Wann standen Sie das letzte Mal an einem Schalter? Schon eine Weile her vermutlich. Die Post schliesst ihre Schalter, die Bahn, die Banken; beim Kloster Notkersegg oberhalb St.Gallen, wo die Nonnen früher ihre «Chrömli» verkauft haben, ist der geheimnisvolle Drehschalter längst geschlossen. Nicht nur im Kloster und im Service public, sondern fast allenthalben hat der virtuelle Schalter den realen abgelöst. Wir sind unsere eigenen Dienstleisterinnen und Dienstleister geworden, vis-à-vis kein mürrischer oder freundlicher Mensch am Schalter, sondern bloss unser eigenes Spiegelbild auf dem Bildschirm.
Das kann man einerseits begrüssen, weil Dienstleistung zumal in bürokratischen und autoritären Systemen rasch in Repression umkippen kann. Unvergesslich meine Ratlosigkeit an der «kassa» im Hauptbahnhof von St.Petersburg, mit Sprachschwierigkeiten und einer gnadenlos abweisenden Dame hinter der fast undurchsichtigen Scheibe. Andrerseits verschwindet mit dem Schalter und der Schalterhalle jedoch ein Stück öffentlicher Raum und ein Ort des dialogischen Miteinanders. Begegnung im sozialen Raum, symbolisiert durch den Schalter, wird ersetzt durch solistisches Handeln im virtuellen Raum.
Zum einen herrscht globale Transparenz wie noch nie – zum andern verlieren wir uns im zwischenmenschlichen Nahverkehr aus den Augen. «Im Lauf des letzten halben Jahrhunderts», schreibt der Historiker Timothy Garton Ash in seinem vor kurzem erschienenen Buch Redefreiheit, «ist durch menschlichen Erfindungsgeist und Unternehmungslust, vom Düsenflugzeug bis zum Smartphone, eine Welt entstanden, in der wir alle zu Nachbarn werden, aber nirgends, schon gar nicht in den Geschichtsbüchern, steht geschrieben, dass wir gute Nachbarn sein werden. Um das zu erreichen, bedarf es einer transkulturellen Anstrengung von Vernunft und Imagination.»
Wir nehmen diese grossen Worte gern mit auf den Weg ins Konsulat, den neuen Arbeitsort des Kulturmagazins Saiten, zusammen mit dem Projektraum Nextex der Visarte und mit Kunstschaffenden des Werkhauses 45. Hier, im ehemaligen italienischen Konsulat an der Frongartenstrasse 9 in St.Gallen, entsteht eine kulturelle Zwischennutzung, befristet, aber wie wir hoffen inspirierend.
Das Januarheft erinnert an die Vergangenheit des Konsulats und die Geschichte der italienischen Migration in der Ostschweiz. Und es stösst einen oder mehrere Schalter in die Zukunft auf. Wir freuen uns, wenn das Haus – mit seinen nicht weniger als 13 Schaltern – eine Schaltstelle für Diskussionen und Debatten, für Anregungen und Interventionen wird. Wir erhoffen uns fürs neue Jahr ein neues Stück öffentlichen Raum. Raum für gute Nachbarn.
Peter Surber
Reaktionen/Positionen
Blickwinkel von Jiří MakovecWeichenstellung von René HornungRedeplatz mit Yonas GebrehiwetStadtpunkt von Dani FelsGastrecht IV: Daniel «Duex» Fontana gratuliert dem Palace
GrazieDas Buch zur italienischen Migration in der Ostschweiz – und was daraus zu lernen wäre.von Peter Surber
«Man ging nach Italien»Das italienische Konsulat an der Frongartenstrasse – eine Spurensuche.von Peter Müller
«Mi sentivo a casa»Warteschlangen, Konsulatsbesetzungen und ein mysteriöser Konsul mit Monokel.von Christina Genova
Schalter auf!Der Nationalstaat hat sich überlebt. Die Zukunft ist vieldimensional, transnational und interkulturell.von Corinne Riedener
Im ehemaligen italienischen Konsulat fotografierte Ladina Bischof.
SchaffhausenVorarlbergThurgauRapperswil-JonaStimmrecht von Gülistan Aslan
Radost – Wenn Richard eine Reise tutvon Frédéric Zwicker
Flaschenpost von Georg Gatsas aus Johannesburg
Gottlieben? Hüppen. Gottlieben ist mehr als Hüppen.von Frédéric Zwicker
Ist Kreuzlingen eine Kulturstadt? Ja. Nein. Jein.von Peter Surber
Sätze wie Pflastersteine: Göldin und Bit-Tunervon Corinne Riedener
Ein Schräglift nach Rotmonten und anderes Nicht-Gebautes.von René Hornung
Aus der Welt des Vergessens: Ruth.von Veronika Fischer
Pferdegetrappel und Schiffshupe: Die Wurlitzer-Orgel.von Peter Surber
Dürrenmatts Hotelbrand im Durcheinandertal.von René Hornung
Der Fall Riccabona – ungelöst.von Kurt Bracharz
Dubuffet und Prinzhorn treffen sich im Lagerhaus.von Wolfgang Steiger
Neue Töne auf den Hügeln.von Peter Surber
Die Kultur-Container von St.Margrethen.von Stefanie Rohner
Kehl buchstabiert die OstschweizKellers GeschichtenCharles Pfahlbauer jr.Boulevard
Das musste ja so kommen! Es konnte nicht bei einem bleiben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zweite grosse, schwere Psychobuch von Beni Bischof. Darin verwirbelt der Künstler erneut Eigenes, Fremdes, Befremdliches, Bekanntes, Neues, Unkenntliches mit lockerer Hand, Humor und Hintersinn.
Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
Forrer Stieger Architekten gelingt mit dem Dreifachkindergarten und der Tagesbetreuung im Heiligkreuzquartier in St.Gallen die Quadratur des Kreises.
Es geht um uns Menschen und unser sonderbares und verheerendes Verhalten. «Humans» heisst die grosse Einzelausstellung des Ostschweizer Künstlers Olaf Breuning. Viele Arbeiten sind speziell für die Schau im Museum Allerheiligen in Schaffhausen entstanden.
In Wil fand am Wochenende das Rock am Weier statt. Seit 25 Jahren gibt es das Festival, und trotz inzwischen grösserer Namen ist es immer noch kostenlos. Ein Verein organisiert es nicht-profitorientiert und fördert regionale Acts. Unsere Autorin ist an den Ort ihrer musikalischen Sozialisation zurückgekehrt. Eine Reportage.
Kolumne: 24/7 Traumacore
Ausstellung im Museum Rosenegg
Kabarett in Herisau
Debatten um Machismus, Deepfake-Pornos, häusliche Gewalt und Femizide sind beinahe alltäglich. Was können Männer gerade tun, wenn sie unter Generalverdacht geraten? Frauenhausleiterin Katja Hämmerli Keller, Florance Hildebrand vom feministischen Streikkollektiv Thurgau und Manuel Benjamin Lehmann vom Forum Mann diskutieren Lösungsansätze.
Kommentar zur SVP-Chaosinitiative
Das AFO, das Architektur Forum Ostschweiz, diskutiert und vermittelt seit 30 Jahren Baukultur. Am kommenden Freitag wird das Jubiläum gefeiert und die neuste Artikelserie der guten Bauten als Buch präsentiert.
Minasa bekommt also doch Geld aus dem Lotteriefonds: Der Kantonsrat hat dem von Saiten und Thurgaukultur.ch aufgebauten Projekt, das den grössten Veranstaltungskalender der Ostschweiz ermöglicht, die Finanzierung für drei weitere Jahre gesichert.
Inna Shevchenko fragt im Dokumentarfilm Girls and Gods, ob die monotheistischen Weltreligionen mit Feminismus vereinbar sind. Auf der Suche nach Antworten begegnet sie widersprüchlichen Theorien und mutigen Frauen. Und bleibt nicht nur stille Beobachterin.
In eigener Sache
Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative
Theateraufführung
Kolumne: Heppelers Bestiarium
Ein paar Federn, ein angeknabberter Tannenzapfen, ein Stück Plastik: Tiere und Menschen hinterlassen Spuren. Diesen widmet das Naturmuseum St.Gallen seine aktuelle Sonderausstellung «Spuren – Fährten, Frass und Federn».
In einer neuen Ausstellung wagt sich das Kunstmuseum Thurgau in der Kartause Ittingen an eine Neuvermessung des Verhältnisses von Kunst und Religion.
Hinter dem St.Galler Hauptbahnhof soll ein Konsumraum für Menschen mit schweren Suchterkrankungen entstehen. Diese Woche haben die Stadt und die Stiftung Suchthilfe Anwohner:innen eingeladen, um einen ersten Dialog zu starten.