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Von der Idiotie, die Welt aufzuteilen

Das Vorarlberg-Museum in Bregenz zeigt noch bis Anfang Oktober die sensationelle Sonderausstellung «Romane Thana – Orte der Roma und Sinti». Thematisiert werden Verfolgung, Vorurteile und damit die Welt, in der wir alle leben.
Von  Michael Felix Grieder
Gaëlle Arquez als Carmen singt die «Habanera». (Bild: Bregenzer Festspiele, Karl Forster)

«‹Du bist keine Zigeunerin!›, sagt er erneut und betrachtet mich mit einem fast verächtlichen Blick, dabei unsicher auf den Füssen. Er ist betrunken und wütend, und er fühlt sich betrogen wie so viele andere, weil ich seiner Vorstellung einer ‹feurigen Zigeunerin› nicht entsprochen habe. (…) Aber in einem Punkt hatte er zumindest recht: Ich bin keine Zigeunerin, ich bin Sinteza».

Dotschy Reinhardt

Genealogie eines Vorurteils

Es könnte begonnen werden mit der frühen griechischen Antike. So erklärt der Sprachwissenschaftler Emmanuel Laroche, die Sprachwurzel *nem untersuchend, von welcher beispielsweise nomos (Gesetz), nomisma (Konvention/ Geld) und nomados abstammt, deren gemeinsame ursprüngliche Bedeutung, die immer mit einer räumlichen Verteilungsweise in Verbindung steht. So gab es früher einen nomadischen nomos, der Verteilung im Raum bedeutete, gegenüber der späteren Bedeutung einer Verteilung des Raumes.

Einfach gesagt gibt es also für abweichendes Verhalten und Gesetz eine gemeinsame Wortherkunft. Nomados war eine Bezeichnung für einige Tiere, welche sich im Raum verteilen (Seeadler, Esel, Hirsch, Hund etc.), die aber in der metaphorischen Übertragung auch für Frauen stand, die sich auf der Strasse aufhielten, oder für nordafrikanische Menschen, die sich dem Ackerbauern und Milchtrinken widersetzten. Schon im griechischen nomados findet sich also ein Fabel-haftes Vorurteil sexistischer und kulturalistisch-rassistischer Art, die räumliche Verteilungsweise des nomos als Gesetz, der Rasterung und schliesslich auch des Geldwesens wendete sich gegen dieses Nomadische. Die Sesshaftigkeit wurde zu einer politischen «Norm», wobei Norm nichts weiter heisst als eben gesetzt, gerastert und nur in diesem Verständnis «normal». Die andere Verteilungsweise hat nie aufgehört zu existieren, aber sie wurde aus dem Politischen ausgeschlossen.

Romane Thana. (Bild: Petra Rainer)

Etwa 2000 Jahre später findet Hegel in seiner Dialektik der bürgerlichen Gesellschaft, die bei ihm eigentlich ein sehr inklusives Konzept wäre, zu einem Problem, das er nicht wirklich lösen kann. Er kommt darüber zu einer Verelendungstheorie, die Marx «auf die Füsse zurück stellen» wird. Er spricht vom Bösen, das er im «Pöbel» festmacht, in «Arbeitsscheuen» und Lazzaroni. Ein Thema, das er paradoxerweise einzig mit einer Verteilung im Raum zu lösen anbietet, worin er aber keinen Zweck sieht, sondern ein Mittel zu neuer Sesshaftigkeit: Die Armen sollen in die Kolonien, der vermeintlich «leere Raum» verteilt werden.

Der Hegelkommentar von Herbert Schnädelbach schliesst teilweise richtig, dass Marx daraus das Proletariat philosophisch herleiten sollte, das aufgrund des Bewusstseins für radikale Bedürfnisse die bürgerlich-kapitalistische Verelendung überwinden soll. Der Philosoph Marx hat das grosse Verdienst, in den Armen Potential zu sehen, welches dem unverschämt genau arbeitenden Analytiker Marx klar vor Augen erscheinen musste, denn das Proletariat ist (wenig freiwillig) konstitutiv für das ungerechte System, könnte es also auch qua Selbstermächtigung für ein gerechtes sein. Der Polemiker Marx hingegen hat das Problem Hegels nicht vollständig gelöst und erfand stattdessen die Zuschreibung «Lumpenproletariat», womit er einerseits gegen korrupte Arme lästert, die etwa als Schlägertrupps für Louis Bonaparte sich kaufen liessen. Andererseits «reichert» er diese Tiraden um Stereotypen an, die von Antiziganismus nur so strotzen und einem deutlichen Sexismus nicht ermangeln.

Die Geschichte des 20. Jahrhunderts wäre dem anzufügen: Auf verwandten, aber vermehrt biologisierten Zuschreibungen basierten, unabhängig vom kommunistischen Marx, Völkermord und Deportationen unter Hitler und Stalin – und die Internierung von sogenannt «Liederlichen» und «Arbeitsscheuen» in den liberalen Demokratien des Westens, wie unlängst der Bericht der Historikerin Sibylle Knecht im Kanton St.Gallen aufarbeitete. Ein «Marx für Fahrende» müsste erst noch geschrieben werden, im Unterschied zu bürgerlichen Vorstellungen wäre dieser aber ohne Weiteres denkbar.

Der Mythos des «Aussens»

Soziologisch macht all dies nicht viel Sinn: Zu viele Zeiten, Gruppen, Phänomene, Lebensweisen und Minderheiten werden auf diese Weise vermischt. Es ergeben sich aber daraus zwei Eckpunkte der Genealogie eines Vorurteils, das Sesshaftigkeit und Gesetzlosigkeit einander gegenüberstellte – was wiederum jeglicher realen Grundlage ermangelte, schliesslich gab und gibt es Sesshafte, die auf das Gesetz pfeifen.

Diese fabulierte Zweiteilung, das Vorurteil aber sind insofern real, als Menschen deswegen geschädigt, verfolgt und ermordet wurden. Im Rassismus, dem Antiziganismus bündelt sich so, was vielfältig, verschieden, und eigentlich keineswegs zwingend verwandt ist. Das imaginierte «Aussen», das als «Heimat» den Fahrenden zugeschrieben wird, sei es «die Landstrasse», seien es Planwagen, Wahrsagen oder echte, betrunkene Feste mit tanzenden Frauen, die Kreolen tragen, gibt es so nicht. Wir bewohnen alle dieselbe Welt, und auch «Ausschluss» ist demnach nicht das richtige Wort: Fahrende werden bis heute – in unserer Mitte – unterdrückt, schikaniert und verfolgt.

«Feldkirch 2016». (Bild: Cornelia Hefel)

Die Kehrseite ist die Ignoranz. Wenn der Bürger schon nicht offen rassistisch sein darf, will er wenigstens keine Ausländer sehen. Und Fahrende, die vorübergehend die heiligen Parkplätze beleben, sind der mobilen Gesellschaft dann doch zu auto-mobil. Die von der Adventskälte verstimmten Synkopen einer Roma-Kapelle in der Einkaufsstrasse überfordern die Ohren, nicht die Fliessband-Jingles in der kapitalistischen Ausbeutungsszene nebenan.

Ignoranz verwandelt sich temporär in Interesse, wo ein Kulturmanager solches mit den Worten «feurig» und «leidenschaftlich» für 50 Batzen zur Schau gibt, weil irgendwie kann ja auch geträumt werden zu den Fabeln. Fürchterliche Verwirrung entsteht wiederum da, wo Sinti, Roma und Jenische einfach in Ruhe leben wollen, sei es fahrend oder sesshaft. Ein rassistischer Restverdacht verbleibt zumeist dennoch bestehen. Menschliches Interesse? Fehlanzeige. Ausreden durch eine «schlechte Erfahrung» mit einem Sinti oder Rom? An jeder Ecke. Wer sind überhaupt die naheliegenden Jenischen? Kein Plan. Und an die Frauen herrschen ohnehin sehr spezifische Erwartungen, wie die Literaturgeschichte zeigt.

«L’amour est un oiseau rebelle»

Eine der berühmtesten Opern der Geschichte, Georges Bizets Carmen, wurde im Sommer an den Bregenzer Festspielen auf der Seebühne gezeigt. Die Oper hat einiges von einer Milieustudie, bricht diese aber über den Mythos der «amour fou», symbolisiert im Inbegriff des Klischees einer «femme fatale» der Protagonistin Carmen, einer «Zigeunerin».

Schon die Prosavorlage von Prosper Mérimée ist unter ein Motto des antiken Epigrammatikers Palladas gesetzt, das nur als Superlativ an Sexismus und Mysogynie bezeichnet werden kann: Frauen seien nur im «Bett oder auf der Totenbahre» angenehm und ansonsten «bitter wie Galle». Im Libretto von Henri Meilhac und Ludovic Halévy erscheint das Motiv abgeschwächter, bleibt aber grundlegend. Die «amour fou», in abertausend Mörderballaden besungen mit dem Narrativ «ich habe sie getötet, weil sie mir gehört», endet immer tödlich für die Frau, die zuvor als wild, schön und unnahbar beschrieben wird.

Thema der Oper ist die Liebe, welche in der vielzitierten Habanera als «rebellischer Vogel» vorgestellt wird, der sich nicht zähmen lässt und schliesslich als «Zigeunerkind, das niemals ein Gesetz kannte» das uralte Vorurteil romantisch verklärt. «Ich liebe und verehre dich, Carmen» und «verlasse mich nicht» singt der für seine Liebe kriminell gewordene Militärkopf Don José im finalen Duett – worauf Carmen in der dritten Person antwortet: «Carmen wird niemals nachgeben/einlenken/veräussert werden, sie ist frei geboren und wird auch frei sterben».

Zum Schluss noch einmal Carmen, nachdem sie José ihre Liebe zu Escamillo eingesteht: «Sodann, schlag mich oder lass mich vorbeigehen!» Dieser fordernd: «Zum letzten Mal, Dämon, willst du mir folgen?». Carmen wirft ihm den Ring vor die Füsse, José ermordet sie dafür, während er vom Chor als «Torero mit stolzer Brust» angefeuert wird. Daraufhin will José verhaftet werden: «Ich bin es, der sie ermordete!» Er seufzt tragisch in die Nacht «Hach, Carmen, meine angebetete Carmen…» – fin de l’opéra.

Maskulinistische Panik

Die millionenschwere Bregenzer Inszenierung, die auch in der Ausstellung im Vorarlberg Museum thematisiert wird, ist durchaus gelungen. Auf und vor französischen Jasskarten (und ein paar grossen Arkana des Tarots, etwa den obligatorischen «Liebenden» und dem «Tod») und zwischen zwei überdimensionalen Händen, welche das Glück metaphorisch wenden, davon eine rauchend, lungern die Soldaten herum, spotten über das Milieu und belästigen Frauen. «Voilà la Carmencita!» kündigt der Chor der Zigarettenarbeiterinnen und Gassenjungen an. Diese tritt auf mit halbseitig abgesägter Latzhose über einer roten Bluse.

Carmen (Gaëlle Arquez) in Aktion. (Bild: Bregenzer Festspiele, Karl Forster)

Gaëlle Arquez alias Carmen ist sofort Chefin auf dem Platz, und spielt ihre Rolle überhaupt sehr bemerkenswert. Sie hebt robinhoodeske Züge hervor, als sie Geld unter die Arbeiterinnen wirft, das ihr von einem Verehrer hingehalten wird, und überzeichnet dramatisch ein wenig, wenn sie einem anderen die Zigarette am Hals ausdrückt. Mit trotziger Belustigung verletzt sie eine streberhafte Arbeitskollegin, gewinnt aber auf der Flucht vor den Truppen wieder durch eine schöne Dosis Schalk mit einem beherzten Sprung in den Bodensee.

Wo zum Schluss des Stücks die tragische Schwere greifen sollte, zeigt Arquez vor allem Stärke und beachtliche Tiefe. Ihre Adaption ist also deutlich vielfältiger als die Vorlage, lebensnaher und jedenfalls kritischer. Die der Geschichte inhärenten Vorurteile können so zwar nicht aus dem Stück gelöscht werden, es bietet sich aber zumindest die Lesart der Carmen als Power-Frau an, umgeben von äusserst blöden, zuletzt tödlich-belanglosen Männergestalten.

Bizets Carmen zelebriert das dargestellte Vorurteil detailliert und verdient dadurch eine kritische Beachtung. In der Oper werden Soldatentum, Stabilität, Männlichkeit, Bürgertum, Gesetz, Treue und Staatsraison der Liebe, der Frau, den Fahrenden, der Freiheit und der Emanzipation entgegengestellt, mit der Suggestion, dass das vermeintlich Nachstehende unweigerlich ins Verderben und zum Tod führt. Es ist die lebensfeindliche Angst vor der Anarchie, die in der Oper ein sexistisches und antiziganistisches Narrativ erhält. Die metaphorische Freiheit der Vögel und die mythische Sprunghaftigkeit der Dämonen sind weitere Motive, die auf die antike griechische Dichotomie hinweisen. Auch der mittelalterliche Hexenhammer oder der Liber vagatorum grüssen von gar nicht so fern. Die Ausstellung «Romane Thana» im Vorarlberg Museum unweit der Seebühne stellt angesichts dessen rhetorisch die Frage, ob Carmen, wenn sie in der Einkaufsstrasse betteln ginge, auch so beliebt wäre.

«Home is the place where your heart is»

Die tatsächliche Lebenswelt der Roma, Sinti und Jenischen ist das eigentliche Thema der Ausstellung des wienerischen Romano Centro, die im Vorarlberg um einige ortsnahe Kapitel erweitert wurde. Im «ORF»-Interview spricht Kuratorin Andrea Härle vom Romano Centro die Diskussionen um das Bettelverbot und das «wilde Campieren» im Vorarlberg an. Eine Frage, die weitestgehend ethnisiert worden ist: «Es wurde so getan, als sei das Problem, dass diese Menschen Roma sind, und nicht, dass sie arm sind», so Härle. Obwohl von Kirchenseite kommuniziert wurde, dass Betteln ein Menschenrecht ist, wird dieses unverhältnismässig hoch bestraft: Bis zu sechsmal teurer als eine rote Ampel zu überfahren wird das ungefährliche, bescheidene Vergehen gebüsst, wie im «Standard» verglichen wurde.

Der Sensationswert der Ausstellung liegt zum einen darin, dass demonstriert wird, wie sehr es möglich ist, eine Ausstellung zum Thema zu machen, die nicht «über» angesprochenen Menschen verhandelt wird, sondern ihnen eine Stimme geben kann und sie zu Autor*innen der Ausstellung macht. Dekonstruiert wird zu allererst und titelgebend das berühmteste Vorurteil, Roma, Sinti und Jenische seien «ortslos».

Der «Identitätslogik des antiziganistischen Blicks» werden konkrete Adressen entgegengestellt, zum Beispiel der Pferdehändler Lovara im 21. Wiener Bezirk. Verfolgungen und antiziganistische Anschläge werden rekonstruiert und schliesslich wird als neuerer Ort der Roma und Sinti auch das Internet thematisiert, ein wichtiger Austauschort der Community. Der schon zur vielbeachteten Ausstellung im Wien Museum 2015 erschienene Katalog mit 40 Kapiteln ist als massgebendes Standardwerk zu betrachten, dem es geglückt ist, die vereinheitlichenden Vorurteile, Kulturalismen und Verfolgungsgeschichten zu diskutieren, gleichzeitig aber die Vielheit der Stimmen von Betroffenen erst recht verdeutlicht. Der Band ist auch ohne Ausstellungsbesuch unbedingt die Lektüre wert.

Dotschy Reinhardt, Schriftstellerin und Autorin.

Romane Thana – Ein Tisch bleibt leer

Die unglaubliche Menge und Komplexität des Materials überfordert nicht, aber sie fordert. Sie zeigt Lebensnähe gerade da, wo sie sich einer Reduktion radikal verweigert. Im Zentrum stehen neben den Lebensgeschichten unterschiedlichster Art auch Künstler*innen, Musiker*innen und Schriftsteller*innen.

In der Vorarlberger Ausgabe prominent präsentiert wird Dotschy Reinhardt, die in Ravensburg geborene und inzwischen in Berlin wohnende Musikerin und Autorin mit gewissen berühmten entfernten Verwandten namens Django und Schnuckenack Reinhardt. Ihr Anliegen ist es, zu betonen, wie sehr die europäische Kulturgeschichte von den Fahrenden geprägt wurde, ohne es aber dabei zu belassen. Die Zuschreibung, dass eine Sinteza zwingend swingen müsse, greift sie fundamental an.

Romane Thana – Orte der Roma und Sinti: bis 8.Oktober, Vorarlberg-Museum Bregenz
vorarlbergmuseum.at

In ihrem Buch Everybodys Gypsy – Popkultur zwischen Ausgrenzung und Respekt kritisiert sie beispielsweise, dass einige Roma-Musiker keine Plattenverträge kriegen, wenn sie sich nicht «auf das typisch ‹Zigeunerhafte› reduzieren lassen wollten» und stattdessen ihre eigene Musik machen. Von der grossartigen Noomi Rapace in Guy Ritchies Sherlock Holmes Verfilmung bis zum abgelutschten Electro Swing werden Klischees verbraten, die sich gerade darum gut verkaufen lassen, weil sie romantisierte Vorurteile sind.

Roma, Sinti und Jenische sind selbstredend nicht allesamt gute Musiker*innen. Wenn schon, sind es die Armut, das Leid und der Schmerz, die zu einer gewissen künstlerischen Tiefe verhelfen können. Das ist jedoch kein Gesetz und darf auch nicht romantisiert werden. Dotschy Reinhardt «hasst Klischees, hasst es aber noch mehr, gegen die Klischees zu leben», sagte einst «Arte».

Ihrem Grossvater, einem Holocaust-Überlebenden, der noch in letzter Sekunde aus der Gaskammer geholt wurde, weil die Nazis gerade einen Musiker für eine Party suchten, ist eine Entschädigung verweigert worden, da er «als ‹Asozialer›, und nicht aus rassistischen Gründen» interniert und mit der nationalstaatlichen Ermordung konfrontiert worden sei. Das ist blanker Wahnsinn und geschichtsverfälschender Hohn, auch wenn die Etymologie ausser Acht gelassen würde.

Ceija Stojka, Schriftstellerin und Künstlerin. (Bild: Robert Newald)

Ein Tisch bleibt leer im Vorarlberg Museum. Dieser steht symbolisch für die im Vorarlberg wohnenden Roma, die beispielsweise während der Arbeitsmigration der 60er-Jahre zugezogen sind und da leben, ohne ihre Geschichte zu erzählen. Allzu häufig ist es einfacher, die Herkunft zu verschweigen, wenn sich ohnehin Sesshafte nicht den hässlichen Vorurteilen der anderen Sesshaften aussetzen wollen. Der leere Tisch mitten in der schieren Fülle an Lebendigem und Historischem hat eine starke Symbolik; ein Schweigen für Menschen, die in unserer Mitte leben. Wo das Vorurteil «Yugoslaw*innen» zieht, gibt es Roma und Romnija, für die es «leichter» ist, als «Yugo» und nicht als sogenannt Fahrende verachtet zu werden. Diese Tabula Rasa gälte es, rücksichtsvoll, mit Geschichten zu füllen – Schweizer Museen haben diesbezüglich auch noch etwas aufzuholen.

Empfehlenswert sind neben vielem anderen die Bilder der 2013 verstorbenen Ceija Stojka. Die Schriftstellerin führt mit ihrer Symbol-geladenen Art-brut Malerei in eine Lebenswelt ein, mit der sie sich selbst proaktiv als Fahrende geoutet hat. Ihre Schriften fungierten als grosser Schritt der Community gegen das Tabu, der Welt der Gadje (nach altindisch: Dörfler) «ohne Ressentiment entgegenzukommen». Auch dies ein Faden durch die Ausstellung, in der zum Schluss propagiert wird, das Wort «Zigeuner» nicht mehr zu verwenden: Traumata finden sich überall. Diese schleppen sich, auch aufgrund fehlender Aufklärung und Behandlung, über Generationen dahin.

Auch Dotschy Reinhardt, die inzwischen aus Reaktion auf die AFD- und Union-Diskurse der SPD beigetreten ist, kennt noch das Gefühl, den Behörden gegenüber prinzipiell misstrauisch sein zu müssen. Hierin wäre ein politischer Ansatz zu finden, pragmatischer wäre es aber, gesellschaftlich anzusetzen. Dann könnten alle zusammen, frei von jeglichen Klischees, gemeinsam Feste feiern oder in Frieden die notwendige Ruhe geniessen. Fahrende müssten keine Angst mehr haben und alle anderen könnten etwas über die eigene Geschichte lernen. Gehts dahin, Leute!

Weiterlesen:

Romane Thana – Orte der Roma und Sinti, Czernin Verlag Wien 2015. Bestellbar unter wienmuseum.at oder online romane-thana.at

Dotschy Reinhardt: Everybodys Gypsy – Popkultur zwischen Ausgrenzung und Respekt, Metrolit Verlag Berlin 2014.

Sybille Knecht: Zwangsmassnahmen – Administrative Anstaltseinweisungen im Kanton St.Gallen, Staatsarchiv St.Gallen 2015. staatsarchiv.sg.ch

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