In Kinderzeichnungsmanier ist mit Farbstiften ein Beduine auf seinem Kamel gekritzelt, darum herum Fussabdrücke im Sand und oben ein paar Palmen. Im ersten Ausstellungsraum, in einer gelb ausgemalten, ovalen Fläche, hängt ein Werk des Meisters selbst: eine Dubuffet-Zeichnung von 1948. Sprechblasen mit Kommentaren Dubuffets im gleichen Gelb begleiten die Ausstellung.
Was meinte der Künstler Dubuffet wohl zu dieser und was zu jener Werkgruppe? Die Inszenierung weckt Neugierde und regt an, unter diesen Klassikern der Outsider Art aus der berühmten Heidelberger Prinzhornsammlung im Museum im Lagerhaus persönliche Favoriten herauszufinden.
Gegen jede Norm
Jean Dubuffet war ein Vertreter der sogenannten informellen Kunst, die unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg jegliche akademische Einengung des künstlerischen Ausdruckes ablehnte. Als sein wichtigstes Anliegen verlangte er die Erweiterung des Kunstbegriffes auf Kinderzeichnungen und Werke von Psychiatriepatienten. Der Art culturel setzte er die Art brut entgegen und nutzte sie als Inspirationsquelle für das eigene Schaffen ebenso wie als Gegenstand seiner künstlerischen Forschung.
Die Kreidezeichnung mit der Bestie von Franz Karl Bühler gehörte zu Prinzhorns Favoriten, Dubuffet fand sie mittelmässig.
Neben dem Bild mit dem Beduinen auf dem Kamel liegt in der Ausstellung auf einem Podest eine Neuausgabe von Bildnerei der Geisteskranken (1922) von Hans Prinzhorn auf. Dubuffet kannte das Buch schon lange, als er 1950 in der Psychiatrischen Universitätsklinik in Heidelberg die Prinzhorn-Sammlung in zwei Holzschränken gut erhalten vorfand. Die Ausstellung «Dubuffets Liste» bezieht sich auf die Kommentare, die er beim Besichtigen der Bilder notierte. Die maschinengeschriebene Liste befindet sich im Archiv der Stiftung Art brut in Lausanne.
Der Sitznachbar im Bus
Die Ausstellung zeigt Unterschiede und Ähnlichkeiten der Beurteilungskriterien Prinzhorns und Dubuffets. Der Psychiater Prinzhorn suchte «schizophrene Gestaltungsmerkmale in der Bildnerei der Geisteskranken» und sammelte Material für ein Museum der pathologischen Kunst. Er erkannte bald schon, dass die Werke von Anstaltsinsassen weder vom Inhalt noch von der Form her ein sicheres Urteil über die psychische Verfassung zuliessen.
Dubuffets Liste: bis 12. März, Museum im Lagerhaus St.Gallen. Szenische Führung: 15. Januar, 14 Uhr. museumimlagerhaus.ch
Dubuffet bewertet die Werke von «extrem gut» über «uninteressant» bis zu «nicht gut». Franz Karl Bühler zum Beispiel, einer von Prinzhorns Favoriten, fand Dubuffet nur mittelmässig. Die Kreidezeichnung war ihm offensichtlich technisch zu gekonnt. Die Sammlung Prinzhorn interessierte ihn nicht wegen des pathologischen Hintergrunds, sondern sie entsprach seinem Anspruch, Kunst unabhängig vom Bildungsgrad zu sehen, als Werk «gewöhnlicher Menschen», sozusagen des Sitznachbars im Bus. Ein Ausspruch Dubuffets von 1948 besagt, dass «es ebenso wenig eine Kunst von Geisteskranken gibt wie eine Kunst der Magenkranken oder der Kniekranken».
Streit um Deutungshoheit in der Kulturkritik
Ein weiteres Dokument zur Prinzhorn-Sammlung tauchte vor kurzem in Heidelberg auf. Ein 1949 erstelltes Inventar der Schubladen der Schränke mit der Prinzhorn-Sammlung gibt die Fallnummern wieder. So konnte nun im Abgleich mit der maschinengeschriebenen Liste rekonstruiert werden, welche Werke Dubuffet in welcher Reihenfolge anschaute und welche er wahrscheinlich nicht sah. Die kunstgeschichtliche Forschung kann dadurch Dubuffets Art brut-Kriterien besser verstehen. Was nach detailverliebter Kunstgeschichte-Forschung aussieht, hat Bedeutung für die Kulturkritik der frühen 1950er-Jahre. Dubuffet verfasste auch kulturkritische Schriften wie 1949 das Pamphlet über die Vorzüge der Art brut gegenüber der kulturellen Kunst, womit er mit dem «Chef der Surrealisten», André Breton, in Streit um die Deutungshoheit geriet.
Es ist unterhaltsam und trotzdem tiefgründig, wie es der Schau gelingt, die zwei unterschiedlichen Auffassungen miteinander zu verknüpfen. Der gut gestaltete Katalog bietet fundierte Texte, die unter anderem auch einen kritischen Blick auf diesen besonderen Teil des Kunstbetriebs werfen. Der mit diskriminierenden Negativ-Notationen behafteten «Kunst jenseits der Kunst», auch Outsider-Kunst genannt, steht eine unvoreingenommene Wahrnehmung der Werke immer noch bevor.
Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.
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