Manuela Ronzani ist entsetzt. Mit Schrecken musste die St.Galler SVP-Stadtparlamentarierin vernehmen, dass die Frauen am 8. März, dem Internationalen Tag der Frau gratis ins Kunstmuseum, die Kunstzone der Lokremise und das Museum im Lagerhaus kamen. Dieser Skandal hat sie (oder die Männer in ihrer Partei?) so dermassen beschäftigt, dass sie eine Woche später eine Einfache Anfrage einreichte. Titel: «Finanziert die Stadt Männerdiskriminierung mit?»
«Meine Recherchen», schreibt die 29-Jährige Jus-Studentin, «haben ergeben, dass die Gratiseintritte über das normale Betriebsbudget abgerechnet werden, kein privater Trägerverein an den Mindereinnahmen beteiligt ist und somit die Stadt diese Gratiseintritte mitfinanziert.» Der Gratiseintritt für Frauen stelle eine «nicht gerechtfertigte Diskriminierung aufgrund des Geschlechts» dar. Dieses «falsche und kräftige Symbol» impliziere, dass «die Stadt Geschlechterdiskriminierung nicht nur gutheisst, sondern auch fördert».
Ronzani will nun vom Stadtrat wissen, von wem die Gratiseintritte (mit)finanziert wurden, wie er diese «Diskriminierung eines Geschlechts über Kulturinstitutionen» rechtfertigt, wie er diese zu beheben gedenkt, ob es seitens der städtisch subventionierten Kulturinstitutionen weitere derartige Diskriminierungen gibt und was der Frauentag die Stadt insgesamt gekostet hat.
Es sind keine zusätzlichen Kulturgelder geflossen
Die Saiten-Kurzrecherche hat ergeben, dass die Steuerzahlenden die angebliche Diskriminierung nicht zusätzlich berappen. «Die städtische Kulturförderung hat keine Gelder spezifisch den 8. März betreffend an irgendeine Kulturinstitution ausgerichtet», sagt Barbara Affolter von der Kulturförderung und erklärt: «Aus dem Budget der Dienststelle Kulturförderung richtet die Stadt Subventionen an verschiedene Kulturinstitutionen aus für den Ganzjahresbetrieb. Die Aufgaben sind jeweils in einer Leistungsvereinbarung geregelt. Die Stadt überlässt die Führung des Betriebs den jeweiligen subventionierten Kulturinstitutionen und bringt sich nicht in operative Massnahmen ein.»
So gesehen hat die Stadt den 8. März im Museum tatsächlich übers Betriebsbudget mitfinanziert, aber nicht explizit. Die städtisch subventionierten Kulturinstitutionen müssen sich zum Glück keine «Erlaubnis» für besondere Anlässe einholen, sofern sie innerhalb ihres Budgets agieren. Genau das war der 8. März nämlich, ein besonderer Anlass, aber auch nicht spezieller als andere. «Vergleichbar mit Anlässen wie etwa der Nachtschicht oder Künstlergesprächen», sagt Irina Wedlich vom Kunstmuseum St.Gallen.
Der Tag sei ein Erfolg gewesen, wie schon letztes Jahr. Mehrkosten seien keine entstanden. Das Museum habe Social Media-Werbung gemacht und eine Karte gedruckt wie für andere Veranstaltungen auch. «Auch die Band, die am 8. März bei uns gespielt hat, hat nichts gekostet», erklärt Wedlich. «Die drei Musikerinnen haben ihr Konzert den anwesenden Frauen zum Frauentag geschenkt.»
Vom Vorwurf der Diskriminierung distanziert sie sich. «Das war sicher nicht unsere Intention. Am 19. November ist der Internationale Männertag, dann werden im Gegenzug die Männer gratis ins Museum gelassen.» Das sei bereits im letzten Jahr so geplant gewesen, allerdings sei da der Tag auf einen Montag gefallen, wenn die Museen geschlossen seien.
Wie geht die Stadt mit dem Frauenstreik um?
Man stelle sich das Gezeter in der SVP-Gilde vor, würde der Stadtrat die gestern eingereichte Einfache Anfrage aus der SP-Juso-Fraktion frauenfreundlich beantworten. Diese fragt nämlich, wie es denn mit dem schweizweiten zweiten Frauenstreik am kommenden 14. Juni aussieht, der voraussichtlich auch die städtische Verwaltung betreffen wird.
Jenny Heeb, Alexandra Akeret (beide SP) und Andrea Scheck (Juso) wollen vom Stadtrat wissen, wie er gedenkt, den streikenden Angestellten der Verwaltung entgegenzukommen, ob die Stadt eine proaktive Positionierung als Arbeitgeberin gegenüber ihren Mitarbeitenden plant und, falls die Stadt ihren streikenden Angestellten nicht entgegenkommt: mit welchen Konsequenzen die Frauen zu rechnen haben, die trotzdem ihre Arbeit niederlegen.
Männerschützerin Ronzani wird auch in diesem Vorstoss eine Diskriminierung des beleidigten Geschlechts wittern. Was sie vielleicht nicht sieht in ihrem heiligen Eifer: Es herrscht immer noch keine Lohngleichheit, Frauen leisten immer noch den Löwinnenanteil der unbezahlten Care Arbeit und – weniger global, aber auch wichtig – auf Tampons und Binden zahlen sie immer noch verdammte 7,7 Prozent Mehrwertsteuer (von der Verhütung ganz zu schweigen). Zur Erinnerung: Alle anderen Güter des täglichen Bedarfs haben einen Mehrwertsteuersatz von 2,5 Prozent.
Rechnen wir nach: Eine Frau verbraucht schätzungsweise etwa 15’000 Tampons in ihrem Leben (sofern sie nicht die umweltschonenderen Menstruationscups benutzt). Das sind etwa 500 Packungen oder 2500 Franken. Läge der Mehrwertsteuersatz wie bei anderen lebenswichtigen Dingen bei 2,5 Prozent, würde sie 130 Franken sparen. Damit könnte frau knapp elf Mal ins Kunstmuseum St.Gallen.
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