Aa machen, Kötzeln, Pischi anziehen: Ohne die Hilfe von anderen würden wir gleich nach der Geburt in Todesgefahr schweben. Wir alle sind bedürftig, wir brauchen Menschen, die uns wickeln, uns Nahrung, Schutz und Wärme geben, die uns helfen, wenn wir alt oder krank sind und nicht mehr alleine auf die Toilette oder zum Einkaufen gehen können. Was so selbstverständlich klingt, wird auch von der Wirtschaft als völlig selbstverständlich angeschaut: Die Care Arbeit, das Sorgetragen für andere, ist schlecht oder gar nicht bezahlt.
Es ist eine Binse: In der Schweiz und weltweit wird mehr unbezahlt als bezahlt gearbeitet. Das Bundesamt für Statistik schätzte die gesamte, im Jahr 2016 geleistete unbezahlte Arbeit auf einen Geldwert von 408 Milliarden Franken (wovon im Bruttosozialprodukt nie die Rede ist), dabei macht die Hausarbeit inklusive Betreuungsaufgaben den grössten Teil aus. Und: Die Frauen leisten gut 61 Prozent dieses unbezahlten Arbeitsvolumens – Mamas, Omas, Schwestern, Tanten oder Freundinnen, die in vielen Fällen nebenher noch einer tagesfüllenden Lohnarbeit nachgehen.
Diese und weitere Zahlen zur Care Arbeit sind in der kürzlich erschienenen Publikation der Schweizerischen Frauensynode 2020 zu finden. Sie wurde verfasst von den promovierten Theologinnen Ina Praetorius und Regula Grünenfelder. Die 24-seitige Broschüre mit dem programmatischen Namen Wirtschaft ist Care zeigt an verschiedenen Beispielen, dass Care Arbeit mehr ist als Wickeln, Haushalten oder Altersversorgung. Da gehört auch die Oma dazu, die früher den heutigen Fussballstar gehütet hat und ihn ideell unterstützt, oder «Frau Costa», die ehrenamtlich in der Dorfbibliothek und mit Geflüchteten arbeitet. Veranschaulicht ist das mit fünf Comics der Illustratorin Kati Rickenbach.
Erster Runder Tisch zur Care-zentrierten Ökonomie: 25. Januar, 17 bis 20 Uhr, Konferenzraum Fachhochschulzentrum St.Gallen. Anmeldung bis 19. Januar: contact@inapraetorius.ch wirtschaft-ist-care.org
Auf den ersten Blick erschient die Broschüre vielleicht etwas kindlich, doch sie ist alles andere als das, denn die darin versammelten Voten und Fragen haben es in sich. Auf kompakte, verständliche Weise wird unter anderem erklärt, was Ökonomie bedeutet (die Theorie und Praxis der Befriedigung menschlicher Bedürfnisse), was es braucht, um einer Erwerbsarbeit nachzugehen (vorher geleistete Sorgearbeit) oder wozu wir das liebe Geld eigentlich brauchen (um die Herstellung und Verteilung bestimmter Mittel zur Bedürfnisbefriedigung zu vereinfachen). Dazu sind allerhand Links zur Vernetzung und weiteren Information versammelt, die auf der Website der Frauensynode 2020 laufend aktualisiert werden.
Auch ein Zitat der Politikwissenschaftlerin und Journalistin Antje Schrupp findet sich in der Broschüre: «Die Sorgearbeit, auch die unbezahlte, müsste endlich als selbstverständlicher Teil der Ökonomie betrachtet werden. Das heisst, sie muss auch in volkswirtschaftliche Kalkulationen einbezogen werden, sonst sind alle Rechnungen falsch … » In den Sozial- und Genderwissenschaften hat das Nachdenken über eine Care-zentrierte Ökonomie schon begonnen, in den Wirtschaftswissenschaften ist es, sagen wir, noch ausbaufähig. Darum lädt der Verein «Wirtschaft ist Care» im Januar zum runden Tisch mit der Frage: Was braucht es, damit Care-Leistungen in den Wirtschaftswissenschaften den Raum bekommen, der ihrer tatsächlichen Bedeutung entspricht?
Frauensynode 2020: 5. September 2020 frauensynode.ch
Das passt wunderbar zum geplanten Frauenstreik, der am 14. Juni schweizweit stattfinden soll. In den letzten zwei Jahren haben die Frauen auf der ganzen Welt zu Protesten und Aktionen aufgerufen, um ihre Forderungen auf die Strassen zu tragen. In Spanien haben die Frauen schon letztes Jahr landesweit gestreikt und gezeigt, was es heisst, wenn Frauen sich dafür entscheiden, die bezahlte und unbezahlte Arbeit niederzulegen. Noch am gleichen Abend sind sechs Millionen Frauen und solidarische Männer mit ihnen auf die Strassen gegangen – ein mächtiger Anblick.
Knapp 30 Jahre nach dem ersten und bislang letzten Frauenstreik in der Schweiz ist es nun an der Zeit für einen zweiten umfassenden Frauenstreik in diesem Land. Das ist auch bitter nötig. Der Frauenkongress des Schweizerischen Gewerkschaftsbunds SGB hat vor einem Jahr entschieden, für den 14. Juni 2019 zum Frauenstreik aufzurufen, dem Jahrestag des letzten Streiks. Dass auch die Schweiz ein durchaus streiklustiges Land sein kann, haben die 20’000 Menschen klar gemacht, die im vergangenen September an der Demo für Lohngleichheit in Bern auf die Strasse gegangen sind.
Offener Austausch zum Frauenstreik 2019: 13. Januar, 14 bis 17 Uhr, Waaghaus St.Gallen frauenstreik2019.ch
Für alle, die zum Frauenstreik 2019 aktiv werden wollen, findet im Januar ein erster offener Austausch in St.Gallen statt, samt Kinderbetreuung vor Ort. Auf dem Flyer steht: «Alle Frauen* sind ganz herzlich willkommen.» Wir gehen davon aus, dass diese Einladung für alle solidarischen Geschlechter gilt.
Dieser Beitrag erschien im Januarheft von Saiten.
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.