Von Beruf bin ich lesbisch, jedenfalls dann, wenn mich Zeitungen anrufen und zu lesbischen Themen befragen. Mal ist das ein Parlamentsentscheid über Samenspenden, mal das bi-curious Video einer Influencerin.
Die Relevanz variiert; nicht nur aus der Sicht der Öffentlichkeit, sondern auch aus meiner eigenen. Der Anruf über den schwuchtligen König blieb mir von allen am meisten in Erinnerung.
Es war ein Journalist einer Berner Zeitung. Irgendwo in der Stadt sei ein Theaterstück für Kinder angelaufen, eine Version von Robin Hood. Aber mit einer weiblichen Robin Hood, die dann auch mit einer weiblichen Figur zusammenkommt. Und der böse König ist auch …schwul, sagte der Journalist.
Cool, sagte ich. Und dann: Moment. Ist er denn im Stück mit einem Mann zusammen? Neinnein, antwortete der Journalist und kam etwas ins Stottern, …aber …also …es wird recht klar, dass er, nun, schwul ist.
Anna Rosenwasser, 1990 geboren und in Schaffhausen aufgewachsen, wohnt in Zürich. Sie arbeitet als Geschäftsführerin für die Lesbenorganisation Schweiz (LOS) und als freischaffende Journalistin.
Achtet mal darauf: Die meisten Leute, die «schwul» oder «lesbisch» sagen, werden kurz leiser. Wie bei Lord Voldemort. Eigentlich interessant, unsere Identitäten werden entweder gerufen – SCHWUCHTEL! SCHEISSLESBE! – oder fast geflüstert. Als könnte man bei uns nicht anders, als sich im Ton zu vergreifen.
Der böse König ist also nicht mit einem Mann zusammen, aber der Journalist insistiert, man merke ihm das Schwulsein trotzdem an. Wie denn?, fragte ich, und als keine Antwort kam: Verhält er sich denn schwuchtlig?
Ja, sagte der Journalist, und es klang etwas verschämt. Aber es sei ja ein lustiger Charakter – und das ist doch etwas Gutes?, ergänzte er hoffnungsvoll.
Ja. Schwuchtlig sein ist etwas Gutes. Schwuchtlig sein ist genauso etwas Gutes wie nicht schwuchtlig sein. Der Unterschied ist: Über schwuchtlige Männer macht man sich lustig. Es gibt das schwuchtlige Musical-Murmeli, die schwuchtligen Nebencharaktere in Teenie-Filmen und jetzt also einen schwuchtligen Robin-Hood-König.
Schwuchtlig, das heisst: Männer, die sich so verhalten, dass wir es als feminin wahrnehmen. Und das gilt dann als lustig. Wahlweise auch grusig. Oft beides gleichzeitig.
Wenn wir aber «weibliches» Verhalten an Männern als Pointe ansehen: Was sagt das über unser Verhältnis zu Weiblichkeit aus? Was sagt es aus, dass das Wort für feminine Männer, nämlich «Schwuchtel», negativ konnotiert ist? Dass ein Journalist am Telefon sich nicht getraut, das Wort auszusprechen – aber darauf beharrt, dass eine entsprechende Rolle lustig ist?
Wenn ich an Pride-Paraden demonstriere, dann demonstriere ich auch für alle schwuchtligen Jungs. Für geschminkte und emotionale und stockstockstockschwule Jungs, deren Identitäten als Pointe hinhalten müssen, weil «Weiblichkeit» noch immer als Schwäche angesehen wird.
Ich demonstriere für schwuchtlige Theaterkönige und schwuchtlige Musicalmurmelis, für die Freiheit jedes Mannes, sein Männlichsein so leben zu können, wie es ihm passt. Quasi für eine gerechtere Verteilung des Schwuchtligseins.
Wie Robin Hood.
Dieser Beitrag erschien im Oktoberheft von Saiten.
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