Ein halbes Jahr ist es her, dass in einem der vielen Räume der Haggenstrasse 45, früher Sigvaris, über die Stadt und ihre Räume diskutiert wurde. Das Stadtkulturgespräch (unten eine Bildimpression) hinterliess zwiespältige Eindrücke nicht zuletzt deshalb, weil ausgerechnet dieses Haus nicht mehr zur Verfügung stand – denn ab Herbst 2016 sollte es für die Sozialen Dienste der Stadt umgebaut werden.
Inzwischen hat der Stadtrat entschieden, auf die Zusammenführung der Sozialen Dienste in dem Gebäude zu verzichten. Schon zuvor hatte sich aber eine Zwischennutzung abgezeichnet: Eine vierköpfige Gruppe hat das Projekt eines Werkhauses entwickelt und lädt dazu ein, das Gebäude im Juni friedlich-künstlerisch in Beschlag zu nehmen. Die Stadt unterstützt das «kulturelle Kraftwerk», wie es die Initianten nennen.
Arbeiten – und debattieren
«Wir bieten Kunstschaffenden einen Raum zum Arbeiten und Ausstellen, temporäre Proberäume für Musiker, Bühne für Performance und Schauspiel, Trainingswerkstatt für Tanz, eine provisorische Bar sowie eine Filmkabine und Produktionsfläche. Es werden keine Gagen bezahlt, aber auch keine Nutzungsgebühren verlangt», heisst es in der Ausschreibung zum Werkhaus 45.
Hapiradi Wild ist zusammen mit Angie Hauer, Simon Gehrig und Stephanie Amstad treibende Kraft der Gruppe 45 – die Anspielung an die weitaus berühmtere Gruppe 47, die nach dem Zweiten Weltkrieg den Aufbruch der deutschen Literatur prägte, dürfte ungewollt sein. Gewollt ist aber, dass das Haus allen offensteht, die an kollektiven Prozessen interessiert sind. Das Programm soll nicht im Voraus festgenagelt sein, sondern im Juni soll es im Haus zu blühen und zu wuchern beginnen, sagt Hapiradi «Bibi» Wild. Fix geplant ist vorderhand erst eine Ausstellung – «alles andere soll sich ergeben. Wir schauen, was auf uns zukommt.» Die Arbeiten sollen auf die Räume zugeschnitten sein; neben künstlerischen sind auch kunsthandwerkliche und handwerkliche Aktivitäten erwünscht. Offen ist das Werkhaus vom 1. Juni an täglich ab 11 Uhr, samt Barbetrieb.
Die ausdrücklich offene Form hat ihren Grund: Die vier Initianten, die sich von der gemeinsamen Ausbildung im Pilot-Lehrgang Bildende Kunst der GBS kennen, wollen mit dem Projekt auf Zeit herausfinden, wie stark und in welchen Sparten überhaupt ein Bedürfnis nach kulturellen Räumen vorhanden ist. Hapiradi Wild ist überzeugt von der Notwendigkeit; sie selber kenne zahlreiche Kunstschaffende, die auf Raumsuche sind, und entsprechend gross sei denn auch das Interesse am Werkhaus 45.
Am ehesten eine Mischnutzung
Das freut auch die Fachstelle Kultur der Stadt, sagt Co-Leiterin Barbara Affolter. Der Versuchsbetrieb im Juni biete die Chance, genauer herauszufinden, an was für Räumen es in der Stadt mangelt und wie ein allfälliges künftiges Werkhaus aussehen könnte. Die Voraussetzungen mit einer Vielzahl unterschiedlicher Räume seien optimal. Ob die Haggenstrasse 45 selber längerfristig zum Kulturhaus werden könnte, sei jedoch nicht abzusehen – für ein solches Projekt, wo auch immer, bietet sich nach Affolters Worten am ehesten eine gewerbliche und kulturelle Mischnutzung an.
Das Werkhaus 45 erinnert ein bisschen an den geilen Block an, den die Künstlerin Anita Zimmermann alias Leila Bock vor einem knappen Jahr in einem leerstehenden Block in Rotmonten in Schwung gebracht hat – ebenfalls für ein paar Wochen. Anders als dort steht hier aber nicht das Ausstellen im Vordergrund, sondern das Arbeiten: in den Räumen soll es gären, Ideen sollen ausgebrütet werden, sagt Hapiradi Wild.
Chinatown im Lämmlisbrunn
Längerfristig sind die Pläne von Jiajia Zhang. Die Künstlerin will den ehemaligen Kiosk samt dazugehörigem Lagerraum an der Lämmlisbrunnenstrasse zum Kunstraum machen. «Store Days» nennt sie ihr Projekt, eine Anlehnung an ein Werk von Claes Oldenburg, der in den 1960er Jahren in Manhattan einen befristeten Laden («Store») betrieben hatte.
Der Kiosk gehört zum Wohnhaus, das Otto Glaus 1959 gebaut hat und das einer der prägenden Zeugen der architektonischen Moderne in der Stadt ist. Jiajia Zhang wohnt selber im achten Stock, schätzt die bunte Wohn-Gemeinschaft in den kostengünstigen Mietwohnungen und deren Anbindung an den urbanen Raum.
Ihr Laden soll denn auch nicht nur Kunst beherbergen, sondern städtische Entwicklungsprozesse mitreflektieren: «Viele Jugendliche zieht es nach der Grundausbildung in Metropolen – gleichzeitig bieten viele leerstehende Räume in der Stadt ein grosses Potential an Raum für künstlerische Initiativen.» Um solche Themen zu vertiefen, will Zhang mit vergleichbaren Kunsträumen in New York und Beijing kollaborieren, aber auch mit der nahen Kantonsschule am Burggraben.
Die Finanzierung noch nicht hundertprozentig gesichert – das Programm wird voraussichtlich im September mit drei schwedischen Künstlern starten, der Raum aber schon im Mai / Juni hergerichtet. «Der offizielle Name des Raumes wird 印 sein – ein chinesisches Schriftzeichen, das drucken heisst. Es kann jedoch auch als EP gelesen werden, eine Kurzform für Extended Play – oder Episode.» Diese Doppelbedeutung sei einerseits eine Reverenz an ihr Herkunftsland, andrerseits an Chinatown NYC, wo ein Raum mit dem gleichen Namen 印 in einer Loft existiert.
«So handelt es sich um einen geteilten Raum mit Anbindung an eine grosse und eine kleinere Stadt», sagt Jiajia Zhang.
Werkhaus, EP, freies Theater am Blumenmarkt und weitere, noch nicht ganz spruchreife Zwischen-Nischen-Projekte, von denen man munkeln hört: In der Kulturstadt tun sich Räume auf.
Informationen: werkhaus45.ch. Kontakt: gruppefuenfundvierzig@gmail.com
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