1992 beauftragen die Appenzeller Bahnen Hans Krüsi damit, ihren Velowagen zu bemalen. Einen Monat lang arbeitet der 72-Jährige im Depot Herisau an seinem grössten Werk, 21 Quadratmeter, Pinselstrich für Pinselstrich. Dann rollt der Prachtswagen aus dem Depot, das Fernsehen berichtet, die Aufmerksamkeit ist gross, die Geschichte auch allzu schön: Krüsi hat es vom verschupften «Bluememannli» zum gefragten In-Künstler geschafft.
Ein Jahr später erhält er den Auftrag, die Einkaufstaschen der Migros zu gestalten. Seine Werke erzielen hohe Preise, aber er verschenkt sie auch freizügig, und das Honorar für seinen Bahnwagen wirkt eher geringschätzig: ein 1. Klass-Abonnement lebenslänglich für die Appenzeller Bahnen. Krüsi sagt in dem in der Ausstellung gezeigten Filmporträt: Geld habe er jetzt genug – bloss mit der Gesundheit hapere es. Zeitlebens geschwächt durch eine frühe Tuberkulose-Erkrankung, stirbt er 1995 in St.Gallen.
Hans Kruesi beim Bemalen des Velowagens, 1992. (Bild: Siegfried Kuhn)
Krüsis Ruhm als einer der herausragenden Aussenseiter-Künstler strahlt bis heute – etwas verblasst sind hingegen die Bahnbilder. Der Wagen rollte einen Sommer lang von April bis Oktober als «Veloplausch»-Aushängeschild durchs Land, danach verschwanden die Tafeln für 30 Jahre im Depot.
Jetzt sind sie erstmals wieder zu sehen. Im Museum im Lagerhaus ist «Krüsi am Zug», wie die grossangelegte Ausstellung betitelt ist, mit den Bahnbildern im Zentrum: eine gewaltige Appenzellerlandschaft mit Hüsli, Bergen, Wegen, Alpaufzügen und immer wieder Velos. Man kann von den Details nicht genug bekommen.
Kuh und Mensch sind eins
Rund herum gruppieren sich Dutzende typischer «Krüsis». Er malt auf alles, was ihm in die Hände kommt – Packpapier, Wurstteller, Zigarrenschachteln, Milchtüten, Hölzer werden zum Malgrund und vor allem die legendären Papierservietten, deren Faltung ihn zu fantastischen Spiegelbildern inspiriert. Seine «gefitzte» Methode illustriert die Kuratorin der Ausstellung, Geraldine Wullschleger, an einer in einer Vitrine ausgelegten Serviette: Von der einen Seite betrachtet, sind es Kuhköpfe – dreht man sie um, kommen Silvesterchläuse zum Vorschein.
Kuh und Mensch wirbeln durcheinander in Krüsis bäuerlich geprägtem Kosmos. Kühe und Menschen samt Tannen formieren sich zu eigenwilligen Alpaufzügen, marschieren in Reih und Glied, bilden auf dem Bild 3Eidgenosen einen munteren Setzkasten. Seine Kuhphilosophie hat er 1980 auf einem Bild mit dem Titel Rund ist die Kuh formuliert: «Die Kuh ist rund Rund ist die Welt Die Kuh hat ein Kalb das Kalb wohnt auf dem Land. Die Kuh lauft in der Stadt herum Jeder möchte / viele haben eine Kuh. Wer keine hat ist ein Kalb.»
Hans Krüsi: 3Eidgenosen, 1981 (Bild: Kunstmuseum Thurgau)
Neben den Bildern und, im Kabinett, Fotoporträts von Regina Kühne oder Mario del Curto fehlen auch Objekte nicht, fragil wirkende Basteleien aus bemalten Abfallmaterialien: ein Windrad, ein windschiefes Haus, das in Krüsis Welt exotisch wirkende Krokodil oder eine der wunderlichen Kuhmaschinen, dreidimensionalen Alpaufzügen, die sich über eine knarrende Kurbel drehen lassen und Kuh und Mensch ins Unendliche vervielfachen.
Andreas Baumbergers Dokumentarfilm Hans Krüsi – Auch ein Esel trägt schwer aus dem Jahr 2004, der in Ausschnitten in der Ausstellung zu sehen ist, zeigt Krüsi beim Herstellen einer Kuhmaschine, beim Kochen, beim Malen. Er gibt in eindrücklichen Schwarzweiss-Aufnahmen Einblick in die Lebenswelt des Malers – seine oft wechselnden Behausungen im Linsebühl, seine stolze «Krüsi Gallerie» oder das Atelier an der Wassergasse 24, in jenem längst weg-gentrifizierten Fabrikgebäude, in dem auch die Kunsthalle 1988 bis 1992 ihre erste feste Bleibe hatte.
Geschätzt – und doch der «Esel»
Wie Krüsi von anderen Künstlern wahrgenommen wurde und wo sich seine Themen wiederfinden, zeigt die im zweiten Ausstellungssaal eingerichtete Dialogausstellung «Auch eine Kuh kann Optimist sein». Rolf Hauenstein zeichnet Krüsi, H.R. Fricker begegnet ihm, Marcus Gossolt fotografiert ihn, und Hedi Zuber porträtiert ihn mehrfach.
Hans Krüsi, fotografiert von Marcus Gossolt.
Auf einem anspielungsreichen «Abendmahl» mit dem Titel Himmel und Höll ist er umgeben von anderen Art-Brut-Künstler:innen inklusive Hedi Zuber selber; auf einem anderen Bild taucht sein Charakterkopf gleich 56fach auf. Daneben darf auch eine Kuh von Bleiker nicht fehlen und weitere mit Krüsi seelenverwandte Viecher.
«Krüsi am Zug» und «Auch eine Kuh kann Optimist sein»: bis 10. Juli, Museum im Lagerhaus St.Gallen
21. und 22. Mai: «Dichterstauffer ruft Krüsi», Spoken Word
museumimlagerhaus.ch
Krüsi ist im Museum im Lagerhaus «am Zug», in einer Fülle und Umsicht, wie es sie seit der Gedenkausstellung 1990 in St.Gallen nie mehr gab. Das könnte noch einmal Anlass geben, über den Umgang der «besseren Gesellschaft» und des Kunstbetriebs mit Autodidakten und «Originalen» wie Krüsi nachzudenken – auch wenn dies in der Ausstellung nicht ausdrücklich thematisiert wird.
In Andreas Baumbergers Film erzählt Krüsi von seiner schmerzlichen Kindheit als Waisenkind in Speicher, von der Zeit als verlachter Aussenseiter. «Wenns obedöre nöd goht, gohts halt onedöre. One hätts au Löcher, wo mer döre cha», sagt er einmal. Später sieht man ihn an einer Vernissage, in bester Laune, aber als gehörte er da nicht hin. Im Element ist Krüsi mit dem Pinsel, den er mit bestechender Sorgfalt und Kunstfertigkeit führt, mit den Tauben, mit den Tonbändern, auf denen er Naturgeräusche aufnimmt, mit den Blumen, die er jahrzehntelang an der Zürcher Bahnhofstrasse verkauft hat.
«I chomm mer vor wie’n en Esel, wo links und rechts vo zwei Hönd bewacht wert. Cha nöd vorwärts und nöd rückwärts – aber wenn de Esel abliit, chasch au nünt mache», sagt Krüsi einmal im Film.
Seit 25 Jahren zeigt das Museum im Lagerhaus in St.Gallen naive Kunst und art brut. Die Jubiläumsausstellung ist imposant.
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.