Kategorie
Autor:innen
Jahr

Wie lange haben wir Zeit?

Jan Gassmanns neuer Film 99 Moons ist die Geschichte einer «Amour Fou» und stellt Beziehungsfragen. Auch nach Machtbeziehungen. Am 11. Januar ist die Premiere im Kinok St.Gallen. 
Von  Corinne Riedener
Frank und Bigna können nicht mit und nicht ohne einander. (Bilder: Filmcoopi)

Sie sei fasziniert vom Kontrast zwischen Kontrolle und Verlust, sagt Bigna (Valentina di Pace) einmal. Dieser Satz trifft auf mehreren Ebenen auf die Hauptfigur in Jan Gassmans neuem Film 99 Moons zu. Bigna ist Forscherin in Zürich. Sie will ein Frühwarnsystem für Tsunamis entwickeln, indem sie das hochsensible Verhalten von Ziegen trackt. Es ist der Versuch, die Naturkatastrophe, die unweigerlich eintreten wird, wenigstens ein bisschen zu kontrollieren.

Die Kontrolle hat Bigna auch in ihrem Sexleben, ihr Kink sind anonyme Rollenspiele. Die Nacht verbringt sie lieber im Büro unter ihren Servern pennend als im Bett eines Liebhabers. Stets hält sie sich an die Regel: einmal und nie wieder. Bis sie Frank (Dominik Fellmann) trifft. «Frankie» ist anders als Bigna, lässt sich in seiner urbanen Hipsterbubble treiben, auch wenn er manchmal «genug hat von den Leuten» und verliert gar nicht ungern die Kontrolle, was schon nach den ersten paar Szenen im Film klar wird.

Es dauert nicht lang und schon sind die beiden ineinander verhakt. Die Affäre wird immer hitziger, doch Bigna steht kurz davor, eine neue Stelle in Chile anzutreten. Vor ihrem Abflug gestehen sich die beiden schliesslich ihre Liebe und Bigna bleibt. «Warum eigentlich? Für dich oder für mich?», will Frank einmal wissen, als sie im Wald eine Hütte besuchen. «Für uns beide. Damit wir Zeit haben», antwortet sie. «Und wie lange?» – «Für immer.»

Diese Katastrophe lässt sich nicht kontrollieren

Plötzlich ist der Päärchengroove real, aber auch die Angst davor, konventionell zu enden, mit Haus und Hund. Bigna und Frank verbringen ekstatische Nächte im Club und in der Badewanne, bemerken die Risse in ihrem Kitt aber erst, als es zu spät ist, als sie sich schon längst gegenseitig verletzt haben. Eines Morgens reicht es Bigna und sie reist überstürzt doch noch nach Chile. Als sie 16 «Moons» später wieder zurückkommt, hat sie ihren Kollegen Georg (Danny Exnar) geheiratet.

Damit hat die «Amour Fou» zwischen ihr und Frank aber noch lange kein Ende. Diese Katastrophe kann Bigna nicht kontrollieren. Wie prophetisch ihr «Für immer» damals im Wald war und wie schmerzlich dieses «Für immer» für beide noch enden wird, erzählt Regisseur Gassmann in den folgenden Kapiteln. Beide versuchen immer wieder neu anzufangen, aber sie kommen nicht voneinander los, nicht von der Körperlichkeit und der Geilheit, aber auch nicht von der Vorstellung, was sie zusammen sein könnten.

99 Moons, Premiere in Anwesenheit des Regisseurs:
11. Januar, 20 Uhr, Kinok St.Gallen

kinok.ch

In manchen Momenten ist das ein regelrechtes Horrorszenario. Man weiss, dass Bigna und Frank nicht durch diese Tür gehen sollten, doch sie tun es trotzdem. Ein paar «Moons» später dominieren wieder die Glücksmomente. Es sind beneidenswert intime und intensive Szenen. Und dann gibt es solche, in denen man die beiden einfach nur bedauert. Was wäre, wenn das Timing anders gewesen wäre? Wenn die Lebensentwürfe besser harmoniert hätten? Wenn der Drang nach Kontrolle und die Angst vor dem Verlust ausgeglichener gewesen wären? Wenn sie etwas mehr Zeit gehabt hätten?

Die ganze Gefühlswucht in ein Gesicht gegossen

Ein solcher Film funktioniert nur über die Besetzung, und ohne die famose Chemie zwischen Valentina di Pace und Dominik Fellmann wäre 99 Moons nicht viel mehr als die etwas versexte Geschichte einer unglücklichen Liebe mit catchy Soundtrack (Musik: Michelle Gurevich) geworden. Eine grosse Leistung, wenn man bedenkt, dass die zwei Hauptprotagonist:innen bisher keinerlei Schauspielerfahrung hatten.

Di Pace und Fellmann tragen den Film. Ihre Inszenierung lebt von den versteckten Gesten, den stürmischen Blicken, den stillen Momenten, etwa jenem, als Bigna am Flughafen die Entscheidung trifft, nicht nach Chile zu fliegen: die ganze Gefühlswucht in ein Gesicht gegossen.

Gassmann stellt viele Beziehungsfragen. Auch nach Machtbeziehungen. Denn 99 Moons ist auch die Geschichte einer Frau, die sich nimmt, was sie braucht, nicht nur beim Sex. Er hingegen, bisher kuschlig in seiner Männerrolle, entdeckt erst durch sie seine Lust daran, dominiert zu werden. Und lernt, dass Sex mehr als nur Penetration ist. Gassmann sagt, er wolle auch Sehgewohnheiten durchbrechen. Das ist ihm geglückt. Zumindest, was jene des durchschnittlichen Filmpublikums anbelangt.

Die Stick­ma­schi­ne steht still

In vie­len Aus­ser­rho­der Dör­fern klap­per­ten frü­her Web­stüh­le und spä­ter Stick­ma­schi­nen. In­zwi­schen sind sie al­le ver­stummt. Der Film Das En­de ei­ner Ära por­trä­tiert die Sti­cker Wal­ter Son­der­eg­ger Se­ni­or und Ju­ni­or aus Re­he­to­bel und setzt der Bran­che ein Denk­mal.

Von  René Hornung
01 1 Stickerei Dok Walters beide an Maschine von hinten Kopie

Nur das Jetzt zählt

Der Schwei­zer Fil­me­ma­cher Kas­par Ka­sics über­lässt in sei­nem neu­en Film Das un­end­li­che Jetzt Men­schen, die mit De­menz le­ben, die Büh­ne. Ein Ex­pe­ri­ment mit ei­nem aus­ser­ge­wöhn­li­chen Sto­rytel­ling, auf das es sich ein­zu­las­sen lohnt.

Von  Vera Zatti
Still das unendliche jetzt christian sonderegger johanna rensing vinca film distant lights

Das Kro­ko­dil schnappt wie­der zu

Von  Pius Frey  und  David Gadze
Krokodil 2026 pd

24/7 Traumacore

Heat Girl Sum­mer

Von  Mia Nägeli

Kunst in Oberuzwil

Spu­ren der Hei­mat

Von  Vera Zatti
Dieses

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von  Richard Butz
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von  Philipp Bürkler
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von  Philipp Bürkler
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von  Kristin Schmidt
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez

Zu hoch für Ap­pen­zell

Der Kan­ton Ap­pen­zell In­ner­rho­den plan­te am Lands­ge­mein­de­platz in Ap­pen­zell ein neu­es Ge­bäu­de für die Ge­rich­te, die Bi­blio­thek und die kan­to­na­le Ver­wal­tung. Die eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sio­nen für Na­tur- und Hei­mat­schutz und je­ne für Denk­mal­pfle­ge brach­ten das Pro­jekt je­doch zu Fall.

Von  René Hornung
Verwaltungsgebaeude appenzell pd

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von  Christoph Keller

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von  Peter Surber
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd