Ovartaci, 1894 im dänischen Ebeltoft als Louis Marcussen geboren und 1985 in Risskov gestorben, hat eine bewegte Lebensgeschichte. 56 Jahre verbrachte die Künstlerin aufgrund einer paranoiden Psychose in psychiatrischen Kliniken, elf Jahre in der Klinik Dalstrup in Djursland, die restliche Zeit in der Klinik Risskov in Århus.
Crazy, Queer and Lovable: Ovartaci / ICH DU ER SIE XIER: Transidentität bis 1. März 2020, Museum im Lagerhaus, St.Gallen
museumimlagerhaus.ch
Frau oder Mann – für immer? Vortrag von David Garcia Nuñez, Leiter für Geschlechtervarianz an der Klinik für Plastische, Rekonstruktive, Ästhetische und Handchirurgie, Basel. 12. November, 18 Uhr, Museum im Lagerhaus, St.Gallen
KKK – Kunst Kaffee Kuchen Transidentität: ein aktuelles Thema 24. November, 15 Uhr, Museum im Lagerhaus, St.Gallen
Film Genderwonderland (2016) Mit der Regisseurin Michelle «Jazzie» Biolley, Video- und Fotokünstlerin, Gender-Aktivistin und Initiantin von «Be Queer». Mit Diskussion. 26. November, 18 Uhr, Museum im Lagerhaus, St.Gallen
In dieser «geschützten Umgebung» sind hunderte Werke entstanden – Malereien, Puppen, Flugobjekte, Rauchutensilien, Wörterbücher und vieles mehr. Erschaffen aus allem, was gerade zur Hand war, Stoff, Papiermaché, Sardinenbüchsen, Karton, Zahnpastatuben, auf Türen, Wänden und Decken. Ovartaci gilt als dänisches Pendant zum Schweizer Künstler Adolf Wölfli, der von 1895 bis zu seinem Tod 1930 in der Nervenheilanstalt Waldau lebte und einer der bedeutendsten Vertreter der Art Brut ist.
Die grosse Ovartaci-Schau, die noch bis am 1. März im Museum im Lagerhaus in St.Gallen zu sehen ist, erstmals in der Schweiz, ist Teil der internationalen Trilogie «Das ‹andere› in der Kunst» und widmet sich den Themen Gender, sexuelle Identität und Transgeschlechtlichkeit. Parallel dazu zeigt das Museum im Lagerhaus die Ausstellung ICH DU ER SIE XIER, die mittels Fotografie, Film, Installationen und Malerei zeitgenössische Positionen zu Genderzugehörigkeit und Geschlechterklischees bezieht. Mit Werken von Muda Mathis & Sus Zwick, Michelle «Jazzy» Biolley, Francesca Bertolosi und Sascha Alexa Martin Müller.
Ein fabelhaftes Universum
Ich besuche die Ausstellung an einem Mittwochnachmittag mit Fabienne Egli, einer guten Freundin und Fachfrau für Transgeschlechtlichkeit. Ovartacis Werke sind wundervoll verspielt. Wir sind fasziniert von ihrem Ideenreichtum, den unzähligen Einflüssen, Stilen und Materialien, wundern uns aber auch über ihre oft doch recht binäre bzw. einseitige Vorstellung von Weiblichkeit – die nicht ihr, sondern dem damaligen psychiatrischen und auch gesellschaftlichen Narrativ geschuldet ist. Viel zu lange mussten weibliche Personen aussehen wie «eine echte Frau»: grosse Augen und Brüste, schmale Schultern, schlanke Taille, lange Beine usw. Heute sind die Frauenbilder zum Glück etwas diverser.
Ovartaci – Puppe Freiheit. (Bild: pd)
Diese extreme Weiblichkeit, das Barbiepuppenhafte, findet sich auch in vielen Ovartaci-Werken – allerdings weicht sich diese Sicht mit zunehmendem Alter auf, ihre Werke werden non-binärer, fliessender. Zumindest vermuten wir das, denn leider sind die Arbeiten nirgends datiert, weder in der Ausstellung noch in der dazugehörigen Publikation. Ovartacis Vermischung der Geschlechter funktioniert nicht immer, war vielleicht auch gar nicht so gewollt. Jene mit der Tierwelt hingegen schon, was sehr schön anzusehen ist: Overtaci hat etliche Fabelmischwesen erschaffen, wandelbare katzenhafte, froschähnliche, krokodilige Geschöpfe mit nah- und fernöstlichen, aber oft auch mystischen Einflüssen.
Eine eigensame, wunderliche Welt, die einlädt zum Verweilen und Fantasieren und allerhand Knöpfe bei uns drückt. Wir bleiben immer wieder stehen, diskutieren über das Verhältnis von Mensch und Tier, über unsere eigene Wahrnehmung von «Geschlecht», über verkrustete Klischees und wie man diese als Künstlerin aufbrechen kann oder eben auch nicht. Und wir fragen uns, wie wohl das Leben für trans Frauen Anfang des 20. Jahrhunderts ausgesehen hat. Dazu muss man sagen, dass Ovartaci eine trans Frau «avant la lettre» ist. Der Begriff «trans» kommt aus der Psychiatrie und hat sich erst in den 1950er-Jahren richtig etabliert, allerdings nur für trans Frauen. Trans Männer waren zu dieser Zeit noch kein Thema bzw. unsichtbar. Das änderte sich erst in den 1980er-Jahren.
Ovartaci küsst die Puppe Night Queen, 1975. (Bild: Museum Ovartaci, Arhus)
Ovartaci hatte es vermutlich besser als andere trans Frauen zu ihrer Zeit. In der Ausstellungspublikation ist zu lesen, dass der Psychiatrieaufenthalt für sie sowas wie ein Segen war, da sie dort endlich die Rahmenbedingungen für ihr persönliches und ihr Künstlerinnenleben vorfand, die sie zuvor, unter anderem in Argentinien, so lange gesucht hat. Auch, weil sie offenbar viele Freiheiten und eine bevorzugte Behandlung genoss, als eine Art Ober-Patientin galt, im jütländischen Dialekt «Overtossi» oder «Overfool», woher auch ihr Alter Ego Ovartaci rührt.
Auf die Sexualität reduziert
Warum wir sie als Künstlerin bezeichnen, liegt auf der Hand. Ovartaci wollte ihr Leben lang als Frau gelesen werden. Sie hat sich nach mehrmaligem Bitten um eine Operation selber den Penis mit einem Meissel abgehackt. Und später, als Geschlechtsangleichungen für trans Frauen medizinisch möglich wurden, die Transition vollzogen – mit 63 Jahren. Mag sein, dass Ovartaci ihren Geburtsnamen wieder angenommen hat, als sie dement wurde in der Zeit vor ihrem Tod. Aber sie hat damals auch ihre eigene Kunst und ihre Traumwelten nicht mehr verstanden, darum gehen wir davon aus, dass sie sich als weiblich verstanden haben wollte.
Umso irritierender ist es, dass die Texte in der Ausstellung und in der dazugehörigen Publikation fast durchgehend das männliche Pronomen verwenden. Trans wird verleumdet und heruntergespielt, ohne das nötige Verständnis behandelt. Ein Beispiel: «Seine Zeitgenossen und Ovartaci selbst werten sexuelle Exzesse nicht leichtfertig. Sein Bestreben, seine Identität zuerst zu einem Eunuchen und später in eine Frau zu verwandeln, kann als Wunsch nach Keuschheit und Schönheit und als Deaktivierung von Instinkten angesehen werden, und nicht vorwiegend als Traum, das weibliche Geschlecht zu erlangen. Durch den Schmerz und die Entbehrung erschafft Ovartaci den neuen Menschen, von dem er geträumt hat. Er wird seine eigene Schöpfung.»
Ovartaci – Helicopter. (Bild: Museum Ovartaci, Arhus)
An diesem Abschnitt ist so vieles so falsch, man mag es fast nicht aufzählen. Sexuelle, identitäre und körperliche Ebene werden vermischt. Einerseits wird Ovartaci das sexuelle Verlangen abgesprochen, gleichzeitig wird aber ihre Sehnsucht, eine Frau zu sein, auf die Sexualität reduziert oder auf ihre Puppenfreundinnen projiziert. Besonders irritiert uns, dass permanent von Ovartaci als Mann gesprochen wird, «der seine weibliche Seite sucht». Sie hat sich selber, ohne Betäubung, den Penis abgehackt. Was muss eine Person denn noch tun, um als trans akzeptiert – und rezipiert – zu werden? Schlimm genug, dass auch in der Schweiz bis 2012 noch ein Operations- bzw. Sterilisationszwang für die Personenstandsänderung von trans Frauen herrschte. Oder in Fabiennes Worten: «Ich habe mich sehr auf die Ausstellung gefreut. Vieles ist gut gemeint, aber leider wurde auch hier einmal mehr mit vielen Vorurteilen und Klischees gearbeitet. Mir fehlt die Differenzierung.»
Tiger, Schmetterlingselfen, Mistviecher
Die Parallel-Ausstellung ICH DU ER SIE XIER setzt der Ovartaci-Schau «zeitgenössische Positionen des Männlichen, Weiblichen und von Transidentität» entgegen. Da ist eine humorige Fotoserie von Muda Mathis & Sus Zwick zu sehen, die Geschlechterstereotypen spielerisch dekonstruiert. Und ein Geschlechterpendel von Sascha Alexa Martin Müller, das zu rotieren beginnt, wenn man davor steht. Und der Dokfilm Genderwonderland von Michelle «Jazzie» Biolley, in dem verschiedene Menschen aus verschiedenen Ländern zu Wort kommen, die Geschlecht jenseits der gängigen Schubladen und Konventionen verstehen und ihre ganz eigene Genderutopie leben. Auch hier fehlt etwas die Differenzierung: Was ist Sexualität, was Identität, was Körperlichkeit und was sexuelle Orientierung?
Weiter hinten hängen Malereien von Francesca Bertolosi, die Ovartacis Arbeiten recht nahe kommen. Mystische Drachen und Tiger, Schmetterlingselfen, Mistviecher. «Diese fantastischen Bilder gefallen mir besonders gut, weil sie nicht mit den gängigen Inhalten arbeiten und für mich als wirkliche Kunst von einer trans Person wirken», sagt Fabienne und fügt an, dass beispielsweise auch die Fantasy-Filme Matrix, V for Vendetta oder Cloud Atlas von zwei trans Frauen gemacht wurden, den Wachowski-Schwestern. «Sie zeigen Kunst, wie sie eben auch möglich ist, fernab von Klischees.»
Bevor wir uns wieder auf ins Regenwetter machen, bleiben wir am letzten Satz auf der Infowand hängen: Bertolosis Motive stünden für Schutz und Stärke, aber auch für den Tod, dem sie immer wieder begegne in der Queer-Szene, steht da – «ist doch das Suizidrisiko von Transmenschen hoch». Ein weiterer Wermutstropfen. Keine Rede von den äusserlichen Einflüssen, von Diskriminierung, Stigmatisierung, Gewalterfahrungen. «Eine Einordnung, dass die erhöhte Suizidgefährdung mit der mangelnden politischen und gesellschaftlichen Akzeptanz von trans Menschen zusammenhängt, wäre hier dringend nötig gewesen», kritisiert Fabienne. «Ich bezweifle, dass eine trans Person bei der Planung involviert war.» Trotzdem findet sie die Ausstellung wichtig und sehenswert, gerade für Menschen, die noch nicht so viel Ahnung von Transgeschlechtlichkeit haben.
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