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Die wahre Problemzone der Frau

Am Montagmorgen lud das St.Galler Frauen*streik-Kollektiv zum Weckruf und zum gemeinsamen Füssehochlegen in der Marktgasse. Dieser Zeitpunkt ist bewusst gewählt.
Von  Corinne Riedener
«Schluss mit Gratisarbeit und Prekarität!», fordert Maja Dörig (Mitte). (Bilder: co)

Keine Ruhe nach dem sonntäglichen Wahlspektakel. Es war schliesslich nicht nur eine Klimawahl, es war auch eine Frauenwahl – gestern nahm die Schweiz endlich den lange verpassten, feministischen Rank: In Graubünden ist der Frauenanteil gestiegen, ebenso in Aarau, Fribourg, Genf, Zürich und natürlich in St.Gallen. Selbst die Innerschweiz ist im 20. Jahrhundert angekommen (und wird es auch noch ins 21. schaffen, wir glauben fest an euch!).

Laut «Helvetia Ruft!» liegt der Frauenanteil im Nationalrat neu immerhin bei 42,5 Prozent, der Ständerat muss noch etwas mehr aufholen. Das sind gute Nachrichten, aber noch zu wenig, um in Euphorie auszubrechen.

Die Lohnungleichheit im Privatsektor beträgt immer noch rund 20 Prozent, Altersarmut ist immer noch weiblich, Migrantinnen rangieren immer noch am Ende der Nahrungskette und eine Frau muss immer noch Brüste und eine Gebärmutter haben, um als solche angesehen zu werden. Und die Care Arbeit… Ach, lassen wir das.

Es gibt jedenfalls weiter viel zu tun. Dieser Meinung ist auch das St.Galler Frauen*streik-Kollektiv und hat drum am Montagmorgen zum Weckruf in der Marktgasse geladen. «Schluss mit Gratisarbeit und Prekariat!», ruft SP-Parlamentarierin Maja Dörig ins Megafon. «Wir fordern mehr Lohn und soziale Sicherheit für Frauen.»

Maja Dörig liest aus dem Frauen*streik-Manifest. (Klick zum Vergrössern.)

Die Renten der Frauen in der Schweiz seien im Durchschnitt 37 Prozent tiefer als jene der Männer, kritisiert Dörig unter anderem. Deshalb müssten Seniorinnen mehr als doppelt so häufig Ergänzungsleistungen beantragen. «Die wahre Problemzone der Frau ist definitiv nicht ihre Figur, es ist das Geld!»

Die etwa 30 anwesenden Frauen applaudieren, pusten in ihre roten Trillerpfeifen und stellen klar: So schnell geht ihnen der Schnauf nicht aus. Einige haben Liegestühle und andere Sitzgelegenheiten mitgebracht. Passantinnen bleiben neugierig stehen, der Pöstler in seinem gelben Lieferwagen feuert die Frauen an und hupt mit im Vorbeifahren.

 

Vor dem grünen Kaffee-Riesen nebenan posaunt einer frauenfeindliche Parolen heraus. Ein anderer Herr erzählt amüsiert, dass er zuerst gedacht habe, das Gepfeife sei eine Aktion der Lungenliga – und betont, dass er sich selbstverständlich mit den Frauen solidarisiere. Heute sei er zwar pensioniert, aber früher, da hätten alle seine Angestellten stets gleich viel verdient. «Das gehört sich so und ist schliesslich auch im Gesetz verankert.»

Ein Wermutstropfen in seinen Augen: dass die Aktion nicht mehr Menschen erreicht. «Montagmorgen ist halt eine schwierige Zeit», stellt er fest und ruft laut «Aha!», als er den Grund für diesen Zeitpunkt erfährt. Dieser ist nämlich aus gutem Grund so gewählt: Statistisch gesehen arbeiten Frauen ab dem 21. Oktober gratis. Ab heute bis Ende Jahr verdienen sie im Vergleich zu den Männern durchschnittlich: nichts.

Damit soll Schluss sein, fordert das Frauen*streik-Kollektiv. Und legt darum demonstrativ die Arbeit nieder bzw. die Füsse hoch. In der Hoffnung, dass das Partiarchat bald aus dem letzten Loch pfeift.

Mehr zum Frauen*streik im Juniheft von Saiten.

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