Letztens lief ich so in ein Café rein, und an der Theke arbeitete eine junge Frau, die vermutlich queer war. Wir hatten uns zuvor noch nie gesehen, sie hat zum Zeitpunkt meines Cafebesuchs nicht «ICH BIN GAY!» durchs Lokal gerufen, und trotzdem trafen sich kurz unsere Blicke, und wir wussten beide: Aha. Ein Mitglied der Community.
Wir sagten uns nett hallo, das mir noch fremde Familienmitglied und ich. Tatsächlich: Auf ihrem Namensetikett war eine Regenbogenflagge. Vermutlich ein Etikett aus dem Juni, dem offiziellen Pride-Monat, wo manche Unternehmen gerne Regenbogen platzieren. «Wie geil, du hast eine Pride-Flagge auf dem Namensschild!», sagte ich zu ihr, nachdem ich bestellt hatte, und sie teilte meine Freude und wir plauderten kurz, einfach nur, weil wir beide so gay sind.
Anna Rosenwasser, 1990 geboren und in Schaffhausen aufgewachsen, wohnt in Zürich. Sie arbeitet als Geschäftsführerin für die Lesbenorganisation Schweiz (LOS) und als freischaffende Journalistin. (Illustration: Lukas Schneeberger)
Man stelle sich das mal bei Heteros vor. Dass sie in ein Lokal reinlaufen und freundschaftlichen Augenkontakt haben mit anderen Heteros. Dass sie dann bei sich denken «Hach, ein Familienmitglied», und dass sie sich dann nach der Bestellung darüber unterhalten, dass sie beide hetero sind, mit einer Hetero-Flagge auf dem Namensetikett. Lustige Vorstellung.
Und dann denkt man: Warum eigentlich, ihr Homos? Warum macht ihr das, diese Parallel-Gesellschaft, dieses Abfeiern des Andersseins. Warum müsst ihr allen den Regenbogen ins Gesicht klatschen, eigene Partys feiern und auch noch betonen, dass ihr gay seid. Was soll diese Glorifizierung des Andersseins?
Das klingt immer, als wäre Anderssein eine Entscheidung. Und es klingt auch immer, als wäre die vermeintliche Entscheidung, homosexuell zu sein, schlecht. Dabei werden wir zu «den Anderen» gemacht, in jedem Bereich unseres Lebens, ohne dass wir gefragt werden, ob wir uns gern als «anders» wahrnehmen.
Wenn wir zu «den Anderen» gemacht werden für etwas, das eigentlich nichts Schlechtes ist, warum nicht Glitzer drüberstreuen und es geniessen? Der Vorwurf, wir würden uns damit isolieren, ist ein Denkfehler. Ich meine, Menschen betonen ja gern Dinge, die sie gern haben. Metalheads haben ihre Community, Cosplayer haben ihre Community, Schmink-Fans haben ihre Community. Weil sie alle Freude haben an derselben Sache. Das isoliert sie nicht, das macht ihnen Freude.
So gehts uns Queers auch: Ich kann aus eigener Erfahrung sagen, auf Frauen zu stehen ist ein sehr schönes Gefühl. Ich möchte es feiern, in die Welt raustragen und low key mit meiner Freundin angeben. Genau das Bedürfnis hatte ich auch zu Zeiten, in denen ich mit Männern zusammen war – aber die Welt gabs schon. Sie nannte sich Normalität. Jede Party ist eigentlich eine Heteroparty, jede Werbung ist eigentlich eine Heterowerbung, und seien wir ehrlich, jede Fasnacht ist eigentlich eine Hetero-Pride.
Dass ich auf Männer stehe, muss ich nicht mehr abfeiern, weil unsere Kultur das schon längstens für mich übernommen hat: Man ist sich einig, dass es was Schönes ist, wenn Männlein und Weiblein sich begehren. Wir Homos feiern eigentlich bloss das, was bisher vergessen wurde. Hätte unsere Kultur sie von Anfang an mitgedacht, wer weiss, vielleicht würden wir das Homo-Sein dann nicht mehr so betonen.
(Just kidding. Wir würden es trotzdem betonen.)
Dieser Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.
Johanna und Szilamer arbeiten seit vier Jahren als Erntehelfer:innen in Fruthwilen. In ihrer Heimat Rumänien ist die wirtschaftliche Lage angespannt und die körperliche Arbeit auf dem Feld sind sie gewohnt.
Am 29. Oktober entscheidet die SP der Stadt St.Gallen, wen sie in die Ersatzwahl um den Stadtratssitz von Peter Jans schickt. Was ursprünglich wie eine Formalität aussah, hat sich zu einem spannenden Rennen entwickelt. Mit offenem Ausgang.
Jock Kobels zweiter Fall
Musik
Heppelers Bestiarium
Nach einer ganz passablen ersten Halbzeit der Espen sowie Führung durch einen Elfmeter von Görtler vor der Pause, spielen die St. Galler dieses Resultat anschliessend herunter und holen sich die 3 Punkte.
Mehr als viereinhalb Stunden dauerte Der Prozess Pelicot im Theater St.Gallen. Milo Rau und Servane Dècle inszenierten einen Abend über sexualisierte Gewalt und chemische Unterwerfung – und über eine Gesellschaft, die von Männern mehr Verantwortung verlangt.
Die Menschenrechte stehen weltweit unter Druck. Doch wie konsequent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neues Buch nimmt die Schweizer Menschenrechtspolitik kritisch unter die Lupe. An der Buchvorstellung im Square wurde über Widersprüche, Versäumnisse und mögliche Lösungen diskutiert.
In einer Tennishalle im toggenburgischen Unterwasser trafen sich vor zehn Jahren 5000 Neonazis zum grössten Rechtsrock-Konzert, das je im deutschsprachigen Raum stattgefunden hat. Linke Politiker:innen reagierten schnell, doch das Ergebnis ist ernüchternd.
Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater
Stimmrecht
Erntehelfer:innen sind in der Schweiz schlecht geschützt. Ihre Arbeitsbedingungen liegen oft in Graubereichen, Kontrollen sind schwierig. Eine Veränderung würde jedoch bedeuten, ein ganzes System auf den Kopf zu stellen.
Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty
Die St.Galler Restaurants Toscana und The Pinch machten vergangene Woche über Nacht dicht. 15 Personen standen unvorbereitet auf der Strasse. Das verantwortliche Investoren-Duo schliesst nicht zum ersten Mal ein Restaurant in der Stadt. Das abrupte Ende wirft Fragen auf.
Die Stadt St.Gallen muss sparen und will das historische Volksbad nach der Wiedereröffnung des Hallenbads Blumenwies schliessen. Dabei verspricht die Stadt seit über 40 Jahren die Sanierung.
Die St.Galler Regierung spart gegen ihren Willen weitere 60 Millionen Franken ein und rechnet für 2027 mit einem Plus von 55 Millionen Franken. Kulturelle Arbeit wird dabei weiter prekarisiert – mit einer grossen Ausnahme.
Filminstallation über Vergänglichkeit
Die alten Fabrikhallen sind aus Winterthurs Kulturleben nicht mehr wegzudenken. Sie wären aber nichts ohne engagierte und gut vernetzte Menschen. Saiten konnte auf Einladung des Kulturmagazins «Coucou» einige von ihnen treffen. Ein kleiner Stadtrundgang
Das Konzert und Theater St.Gallen zeigt eindringlich auf: Femizide existieren in der Schweiz noch immer im ungeheuren Ausmass. Die Inszenierung von Corinna von Rad setzt auf das Groteske in Georg Büchners Woyzeck und feierte am Samstag Premiere im Grossen Haus. Eine Produktion für «jeder-Mann»!
Viel Energie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neuen Album Now To Ruin der Thurgauer Band S.G.A.T.V.. Getauft wird am 1. Oktober im Winterthurer Kraftfeld. Saiten hat vorab reingehört.