Der Anfang ging in die Hosen: eine zehnminütige Stand-up-Comedy mit Halb-Einfällen und Ausfällen gegen das Publikum, das sich weigerte, auf dem Niveau mitzulachen. Der Performer, Mitglied des Cirque de Loin des neu in der Ostschweiz wohnhaften Schauspielers Michael Finger, sollte das Stadtkulturgespräch lancieren, zu dem die Fachstelle Kultur ins Fabrikgebäude eingeladen hatte. Stattdessen bot er Kleinkunst vom Unfeinsten: Publikumsverachtung. Immerhin mit dem Bekenntnis, seine Performance brauche keine Räume. Darüber könnte man sich einigen.
Im Paradies
Dann aber doch: die Kultur und der Raum, die Stadt und die Chance von Zwischennutzungen. Was das andernorts heissen kann, erzählt Dominique Chenaux. Er stellt das Neubad Luzern vor, ein zum wuselnden Kultur- und Arbeitsort umfunktioniertes altes Hallenbad. Konzerte, Galerie, Bioküche, Urban Gardening, Co-Working-Räume, Materialpool, Gemüsekörbe, Volksküche, Lederwerkstatt, Sprachschule, Bogenschützen, all das gibt es in dem «bottom up» initiierten, von einem breiten Netzwerk getragenen und notabene unsubventionierten Haus.
Der Geschäftsführer des «paradiesischen Orts» (so später Moderatorin Corinne Holtz) kommt ins Schwärmen, betont den partizipativen Kulturbegriff, der hier herrsche (machen statt konsumieren), die Kultur der Vernunft (recyclen statt verschwenden) und die Vorteile des Provisorischen (lebendig statt etabliert). Der Preis heisst: viel Gratisarbeit. Die Devise, die Chenaux den St.Gallern ans Herz legt: Bleibt laut und fordert Kultur für alle.
Kulturraum und Renditelogik
Die anschliessende Podiumsdiskussion bleibt dann aber flau statt laut, als hätte das furiose Luzerner Beispiel die Sinne benebelt. Tänzerin und Tanzaktivistin Gisa Frank erinnert an die Raumbedürfnisse ihrer Sparte, zum Proben und Aufführen – sie selber aber hat sich für die Landschaft als Tanzraum entschieden und dort die ihr gemässe «Zwischennutzung» gefunden. Katja Ruff-Breitenmoser von Change-Makers beobachtet, dass viele ihren eigenen Solo-Weg gehen – und hofft auf Kollektive, die sich wie im Luzerner Neubad als Raumbetreiber zusammenfinden. Der städtische Raumplaner Florian Kessler erinnert an die partizipative Planung hinter dem Bahnhof als Musterbeispiel solcher gemeinschaftlicher Arbeit. Gemeinsam Lösungen suchen: Das ist das mehrfach beschworene Rezept gegen die Raumnot.
Kulturraum sei ökonomisch unter Druck, betont Matthias Fässler mit Blick auf St.Fiden, auf Bahnhof Nord und andere Entwicklungsgebiete. Innerhalb dieser Renditelogik hätten viele Kulturschaffende resigniert. Fässler fordert stattdessen den öffentlichen Raum ein – zugänglich für alle, frei von ökonomischen Zwängen, Konsumpflicht oder Wegweisungsdrohungen. Ein solcher Ort könne der freiwerdende Grabenhalle-Parkplatz werden, sagt Fässler. Die Grabenhalle-Crew machte sich am Rand der Veranstaltung denn auch für eine Diskussion über dessen künftige Nutzung stark. Also: laut werden, mitdiskutieren!
Leer statt genutzt: die Haggenstrasse
Andere denkbare Kulturräume bringt das Publikum ins Spiel: Hotel Ekkehard, Villa Wiesental, Fellhof, Kirche St.Leonhard, Corso, Olmahallen, Reithalle noch mal. Diskutiert werden sie nicht. Dafür Small Talk über den Veranstaltungsort selber: die leerstehende ehemalige Strumpffabrik an der Haggenstrasse 45. Vor rund zwei Jahren gab es hier Hoffnung auf eine Zwischennutzung, Katja Ruff lud zu einer Besichtigung, doch dann kam von der Stadt das Njet, wegen Eigenbedarf. 2016 soll das Fabrikgebäude umgebaut werden für die Sozialen Dienste, die hier zusammengeführt werden.
Bizarr: Die Teilnehmer des Podiums dürfen sich dazu äussern, was sie in diesen leeren Hallen tun würden, wenn sie denn dürften. Tanz? Parties? Ateliers? Ein Haus für Flüchtlinge? Alles denkbar, alles wunderbar, allenfalls ein Brandschutzproblem… Kein Wort darüber, dass es die Stadt selber war, die solche «Zwischennutzungen» verhindert hat – und das Haus jetzt, mit einer Ausnahme, leer stehen lässt.
Kein Widerspruch, als Stadtpräsident Thomas Scheitlin beteuert, man setze sich für jedes Raumanliegen ein, das an die Stadt herangetragen werde. Und offensichtlich ist die Haggenstrasse kein Einzelfall: Roman Rutz nennt ein Beispiel «hinter den Gleisen», Gallus Hufenus setzt sich für die Bewohner des Pfauengässleins ein, Etrit Hasler erhält auf die Frage, ob die Olmahallen kulturell nutzbar wären, eine ausweichende Antwort zum Kongresstourismus.
Keine Diskussion auch über andere Raumfragen. Die Poetry Slam Meisterschaft nächsten März muss in der Tonhalle stattfinden, weil ein Saal dieser Grösse sonst fehlt. Nextex und Kulturbüro suchen neue Standorte, weil die heutige Toplage am Blumenberg zu teuer sei. Tanzcompagnies können am Samstag in St.Gallen nicht auftreten, weil dann die Grabenhalle für Musik reserviert ist und die Lokremise unbezahlbar. Ein Tanzhaus fehlt noch immer, bald 15 Jahre nach der Debatte um T-Haus und Mummenschanztheater.
Nicht unerwähnt bleibt an dem Abend aber auch das Positive: Im Gründenmoos stellt die Stadt neu ein ehemaliges Chalet als Probeort für Bands zur Verfügung. Und die Fachstelle Kultur mit Barbara Affolter, Kristin Schmidt und Stefan Späti hat ein offenes Ohr für Raumanliegen und bietet sich als Vermittlerin zwischen Raumsuchenden und der Verwaltung an.
Wenn es denn zum jetzigen Zeitpunkt statt Kulturräume nicht eher Flüchtlingsunterkünfte braucht. An der Haggenstrasse gibt es eine grandiose Küche. Und auch sonst viel Raum.
Kurzum: Das Stadtkulturgespräch kann nach diesem Abend so richtig losgehen.
Es gibt in der Stadt zu wenig Ateliers und Proberäume. Ein Betriebsgebäude in Haggen hätte viele Wünsche erfüllt. Doch dann entschied sich die Stadt für eine andere Nutzung.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.
Die Kultur hat keine Lobby? Am Stadtkulturgespräch vom Donnerstagabend im Talhof war sie da: Vertreter:innen von acht Berufsverbänden stellten sich vor. Brennendstes Thema waren einmal mehr die Honorare.
Im Kunst Kontor Rorschach lud der Künstler Felix Stöckle zu einem Dinner, einer Ausstellung, einem Happening – zwischen Fine Dining, Keramik, popkulturellen Referenzen und der alten Idee eines geteilten Tisches.
Nach zehn Jahren in der Schweiz wollte sich Samira Rahim mit ihrer Familie einbürgern lassen. Die zahlreichen bürokratischen Hindernisse und die hohen Kosten brachten die Familie zeitweise fast dazu, aufzugeben.
Berlingen hat eine neue Methode der Interessenabwägung entwickelt: eine Analyse des Ortsbilds als Grundlage, um die wertvolle Baukultur zu erhalten und gleichzeitig die Innenentwicklung voranzubringen. Nun steht die Verankerung in der Ortsplanung an.
SP-Mann Peter Jans tritt Ende Juni 2027 aus der St.Galler Stadtregierung zurück. In seiner Partei startet die Suche nach einer Nachfolge mit einem klaren Favoriten. Bei den Bürgerlichen sind Schmiede für eine grosse Allianz gefragt.
Im Botanischen Garten St.Gallen geht es ab nächsten Samstag wundersam zu und her: Künstler:innen aus verschiedenen Sparten laden zum szenischen Rundgang unter dem Titel In der Dämmerung wächst ein Flüstern. Ein Probenbesuch.
Der Dramatiker Andreas Sauter liest am 27. August im Literaturhaus Thurgau aus seinem unfertigen Manuskript Einbruch der Wildnis. Im Zentrum des Werks steht die Frage, was es für einen gesellschaftlichen Wandel braucht.
Die deutsche Filmemacherin Regina Schilling bringt zum 100. Geburtstag von Ingeborg Bachmann Jemand, der einmal ich war ins Kino. Der Dokumentarfilm verknüpft grossartige Archivaufnahmen mit fiktionalen Szenen aus dem letzten Lebensjahr der Dichterin zu einem zugänglichen Plot.
Die SVP macht seit Wochen Stimmung gegen die geplante neue Moschee der albanisch-islamischen Gemeinschaft El-Hidaje in St.Gallen. Anlässlich eines öffentlichen Rundgangs der SP stellten die Verantwortlichen das Projekt vor – und räumten mit vielen Vorurteilen auf.
Jim Dine gehört zu den bedeutendsten zeitgenössischen Künstler:innen. Seit ein paar Jahren erschafft er seine Skulpturen vornehmlich im Sittertal. In die Kunstgiesserei verliebte sich der Pop-Art-Pionier bei seinem ersten Besuch vor fast 20 Jahren.
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Der FC St.Gallen zeigt sich gegen Sheriff Tiraspol von seiner besten Seite und gewinnt das Spiel nicht nur souverän, sondern auch hoch mit 5:1. Weiter geht's im Playoff gegen den FC Nordsjælland aus Dænemark.
Jubiläum
Durch bunte Galaxien bis in ein Meer aus Katzenstreu. Die Ausstellung «Hinter’m Mond» vom Künstler:innenkollektiv U5 und Monika Stalder im Stellwerk in Heerbrugg lädt zu einer intergalaktischen Reise ein.
Die Ostschweizer Band Drill bringt mit Catharsis eine neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wilder Ritt auf schweren Gitarrenriffs, bei dem Metalcore auch mal auf Hyperpop trifft.
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 7: Rathausoper Konstanz, Charles Uzors The Great Wall. A Labyrinth, Clanx-Festival und Rundgänge zu Wiboradas Schwestern.
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