Kategorie
Autor:innen
Jahr

Laue Bekenntnisse zu leeren Räumen

Die Stadt lud zum Stadtkulturgespräch über Kulturräume und Zwischennutzungen. Ort des Geschehens war ausgerechnet die Haggenstrasse 45 - wo die Stadt eine Zwischennutzung abgeklemmt hat.
Von  Peter Surber

Der Anfang ging in die Hosen: eine zehnminütige Stand-up-Comedy mit Halb-Einfällen und Ausfällen gegen das Publikum, das sich weigerte, auf dem Niveau mitzulachen. Der Performer, Mitglied des Cirque de Loin des neu in der Ostschweiz wohnhaften Schauspielers Michael Finger, sollte das Stadtkulturgespräch lancieren, zu dem die Fachstelle Kultur ins Fabrikgebäude eingeladen hatte. Stattdessen bot er Kleinkunst vom Unfeinsten: Publikumsverachtung. Immerhin mit dem Bekenntnis, seine Performance brauche keine Räume. Darüber könnte man sich einigen.

Im Paradies

Dann aber doch: die Kultur und der Raum, die Stadt und die Chance von Zwischennutzungen. Was das andernorts heissen kann, erzählt Dominique Chenaux. Er stellt das Neubad Luzern vor, ein zum wuselnden Kultur- und Arbeitsort umfunktioniertes altes Hallenbad. Konzerte, Galerie, Bioküche, Urban Gardening, Co-Working-Räume, Materialpool, Gemüsekörbe, Volksküche, Lederwerkstatt, Sprachschule, Bogenschützen, all das gibt es in dem «bottom up» initiierten, von einem breiten Netzwerk getragenen und notabene unsubventionierten Haus.

Der Geschäftsführer des «paradiesischen Orts» (so später Moderatorin Corinne Holtz) kommt ins Schwärmen, betont den partizipativen Kulturbegriff, der hier herrsche (machen statt konsumieren), die Kultur der Vernunft (recyclen statt verschwenden) und die Vorteile des Provisorischen (lebendig statt etabliert). Der Preis heisst: viel Gratisarbeit. Die Devise, die Chenaux den St.Gallern ans Herz legt: Bleibt laut und fordert Kultur für alle.

Kulturraum und Renditelogik

Die anschliessende Podiumsdiskussion bleibt dann aber flau statt laut, als hätte das furiose Luzerner Beispiel die Sinne benebelt. Tänzerin und Tanzaktivistin Gisa Frank erinnert an die Raumbedürfnisse ihrer Sparte, zum Proben und Aufführen – sie selber aber hat sich für die Landschaft als Tanzraum entschieden und dort die ihr gemässe «Zwischennutzung» gefunden. Katja Ruff-Breitenmoser von Change-Makers beobachtet, dass viele ihren eigenen Solo-Weg gehen – und hofft auf Kollektive, die sich wie im Luzerner Neubad als Raumbetreiber zusammenfinden. Der städtische Raumplaner Florian Kessler erinnert an die partizipative Planung hinter dem Bahnhof als Musterbeispiel solcher gemeinschaftlicher Arbeit. Gemeinsam Lösungen suchen: Das ist das mehrfach beschworene Rezept gegen die Raumnot.

raum2

Kulturraum sei ökonomisch unter Druck, betont Matthias Fässler mit Blick auf St.Fiden, auf Bahnhof Nord und andere Entwicklungsgebiete. Innerhalb dieser Renditelogik hätten viele Kulturschaffende resigniert. Fässler fordert stattdessen den öffentlichen Raum ein – zugänglich für alle, frei von ökonomischen Zwängen, Konsumpflicht oder Wegweisungsdrohungen. Ein solcher Ort könne der freiwerdende Grabenhalle-Parkplatz werden, sagt Fässler. Die Grabenhalle-Crew machte sich am Rand der Veranstaltung denn auch für eine Diskussion über dessen künftige Nutzung stark. Also: laut werden, mitdiskutieren!

Leer statt genutzt: die Haggenstrasse

Andere denkbare Kulturräume bringt das Publikum ins Spiel: Hotel Ekkehard, Villa Wiesental, Fellhof, Kirche St.Leonhard, Corso, Olmahallen, Reithalle noch mal. Diskutiert werden sie nicht. Dafür Small Talk über den Veranstaltungsort selber: die leerstehende ehemalige Strumpffabrik an der Haggenstrasse 45. Vor rund zwei Jahren gab es hier Hoffnung auf eine Zwischennutzung, Katja Ruff lud zu einer Besichtigung, doch dann kam von der Stadt das Njet, wegen Eigenbedarf. 2016 soll das Fabrikgebäude umgebaut werden für die Sozialen Dienste, die hier zusammengeführt werden.

Bizarr: Die Teilnehmer des Podiums dürfen sich dazu äussern, was sie in diesen leeren Hallen tun würden, wenn sie denn dürften. Tanz? Parties? Ateliers? Ein Haus für Flüchtlinge? Alles denkbar, alles wunderbar, allenfalls ein Brandschutzproblem… Kein Wort darüber, dass es die Stadt selber war, die solche «Zwischennutzungen» verhindert hat – und das Haus jetzt, mit einer Ausnahme, leer stehen lässt.

Kein Widerspruch, als Stadtpräsident Thomas Scheitlin beteuert, man setze sich für jedes Raumanliegen ein, das an die Stadt herangetragen werde. Und offensichtlich ist die Haggenstrasse kein Einzelfall: Roman Rutz nennt ein Beispiel «hinter den Gleisen», Gallus Hufenus setzt sich für die Bewohner des Pfauengässleins ein, Etrit Hasler erhält auf die Frage, ob die Olmahallen kulturell nutzbar wären, eine ausweichende Antwort zum Kongresstourismus.

Keine Diskussion auch über andere Raumfragen. Die Poetry Slam Meisterschaft nächsten März muss in der Tonhalle stattfinden, weil ein Saal dieser Grösse sonst fehlt. Nextex und Kulturbüro suchen neue Standorte, weil die heutige Toplage am Blumenberg zu teuer sei. Tanzcompagnies können am Samstag in St.Gallen nicht auftreten, weil dann die Grabenhalle für Musik reserviert ist und die Lokremise unbezahlbar. Ein Tanzhaus fehlt noch immer, bald 15 Jahre nach der Debatte um T-Haus und Mummenschanztheater.

Nicht unerwähnt bleibt an dem Abend aber auch das Positive: Im Gründenmoos stellt die Stadt neu ein ehemaliges Chalet als Probeort für Bands zur Verfügung. Und die Fachstelle Kultur mit Barbara Affolter, Kristin Schmidt und Stefan Späti hat ein offenes Ohr für Raumanliegen und bietet sich als Vermittlerin zwischen Raumsuchenden und der Verwaltung an.

Wenn es denn zum jetzigen Zeitpunkt statt Kulturräume nicht eher Flüchtlingsunterkünfte braucht. An der Haggenstrasse gibt es eine grandiose Küche. Und auch sonst viel Raum.

Kurzum: Das Stadtkulturgespräch kann nach diesem Abend so richtig losgehen.

raum1

Ma­schi­nen­in­tel­li­genz trifft den Ton, aber nicht die Mu­sik

An den Ap­pen­zel­ler Bach­ta­gen er­klär­te die Me­di­en­wis­sen­schaft­le­rin Mer­ce­des Bunz, wes­halb die künst­li­che In­tel­li­genz krea­tiv sein kann – und war­um sie den­noch grund­le­gend an­ders ar­bei­tet als der Mensch. 

Von  Philipp Bürkler
Bachtage ki und musik 1

Kunstausstellung

Kunst öff­net Tü­ren

Von  Vera Zatti
Arthur Stobete nah

Weis­ses Va­ku­um und ei­ne ro­te Kra­wat­te

Ge­sell­schafts­kri­tik, Wir­bel­säu­len und Ge­len­ke, die kei­ne sind. Im Rah­men ei­ner Zwi­schen­nut­zung zei­gen vier Kunst­schaf­fen­de noch bis zum 29. Au­gust ih­re Ar­bei­ten im Ku­bik-Are­al in St. Gal­len.

Von  Vera Zatti
Transluzent Saiten 5

Das Kreuz mit den Ga­gen

Die Kul­tur hat kei­ne Lob­by? Am Stadt­kul­tur­ge­spräch vom Don­ners­tag­abend im Tal­hof war sie da: Ver­tre­ter:in­nen von acht Be­rufs­ver­bän­den stell­ten sich vor. Bren­nends­tes The­ma wa­ren ein­mal mehr die Ho­no­ra­re.

Von  Peter Surber
Stadtkultur2

Ei­ne Por­ti­on Kunst

Im Kunst Kon­tor Ror­schach lud der Künst­ler Fe­lix Stöck­le zu ei­nem Din­ner, ei­ner Aus­stel­lung, ei­nem Hap­pe­ning – zwi­schen Fi­ne Di­ning, Ke­ra­mik, pop­kul­tu­rel­len Re­fe­ren­zen und der al­ten Idee ei­nes ge­teil­ten Ti­sches.

Von  Veronika Fischer
Kunstkontor dinner felix stoeckle 1

Hür­de um Hür­de

Nach zehn Jah­ren in der Schweiz woll­te sich Sa­mi­ra Ra­him mit ih­rer Fa­mi­lie ein­bür­gern las­sen. Die zahl­rei­chen bü­ro­kra­ti­schen Hin­der­nis­se und die ho­hen Kos­ten brach­ten die Fa­mi­lie zeit­wei­se fast da­zu, auf­zu­ge­ben.

Von  Andi Giger
Image2

Raum­pla­nung als He­bel ge­gen die Woh­nungs­kri­se

Ber­lin­gen hat ei­ne neue Me­tho­de der In­ter­es­sen­ab­wä­gung ent­wi­ckelt: ei­ne Ana­ly­se des Orts­bilds als Grund­la­ge, um die wert­vol­le Bau­kul­tur zu er­hal­ten und gleich­zei­tig die In­nen­ent­wick­lung vor­an­zu­brin­gen. Nun steht die Ver­an­ke­rung in der Orts­pla­nung an.

Von  Rahel Lämmler
260708 Gutesbauen 02 260527 GBO2603 4559 MAX

Nach dem Rück­tritt von Pe­ter Jans: Das Ren­nen um den va­kan­ten Stadt­rats­sitz ist er­öff­net

SP-Mann Pe­ter Jans tritt En­de Ju­ni 2027 aus der St.Gal­ler Stadt­re­gie­rung zu­rück. In sei­ner Par­tei star­tet die Su­che nach ei­ner Nach­fol­ge mit ei­nem kla­ren Fa­vo­ri­ten. Bei den Bür­ger­li­chen sind Schmie­de für ei­ne gros­se Al­li­anz ge­fragt.

Von  Reto Voneschen
Offizielles bild stadtrat 2021 Bild PD Ueli Steinbgruber

Ein Tau­mel von Grün

Im Bo­ta­ni­schen Gar­ten St.Gal­len geht es ab nächs­ten Sams­tag wun­der­sam zu und her: Künst­ler:in­nen aus ver­schie­de­nen Spar­ten la­den zum sze­ni­schen Rund­gang un­ter dem Ti­tel In der Däm­me­rung wächst ein Flüs­tern. Ein Pro­ben­be­such.

Von  Peter Surber
Daemmerung Prates de Matos 4

In den Wald hin­ein

Der Dra­ma­ti­ker An­dre­as Sau­ter liest am 27. Au­gust im Li­te­ra­tur­haus Thur­gau aus sei­nem un­fer­ti­gen Ma­nu­skript Ein­bruch der Wild­nis. Im Zen­trum des Werks steht die Fra­ge, was es für ei­nen ge­sell­schaft­li­chen Wan­del braucht.

Von  Vera Zatti
IMG 9687 2

«Ich bin mir voll­kom­men fremd, wenn ich nicht schrei­be»

Die deut­sche Fil­me­ma­che­rin Re­gi­na Schil­ling bringt zum 100. Ge­burts­tag von In­ge­borg Bach­mann Je­mand, der ein­mal ich war ins Ki­no. Der Do­ku­men­tar­film ver­knüpft gross­ar­ti­ge Ar­chiv­auf­nah­men mit fik­tio­na­len Sze­nen aus dem letz­ten Le­bens­jahr der Dich­te­rin zu ei­nem zu­gäng­li­chen Plot.

Von  Eva Bachmann
Ingeborg Bachmann Still 01 Elliott Kreyenberg 1920x1080 jpg

Zu Be­such in der El-Hi­da­je-Mo­schee 

Die SVP macht seit Wo­chen Stim­mung ge­gen die ge­plan­te neue Mo­schee der al­ba­nisch-is­la­mi­schen Ge­mein­schaft El-Hi­da­je in St.Gal­len. An­läss­lich ei­nes öf­fent­li­chen Rund­gangs der SP stell­ten die Ver­ant­wort­li­chen das Pro­jekt vor – und räum­ten mit vie­len Vor­ur­tei­len auf.

Von  David Gadze
El hidaje rundgang david gadze

Ein le­ben für die Kunst

Jim Di­ne ge­hört zu den be­deu­tends­ten zeit­ge­nös­si­schen Künst­ler:in­nen. Seit ein paar Jah­ren er­schafft er sei­ne Skulp­tu­ren vor­nehm­lich im Sit­ter­tal. In die Kunst­gies­se­rei ver­lieb­te sich der Pop-Art-Pio­nier bei sei­nem ers­ten Be­such vor fast 20 Jah­ren.

Von  David Gadze
260708 Jim Dime Florin Roeoesli DSC6138

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur für die HSG

Al­les deu­tet drauf hin, dass die Uni St.Gal­len dem­nächst in den bis­he­ri­gen Haupt­sitz der Hel­ve­tia-Ver­si­che­rung, ge­plant vom Bas­ler Ar­chi­tek­tur­bü­ro Her­zog und de Meu­ron, als zwei­ten gros­sen Stand­ort auf dem Ro­sen­berg ein­zie­hen kann. Zu­sätz­lich ist ein Holz­bau mit Se­mi­nar­räu­men in Pla­nung.

Von  René Hornung
Hekvetia Hd M

FCSG vs. She­riff Ti­ras­pol 5:1 – St.Gal­len nach Schüt­zen­fest ei­ne Run­de wei­ter

Der FC St.Gal­len zeigt sich ge­gen She­riff Ti­ras­pol von sei­ner bes­ten Sei­te und ge­winnt das Spiel nicht nur sou­ve­rän, son­dern auch hoch mit 5:1. Wei­ter geh­t's im Play­off ge­gen den FC Nordsjæl­land aus Dæ­ne­mark.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Jubiläum

«Je­de Ge­ne­ra­ti­on muss­te die Fir­ma neu er­fin­den»

Von  Roman Hertler
Gallus Samuel Portrait sw WEB

Hin­term Bahn­gleis be­ginnt das Uni­ver­sum 

Durch bun­te Ga­la­xien bis in ein Meer aus Kat­zen­streu. Die Aus­stel­lung «Hin­ter’m Mond» vom Künst­ler:in­nen­kol­lek­tiv U5 und Mo­ni­ka Stal­der im Stell­werk in Heer­brugg lädt zu ei­ner in­ter­ga­lak­ti­schen Rei­se ein. 

Von  Vera Zatti
IMG 0500

Ex­ci­ting, un­hin­ged und häs­sig

Die Ost­schwei­zer Band Drill bringt mit Ca­thar­sis ei­ne neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wil­der Ritt auf schwe­ren Gi­tar­ren­riffs, bei dem Me­tal­co­re auch mal auf Hy­per­pop trifft.

Von  Jeremias Heppeler
DRILL Pressphoto 2 Full

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 7

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 7: Rat­haus­oper Kon­stanz, Charles Uz­ors The Gre­at Wall. A La­by­rinth, Clanx-Fes­ti­val und Rund­gän­ge zu Wi­bora­das Schwes­tern. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Till The Morning Rises Pfister Noemi

FC St.Gal­len vs. FC Lu­zern 2:2 – Im­mer­hin ein Punkt

Ge­gen die­ses Lu­zern müss­te der FC St.Gal­len ei­gent­lich drei Punk­te ein­fah­ren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es im­mer­hin ei­ner wird. Der Aus­gleich ge­lingt erst weit in der Nach­spiel­zeit per Pe­nal­ty. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf