Vorne, wo durch eine Ritze im Dach etwas Licht in die Baracke fiel, sass ein junger Mann und zeichnete ein Porträt. Schwester Elsbeth grüsste ihn und vertiefte sich in das Blatt. Sie zeigte sich begeistert von der Art, wie sicher der Zeichner die Striche setzte. «Sie sind ein Künstler.» Der Mann strahlte. «In Gurs sind viele Talente, nicht nur Maler, auch Musiker, Schauspieler», sagte er. Sie lächelte, das brachte sie auf eine Idee. «Ich bin eben erst angekommen», sagte sie. «Doch ich denke, wir könnten eine kleine Ausstellung machen und ab und zu eine soirée culturelle. Wäre wohl eine Abwechslung, nicht?»
So schildert Eveline Hasler im Roman Mit dem letzten Schiff (2013) den ersten Tag der Schweizer Rotkreuz-Krankenschwester Elsbeth Kasser im Konzentrationslager Gurs. Zunächst als Auffangstation für die vielen Flüchtlinge des Spanischen Bürgerkriegs konzipiert, waren unter dem Vichy-Regime vor allem Jüdinnen und Juden in Gurs interniert und von hier aus zu Tausenden weiter in die Vernichtungslager deportiert worden. Das Lager Gurs existierte nahezu sieben Jahre, mit über 60’000 unter katastrophalsten Bedingungen Internierten.
Kunst als geistiger Widerstand
Elsbeth Kasser (1910-1992) war während des Spanischen Bürgerkriegs für den internationalen Zivildienst tätig gewesen. Auf eigene Initiative ging sie 1940 nach Gurs, wo sie sich – neben den dringend nötigen praktischen Hilfeleistungen – bemühte, den Lageralltag einigermassen menschenwürdig zu gestalten. In Gurs waren viele Kunstschaffende und Intellektuelle interniert, und trotz der schrecklichen Umstände entwickelten sich im Lager viele künstlerische Aktivitäten. In Kulturbaracken wurden regelmässig «Soirées» veranstaltet mit Konzerten, Lesungen und Kunstausstellungen.
Die von Gurs – Zeichnungen und Aquarelle der Sammlung Elsbeth Kasser aus dem Internierungslager Gurs: bis 10. April, Museum im Lagerhaus, St.Gallen, Vernissage: 25. Januar, 18.30 Uhr.
museumimlagerhaus.ch.
Elsbeth Kasser erkannte die Wichtigkeit künstlerischen Schaffens als Überlebensstrategie und geistigen Widerstand in der existentiell bedrohenden Situation und engagierte sich vor allem für die bildenden Künstler. Da Elsbeth Kasser für die Männerbaracken zuständig war, gibt es in ihrer Sammlung nur sehr wenig Arbeiten von Künstlerinnen, darunter Trudl Besag, Lili Rilik-Andrieux und Edith Auerbach. Aus Dankbarkeit bekam sie viele Bilder geschenkt, einige kaufte sie den Künstlern mit ihrem wenigen Geld ab.
Julius C. Turner: Warten auf die Abendsuppe © Archiv für Zeitgeschichte / Elsbeth-Kasser-Stiftung
Die Arbeiten lassen sich thematisch in verschiedene Werkgruppen zusammenfassen. Julius C. Turner malte vor allem Porträts und Szenen aus dem «Lageralltag», davon immer wieder den Moment der Deportation – Verarbeitung und Zeugnis gleichzeitig. Vom Zyklus Ceux de Gurs vom Maler und Grafiker Max Lingner, der vor dem Krieg für die Arbeiterpresse tätig war und sich in der französischen Widerstandsbewegung engagiert hatte, übernimmt die aktuelle Ausstellung ihren Namen. Das Titelblatt zeigt eine spanische Mutter mit Kind, gemalt auf Zeitungspapier – ein direkter Appell an die Betrachter.
Comics aus dem Lager
Erstaunlich sind die Grusskarten zu den Feiertagen oder die Einladungen zu den Veranstaltungen im Lager, ein Festhalten an einer Normalität des Lebens, die für die Insassen schon lange nicht mehr existierte. Es erstaunt daher nicht, dass hier mit viel schwarzem Humor gestaltet wird. Einzigartig sind die beiden Comic-Hefte von Horst Rosenthal, der Petit guide à travers le camp de Gurs und Mickey à Gurs, wo er mit der Figur von Mickey Mouse seine eigene Geschichte erzählt. Elsbeth Kasser liess die Zeichnungen durch einen Rotkreuzmitarbeiter in die Schweiz schmuggeln, um sie in Sicherheit zu bringen.
Kurt Loew und Karl Bodek: Ein Brot wird geschnitten und auf sechs Männer verteilt, undatiert, Bleistiftzeichnung, 31,5 x 23,5 cm
Die Situation wurde für sie unerträglich, als im Sommer 1942 mit den ersten Deportationen begonnen wurde – als Schweizer Rotkreuzschwester war sie der Neutralität verpflichtet. Nach dem Krieg orientierte sie sich beruflich neu und baute im Waidspital Zürich die damals noch kaum bekannte Ergotherapie auf. Erst nach der Pensionierung war es ihr möglich, über ihre Zeit in Gurs zu berichten; die Zeichnungen hatte sie über die Jahre in einer Schachtel unter dem Bett aufbewahrt.
Nach ihrem testamentarischen Willen wurde 1994 eine Stiftung gegründet, um die Sammlung in ihrer Gesamtheit zu erhalten und durch Ausstellungen der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und so die Erinnerung an das Geschehene wach zu halten. Die Sammlung Elsbeth Kasser befindet sich heute im Archiv für Zeitgeschichte der ETH Zürich. Die St.Galler Ausstellung ist ein Projekt der IG Kunst und Kultur in Internierungslagern; eröffnet wurde im zeitlichen Umfeld des Gedenktags zum Holocaust am 27. Januar.
Marina Schütz ist Mitglied der IG Kunst und Kultur in Internierungslagern. Dieser Beitrag erscheint im Februarheft von Saiten.
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