21. September, Abschlusstag dieser Ausgabe: In Moskau ruft Kriegsverbrecher Putin eine Teilmobilmachung aus und droht mit dem Einsatz von Atomwaffen. In New York warnt die Uno-Vollversammlung vor unabsehbaren Folgen, der Papst geisselt Putins Drohung als «Wahnsinn», China ruft zu Verhandlungen auf. Der St.Galler Kantonsrat streicht die sieben Millionen, die die Regierung als Soforthilfe für die Ukraine beschlossen hatte. Die St.Galler Regierung appelliert an die Bevölkerung, Energie zu sparen unter dem Motto «Jedes Grad zählt».
Wenns mir bei dieser Welt- und Nachrichtenlage kalt den Rücken hinab läuft, liegt es nicht an der Zimmertemperatur. Was für eine Welt kommt da auf unsere Enkel:innen zu, grummelt es in meinem Kopf, der sich noch lebhaft erinnert an die Hoffnungen auf eine friedliche Wende, damals 1989 ff., als das Ende des globalen kriegerischen Gegeneinanders in der Luft lag. Heute…
21. September, Abschlusstag dieser Ausgabe: Mit dem jungen Grafikteam schrauben wir an der Heftgestaltung, Titeleien, Bildauswahl, an inhaltlichen und typografischen Details. Es ist anstrengend und beglückend wie jeden Monat, diesmal zusätzlich mit einem Schuss Wehmut drin und einer Prise Erleichterung gewürzt, weil es das vorletzte Heft ist, bei dem ich mit dabei bin.
Die bevorstehende Pensionierung gibt mir dafür Gelegenheit zu einer subjektiven «Ehrenrunde» quer durch die Ostschweiz, ab Seite 16 in diesem Heft. In all den Begegnungen erlebe ich noch einmal, wie vielfältig das Kulturgeschehen ist, was für eigenwillige, engagierte, wache Zeitgenoss:innen in unserer Region tätig sind. Wer da alles Humus-Arbeit leistet für ein blühendes Kulturleben. Und wie selbstverständlich künstlerisches Tun Teil der Gesellschaft ist, unsere Gegenwart reflektiert – und hier und dort vielleicht sogar repariert.
Paradox: auf der einen Seite der Krieg, die Ängste, Zerstörung und Barbarei, und auf der anderen Seite die Zuversicht, der Einfallsreichtum, Kreativität und Menschlichkeit. Beides gehört – keine neue Erkenntnis – zur widersprüchlichen Natur des Menschen.
In dieser Saiten-Ausgabe ist ausführlich auch von Leid die Rede: von häuslicher Gewalt in der Reportage von Corinne Riedener, von den verstörenden Werken der Fotografin Lene Marie Fossen. Aber es ist auch vom Glück des künstlerischen Schaffens die Rede, vom Glauben an die Verbesserbarkeit des Menschen und an die unbezwingbare Kraft des Miteinander. Tönt etwas kitschig. Aber sei’s drum.
Peter Surber
Reaktionen/PositionenBildfangStimmrecht von SangmoWarum? von Jan RutishauserNebenbei gay von Anna RosenwasserRedeplatz mit Leonie Schwendimann
Perspektiven
… gewidmet Barbara Schlumpf, Urs Graf, Christian Brühwiler, Pamela Dürr und Silke kleine Kalvelage und ihren Wirkungsorten: dem spielfreudigen Linthgebiet, der wunderbaren Druckwerkstatt in Speicher, dem grenzüberschreitenden Konzertzyklus in Romanshorn, der integrierenden Theaterarbeit in St.Gallen und dem nachhaltigen Stadtufer-Aufbruch in Lichtensteig. Gewidmet aber auch allen anderen, die die kulturelle Ostschweiz zum Wachsen und Blühen bringen. von Peter Surber (Text) und Hanes Sturzenegger (Bilder)
Barbara Schlumpf: Theater im lebensfrohen SüdenUrs Graf: Druckkunst ohne DruckChristian Brühwiler: Expeditionen ins KlangreichPamela Dürr: Grösste WunderdichteSilke kleine Kalvelage: In der Zukunftsfabrik
Pamela Dürr, fotografiert von Hanes Sturzenegger
Ins Frauenhaus zu gehen, ist auch ein emanzipatorischer Akt. Hadas hat den Schritt gewagt und ist heute wieder selbstständig. Das ist nicht selbstverständlich – auch, weil es in der ganzen Schweiz kaum mehr Platz hat in den Frauenhäusern. Seit Anfang Jahr ist die Lage besonders akut. von Corinne Riedener
Il mio umore è il tuo umoreFlaschenpost aus Rom von Juliette Rosset
Kultur
Das Museum im Lagerhaus zeigt Werke der verstorbenen norwegischen Fotografin Lene Marie Fossen – eine grosse Tat. Darf man solche Bilder zeigen? «Man muss sogar», sagt Kuratorin Monika Jagfeld. von Corinne Riedener
Lene Marie Fossen: Untitled, Chios 2017.
Kulturpolitik: Die Hauptstadt, die Region und der Topf.von Peter Surber
Musik: «Ich bin ein Diener der Gesellschaft», sagt Klezmerlegende Giora Feidman.von Roman Hertler
Musik: Jahrmarkttrip in Nebelschwaden. Das neue Album von Elio Ricca.von Roman Hertler
Kino: Gesichter der Revolte – Patricio Guzmáns neuer Dokfilm.von Corinne Riedener
Gutes Bauen Ostschweiz (I): Den Klostergarten wachgeküsst.von Daniela Meyer
Parcours: Wakkere Planung, Obe und une am Bergli, Frankenstein reloaded, Einsam im Tal
Plattentipps: Analog im Oktobervon Philipp Buob, Magdiel Magagnini und Lidija Dragojevic
Boulevard: Nachwuchs
Abgesang
Kellers Geschichten
Comic von Julia Kubik
Auf seinem neuen Album Three Chords and a Shaking Hand besingt der Rheintaler Singer-Songwriter Mo Klé die gegenwärtige Debattenkultur, Regenstürme und Selbstakzeptanz. Die Albumtaufe findet am 7. November im st.gallischen Bahnhof Bruggen statt.
Boukhalfa und Görtler bringen die Espen in Führung, welche das Team dann über die Zeit bringt.
Alexander Veljanov ist die unverwechselbare Stimme der Dark-Wave-Band Deine Lakaien. Mit seinem neuen Soloalbum gastiert er am 9. November in Frauenfeld. Ein Gespräch über Schubladen, Lüge, Wahrheit und die Frage, was Musik mit unserem Menschsein zu tun hat.
Zumthor plant in Wildhaus
Ein Wahlgang genügte: Die SP der Stadt St.Gallen schickt Peter Olibet ins Rennen um die Nachfolge von Stadtrat Peter Jans. Er erhielt 109 von 182 Stimmen. In der Fragerunde ging es um Sparpolitik, bezahlbare Wohnungen und die Frage, wie viel Opposition ein künftiges Regierungsmitglied noch machen kann.
Während Zürich und Genf geraubte Benin-Bronzen zurückgeben, laviert das Kulturmuseum St.Gallen. Derweil untersucht der Thurgau seine ethnografische Sammlung und schliess Restitutionen nicht aus. Ausserdem im Novemberheft: Der solidarische Protest der St.Galler Kulturszene gegen die Sparpläne des Kantons, die neue Ausstellung zum Zehnjährigen im Naturmuseum St.Gallen, das erste elektronische Soloalbum von Kafi-D und vieles mehr.
Seit einigen Jahren sind Benin-Bronzen in Schweizer Museen ein heisses Eisen. Im St.Galler Kulturmuseum laviert man bei der Frage einer möglichen Rückgabe zwischen Dialogbereitschaft und Verweigerungshaltung.
Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs
Ein Festival über den Tod – darf das auch lustig sein? «Last Call» lädt am 31. Oktober in St.Gallen dazu ein, über das Sterben zu sprechen. Interview mit Michelle Mauchle von der Geschäftsstelle Palliative Care Stadt St.Gallen.
In St.Gallen hat am Samstag zum ersten Mal ein emanzipatorisch-antifaschistisch-queerfeministisches Kampfsportturnier stattgefunden. Wie das aussieht? Schon ziemlich brutal, aber dann auch wieder herzlich.
Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller
Seit 35 Jahren untersucht Patrick Rohner Naturprozesse, insbesondere im Zusammenhang mit Geologie, zeichnerisch, malerisch und bildhauerisch. Die Ausstellung «Faltungen» im Museum Bickel zeigt noch bis zum 22. November einen Querschnitt dieser kontinuierlichen Beschäftigung.
Klimaseniorinnen besuchen Bern
Vor dem Karlstor ein Picknick unter Bäumen am Ufer, die Mittagspause mit den Füssen im Wasser vor der Kantonsschul-Bibliothek oder ein Bier am Bächlein zwischen der Bar La Buena Onda und dem «Bierhof» – das alles soll gemäss der Machbarkeitsstudie «Alte Steinach» möglich werden. Am Montag haben sie die Verantwortlichen vorgestellt.
Delfine, Herzen und Flaggen. Die «Illo Konstanz Vol. 5» zeigt über 60 Arbeiten von internationalen Illustratoren. Die Schau lässt viel Raum für eigene Zugänge, übt aber auch Kritik und zeigt Haltung.
Der Verein Lattich im Güterbahnhofareal St.Gallen feiert das 10-Jahr-Jubiläum. Noch immer kämpft er mit Einsprachen. Der Vorstand der Gründungsphase hat aufgegeben. Seit gut einem Jahr bilden Adelheid Karli und Florim Šabani das Co-Präsidium.
Nachruf auf Urs Ullmann
Bücherherbst: Mondläufer von Daniel Badraun
Eine benzinbetriebene Glühbirne? Ein robustes Schnapsglas? Oder ein Katzenhalsband, das die Raubtiere vom Vögelfangen abhalten soll? Im Historischen Museum Thurgau schlummern einige Gegenstände, deren Funktion auf den ersten Blick nicht ganz klar ist. Thomas Götz, Martina Hügi und Stefan Keller mussten diese am Icon Poet herausfinden.
Die St.Galler Rockband The Black Salt veröffentlicht ihr zweites Album. Und verabschiedet sich ein Stückweit von ihren Anfängen.