Saiten: Fünf Parteien gibt es in eurem Atelierhaus an der Hinteren Bahnhofstrasse. Wie viel gibst du für deinen Raum aus?
Iris Betschart: Ich habe mein Atelier seit bald 20 Jahren in diesem Haus, am Anfang war ich noch Untermieterin. Der Preis ist mit der Zeit etwas gestiegen, heute zahle ich knapp 300 Franken. Das ist okay, denn es setzt mich wirtschaftlich noch nicht unter Druck. Ab 400 Franken wird es eng und dann unmöglich. So geht es den meisten bei uns.
Ende Januar müsst ihr raus aus dem Haus. Du hast bereits etwas Neues gefunden – wie gestaltete sich die Suche nach einem neuen Atelier?
Ich habe mir in den letzten Monaten etwa acht Räume angesehen. Die meisten waren entweder zu klein oder der Preis war überrissen. Wenn der Preis mal stimmte, fehlte das fliessende Wasser oder es hatte keine Heizung. Auch in den «günstigeren» Stadtteilen sind die Vermieter gierig geworden und argumentieren mit «bester Lage». Ein weiteres Problem war das «Flair»: Viele Räume, die ich mir angeschaut habe, waren ziemlich neu und steril – nicht wie unser Haus an der Hinteren Bahnhofstrasse, wo wir ungeniert schalten und walten können und uns nicht jedes Mal überlegen müssen, ob wir diesen Nagel wirklich in die Wand schlagen können.
Die Stadt hat eure Liegenschaft per 1. September im Baurecht an die Firma Okutex abgegeben. Ihr kritisiert die Kommunikation des Liegenschaftenamts. Was ist da genau passiert?
Wir beschweren uns nicht, weil wir raus müssen, sondern weil wir vom Liegenschaftenamt nicht früher und konkreter informiert wurden. Die Nachricht zum Besitzerwechsel kam erst am 29. August. Ein Tag vorher habe ich sogar noch mit dem Liegenschaftenamt telefoniert – weil sie meine Mailadresse wollten. Dann habe ich eine Email erhalten, in der stand, dass die Liegenschaft samt unseren Verträgen abgegeben wurde und wir die Miete ab 1. September 2016 künftig an Okutex überweisen sollen. Wir bekamen aber weder den Kontakt zum neuen Besitzer noch sonstige Informationen, und erst als wir nachgefragt haben beim Liegenschaftenamt, sagte man uns, dass wir das Haus wohl zu 99 Prozent verlassen müssen – Kündigungsfrist: zwei Wochen. Das sei normal bei Ateliers. Also drei Monate für Wohnraum, sechs für das Gewerbe und zwei Wochen für Ateliers?
Wie hat Okutex reagiert?
Zum Glück sehr verständnisvoll! Als wir angerufen haben, um zu fragen, ob und wann wir ausziehen müssen, wurde uns versichert, dass wir ganz bestimmt nicht innert zwei Wochen gehen müssen und wir sicher eine Lösung finden werden. Uns fiel ein Stein vom Herz. Und als wir uns einige Tage später mit dem neuen Besitzer getroffen haben, bestätigte sich dieser Eindruck: Er bedauerte es, dass wir nicht schon viel früher informiert worden waren und zeigte sich sehr kooperativ. Kurz darauf wurde uns dann auch mitgeteilt, dass wir sicher noch bis Ende Januar 2017 bleiben können. Damit können wir gut leben, denn nun bleibt uns genug Zeit für den Abschied und den Umzug. Und mittlerweile haben auch alle einen neuen Ort gefunden.
Wie kommt man an solche Räume?
Es ist nicht einfach. Am besten fragt man überall herum. Einerseits gibt es in der Stadt seit mehreren Jahren freistehende Liegenschaften, zum Beispiel das Hotel Ekkehard, den Kino-Corso-Komplex am Burggraben oder die Migros am Unteren Graben, andererseits weiss man oft gar nicht, an wen man sich wenden muss, weil vieles ja in privater Hand ist. Wie kann es sein, dass Liegenschaften nahe am Zentrum über Jahre hinweg langsam zerbröckeln?
Und wenn man einfach beim Grundbuchamt nachfragen würde?
Natürlich. Ich würde mir aber wünschen, dass eine unter- stützende Organisation in St.Gallen vorhanden wäre. Weniger Schranken. Klar gibt es auch Projekte, die von der Stadt unterstützt werden, das Lattich-Quartier beim Güterbahnhof oder das Werkhaus 45 etwa, aber da kann man sich auch fragen: Ist das wirklich der Stadt zu verdanken? Meistens braucht es ja den öffentlichen Druck oder mindestens die Hilfe der Fachstelle Kultur, bis sich wirklich etwas tut…
Es gibt auch Leute, die sagen, dass bei den Behörden ein Unterschied gemacht werde: «gute» Kultur vs. «böse» Kultur.
Sicher. Es braucht viel, bis es einmal heisst: Hey, die machen ja echt gute Sachen! Werkbeiträge sind meistens gute Wegbereiter dafür – dann wird plötzlich von Leuchttürmen gesprochen. Absurd wird es dann, wenn man denkt: Ich bräuchte dringend wieder einmal einen Werkbeitrag, sonst kann ich mir die Miete nicht mehr leisten. Oder wenn ein Stadtratsmitglied sagt, es habe doch diesem und jenem Künstler geholfen, etwas zu verwirklichen. Das ist unfair. Man sollte die Kulturschaffenden viel selbstverständlicher unterstützen von behördlicher Seite – auch jene, die keinen heissen Draht zum Stadtrat haben.
Knecht Ruprecht: 1. bis 18. Dezember, jeweils Donnerstag bis Sonntag, 14 bis 22.30 Uhr, Hintere Bahnhofstrasse 11, St.Gallen
knechtruprecht.ch
Zum Abschied wird ab Dezember das Projekt «Knecht Ruprecht» an der Hinteren Bahnhofstrasse einziehen. Was erwartet uns da?
Knecht Ruprecht ist nicht Nikolaus; da ist alles ein bisschen improvisierter, ein bisschen weniger perfekt, dafür umso heimeliger. Knecht Ruprecht ist eine gemütliche Stube mit Bar, Kaffee, Kuchen und Suppe. Dazu gibt es kleine Konzerte, eine Bastel- und Spielecke, Lindyhop, ein Kinderkino und vieles mehr. 2014 waren wir mit diesem Projekt im Eiscafé Gecko in der Engelgasse zu Gast – ein Erfolg und mehr als gut besucht. Letztes Jahr wollten wir es an einem anderen Ort machen, haben aber nichts Passendes gefunden, weil wir ja nicht wirklich Miete bezahlen können. Mit dem bevorstehenden Umzug – und auch dank dem Goodwill von Okutex – nutzen wir nun die Gelegenheit und weiten Knecht Ruprecht etwas aus: Dieses Jahr gibt es neu einen Pop-Up Store im ersten Stock und ein Yoga-Studio im zweiten Stock.
Dieses Gespräch erscheint im Dezemberheft von Saiten.
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