Woran man die Attraktivität einer Stadt oder Region misst, hängt letztlich auch mit der persönlichen Sozialisierung und politischen Färbung ab. Sind es wirklich Strassen und Parkhäuser? Oder doch eher (Bühnen-)Bretter und Kulturhäuser?
Schaut man, wo am meisten Geld ausgegeben wird, scheint die Antwort klar: Der milliardenteure Autobahnanschluss im St.Galler Güterbahnhofareal muss unbedingt sein, um die Stadt vor dem Untergang zu bewahren, 140 Millionen für die neue Kantons- und Stadtbibliothek (oder selbst die acht Millionen für den neuen Fussgänger:innen- und Velotunnel bei der Kreuzbleiche) sind manchen hingegen bereits zu viel. Wie (wenig) weit das Verständnis für angemessene Finanzierung von Kulturinstitutionen und Kulturschaffenden reicht, zeigt sich immer dann, wenn die entsprechenden öffentlichen Gelder erhöht werden sollten. Aber wenn Ständerätin Esther Friedli vor ihrer Wahl im Saiten-Interview sagt, Kultur müsse selbsttragend sein, kann man von jenen Kreisen wohl nicht viel mehr erwarten.
Aber genug geklönt. Trotz allem dürfen wir uns glücklich schätzen, in der Ostschweiz eine lebendige und vielfältige Kulturlandschaft zu haben. Das war nicht immer so – und der Weg hierhin war weit. Eine der wichtigsten Institutionen für Kleinkunst feiert nun ihren 60. Geburtstag: die Kellerbühne St.Gallen. Ihre Eröffnung im Februar 1965 war der Anfang der Alternativkultur in der Kantonshauptstadt. Damals gab es nur das Stadttheater (das heutige Theater St.Gallen), die Tonhalle und das Puppentheater.
Seither sind diverse andere Kleintheater und unzählige weitere Kulturlokale in der und rund um die Stadt entstanden. Doch der Gewölbekeller im Klosterquartier ist bis heute einer der wichtigsten Orte der Region für Kabarett & Co. geblieben. Ob Franz Hohler, Gardi Hutter, Joachim Rittmeyer oder Regula Esposito: Sie alle sind schon ganz früh in der Kellerbühne aufgetreten. Zum runden Geburtstag kehren sie, zusammen mit anderen Jubilaren, im Februar zurück. Im Interview spricht Kellerbühne-Leiter Matthias Peter über die Entwicklung der Kellerbühne, den Einfluss gesellschaftlicher Entwicklungen auf das Programm und die inhaltliche Erneuerung. Peter Müller wirft in seinem Beitrag einen Blick zurück auf die lange und oft beschwerliche St.Galler Theatergeschichte.
Mit dem Herbstanfang kommen jetzt die kalten (und sehr bald auch dunklen) Tage, die man dann doch lieber daheim auf dem Sofa als draussen verbringt. Damit euch nach der Saiten-Lektüre nicht langweilig wird, stellen wir in diesem Heft neun Bücher mit Ostschweizer Bezug vor, von Romanen über Krimis bis zu Kurzgeschichten. Unser «Bücherherbst» zeigt, wie vielfältig auch die Ostschweizer Literaturlandschaft ist.
Ausserdem im heimeligen Oktober: das Interview mit Galledia-Verwaltungsratspräsident Urs Schneider zum Ende der «Ostschweiz», das neue Album von Worries And Other Plants, die erste Einzelausstellung von Saiten-Comiczeichnerin Julia Kubik, eine Filmreihe zum Schaffen von Richard Dindo, ein weiteres Kapitel bei der Suche nach einem freien Kulturhaus, die Flaschenpost von Sandro Zulian aus Pakistan und eine doppelte Verabschiedung des verstorbenen St.Galler Musikers und Kulturvermittlers Urs C. Eigenmann. Und noch viel mehr. (David Gadze)
Reaktionen/Positionen
Redeplatz mit Urs SchneiderStimmrecht von Liliia MatviivBildfang: Daumen hoch, ZentrumsbärSaitenlinie von Nathalie Grand24/7 Traumacore von Mia Nägeli
Perspektiven
Die Kellerbühne gehört heute zu den ersten Adressen für Kleinkunst in der Ostschweiz. Leiter Matthias Peter spricht über den Weg dahin, den Einfluss gesellschaftlicher Entwicklungen auf das Programm und das Feiern mit Urgesteinen zum runden Geburtstag. von David Gadze
Matthias Peter ist Schischyphusch. (Bild: Timon Furrer)
von Peter Müller
Flaschenpost aus Pakistan: Das Lächeln auf den Lippen, die AK in der Hand. von Sandro Zulian
Kultur
von Corinne Riedener, Roman Hertler, Laura Vogt, Richard Butz, Eva Bachmann, Peter Surber und Andi Giger
Bild: Anouk Tschanz
Von Leben und Tod: Das neue Album Travel In Cycles von Worries And Other Plants. von David Gadze
«Ohne Kultur kann eine Gesellschaft gar nicht existieren»: Zwei Nachrufe auf den Musiker Urs C. Eigenmann (1947–2024). von Richard Butz und Bruno Spoerri
Der Eisbader, das kaputte Reh und der Designerkürbis: Julia Kubik stellt in Winterthur ihre Saiten-Comics aus. von Veronika Fischer
Der Erinnungsarbeiter: Richard Dindo kommt im Rahmen einer Filmreihe im Kinok nach St. Gallen. von Geri Krebs
Klappts im zweiten Anlauf?: In St. Fiden soll ein neues Kulturhaus entstehen, aber anders als gedacht. von Corinne Riedener
Parcours: Arabisch-jüdisch, Totengesänge, starke Frauen, Mystery Lights, Roland
Gutes Bauen Ostschweiz: Inspiration Gartenstadt. von Nele Rickmann
Plattentipps: Analog im Oktober
Abgesang
Kellers Geschichten: Fahrende
Comic von Julia Kubik: Winterschlaf
Musiktheater
Zum 36-jährigen Bestehen seiner Galerie Macelleria d'arte transformiert Francesco Bonanno ein leerstehendes Gebäude am Roten Platz in St.Gallen in ein buntes Haus voller Kunst. Was als kleines Projekt begann, wuchs zu einem Gemeinschaftswerk von fast 100 Kunstschaffenden.
St.Gallen und Luzern haben mehr gemeinsam, als man zunächst denkt – oder doch nicht? «Null41» war mit der Saiten-Redaktion in St.Gallen unterwegs.
Von St.Gallen bis nach Südafrika. Ein Ostschweizer Ehepaar reist im Landrover Defender um die Welt. Ihre Erlebnisse halten die Baumelers mit einer Kamera fest. Nun erscheint ihr Film Immer weiter in Ostschweizer Kinos – eine ehrliche Dokumentation, der eine Einordnung gut getan hätte.
«Open House St.Gallen»
Museum Herisau
Das Küefer-Martis-Huus in Ruggell widmet sich in einer Retrospektive der Wiederentdeckung einer völlig übersehenen Künstlerin: Maggy Mauritz war eine Pionierin der Graffitikunst und des Lettrismus.
Jakob Lütschg kehrte nie nach Balgach zurück. 82 Jahre nach seinem Tod im Konzentrationslager Buchenwald kehrt wenigstens sein Name heim. Der erste Stolperstein im St. Galler Rheintal erinnert an ein Leben, das beinahe vergessen ging.
Musik am See
Torreich, spannend und doch enttäuschend - nur eine Viertelstunde guter Fussball reicht halt nicht zum Punkt gegen Thun.
Nach Jahrzehnten treffen sich Eva und Franz wieder. Beide im fortgeschrittenen Alter. Viel ist passiert und doch ist da noch Zuneigung. Schwindlig heisst der neue Roman der Ostschweizer Autorin Christine Fischer, in dem vielschichtige Charaktere auf feines Sprachgefühl treffen.
Dieses Wochenende eröffnet die offene Werkstatt Meter den neuen Standort an der Burgstrasse. Und im November zügelt Offcut nach St.Fiden. Das ist der Anfang vom Ende der Gemeinschaft «Ulmen5» – zumindest in ihrer bisherigen Form. Denn 2027 könnte es zur teilweisen Wiedervereinigung kommen.
Eine neue SRF-Serie porträtiert eine elfköpfige WG aus St.Gallen. Endlich wieder mal eine sehenswerte SRF-Produktion, findet Saiten-Autor Andi Giger.
St. Gallen schlägt sich am Ende auch selbst und muss den Traum von Europa begraben. Entscheidend war er Platzverweise gegen Mihailo Stevanovic vor der Pause.
Drei Kulturmagazine tun sich zusammen, vergleichen ihre Städte und die Herausforderungen, denen die Kultur gegenübersteht. Saiten hat die Kolleg:innen vom «Coucou» in Winterthur besucht und das «Null41» war in St.Gallen zu Besuch. Ausserdem im Septemberheft: lauter Jubiläen – von Anita Zimmermann über das Figurentheater bis zur Museumsnacht –, ein Pfarrer auf braunen Abwegen, eine Flaschenpost aus Afghanistan und ein Interview zum Hitzesommer und dem Klimawandel.
An seiner ersten Pressekonferenz als Leiter der St.Galler Kellerbühne schildert Hüseyin Cirpici seine Eindrücke der Stadt und verrät, was das Publikum unter seiner Regie erwartet.
Der St.Galler Komponist Charles Uzor hat eine Art politisches Oratorium geschrieben. Am Sonntag wurde es in der Kirche Trogen aufgeführt: The Great Wall. A Labyrinth mit dem grandiosen New Yorker Vokalensemble Ekmeles.
An den Appenzeller Bachtagen erklärte die Medienwissenschaftlerin Mercedes Bunz, weshalb die künstliche Intelligenz kreativ sein kann – und warum sie dennoch grundlegend anders arbeitet als der Mensch.
Kunstausstellung
Gesellschaftskritik, Wirbelsäulen und Gelenke, die keine sind. Im Rahmen einer Zwischennutzung zeigen vier Kunstschaffende noch bis zum 29. August ihre Arbeiten im Kubik-Areal in St. Gallen.