt, gebe ich es nicht detailliert wieder.

Ich würde nicht alle Skulpturen für erstklassig halten. Für ihn selber sind sie als esoterische Botschaften gleichwertig, er hat es immer abgelehnt, wenn ich ihn in Artikeln als Art-Brut-Künstler bezeichnet habe, er sieht sich nämlich trotz einst absolvierter Holzschnitzerschule nicht als bildenden Künstler, sondern eher als eine Art Medium oder Propheten. Als ich ihn einmal in einer Zeitung durchaus positiv gemeint einen «Schamanen» nannte, wurde er sehr grantig, weil er der Meinung war, seine erzkatholische Umgebung würde ihn dann ja wohl für einen Teufelsverehrer halten, so ein Schamane sei doch etwas heidnisches. Aber alle Skulpturen sind als Artefakte beeindruckend und nicht weniger als Kunstwerke.

Der Kunstmarkt interessiert sich natürlich überhaupt nicht für jemanden im Alter von über achtzig Jahren, der selten ausgestellt hat, auch regional wenig bekannt ist und immer ein schwieriger oder unmöglicher Partner für eine Galerie gewesen wäre. Vielleicht kauft ja das Land Vorarlberg etwas. Ein eigentliches Art-brut-Museum wie das St.Galler Museum im Lagerhaus oder das einschlägige Museum in Lausanne gibt es in ganz Österreich nicht; in Gugging wird die Eigenproduktion ausgestellt. Ins Landes- oder in ein Volkskundemuseum gehört Huemer aber nicht.

Das Häuschen, das beinahe nur aus zwei einzelnen Räumen übereinander besteht, ist mit seinen Schnitzereien im Inneren und Äußeren auch ein Gesamtkunstwerk. In den letzten Jahren hat Huemer Unmengen von Papier mit autobiographischen Texten und seinen esoterischen Theorien beschrieben. Er freut sich trotz räumlicher Beschränkung über Besuche (das schreibe ich in der Annahme, dass jetzt nicht eine Flut über ihn hereinbrechen wird), die allerdings bereit sein sollten, seine Monologe anzuhören, und ihn nicht partout davon überzeugen wollen, dass die Inschriften, die er an Felswänden gefunden hat, nicht von Ufos stammen. Das würden Sie bei Däniken ja auch nicht tun, oder?

Kurt Bracharz, 1947, arbeitet als Schriftsteller, Kolumnist und Übersetzer in Bregenz.

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