Montagabend in Swamptown: Ein Securitas schleicht wenig klandestin über den Neumarktplatz, der mutmassliche Nachwuchs heteronormativer Institutionen schmust auf einem Bänkli, im Bullenpärkli wird Ganja geraucht (dieses noie legale, weisch) und nebenan unschuldig konzentriert Pétanque gespielt. Zwar haben diverse Beizen geschlossen, da, mit Soziologe Garfield gesagt: Friday-People in a Monday-World. Ansonsten gar nicht so leblos, dieser verfluchte Tag, das gallische Dorf trotzt den bösartigen Umständen tapfer und mit existenzialistischem Witz.
Das Museum für «naive Kunst» und «Art Brut» im Lagerhaus geht mit dem Flow und setzt gleich die Vernissage auf einen solchen Montag an, das gehört zum Konzept, weil Haltung. Diese hat es in sich. Tätschvoll der Laden, zur Laudatio stehen Leute bis so weit hinten, dass man die Rede des Co-Kurators Basil Rogger nur noch knapp hört.
«In die Kunst hineingeprügelt»
Das Museum im Lagerhaus würdigt den 80-jährigen Basler Künstler Walter Wegmüller mit einer Einzelausstellung, die an Vielseitigkeit vielleicht von einem Max Ernst knapp überboten würde. Der Vergleich zieht aber nicht, denn wo die dämonische Tiefe beim einen eine gewisse Kälte entwickelt, findet Wegmüller zu einer brüchig-vitalen Urgewalt. Art brut wäre begrifflich ungenau, nicht nur weil der Autodidakt Wegmüller durchaus in der Kunstwelt angekommen ist. Das hier ist wenn schon so etwas wie eine art monstrueuse in mehrerlei Hinsicht, die dämonischen Motive sind Präludium für das Hintergründige. Das inhärente Monströse wird vermittelt und erhoben durch den verspielten, auch mal grotesken Ausdruck von (Alb-)Traum und subproletarischem Alltag.
Walter Wegmüller. (Bild: Youtube)
Die Vita liest sich erstmal wie ein böser Albtraum der jüngeren schweizerischen Zeitgeschichte. Walter Wegmüller musste nahezu volljährig werden, um die Erfahrung zu machen, ohne Misshandlung irgendwo arbeiten zu können. Es war dies die Lehre zum Flachmaler beim 2015 verstorbenen Künstler und Grafiker Peter Travaglini in Büren an der Aare, der sich sehr für seinen talentierten Schüler einsetzte. Diese Möglichkeit musste sich Wegmüller zuvor hart erkämpfen, sein Vormund scheute die Kosten und drängte ihn, Bauer zu werden. Seine wahre Mutter, eine Roma der Kalderasch, lernte er erst mit 21 Jahren kennen nach intensiver Suche.
Walter Wegmüller: Kunst, Krautrock und TarotMuseum im Lagerhaus St.GallenBis 12. NovemberNächste Führung: Di 5. September 18 Uhrmuseumimlagerhaus.ch
Wegmüller wurde seiner Mutter vom Kanton Bern* zwangsweise weggenommen und in «Pflege» gegeben: Um aus Kindern der Fahrenden «anständige schweizerische Staatsbürger» zu machen, wurden diese noch bis in die siebziger Jahre hinein in Heimen und schliesslich als Verdingkinder bei Bauern untergebracht und zu härtester Arbeit gezwungen. «Das Gefängnis sei noch zu gut für die», wie der rassistische Volksmund damals urteilte.
Dies bedeutete schwerste Misshandlungen und Bestrafungen, wenn Walter gerade lieber den Vögeln nachträumte. Das hiess eine Büez, die noch mit erwachsenem Körperbau schwer ist und, wegen den endlosen Arbeitstagen, die Unmöglichkeit, auf dem schulischen Weg weiter zu kommen. Wegmüller hatte neben der Arbeit schlicht keine Zeit, Hausaufgaben zu machen.
Der Künstler erinnert sich durchaus an die «Tritte des Bauern», klagen hört man ihn aber nicht. Er erzählt stattdessen von «menschlichen Menschen», von einer Nonne, die ihm im Kinderheim Geschichten erzählte und ihn hochhielt, damit er durch die herzförmigen Lücken in den Fensterläden Rehe beobachten konnte. Er erinnert sich, wie er unter der Androhung schwerster Bestrafung sich zu den Fahrenden auf der anderen Seite des Waldes schlich, bei welchen er sich wohl fühlte. Er beschreibt mystische Erlebnisse in der Natur, von einer prägenden Erfahrung beispielsweise, die er machte, als er auf den Knien auf dem Feld arbeiten musste und sich urplötzlich eins fühlte mit den Käfern und Pflanzen, dem Wind, der Umwelt.
«Maske», 1974
Seiltanz, Leben und Tod
Zur Retrospektive bei seinem 60sten Geburtstag 1997 wurde er gefragt, welches seiner Bilder am ehesten sein Leben, dessen «Gestern und Morgen» beschreiben würden könnte, eine Frage, die er erst nicht beantworten wollte: Er könne die Antwort malen, nicht aber darüber reden. Aus den Bildern auswählend, verweist er schliesslich auf einen der vielen Seiltänzer, ein wiederkehrendes Motiv als Allegorie seines Lebens. Eines dieser Gemälde zeigt den Tänzer als Maler mit Farbpalette, ein anderes zeigt ihn tanzend auf dem Seil, gefolgt vom Tod, der, auf dem selben Seil balancierend die Sense gefährlich nahe an der Schnur schwingt. Der Tod, die Nummer 13 des Tarots, symbolisiert aber nicht unbedingt die christliche Vorstellung eines Endes, sondern Durchgang, Übergang und Veränderung. Suchende, Vorübergehende sind wir alle, und wie Wegmüller darauf hinweist, sind wir alle «Roma», Sanskrit für Mensch.
Wegmüller müsste eigentlich Wegmaler heissen, schrieb in den 90er Jahren Fred Zaugg; er betonte damit dessen Arbeitsweise als unermüdlich Forschender, Suchender und damit, obwohl sesshaft, im übertragenen Sinn als ein Fahrender. Als Tarot- oder «Zigeuner»-Künstler (Wegmüller schuf in den 70er und 80er Jahren zwei berühmte Tarotserien, das «Neuzeit-Tarot» und das «Zigeuner-Tarot») will er aber nicht bezeichnet werden. Da ist sehr viel mehr in seinem Werk zu entdecken.
Am treffendsten wird er als Geschichtenerzähler beschrieben. Dies betrifft sein Werk, wohl aber auch sein Leben: So erinnert sich Sergius Golowin, wie Wegmüller in Kneipen geöffnete Sackmesser schluckte unter der damals bekannten Losung «Gäld uf dä Tisch, riich wärde!» Mit solchen Vorstellungen verdiente er damals sein Brot. Den ebenfalls alltäglichen Brauch, seinen Freunden zur Begrüssung feste auf die Schultern zu klopfen, habe zum Glück niemand im falschen Moment zelebriert, sonst wären ihm, wie er selbst sagt, alle möglichen Klingen aus dem Hals gekommen.
«Der Seiltänzer», 1994.
Gedankenleitern und spiralische Briefe
Weitere wiederkehrende Motive sind die Leitern und die Briefe. Mit Zweiteren begann er, da ein Galerist es notwendig fand, dass Wegmüller seinen Bilder eine schriftliche Erklärung beifügen sollte. Er sah das nicht ein, schliesslich könnten die Geschichten bei näherer Betrachtung durchaus begriffen werden. Stattdessen malte er Briefe, symbolgeladen wie sein Werk überhaupt und auf eine erfahrungsbasierte, unvoreingenommene Weise philosophisch.
Gelesen habe er nie viel, meint der Künstler; dass schon früh Kritiker fanden, er habe einen tibetischen Stil, amüsiert ihn, schliesslich male er einzig aus sich selbst heraus. Geschulte, allzu disziplinäre Einflüsse finden sich bei dem Autodidakten nicht. Eher schon prägen ihn Ereignisse und Begegnungen, wie zum Beispiel diejenige mit Salvador Dalí, welche ihm zeigte, dass er selbst strenggenommen kein surrealistischer Maler sei, wohl aber einige tiefere Gemeinsamkeiten mit deren Anliegen habe. Ein anderes Ereignis war eine Ausstellung von Wassily Kandinsky in den 60er Jahren; Wegmüller sagt, er habe einige Wochen nicht malen können danach.
Doch kommt sein Werk zu beachtlichem philosophischen Gehalt, wo er Gedankenleitern zeichnet, die es schaffen, Magie und Dialektik im gleichen darzustellen. Das spiralische, schlangenhafte Bewegen mit karnevalesken, zauberhaften und monströsen Motiven in Richtung einer Art Weltengeist zeigt gleichermassen Nähe zur Philosophie des Tarots und zur dialektischen Aufhebung. Eine Schlaufe schliesst das Ganze ab, wohl so etwas wie eine transzendente Ebene, vielleicht ein Briefkopf, sicherlich eine Art weiterer Tanz, der der Flussrichtung ein Schnippchen schlägt.
Der Münzen-Bube des Neuzeit-Tarot, 1978.
«So wie man die Zeichen versteht, so lebt man»
Einige Bilder der Ausstellung könnten herausgehoben werden: So sicherlich die psychedelischen Gemeinschaftswerke mit Claude Sandoz und H.R. Giger, für welche diese sich 1973 für zwei Wochen in einem Bauernhof im waadtländischen Sottens einschlossen, um kollaborativ, unter Einbezug der jeweiligen Spezialitäten, «Tagträume» zu erschaffen.Der als Hauptwerk angekündigte «Frontfüssler» von 1968/69 (s. Titelbild), ein Katzenwesen mit zwei Köpfen – nein: Fressen – auf beiden Seiten und etlichen, es umgebenden Gesichtern, Geistern und Vögeln, ist ohne Frage ein Meisterwerk des Monströsen. Der Fluss der Fische, ein Symbol der Fruchtbarkeit und des Fliessens, wirkt im Katzenfell ebenso albtraumhaft wie die unheimlichen Gesichter der Gaffer im wenig zurückhaltenden Hintergrund durchaus «normal» wirken. Das Katzenwesen findet keine Ruhe und bewegt sich immer an der Front, erklärt der Maler. Dürrenmatt hatte das Bild einst erstanden, Wegmüller kaufte es allerdings nach einiger Zeit zurück, da er noch nicht die Zeit gefunden habe, es zu verdauen.
Die Suche geht weiter
Auch «Wurzus», ein Bild von 1968, das die Revolution thematisiert, verdient eine eingehendere Betrachtung. Die Masse wuchert, die Wolken darüber genauso. Doch das Wuchernde und Beängstigende sieht, je länger es betrachtet wird, je freundlicher, ja spassvoller aus. Zwei exaltierte Fische im Zentrum würden zum Zungenkuss ansetzen, wenn sie sich vor Freude noch halten könnten.
Das dreidimensionale Masken-Objekt von 1974 (Bild weiter oben) wäre ein weiteres Beispiel: Vor Wegmüllers Kunst sollte man Ferien machen, sich mit den Bildern und Objekten auf die Reisen und Geschichten begeben, welche sie erzählen. Betrachtet der Künstler seine Werke als «Abfall», da der Prozess die Suche sei und das Resultat beiseite gestellt werde, weil die Suche weitergeht, so ist der Schluss für uns Betrachtende verhältnismässig einfacher: Wegmüllers «Abfall» nehmen wir gerne.
Der Kulturwissenschaftler und Co-Kurator Basil Rogger erinnert sich, wie eines Tages Walter Wegmüller bei seinen Eltern auf Besuch war. Dieser hatte wenig Geld für seine Familie, brauchte aber einen Staubsauger. Die Firma von Roggers Vater habe Geld, viele Staubsauger, doch allenfalls etwas wenig Bilder, erklärte der Künstler. Der sinnvolle Tauschhandel kam zustande und Rogger freut sich seither jedesmal, wenn es heisst «Dr Walti chunt!».
Wenn auch der Künstler erklärt, es sei das «Es», das jeweils seine Bilder male, so ist der Lebenskünstler Wegmüller noch mit 80 Jahren eine eindrückliche Erscheinung. Nämlich diejenige eines Menschen, der es trotz Biennalen geschafft hat, eine Art Aussenseiter zu bleiben, und der trotz einer abweichenden Ausgefallenheit, wie Rogger schreibt, «am liebsten Spaghetti hat».
Die Aussagen Walter Wegmüllers zu seinem Leben und Schaffen lassen sich nachlesen in dem «Werkbuch», erhältlich in der Ausstellung im Museum im Lagerhaus
*geändert: In einer früheren Version hiess es, dies sei im Rahmen der «Aktion Kinder der Landstrasse» begangen worden. Das ist falsch: es ging dabei um die staatliche Diskriminierung alleinstehender Romnija-Mütter, nicht um sog. «ganze» Familien. Eine andere Praxis, die aber im selben antiziganistischen Geist wie die «Aktion Kinder der Landstrasse» verbrochen wurde. Es sind dies «zwei unterschiedliche Formen von Perversion in der gewaltvollen Durchsetzung des Ideals der ‹bürgerlichen Kleinfamilie›», wie Co-Kurator Rogger erklärt.
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