Kategorie
Autor:innen
Jahr

Moderne Frauen

Sabine Gisiger erzählt die Familiengeschichte des Architekten Ludwig Mies van der Rohe neu – aus Frauensicht. Und mit einem gelungenen Interviewkniff. Am Freitag ist die Premiere im St.Galler Kinok.
Von  Corinne Riedener
Georgia van der Rohe als Tänzerin. (Bild: Filmstill)

Wie er gebaut hat, hat er auch gelebt: rational, schnörkellos und mit grösstmöglicher Freiheit. Die von ihm geprägte «Neue Sachlichkeit» hat auch das Familienleben von Ludwig Mies van der Rohe durchdrungen, wenn man denn überhaupt von einem solchen im klassischen Sinn reden kann, denn für seine drei Töchter Georgia, Manna und Traudel und deren Mutter Ada, von der er sich früh getrennt hat, war er vor allem abwesend. Oder nur punktuell zu haben, wenn es ihm gerade in den Kram gepasst hat. «Weniger ist mehr», dachte er sich offenbar auch in Bezug auf sie.

Dabei ist der Pionier des Modernismus auch dank der Frauen in seinem Leben so weit gekommen. Schon seinen Künstlernamen entlehnte er seiner Mutter Amalie, einer geborenen Rohe, so wurde aus Ludwig Mies der spätere Ludwig Mies van der Rohe. Auch seiner Ehefrau Ada Bruhn hat er viel zu verdanken. Erst durch die Hochzeit mit ihr stieg der Sohn eines Steinmetzmeisters aus Aachen in die bürgerlichen Kreise auf. Als Adas gewalttätiger Vater starb, erbte Mies das Familienvermögen, nicht sie.

Ada war es auch, die ihn mit seiner Geliebten, der Designerin Lilly Reich, ziehen liess und sich trotz psychischer und körperlicher Probleme rührend um die drei Töchter kümmerte und diese möglichst fortschrittlich zu erziehen versuchte. Ada trug sein unbedingtes Commitment zur «Notwendigkeit der Freiheit» stets mit.

Nicht zuletzt hat Mies auch seiner Arbeits- und Lebenspartnerin Lilly Reich, der ersten Frau im Vorstand des Deutschen Werkbundes, viel zu verdanken. Bis heute ist die Urheber- bzw. Urheberinnenschaft gewisser Designobjekte ungeklärt, darunter auch jene des berühmten Barcelona Chair. Wer weiss, ob sich Mies ohne die Frauen in seinem Umfeld je so hätte emanzipieren und künstlerisch entfalten können, ob ihm der Aufstieg vom Bauhausarchitekten zum Star des «International Style» auch gelungen wäre.

Unveröffentlichtes Archivmaterial

So wird die Geschichte natürlich nie erzählt. Zum Glück holt die Zürcher Historikerin und Dokumentarfilmerin Sabine Gisiger das jetzt nach. In The Mies van der Rohes erzählt sie die Familiensaga aus der Frauenperspektive, eingebettet in die Reformtanzbewegung, die beginnende Moderne, den Zweiten Weltkrieg und die Zeit des Wiederaufbaus, untermalt von einem treibenden Soundtrack. Basis dafür war eine aufwändige Recherche. Gisiger hat mit Verwandten, Zeitzeug:innen und Historiker:innen gesprochen, ist in etliche europäische und US-amerikanische Archive gestiegen und hat exklusiven Zugang zum privaten Familienarchiv der Mies van der Rohes erhalten.

The Mies van der Rohes, Premiere mit der Regisseurin Sabine Gisiger: 3. März, 19 Uhr, Kinok St.Gallen,

kinok.ch

Herz des Films und Hauptprotagonistin ist Georgia van der Rohe, Kosename «Muck», die älteste Tochter. Sie war Ausdruckstänzerin und Schauspielerin. Der Film entspinnt sich entlang ihrer Lebensgeschichte. Auf sie gestossen ist Gisiger zufällig, vor Jahren fiel ihr Georgias Autobiografie La Donna è mobile – mein bedingungsloses Leben in die Hände. «Mich erstaunte, wie viel mir als Frau bekannt vorkam und wie heutig die Themen sind, die Georgia beschäftigten», sagt sie über diese literarische Begegnung. «Und mich faszinierte der ganz neue Blick auf die Moderne.»

Getroffen haben sich die beiden Frauen nicht mehr, Georgia ist 2008 gestorben. Gisiger musste also einen Umweg nehmen und hat sich für ein fiktives Interview mit ihr entschieden, um den dramaturgischen Bogen zu spannen: Gisiger stellt die Fragen und Georgia, verkörpert von der einnehmenden Katharina Thalbach, antwortet, wobei alle ihre Aussagen auf schriftlichen Hinterlassenschaften beruhen.

In progressiven Frauenkreisen

Dieser Kniff ist gelungen, aber anfangs gewöhnungsbedürftig, da der übrige Film vor allem aus Archivbildern besteht. Thalbach, auf einem Barcelona Chair sitzend – eine nette Anspielung auf die tragende Rolle der Frauen in Mies Leben –, zieht das Publikum schnell in ihren Bann und in Georgias reiches und selbstbestimmtes Leben: als Tanzschülerin bei Isadora Duncan (in die sie ein wenig verliebt war), zu den ersten Karriereschritten in Mary Wigmans Compagnie («eine starke eigenwillige Frau, so wollte ich auch werden»), an die Olympiade 1936, aber auch in die Kulturkrämpfe der Nazizeit und ins KZ Buchenwald, wo sie mit ihrer Freilufttheatertruppe ein aufgezwungenes Gastspiel halten musste, und schliesslich nach Amerika, ins «Land der Befreier», wo sie erstmals wieder eine längere Zeit mit ihrem Vater verbrachte, bevor sie nach Deutschland zurückgekehrt ist.

Georgia trägt Mies seine Abwesenheit nicht nach. «Wir haben ihn als den genommen, der er war», sagt sie rückblickend und lobt seinen Scharfsinn und seine Unbedingtheit. Viel prägender für sie waren ihre Mutter Ada und der progressive Frauenkreis um sie herum, der sich immer wieder eigene (Lebens-)Wege gesucht hat, trotz patriarchalen Strukturen. Gisiger arbeitet das sehenswert heraus. So gelingt ihr ein dringend nötiger weiblicher Blick auf die Moderne.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Tunneleröffnung

Von der Lok­re­mi­se zur Reit­hal­le gehts jetzt un­ten durch

Von  René Hornung
IMG 6792

Mit 1000 Um­dre­hun­gen durch den All­tags­irr­sinn

Das muss­te ja so kom­men! Es konn­te nicht bei ei­nem blei­ben. Zum Glück! Jetzt gibt es das zwei­te gros­se, schwe­re Psy­cho­buch von Be­ni Bi­schof. Dar­in ver­wir­belt der Künst­ler er­neut Ei­ge­nes, Frem­des, Be­fremd­li­ches, Be­kann­tes, Neu­es, Un­kennt­li­ches mit lo­cke­rer Hand, Hu­mor und Hin­ter­sinn.

Von  Kristin Schmidt
2606 Psychobuch 2

Auf­he­ben, ver­kau­fen oder zer­stö­ren?

Die Son­der­aus­stel­lung «Bau­stel­le Er­in­ne­rung / ‹Hit­ler ent­sor­gen› – Ar­bei­ten am be­las­te­ten Er­be» im Vor­arl­berg Mu­se­um in Bre­genz be­schäf­tigt sich da­mit, wie ein ver­ant­wor­tungs­vol­ler Um­gang mit Ge­gen­stän­den aus der NS-Ver­gan­gen­heit aus­se­hen kann. Aus­ser­dem be­rät das Mu­se­um Pri­vat­per­so­nen, die sol­che Ge­gen­stän­de be­sit­zen.

Von  Sieglinde Wöhrer
S0 A2501 Ausstellung Baustelle Erinnerung Foto Petra Rainer 1

Ge­trennt ge­mein­sam und mit gu­ter Aus­sicht

For­rer Stie­ger Ar­chi­tek­ten ge­lingt mit dem Drei­fach­kin­der­gar­ten und der Ta­ges­be­treu­ung im Hei­lig­kreuz­quar­tier in St.Gal­len die Qua­dra­tur des Krei­ses.

Von  Ursula Badrutt
01 260504 GBO2602 0101 MAX web

Should I Stay or Should I go

Es geht um uns Men­schen und un­ser son­der­ba­res und ver­hee­ren­des Ver­hal­ten. «Hu­mans» heisst die gros­se Ein­zel­aus­stel­lung des Ost­schwei­zer Künst­lers Olaf Breu­ning. Vie­le Ar­bei­ten sind spe­zi­ell für die Schau im Mu­se­um Al­ler­hei­li­gen in Schaff­hau­sen ent­stan­den. 

Von  Ursula Badrutt
2025 06 02 Ausstellungsaufnahmen 14

25 Jah­re Rock am Wei­er

In Wil fand am Wo­chen­en­de das Rock am Wei­er statt. Seit 25 Jah­ren gibt es das Fes­ti­val, und trotz in­zwi­schen grös­se­rer Na­men ist es im­mer noch kos­ten­los. Ein Ver­ein or­ga­ni­siert es nicht-pro­fit­ori­en­tiert und för­dert re­gio­na­le Acts. Un­se­re Au­torin ist an den Ort ih­rer mu­si­ka­li­schen So­zia­li­sa­ti­on zu­rück­ge­kehrt. Ei­ne Re­por­ta­ge. 

Von  Elisa Faes
Rock am weier elisa faes 1

Kolumne: 24/7 Traumacore

Spring Is Co­ming Wi­th A 425mg Pas­si­ons­blu­men-Dra­gée In The Mouth

Von  Mia Nägeli

Ausstellung im Museum Rosenegg

Fri­sches Wis­sen fürs Mu­se­um

Von  Vera Zatti
Uu Kirchenfenster

Kabarett in Herisau

Apo­ka­lyp­se ist auch nicht al­les

Von  Vera Zatti
P1200733 x jpg

«Es geht dar­um, sich sei­ner Pri­vi­le­gi­en be­wusst zu sein»

De­bat­ten um Ma­chis­mus, Deepf­ake-Por­nos, häus­li­che Ge­walt und Fe­mi­zi­de sind bei­na­he all­täg­lich. Was kön­nen Män­ner ge­ra­de tun, wenn sie un­ter Ge­ne­ral­ver­dacht ge­ra­ten? Frau­en­haus­lei­te­rin Kat­ja Häm­mer­li Kel­ler, Flo­rance Hil­de­brand vom fe­mi­nis­ti­schen Streik­kol­lek­tiv Thur­gau und Ma­nu­el Ben­ja­min Leh­mann vom Fo­rum Mann dis­ku­tie­ren Lö­sungs­an­sät­ze.

Von  Daria Frick , Bilder:  Lea Le
Bildschirmfoto 2026 06 11 um 12 25 26

Kommentar zur SVP-Chaosinitiative

Aus­län­der:in­nen sind nicht nach­hal­tig

Von  Christoph Keller
Nachhaltigkeitsinitiative

30 Jah­re Ar­chi­tek­tur­ver­mitt­lung

Das AFO, das Ar­chi­tek­tur Fo­rum Ost­schweiz, dis­ku­tiert und ver­mit­telt seit 30 Jah­ren Bau­kul­tur. Am kom­men­den Frei­tag wird das Ju­bi­lä­um ge­fei­ert und die neus­te Ar­ti­kel­se­rie der gu­ten Bau­ten als Buch prä­sen­tiert.

Von  René Hornung
2511 Gutes Bauen 1 Ladina Bischof

Im zwei­ten An­lauf: Kan­tons­rat sagt Ja zu Mi­na­sa 

Mi­na­sa be­kommt al­so doch Geld aus dem Lot­te­rie­fonds: Der Kan­tons­rat hat dem von Sai­ten und Thur­gau­kul­tur.ch auf­ge­bau­ten Pro­jekt, das den gröss­ten Ver­an­stal­tungs­ka­len­der der Ost­schweiz er­mög­licht, die Fi­nan­zie­rung für drei wei­te­re Jah­re ge­si­chert.

Von  David Gadze
Kantonsrat Sommersession 2026 Benjamin Manser St Galler Tagblatt

«Wer hält uns da­von ab, frei zu sein?»

In­na Shev­chen­ko fragt im Do­ku­men­tar­film Girls and Gods, ob die mo­no­the­is­ti­schen Welt­re­li­gio­nen mit Fe­mi­nis­mus ver­ein­bar sind. Auf der Su­che nach Ant­wor­ten be­geg­net sie wi­der­sprüchli­chen Theo­rien und mu­ti­gen Frau­en. Und bleibt nicht nur stil­le Be­ob­ach­te­rin.

Von  Daria Frick
Bildschirmfoto 2026 06 10 um 15 01 03

In eigener Sache

Ein Be­kennt­nis zu Mi­na­sa 

Von  Marc Jenny

Abstimmungskommentar zur SVP-Chaosinitiative

Über­frem­dungs­ge­heul im Dau­er­loop

Von  Daria Frick

Theateraufführung

Des Nachts im Wal­de

Von  Vera Zatti
VLT Sujet WEB Sommenacht2

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Hor­ror un­ter dem Mi­kro­skop

Von  Jeremias Heppeler

Vie­le Spu­ren und ein Tat­ort

Ein paar Fe­dern, ein an­ge­knab­ber­ter Tan­nen­zap­fen, ein Stück Plas­tik: Tie­re und Men­schen hin­ter­las­sen Spu­ren. Die­sen wid­met das Na­tur­mu­se­um St.Gal­len sei­ne ak­tu­el­le Son­der­aus­stel­lung «Spu­ren – Fähr­ten, Frass und Fe­dern».

Von  Vera Zatti
1 Intro Dachs 20260515 NM SPUREN  Urs Bucher

Wor­an soll man noch glau­ben?

In ei­ner neu­en Aus­stel­lung wagt sich das Kunst­mu­se­um Thur­gau in der Kar­tau­se It­tin­gen an ei­ne Neu­ver­mes­sung des Ver­hält­nis­ses von Kunst und Re­li­gi­on.

Von  Michael Lünstroth
O0 A5990 02