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Und zwischen uns ein Berg

Mit Rotzloch ist Maja Tschumi ein ausserordentlicher Film gelungen, der hoffentlich Bewegung in den platten Asyldiskurs bringt. Am 6. Dezember ist die St.Galler Premiere im Kinok.
Von  Corinne Riedener
Suchen nach Kontakt zu Einheimischen: Mahir und Amir. (Bild: Filmstill)

«Wir haben ein Leben lang gechrampft, um uns eine Wohnung für vier Millionen Franken zu leisten, und nun das», sagte eine 40-jährige Gassigängerin kürzlich zur «NZZ am Sonntag», weil in ihrem Luzerner Bonzendorf eine Container-Siedlung für 100 Geflüchtete gebaut werden soll. Menschen wie sie «haben ja nichts gegen Flüchtlinge, aber» … bloss nicht vor der eigenen Haustür. Ein bisschen Mitleidhaben, ein bisschen Pullis sammeln, ja vielleicht sogar ein bisschen Golfen für gute Zwecke, nur sehen wollen sie die Menschen nicht. Und weil das nicht nur im Luzernischen Meggen so ist, hat sich die Schweiz geradezu spezialisiert auf Asylunterkünfte am sprichwörtlichen Arsch der Welt.

Zum Beispiel das Rotzloch. Ja, dieser Ort heisst wirklich so. Das Rotzloch ist eine ehemalige Nidwaldner Zementfabrik, gelegen zwischen Rotzberg und Alpachersee. Heute ist es ein Asylcamp für 50 junge Männer. Wer dem Rotzloch entkommen will, muss zuerst durch einen Steinbruch und dann 30 Minuten dem See entlang laufen bis zum nächsten Bahnhof.

Unter Tausenden, aber doch allein

Im Rotzloch lebten bzw. leben Mahir Arslan (28), Aminullah Habibi (18), Amir Safi (17) und Issac Yemane (26). Sie sind die Hauptfiguren in Maja Tschumis erstem Langfilm Rotzloch. Den Ort lernte sie kennen während ihrer Tätigkeit als Deutschlehrerin für Geflüchtete. Einige Schüler aus ihrer Klasse luden sie ins Rotzloch ein. Zwei Jahre lang war sie immer wieder im Camp und suchte nach Protagonisten, baute Beziehungen und Vertrauen auf.

Herausgekommen ist ein eindrücklicher, aber auch bedrückender Dokfilm. Es gibt etliche Filme zur Migrationsthematik. Viele graben in Fluchtursachen, erzählen Integrationsgeschichten oder thematisieren die Schweizer Migrationspolitik. Tschumi macht all das nicht, sondern fragt nach dem, was uns alle verbindet: Sehnsucht, Begierde, Liebe. Und zeigt so quasi en passant, was es heisst, in der Schweiz Asyl gewährt zu bekommen und doch nicht zuhause zu sein. Denn daheim ist da, wo das Herz ist.

«Unser Problem ist, dass wir keine Beziehungen zu den Menschen aufbauen», sagt Mahir. «Weder zu einer Freundin noch zu irgendeiner Gruppe von Schweizern. Wir kommunizieren mit niemandem und die Schweizer kommunizieren nicht mit uns.» Und Amir sagt: «Die Mädchen hier haben ein schlechtes Bild von Geflüchteten, besonders von Afghanen. Ich weiss nicht, warum sie so fühlen, warum sie Angst haben. Wir sind ja auch nur Menschen.» Es schmerzt fast körperlich, den beiden zuzusehen, wie sie an der Chilbi oder an der Streetparade inmitten von tausenden Leuten stehen und dennoch so einsam sind.

Rotzloch: ab 6. Dezember (Premiere in Anwesenheit der Regisseurin und der Protagonisten um 18 Uhr) im Kinok St.Gallen

kinok.ch

Bei Issac liegen die Dinge anders, aber auch nicht viel besser. Er hat es mittlerweile aus dem Rotzloch geschafft und arbeitet auf dem Berg in einer Küche, wo er sich Boomer-Sätze wie «Bist du Moslem?» oder «Du bist einer, der arbeitet, das ist gut» anhören muss. Aber all das ist ihm egal, denn er denkt ohnehin den ganzen Tag nur über seine Beziehung zu Mrad nach. Sie lebt in Holland, Issac sieht sie so gut wie nie, auch wenn sie ihn theoretisch besuchen könnte. Das läuft seit fünf Jahren so. Es ist zum Verzweifeln.

Und dann ist da noch Habibi, der scheinbar glücklichste von allen. Er vermisst seine Familie in Afghanistan, vor allem die Mutter. Jetzt ist seine Freundin Alicia seine Familie. Als sie eingebürgert wurde, hat er ihr eine Heidi-und-Geissenpeter-Schneekugel gekauft. Sie lernt Dari von ihm, feuert ihn beim Berglauf aufs Stanserhorn an – und hat viele Fragen.

Wie schön es ist, jemandem gegenüber zu sitzen

Die Sehnsucht nach Liebe oder nur schon nach einer Umarmung wird besonders bei Mahir und Amir deutlich. Beim Baden am See, an der Chilbi, wo gutschweizerisch mit sexistischen Sprüchen für die Bahnen geworben wird, und im Rotzloch, dem «Gefängnis mit offenen Türen», wo dafür die Kühlschränke Vorhängeschlösser haben, denken sie laut nach über Männlichkeit, ihr Bedürfnis nach Nähe, verschmähte Liebe, kulturelle Eigenheiten und darüber, wie schön es ist, einfach nur jemandem gegenüber zu sitzen und sich zu unterhalten.

Maja Tschumi ist mit Rotzloch ein ausserordentlicher Film gelungen. Die Gedanken und Beobachtungen der vier jungen Männer sind eine Bereicherung, ergänzt mit starken Bildern und einem stimmigen Soundtrack, unter anderem von Bit-Tuner. So bringt Tschumi Bewegung in den platten, undifferenzierten Asyldiskurs. Doch sie bemüht sich dabei nicht um einen Ausweg oder sogar um ein Happy End, wie es andere tun, damit wir uns besser fühlen. Alles ist, wie es ist. Auch die Berge, die in diesem Film überall im Weg stehen.

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