Kategorie
Autor:innen
Jahr

Sexpositiv in den Frauenstreik

Femporn, ein Manifest gegen den Anti-Feminismus und Lust auf Frauenstreik – die Berthas* mobilisieren.
Von  Corinne Riedener
Bilder: Filmstills Mach mich fliegen

Metusa ist gefesselt und kann trotzdem fliegen. Isith küsst ihren Nacken, wickelt ihr das Hanfseil um den Hals, verknotet vorsichtig Metusas Arme hinter dem Rücken, widmet sich dann ihren Oberschenkeln. Knoten für Knoten.

Die beiden Frauen praktizieren Shibari, die erotische Fesselkunst Japans, in Europa auch «Japanese Bondage» genannt und nicht nur in der BDSM-Szene eine beliebte Technik. Es geht, anders als beim westlichen Bondage, nicht nur darum, das Gegenüber unbeweglich zu machen, die Liebe (oder wechselnde Gespielin) zu fesseln. Shibari hat auch viel mit Ästhetik zu tun, manche Fesselarten sind wie Kleidungsstücke, gleichen einem Body oder einem Netzoberteil.

Zu sehen sind Metusa und Isith im sechsminütigen Kurzfilm Mach mich fliegen der St.Galler Filmemacherin Morena Barra (mehr von ihr auf Seite 9 im Februarheft von Saiten).

Das Spiel mit dem Fesseln ist auch ein Spiel der Gegensätze: Es geht
 um Vertrauen und Hingabe, um Dominanz und Unterwerfung, um Kontrolle und Kontrollverlust, darum sich auszuliefern und trotzdem frei zu sein. Oder anders gesagt: selbst über die eigene Lust und die Art der Sexualität zu bestimmen, ohne sich von dem beeinflussen zu lassen, was andere für «richtig» oder «falsch»
halten. Selbstgewählte Unterwürfigkeit im erotischen Spiel ist leider immer noch verpönt, gerade bei manchen Feministinnen. Und das, was man im gemeinen Porno
 so sieht in diesem Genre, hat bedauerlicherweise wenig mit der Realität zu tun und
 ist zudem vom «Male Gaze», dem männlichen Blick, bestimmt.

Auch darum geht es am ersten
 von insgesamt vier Dienstagabenden im Palace, die im Februar und im März vom queerfeministischen Kollektiv «Die Leiden der jungen Bertha*» organisiert werden. Und darum, wie Femporn definiert werden kann. (Filmtipp: Alles von Erika Lust.) Morena Barra und Alice Weniger vom Bertha*-Kollektiv diskutieren über das Potenzial des Femporns, über die Kraft der Kamera und die Wut eines Orgasmus. Auch Morena Barras Film wird gezeigt. Das Palace verwandle sich für einen Abend wieder in ein «Schmuddelkino», sagen die Berthas* – «und dieser Begriff wird gleichzeitig neu besetzt.»

Der zweite Abend steht ganz im Zeichen des politischen Manifests. «Let’s take
up space!», heisst es in der Ankündigung. «Der Ruf nach Frauenrechten und Gleichberechtigung ist laut und spürbar. Gerade das Medium des Manifestes steht als politisches und künstlerisches Mittel dafür ein.» Passend zu diesem Thema zeigen die Berthas* die Videoarbeit WE TAKE UP SPACE_! der Künstlerin Alizé Rose-May Monod. In Form einer Neuinszenierung eines Videos der Regisseurinnen Carole Roussopoulos und Delphine Seyrig von 1976, dem Valerie Solanas S.C.U.M. Manifesto als Grundlage dient, knüpft sie darin an vergangene feministische Positionen an und führt diese in eigenen Statements weiter.

Feministische Perspektiven an der Erfreulichen Universität: 
12., 19. und 26. Februar sowie 5. März, Palace St.Gallen

palace.sg

Abend Nummer drei widmet sich dem «Antifeminismus als Mittel rechtspopulistischer Rhetorik». Wir kennen sie alle, die abschätzigen Kommentare: Feminazi, Kampflesbe, unterficktes Stück, oder um Brasiliens neuen Präsidenten Bolsonaro
zu zitieren: Die ist so hässlich, die will ich nicht mal vergewaltigen. Die Genderforscherin und Soziologin Franziska Schutzbach (mehr von ihr hier und in der Saitenausgabe vom März 2018) stellt ihr kürzlich erschienenes Buch Die Rhetorik der Rechten. Rechtspopulistische Diskursstrategien im Überblick vor und erklärt, inwiefern Antifeminismus und Anti-Gender zentrale Elemente dieser Rhetorik sind,
 ob nun im rechten oder im christlich-fundamentalen Spektrum.

Am vierten Abend schliesslich wird das Manifest-Thema weitergesponnen 
und ins Heute übertragen. Dieses Jahr am 14. Juni findet der Frauen*streik statt. An diesem Tag wird einiges flachliegen, so viel ist klar, schliesslich machen die Frauen einen Grossteil der Erwerbstätigen aus. Und im Care-Sektor sind sie seit jeher in der Überzahl (wenn auch nicht unbedingt in den Führungsetagen).

Für die Philosophin
Tove Soiland ist klar: «Der Care-Sektor ist zum Battleground neoliberaler Restrukturierungen geworden, was Auswirkungen auf die Arbeitsbedingungen hunderttausender Beschäftigter hat.» Im Palace stellt sie ein Manifest zum Frauenstreik 2019
 vor, das als Gemeinschaftswerk vieler im Care-Bereich tätiger Frauen aus dem Feministischen Leseseminar der Gewerkschaft VPOD in Zürich entstanden ist. Darin formulieren sie ihre Kritik an der Ökonomisierung ihres Berufsfelds unter
dem Vorschein einer Professionalisierung.

Ein ambitioniertes Programm,
 das sich die Berthas* da zusammengestellt haben. Ein Programm, das auch zeigt,
 wie breitgefächert der feministische Aktivismus sein kann und muss. So geht es also sexpositiv in Richtung Frauenstreik – und in ein hoffentlich weiter geschlechterbewegtes neues Jahr.

Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

«Ich bin mir voll­kom­men fremd, wenn ich nicht schrei­be»

Die deut­sche Fil­me­ma­che­rin Re­gi­na Schil­ling bringt zum 100. Ge­burts­tag von In­ge­borg Bach­mann Je­mand, der ein­mal ich war ins Ki­no. Der Do­ku­men­tar­film ver­knüpft gross­ar­ti­ge Ar­chiv­auf­nah­men mit fik­tio­na­len Sze­nen aus dem letz­ten Le­bens­jahr der Dich­te­rin zu ei­nem zu­gäng­li­chen Plot.

Von  Eva Bachmann
Ingeborg Bachmann Still 01 Elliott Kreyenberg 1920x1080 jpg

Zu Be­such in der El-Hi­da­je-Mo­schee 

Die SVP macht seit Wo­chen Stim­mung ge­gen die ge­plan­te neue Mo­schee der al­ba­nisch-is­la­mi­schen Ge­mein­schaft El-Hi­da­je in St.Gal­len. An­läss­lich ei­nes öf­fent­li­chen Rund­gangs der SP stell­ten die Ver­ant­wort­li­chen das Pro­jekt vor – und räum­ten mit vie­len Vor­ur­tei­len auf.

Von  David Gadze
El hidaje rundgang david gadze

Ein le­ben für die Kunst

Jim Di­ne ge­hört zu den be­deu­tends­ten zeit­ge­nös­si­schen Künst­ler:in­nen. Seit ein paar Jah­ren er­schafft er sei­ne Skulp­tu­ren vor­nehm­lich im Sit­ter­tal. In die Kunst­gies­se­rei ver­lieb­te sich der Pop-Art-Pio­nier bei sei­nem ers­ten Be­such vor fast 20 Jah­ren.

Von  David Gadze
260708 Jim Dime Florin Roeoesli DSC6138

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur für die HSG

Al­les deu­tet drauf hin, dass die Uni St.Gal­len dem­nächst in den bis­he­ri­gen Haupt­sitz der Hel­ve­tia-Ver­si­che­rung, ge­plant vom Bas­ler Ar­chi­tek­tur­bü­ro Her­zog und de Meu­ron, als zwei­ten gros­sen Stand­ort auf dem Ro­sen­berg ein­zie­hen kann. Zu­sätz­lich ist ein Holz­bau mit Se­mi­nar­räu­men in Pla­nung.

Von  René Hornung
Hekvetia Hd M

FCSG vs. She­riff Ti­ras­pol 5:1 – St.Gal­len nach Schüt­zen­fest ei­ne Run­de wei­ter

Der FC St.Gal­len zeigt sich ge­gen She­riff Ti­ras­pol von sei­ner bes­ten Sei­te und ge­winnt das Spiel nicht nur sou­ve­rän, son­dern auch hoch mit 5:1. Wei­ter geh­t's im Play­off ge­gen den FC Nordsjæl­land aus Dæ­ne­mark.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Jubiläum

«Je­de Ge­ne­ra­ti­on muss­te die Fir­ma neu er­fin­den»

Von  Roman Hertler
Gallus Samuel Portrait sw WEB

Hin­term Bahn­gleis be­ginnt das Uni­ver­sum 

Durch bun­te Ga­la­xien bis in ein Meer aus Kat­zen­streu. Die Aus­stel­lung «Hin­ter’m Mond» vom Künst­ler:in­nen­kol­lek­tiv U5 und Mo­ni­ka Stal­der im Stell­werk in Heer­brugg lädt zu ei­ner in­ter­ga­lak­ti­schen Rei­se ein. 

Von  Vera Zatti
IMG 0500

Ex­ci­ting, un­hin­ged und häs­sig

Die Ost­schwei­zer Band Drill bringt mit Ca­thar­sis ei­ne neue EP raus. Die sechs Songs sind ein wil­der Ritt auf schwe­ren Gi­tar­ren­riffs, bei dem Me­tal­co­re auch mal auf Hy­per­pop trifft.

Von  Jeremias Heppeler
DRILL Pressphoto 2 Full

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 7

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 7: Rat­haus­oper Kon­stanz, Charles Uz­ors The Gre­at Wall. A La­by­rinth, Clanx-Fes­ti­val und Rund­gän­ge zu Wi­bora­das Schwes­tern. 

Von  Redaktion Saiten
260708 Sommertipps Till The Morning Rises Pfister Noemi

FC St.Gal­len vs. FC Lu­zern 2:2 – Im­mer­hin ein Punkt

Ge­gen die­ses Lu­zern müss­te der FC St.Gal­len ei­gent­lich drei Punk­te ein­fah­ren. Zum Schluss muss er aber froh sein, dass es im­mer­hin ei­ner wird. Der Aus­gleich ge­lingt erst weit in der Nach­spiel­zeit per Pe­nal­ty. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Ein er­staun­li­ches Werk

Her­bert Rauch (1929–2012) war Brief­trä­ger und Künst­ler. In den Schwarz-Weiss-Fo­to­gra­fien des Rank­wei­lers er­schei­nen Ob­jek­te wie Stei­ne und Fe­dern als abs­trak­te, gra­fi­sche Ge­bil­de. Nun ist ein Fo­to­band zu sei­nem Spät­werk er­schie­nen, und im Schau­raum Re­né Dal­pra in Alt­ach sind sei­ne Ar­bei­ten aus­ge­stellt.

Von  Ariane Grabher
2 HR M Steine 2009 124x154 r duplex WG5 RGB

Stadt der Un­der­dogs

Ei­ne Bun­des­rä­tin, meh­re­re Na­tio­nal­rät:in­nen und die Po­li­trap­per der Stun­de: Al­le kom­men sie aus der Klein­stadt Wil. Ei­ne Er­kun­dung vor den Lo­kal­wah­len.

Von  Kaspar Surber
Lukas reimann mike sarbach ursula haene

Mehr Platz für Bü­cher und Ma­te­ri­al­mus­ter

Ei­nes der vie­len Ge­bäu­de des Sit­ter­werks, die vor ge­nau 100 Jah­ren er­bau­te Schwarz­fär­be­rei, be­her­bergt heu­te die Kunst­bi­blio­thek und die Ma­te­ri­al­mus­ter­schrän­ke. Ei­ne Auf­sto­ckung soll künf­tig mehr Platz schaf­fen.

Von  René Hornung
Sittwerwerk Aufstockung Bibliothek

Sze­na­ri­en für die Vo­lie­re im St.Gal­ler Stadt­park

Noch bis in den Herbst hin­ein und auch in den zwei fol­gen­den Som­mern bleibt die Vo­lie­re im Stadt­park ei­ne Bu­vet­te. Ab 2029 wird sie zur «Mai­son des œufs», zum di­dak­ti­schen Hüh­ner­hof. Die ein­ge­reich­ten Ideen sa­hen noch ganz an­de­re Nut­zun­gen vor.

Von  René Hornung
Maison des oeufs 1

Stimm­bür­ger:in­nen ent­schei­den über Tem­po 30 auf Haupt­stras­sen

Der Streit ums St.Gal­ler Ver­bot von Tem­po 30 auf Haupt­ver­kehrs­ach­sen geht in die nächs­te Run­de: Das Re­fe­ren­dums­ko­mi­tee hat die not­wen­di­gen Un­ter­schrif­ten ge­gen ei­ne Än­de­rung des kan­to­na­len Stras­sen­ver­kehrs­ge­set­zes ein­ge­reicht. Da­mit wird das Stimm­volk über die Fra­ge ent­schei­den. 

Von  Reto Voneschen
Tempo 30 1 reto voneschen

Kolumne: 24/7 Traumacore

He­al­ing Jour­ney von Wil nach Wie­ner Neu­stadt

Von  Mia Nägeli

Die un­ver­zicht­ba­ren Som­mer­tipps – Teil 6

Bis zum En­de der Som­mer­fe­ri­en prä­sen­tiert Sai­ten wö­chent­lich Kul­tur­tipps aus der Re­gi­on. Teil 6: «Weg­war­te 002», Sur le Lac, Win­ter­thu­rer Mu­sik­fest­wo­chen und Schloss­fest­spie­le Wer­den­berg. 

Von  Redaktion Saiten
Noemi Pfister Ragazzi di vita 2024

Ben­fi­ca vs FC St.Gal­len 5:0 – Wei­ter geh­t's in der Con­fe­rence Le­ague

Der FCSG kriegt beim Aus­wärts­spiel in Lis­sa­bon die Gren­zen deut­lich auf­ge­zeigt. Sie ver­lie­ren das Spiel 0:5. Da­mit geh­t's für den FCSG jetzt ge­gen She­riff Ti­ras­pol in der Con­fe­rence Le­ague wei­ter. Das Spiel zum Nach­le­sen im SENF-Ti­cker.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Bild­ge­wal­ti­ges Epos mit nach­hal­ti­gem Sei­ten­ef­fekt

No­ti­zen zu Chris­to­pher Nolans The Odys­sey

Von  Florian Vetsch
Odysseus und Athene

Vie­le For­mu­la­re, zwei Ge­sprä­che und ei­ne Power­point-Prä­sen­ta­ti­on

An­ja Braun leb­te be­reits 18 Jah­re in der Schweiz, als sie sich ge­mein­sam mit ih­rer Fa­mi­lie ent­schied, sich ein­zu­bür­gern. Es war ein lo­gi­scher Schritt. Das Ver­fah­ren war es nicht im­mer.

Von  Andi Giger
260722 illustration einbuergerung 2