«Normalerweise arbeite ich bei mir im stillen Kämmerchen», sagt die Malerin Rosmarie Abderhalden laut genug, damit ihre Stimme die Musik übertönt, die Alena Kundela und Angela von Rotz den Rhythmus für ihre Tanzübungen vorgibt. Es ist allerdings nicht das erste Mal, dass die Künstlerin ihr Atelier in Ebnat-Kappel verlässt, um in fremder Umgebung zu wirken. Sie hat ihre Wirkungsstätte auch schon in eine alte Maschinenfabrik verlegt. Jetzt hat sie sich in einer Ecke vor der Fensterfront eingerichtet. Eine Styropor-Platte, die im fast turnhallengrossen, tageslichtdurchfluteten Raum auf dem Boden lag, ist jetzt als Untergrund in eine Bildkomposition integriert.
Das Werkhaus 45 sei speziell. «Es ist schon sehr schön, dass die jungen Frauen wenige Meter neben mir tanzen.» Stört die Musik nicht? «Falls es mir einmal zu viel werden sollte, mache ich einen Rundgang durchs Haus.» Es sei inspirierend zu beobachten, was all die verschiedenen Künstler arbeiten, wie sich die verschiedenen Räume im Haus verändern. «Diese Prozesse beeinflussen auch meinen eigenen Schaffensprozess.»
Rosmarie Abderhalden im temporären Atelier
Die Dritte im Raum ist Susanne Albrecht, ihres Zeichens Zeichnerin und Malerin. In dieser Funktion unterrichtet sie auch ihre Studenten im Propädeutikum an der GBS im Riethüsli. Im Werkhaus 45 stellt Albrecht allerdings Fotografien aus. «Ich war im Jahr 2008 in der Atelierwohnung in Rom, die vom Kanton als Stipendium vergeben wird. Jetzt habe ich hier die Gelegenheit, diese Arbeiten einmal auf eine Wand aufzuziehen und die entstehende Fotocollage zu fotografieren.»
Ihre Fotos werden aber nur wenige Tage die Wand zieren. «Vom 17. bis zum 19. August habe ich meine Studenten eingeladen, die Wand zu bespielen. Danach werde ich ein neues Projekt in Angriff nehmen.» Auch Albrecht ist begeistert: unheimlich schön sei es, mit den drei anderen Frauen im Raum zu arbeiten.
Mitdenken und handeln
Wer sich am Freitag dem ehemaligen Industriegebäude direkt unterhalb vom Bahnhof Haggen nähert, ahnt nicht, dass hier rund 80 Kunstschaffende einen Monat lang freie Hand haben, um sich in den riesigen Hallen, ehemaligen Büros oder Kellerzimmern auszutoben, ohne für die Räumlichkeiten Miete zu zahlen. Der Bau sieht äusserlich nach wie vor aus wie der alternde Industriebau aus der Nachkriegszeit, als der er gebaut wurde. Im Inneren sind aber die Anfänge einer Transformation sichtbar, die ihren Höhepunkt am 25. Juni erreicht, wenn hier die grosse Finissage stattfindet.
«Wir wollen zeigen, wie viele kreative Köpfe sich in St. Gallen tummeln, die ein Bedürfnis nach Arbeitsräumen haben», sagt Hapiradi Wild, eine der vier Verantwortlichen im Werkhaus 45. «Ich denke dabei nicht nur an Maler und Bildhauer, sondern auch an Schreiner oder Bierbrauer.» Wild kümmert sich gemeinsam mit Stephanie Amstad, Angie Hauer und Simon Gehrig um einen reibungslosen Ablauf im Haus.
Von links: Hapiradi Wild, das Double von Stephanie Amstad, Angie Hauer und Simon Gehrig
Am Freitagnachmittag sind die vier gerade in der ehemaligen Kantine mit den Vorbereitungen für den Willkommensapéro und die anschliessende Information der Nutzer beschäftigt. Es geht um Organisatorisches wie die Verantwortung fürs Abschliessen am Abend oder das Putzen. «Wir hoffen, dass alle mitdenken», sagt Angie Hauer. «Und mithandeln», wirft Wild ein.
Organisch wachsend
Das ganze Projekt habe bereits jetzt eine positive Eigendynamik angenommen, sind sich die Initianten einig. Damit diese nicht aus dem Ruder läuft und sich alle an die Regeln halten, mussten die einziehenden Künstler Verträge unterzeichnen. Unüberwindbare Differenzen sind ein Grund für einen Rauswurf. Auch deshalb habe er keine Bedenken, dass das Werkhaus 45 Schauplatz von unerwünscht wüsten Szenen werden könnte, meint Simon Gehrig. Der andere Grund liegt darin, dass sich alle um die eine oder andere Ecke herum kennen. Die vier Verantwortlichen haben zuerst Künstler aus ihrem Bekanntenkreis angefragt, welche dann wieder ihren Bekannten vom Projekt erzählten.
Installation im ersten Stock des Werkhauses
«Klar ist das Gebäude alt, das sieht man», sagt Hauer. Dunkelgrüne Teppiche würde man heute tatsächlich kaum mehr mit dunklen Holzfenstersimsen und orange-roten Fliesen in der Küche kombinieren. «Aber das hat auch einen gewissen Charme.» Überhaupt ist Optimismus Programm und offenbar durchaus angebracht: «Jedes Problem, das bis jetzt auftauchte, wurde schnell gelöst. Alle sind sehr hilfsbereit und grosszügig», freuen sich Hauer und Wild.
Mindestens ein Sommermärchen
Das Werkhaus 45 besteht vorläufig einen Monat lang als Künstlerhaus. Es wird mindestens als kleines St.Galler Sommermärchen in die Geschichte eingehen. Die Initianten möchten aber mehr. «Es wurde uns angedeutet, dass wir das Haus problemlos ein halbes Jahr weiterführen könnten», sagt Wild. Das ist allerdings nicht sehr interessant. Für ein halbes Jahr würden kaum Künstler einziehen. Dafür lohnt sich der Aufwand schlicht nicht.
«Wenn wir das Haus fünf oder acht Jahre lang nutzen könnten, wäre das genial.» Natürlich müssten die kreativen Nutzer dann zu bezahlenden Mietern werden. Falls der Wunsch der vier Verantwortlichen aber in Erfüllung geht, könnte diese Geschichte weit über ein Sommermärchen und ihre Strahlkraft über die Stadtgrenzen hinauswachsen.
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