Der Eisenplastiker Robert Müller (1920–2003) war unbestritten einer der grossen Schweizer Bildhauer seiner Zeit. Er wuchs in Zürich auf. Nach der Handelsschule ging er bei der Bildhauerin Germaine Richier und ihrem Mann Otto Bänninger in die Lehre.
Sein Karrierestart war fulminant. Dreimal erhielt Müller das eidgenössische Kunststipendium. Ab 1949 lebte er in Paris. Die Biennalen in Venedig und São Paulo und die Documenta Kassel luden ihn ein. Internationale Kunstmuseen zeigten seine aus Industrieschrott zusammengeschweissten Eisenskulpturen in Einzelausstellungen und nahmen sie in die Sammlungen auf.
Robert Mueller: Selbstbildnis, 1962
Hier im Lagerhaus geben Müllers Zeichnungen eine Ahnung von seinem impulsiven Wesen: Sein schwungvoller Strich kann sehr präzis sein, ist aber handkehrum völlig fahrig.
Intime Miniaturmalerei
1954 heiratete Robert Müller die Goldschmiedin Miriam Shir (1926–2007) aus New York. Sie entstammte einer jüdischen Familie aus Brooklyn. Das Goldschmiedehandwerk hatte sie bei Tiffany & Co. an der Fifth Avenue in Manhattan erlernt. Ihr Interesse galt aber ebenso der Malerei. Nach beendeter Ausbildung zog die junge Frau in die damalige Welthauptstadt der Kunst, Paris, wo sie auf Robert Müller traf. Ein Jahr nach der Heirat kam Manuel (*1955) zur Welt.
Miriam malte nicht für die grosse Öffentlichkeit. Ihr wenig umfangreiches Werk wurde erst Jahre nach ihrem Tod zum ersten Mal ausgestellt. Die Gouachen im Kleinformat widerspiegeln ihre eigene Befindlichkeit im Zusammenhang mit ihrem familiären Umfeld.
So thematisiert etwa die Gouache mit der Marmortischplatte im Domizil auf Kreta ihr depressives Leiden. Sich selbst stellt sie dar mit weinenden Augen am Hinterkopf, halb versunken im Meer. Links im Hirtengewand und mit Flöte lacht Robert dionysisch. Rechts das Haus in Frankreich mit drei leeren Stühlen im Hof.
Miriam Müller: Ohne Titel, Gouache auf Karton
In einer Ausstellungsvitrine liegen Goldschmiedearbeiten von Miriam Müller. Zwischen den Blättern einer fein gearbeiteten Palme von sechs Zentimeter Länge verstecken sich die Porträts ihres Gatten und des Familienfreundes Harald Szeemann, sich selbst positionierte sie in der Mitte.
Wie Szeemann Erwähnung findet, passt absolut in diese Ausstellung und zum Museum im Lagerhaus. Als Leiter der Kunsthalle Bern realisierte er 1963 die epochale Ausstellung «Bildnerei der Geisteskranken – Art Brut – Insania Pingens», in der er provokativ die Unterscheidung von Hochkunst und Art Brut in Frage stellte.
Nach Roberts Absturz
1975 erlitt Robert in Sizilien einen Nervenzusammenbruch, der ihn zum Aufenthalt in der psychiatrischen Klinik von Trapani zwang. Danach war er ein anderer. Den «Eisen-Müller» gab es nun nicht mehr. Zwar entstand noch die Monumentalplastik aus bemaltem Beton, die Fanfare, am Heimplatz vor dem Zürcher Kunsthaus. Jedoch wandte er sich seit 1978 von der Bildhauerei ab, hin zu Zeichnung und Druckgrafik. Der Kunstbetrieb betrachtete ihn von da an als unsicheren Wert.
«Robert Miriam Manuel Gilda Müller»: bis 13. Februar, Museum im Lagerhaus St.Gallen
Artist Talk mit Manuel Müller: 17. Oktober, 11 Uhr
museumimlagerhaus.ch
Miriam, die Frau im Hintergrund, Roberts «goldener Schatten», wurde schliesslich zum Angelpunkt für das Kunstverständnis in der Familie. Sie lud ihre Miniaturmalerei wie byzantinische Ikonen magisch auf. Ihr Sohn Manuel, der Holzbildhauer ist, knüpft daran an; er sehe sich weniger als Künstler, sondern vielmehr als Bote der Ikonen, sagt er von sich.
Seine figurativen Skulpturen baut er in Assemblagen, Altären und Gehäusen ein, die an Kultobjekte einer rätselhaften Religion erinnern. In seinem Synkretismus mischt er Elemente altägyptischer, afrikanischer und polynesischer Kunst. Um die Gewissheiten im Kunstbetrieb, in dem sein Vater eine Grösse war, schert er sich nicht.
Vererbte künstlerische Obsession
Manuels Tochter Gilda (*1992) benutzt dieselbe detaillierte Präzision in der künstlerischen Ausführung wie ihre Grossmutter Miriam. Ihre kleinformatigen Tuschzeichnungen von Bäumen, die aus den Herzarterien wachsen, füllen gerade mal eine Ausstellungsvitrine. Gilda studiert altnordische Literatur und lebt zurzeit in Island. Ihre Zeichnungen sind inspiriert von Mythen, Legenden und Archetypen. Begleitend zu ihrer akademischen Laufbahn gibt ihr das Familienumfeld den Antrieb zur künstlerischen Gestaltung mystischer Zwischenwelten.
Gilda Müller: aus der Serie Herzbäume, Tusche auf Papier, 2020
In der psychiatrischen Klinik von Trapani stiess Robert Müller auf den Art Brut-Künstler Giovanni Abrignani (1899–1977). Dessen Bildkompositionen begeisterten Robert derart, dass er das Werk des Mitpatienten, der zufrieden mit etwas Tabak und Süssigkeiten war, aufkaufte. Die Zeichnungen auf Anstaltspapier befinden sich immer noch im Besitz der Familie. Passend zum Museumszweck füllen sie im Museum im Lagerhaus die Wände eines separaten Raumes.
Heute ist Robert Müller im Kunstbetrieb mehr oder weniger in Vergessenheit geraten. Seine Fanfare ist aus dem Zürcher Stadtbild verschwunden. Sie musste am Heimplatz der Unterführung zur Kunsthauserweiterung weichen.
Jetzt steht sie da, wo sie eigentlich von Anfang an hingehörte: beim Mittelschulzentrum in Langenthal. Widerstand gegen die moderne Kunst in der Bevölkerung verhinderte damals die Aufstellung, weshalb die Grossskulptur in Zürich sozusagen Asyl erhielt.
Seit 25 Jahren zeigt das Museum im Lagerhaus in St.Gallen naive Kunst und art brut. Die Jubiläumsausstellung ist imposant.
Kunstausstellung
Eigentlich wollte Zsuzsanna Gahse keine Bücher mehr schreiben. Nun hat sie mit Angerichtet ihr Werk doch noch einmal erweitert. Ihre Sprache darin bleibt neugierig, humorvoll und spielerisch. Und wirkt fast wie ein Kommentar zum eigenen literarischen Schaffen.
Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel
Jakob Stutz, Volksschriftsteller und Reformpädagoge mit «zwiespältigem» Charakter: Ihn lässt Ex-Kellerbühnenleiter Matthias Peter 150 Jahre nach seinem Tod noch einmal aufleben – unter anderem in Trogen, wo Stutz im Gefängnis sass.
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
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Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.