2023 ist Wahljahr, und eine gewisse Partei versucht sich wenig überraschend mit dem immergleichen Thema ins Gespräch zu bringen. Erst kürzlich hat wieder einer ihrer Exponenten von der Wiedereinführung des Saisonnierstatuts fabuliert. Nicht irgendeiner, sondern der VRP der grössten Schweizer Lebensversicherung, Swiss Life, der ehemaligen Rentenanstalt. «Warum führen wir eigentlich nicht wieder das Saisonnierstatut ein, also eine zeitlich begrenzte Aufenthaltsbewilligung ohne Familien?», fragt er im «Sonntagsblick» und behauptet: «Das käme wohl auch vielen ausländischen Fachkräften entgegen.»
Das Saisonnierstatut wurde 2002 mit der Einführung der Personenfreizügigkeit aufgehoben. Sinn und Zweck des 1934 eingeführten Statuts war es, ausländische Arbeitskräfte ins Land zu holen, aber sie möglichst nicht heimisch werden zu lassen, indem man ihnen grundlegende Rechte verwehrte, unter anderem den Familiennachzug.
Wie sehr das den ausländischen Arbeiter:innen und ihren Kindern nicht «entgegenkam» bzw. wie traumatisierend das für viele war, erzählt der neue Dokfilm der Luzerner Filmemacher Jörg Huwyler und Beat Bieri. Im Land der verbotenen Kinder schaut tief in die Abgründe der Schweizer Migrationspolitik, lässt Betroffene zu Wort kommen und begleitet sie zurück an die Orte ihrer Kindheit.
Es rumort bis heute
In der Nachkriegsschweiz herrscht Hochkonjunktur, Arbeitskräfte sind gesucht, vor allem auf dem Bau, im Gastgewerbe, in der Industrie. Während Familie Schweizer auf den neuen Autobahnen gen Süden in die Ferien rauscht, bauen ausländische Arbeiter:innen aus ebendiesem Süden die Schweiz der Zukunft auf. Mehrere Hunderttausend kommen jedes Jahr für neun Monate ins Land – die «Puffermasse des Schweizer Wirtschaftswunders», wie Huwyler und Bieri sie nennen.
Ihre Kinder müssen zuhause bleiben, in Italien, Portugal, Spanien, Mazedonien. Oder ein illegales Leben in der Schweiz führen. Bisher war von etwa 15‘000 solcher «Schrankkinder» die Rede, jüngere Schätzungen gehen von bis zu 50‘000 Kindern aus, die von den 50er- bis in die 90er-Jahre ohne Bleiberecht hier lebten.
Luigi Fragale ist eines von ihnen. Zweieinhalb Jahre lebt er versteckt vor der Welt im Solothurnischen. Vor die Tür kommt er nur selten, an Fussball oder sonstige Vergnügen ist gar nicht erst zu denken, er könnte sich ja verletzen, dann würde die Familie auffliegen. Er hasst das Leben in der Schweiz, im sonnigen Kalabrien war er jeden Tag draussen. «Ich dachte, es sei normal, dass man sich hier versteckt», sagt Luigi heute.
Erst mit acht Jahren konnte er eine Schule besuchen, brauchte aber lange, um Fuss zu fassen. Auch jetzt, wenn «tutta la famiglia Fragale» am Tisch sitzt, rumort die Vergangenheit. «Um die Familie zusammenzuhalten, habe ich alle hier versteckt, meine Kinder und auch meine Frau», erinnert sich Papa Fragale und hält die Tränen zurück.
St.Galler Premiere in Anwesenheit der Regisseure:
14. Februar, 18.15 Uhr, Kinok St.Gallen
kinok.ch
«Viele versuchen die Vergangenheit zu verdrängen, aber solche Wunden können erst heilen, wenn die Geschichte ausgerollt wird», sagt Kinder- und Jugendpsychologin Maria Frigerio. Im Film erklärt sie, wie sich die rassistische Migrationspolitik auch auf das spätere Leben der Kinder ausgewirkt hat: Manche haben die Sprache verloren, andere haben die Rebellion gesucht, viele haben Depressionen oder psychosomatische Symptome entwickelt.
Der Schwarzenbach-Effekt
Frigerio hat zwei Bücher über Gastarbeiter:innen und ihre Kinder geschrieben. Und ist wie viele Migrant:innen geprägt und politisiert worden von der sogenannten «Schwarzenbach-Initiative»: «Manchmal sage ich, das war der Moment, als ich auf die Barrikaden gestiegen bin – und ich bin noch nicht runter», erklärt sie im Büchlein Der Schwarzenbach-Effekt von Francesca Falk. Heute hilft Frigerio unbegleiteten Minderjährigen in Süditalien.
Der «Überfremdungsdiskurs» in der Schweiz hat Mitte der 60er-Jahre wieder Aufwind bekommen. James Schwarzenbachs Initiative 1970 war der Auftakt einer langen Reihe von «Überfremdungsinitiativen», (seither wurde über sage und schreibe 14 Initiativen zu diesem Thema abgestimmt). Huwyler und Bieri benennen diese üble Wurzel explizit. Sie beschreiben das fremdenfeindliche Klima der 70er-Jahre auch mittels Archivmaterial, und die Sätze damals sind dieselben wie heute: «Aber die werden doch gut behandelt!», «Die sollen dankbar sein, hier geht es ihnen viel besser als in ihren eigenen Ländern». Und so weiter und so fort.
Diese Kontextualisierung ist richtig, auch erwartbar. Und umso nötiger in diesen Zeiten des akuten Fachkräftemangels, wo Menschen wieder laut über die Einführung eines Saisonnierstatuts nachdenken. So gesehen ist dieser Film nicht nur eine gelungene und sensible historische Aufarbeitung dieses Kapitels der Schweizer Migrationspolitik und seiner traumatischen Folgen, sondern vor allem auch ein Wink mit dem Mahnmal.
Dieser Beitrag erschien im Februarheft von Saiten.
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