Das ehemalige italienische Konsulat an der Frongartenstrasse 9 in St.Gallen wurde vor zweieinhalb Jahren geschlossen und verkauft. Nun kehrt dort neues Leben ein: Saiten, Nextex und Kulturschaffende aus dem Umfeld des Werkhauses 45 haben einen Verein gegründet und eröffnen Anfang 2017 zusammen «Das Konsulat» – mehr dazu hier.
Wie es dazu kam? Das Haus gehört seit 2014 der Ärzte-Ausgleichskasse medisuisse und soll zugunsten eines neuen Geschäftshauses abgerissen werden. Bis es aber soweit ist, darf der Ort noch für kulturelle Zwecke zwischengenutzt werden. Zu verdanken ist das auch der Fachstelle Kultur der Stadt St.Gallen, die sich stark gemacht hat für eine Zwischennutzung und zwischen den Parteien vermittelte.
Bis zu zehn Bewerbungen auf einen Atelierplatz
«Kulturförderung bedeutet nicht nur, Gelder zu verteilen, sondern auch Möglichkeiten zu eröffnen – besonders Räume», erklärt Kristin Schmidt von der Fachstelle Kultur. «Es gibt einen grossen Bedarf an Kultur- und Atelierräumen in St.Gallen: Auf einen Atelierplatz kommen manchmal bis zu zehn Bewerbungen. Wir sind also ständig auf der Suche nach Räumen und spannen zu diesem Zweck auch mit dem Liegenschaftenamt zusammen, zu dem wir einen guten Draht haben.»
Schmidt freut sich auf einen neuen, «niederschwelligen Raum für die Kultur» an der Frongartenstrasse – auf «einen offenen Ort mit verschiedenen Sparten, wo man einfach reingehen und sich umschauen kann». Und sie hofft, dass das Kulturkonsulat Beispielwirkung hat. «Schön wäre, wenn man auch ausserhalb der Kulturszene sieht, dass so etwas funktionieren kann.»
Angela Kuratli vom Ausstellungsraum Nextex, der im Erdgeschoss einziehen wird, sieht das ganz ähnlich: «Das Konsulat ist eine echte Chance», sagt sie. «Wenn sich drei oder mehr Kultur-Institutionen zusammentun, passiert einfach mehr, als wenn man alleine ist. Das Konsulat könnte eine Art Hotspot werden – vielleicht sogar mit Vorbildcharakter!»
Hier ist das Nextex ab dem 15. Dezember beheimatet.
Für Kuratli war schon seit längerem klar, dass das Nextex am Blumenberg ausziehen muss. «Bis jetzt konnte Migros Kulturprozent jeweils die Hälfte unserer Miete übernehmen, aber diese Beiträge werden ausfallen im neuen Jahr. Wir möchten möglichst viel in unsere Projekte – in die Kunst – investieren und möglichst wenig in die Infrastruktur, deshalb sind wir sehr glücklich, dass der Umzug ins Konsulat klappt.»
Bitte: spontan vorbeikommen
Der Raum im Erdgeschoss sei perfekt fürs Nextex, sagt Kuratli. «Er ist grosszügig und sehr vielseitig nutzbar. Ausserdem ist er einladend. Ich hoffe, dass die Leute an der Frongartenstrasse spontaner vorbeikommen, nicht wie am Blumenberg, wo sich viele nicht in den 1. Stock hinauf trauten.»
Derzeit plant das Nextex an der Frongartenstrasse 9 bereits eine erste Ausstellung, die am 15. Dezember eröffnet wird: «Raunächte» von Stefan Inauen, Kasia Maksymowicz und Michael Zellweger. Durch seinen eigenwilligen Schnitt sei der Ausstellungraum im Erdgeschoss zwar eine Herausforderung, sagt Kuratli, aber darauf freue man sich. «Wir haben die drei bereits vor einem Jahr angefragt. Damals konnten wir noch nicht sagen, wo wir im Dezember zu finden sind. Sie mussten diese Ungewissheit also aushalten. Jetzt können wir richtig loslegen – und es gefällt allen super.»
Ist es nicht lästig, sein Atelier dauernd zu zügeln?
Was man bei aller Euphorie nicht vergessen sollte: Das Kulturkonsulat wird es nicht ewig geben. Irgendwann wird das Haus abgebrochen, und darauf muss man sich einstellen. Wir von Saiten haben bekanntlich ein Faible fürs Nomadische, wie auch im Manifest vom letzten Dezember nachzulesen ist, aber wie geht es den anderen mit dieser Zwischennutzung? Oder anders gefragt: Ist es nicht lästig, sein Atelier dauernd zu zügeln?
Bald gehts ab im Konsulat an der Frongartenstrasse.
«Für Ateliers sind Zwischennutzungen natürlich nicht unbedingt ideal», sagt Werkhaus-Initiantin Hapiradi Wild, die für die rund 15 Atelier- und Büroräume in den oberen Konsulats-Etagen zuständig ist. «Aber das hat vor allem mit dem Mangel an Ateliers in unserer Stadt zu tun». Provisorien an sich findet sie reizvoll: «Sie sind zwar irgendwann wieder tot, dafür werden sie nie langweilig. Und man vermisst sie schnell, sobald sie nicht mehr da sind.»
Kristin Schmidt sieht das ähnlich. Es brauche beides: fixe Plätze für die Kultur und Möglichkeiten für Zwischennutzungen. «Unterwegs sein kann auch Vorteile haben», sagt sie. «So kann und muss man die eigene Position immer wieder überdenken. Ich persönlich freue mich zum Beispiel sehr auf die kommenden Nextex-Ausstellungen und bin gespannt, wie die jeweiligen Künstlerinnen und Künstler auf diesen eigenwilligen Raum reagieren.»
Der Würfel entscheidet
Zurück zu den Ateliers. Hapiradi Wilds Liste ist lang: Über 40 Kulturschaffende haben Interesse bekundet an einem Raum an der Frongartenstrasse – und das noch bevor die Sache mit dem Konsulat offiziell war. Sie fände es deshalb gut, wenn die 15 Räume auch mehrfach genutzt bzw. geteilt werden könnten.
«Wer einen Raum bekommt und wer nicht, ist noch offen, sagt Wild. «Uns ist es aber wichtig, dass wir keine Auswahl treffen müssen. Kunst ist ja zu einem gewissen Teil auch Geschmackssache, darum wird am Schluss wohl das Glück entscheiden, sprich: der Würfel.»
Konkrete Pläne für die oberen Etagen hat sie noch keine. «Ich will so viel wie möglich offen lassen, würde mich aber freuen, wenn auch Räume für Musiker gefunden werden könnten. Und wenn die Zusammenarbeit zwischen Nextex, Saiten und Werkhaus in irgendeiner Form verstärkt würde, wenn man zusammen etwas weitertragen könnte. Was das sein könnte, hängt von der Konstellation ab und wird sich dann zeigen.»
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