Es war einmal vor langer Zeit in einer galligen Falte zwischen Berg und See, da kämpfte sich eine Magd über den Markt auf der Suche nach Rat. Um sie herum schreiende Händler, stampfende Rösser, stinkende Ställe. Weiter oben, hinter den Klostermauern, gut abgeschirmt von Gestank und Gesocks, hockten verhüllte Gestalten und horteten tausendseitige Schätze. Dort wollte sie hin: Wo das Wissen der bekannten Welt lag. Irgendjemand musste ihr doch weiterhelfen können. Nur darum hatte sie den heimischen Hof verlassen, ausnahmsweise.
Ihr Weg führte sie, gesäumt von Geschnorr und Geplapper, vorbei an etlichen Krämern, Gauklerinnen, Handwerkern und Edelleuten aus allen Landen. Hin und wieder blieb sie stehen, horchte nur oder liess sich sogar in ein kurzes Gespräch verwickeln. Als sie etwas ausser Atem und mit roten Backen endlich vor dem dicken Tor der Weisen stand, fiel ihr auf, dass sie gar nicht mehr wusste, warum sie sie eigentlich hatte aufsuchen wollen. Ihr Kopf brummte. Aber nicht so wie nach der allmorgendlichen Ohrfeige ihrer Herrin, sondern auf eine ganz wohlige Art. Auf den wenigen Metern zwischen Hof und Kloster hatte sie so viel Neues über die Welt gelernt. So viel gehört und gesehen. So viele neue Fragen. Das gefiel ihr, und sie beschloss, sich von nun an öfters fortzuschleichen.
1200 Jahre später ist die Stadt unserer wissensdurstigen Magd grösser und sauberer geworden. Und sie nennt sich jetzt vollmundig «Buchstadt» oder «Literaturstadt», und ihre Wissensschätze und Archivleichen werden freimütig aller Welt vorgeführt – gegen entsprechendes Entgelt natürlich. Das selbstbewusste Image als Hort der Wissensvermittlung wird vor allem gegen aussen gepflegt. Ausgelebt werden – von der Bevölkerung und den umliegenden Gemeinden – soll das bibliophile Selbstverständnis eher ungern. Zumindest, solang dieser Anspruch etwas kostet.
So zumindest könnte man die jüngsten Vorstösse der bürgerlichen Parteien gegen die neue Kantons- und Stadtbibliothek deuten, die in der Hauptstadt gebaut werden soll. Das Grossprojekt war eigentlich längst in trockenen Tüchern, wäre da nicht die selbsternannte Bildungspartei FDP. Sie macht nun Stimmung dagegen, aber lest selbst: David Gadze und Roman Hertler haben den freisinnigen Wandel und die Geschichte des Bibliotheksgesetzes ab Seite 24 aufgearbeitet.
Ja, eine ordentliche Bibliothek muss man sich eben leisten wollen. Doch der frühmittelalterliche Ehrgeiz dieser Region ist offenbar längst verpufft. Kein Wunder tickt St.Gallen heute lieber klein-klein. Bloss keine grossen Würfe, bloss keine kantigen Köpfe, bloss nicht öffentlich anecken – es könnte fast das Motto des derzeitigen Stadtrats sein. Alle fünf Mitglieder wollen am 22. September wiedergewählt werden. Reto Voneschen blickt ab Seite 34 zurück auf die Legislatur und fragt sich, was passieren müsste, damit der Wahlsonntag doch nicht gar so langweilig wird.
Ausserdem im überbordenden September: 20 Jahre Solinetz, viel los im Figurentheater, die Gewinner:innen des inklusiven Schreibwettbewerbs und allerhand weitere Lesestoffe. Und natürlich das Neuste aus der Saiten-Kombüse: Diesen Monat veranstalten wir einen Kongress, wir launchen unser neues Kalender-CMS und wir machen ein Crowdfunding. Phuh! Und im Oktober kommt dann unsere neue Website. Also nachlesen und dranbleiben, alle Infos gibt es ab Seite 6.
Corinne Riedener
Reaktionen / PositionenIn eigener Sache: Auf zu neuen UfernBildfang: Naturschütze(r)Redeplatz mit Sükran MagroSaitenlinie von Nathalie GrandStimmrecht von Liliia Matviiv24/7 Traumacore von Mia Nägeli
Perspektiven
Der Leuchtturm kommt ins Wanken
Das Projekt für eine neue Kantons- und Stadtbibliothek in St.Gallen bekommt politischen Gegenwind. Die bürgerlichen Parteien fordern eine Verkleinerung und wollen die «regionale Ausgewogenheit» stärken. von David Gadze
Geringgeschätzte Bibliothekstradition
Dass die St.Galler FDP heute fordert, der Kanton solle auch die Bibliotheken ausserhalb der Hauptstadt berücksichtigen, ist löblich. Dass ihm dazu Geld und Rechtsgrundlage fehlen, ist aber das Resultat ihrer eigenen Politik. von Roman Hertler
Jonathan Callan: Rushmore (2021), Privatsammlung, Boston USA
Stadtrat: Überraschungen sind möglich
Am 22. September stehen Kampfwahlen um die fünf Sitze im St.Galler Stadtrat auf dem Programm. Am wahrscheinlichsten ist, dass die fünf Bisherigen bestätigt werden. Überraschungen liegen aber im Bereich des Möglichen. von Reto Voneschen
Parlament: Eine Mehrheit tickt heute links
Im September wird auch das St.Galler Stadtparlament neu gewählt. Mit grossen Verschiebungen ist nicht zu rechnen. Das Kräfteverhältnis zwischen links und rechts dürfte stabil bleiben. von Reto Voneschen
Schafft der Baudirektor die Wiederwahl? (Illustration: Lea Le)
Inklusiver Schreibwettbewerb: «Überall sind wir»
Die Texte der drei Gewinner:innen Fiona Feuz, Juli und Percy Usleber
Kultur
«Wir wollen Geschichten erzählen»
Seit zehn Jahren leiten Frauke Jacobi (Bild oben) und Stephan Zbinden das Figurentheater St.Gallen. Ein Gespräch über das Ankommen in St.Gallen, gekillte Darlings und den Zustand der Figurentheater-Szene in der Deutschschweiz. von Roman Hertler
Erinnerungen an Urs Bürki (1950—2024)
von Adrian Riklin, Margrit Bürer, Yves Ebnöther, Ursula Badrutt, Barbara Auer, Ueli Vogt, Gallus Knechtle
Ein baukulturelles Grossprojekt
Der Bauatlas Appenzellerland leistet praktische Hilfe beim Bauen an historischen Häusern und erzählt auch ein Stück Kulturgeschichte. von Corinne Riedener
Stadtprojektionen zum Fünften
Die «Stadtprojektionen» zeigen in St.Fiden Werke von neun Kunstschaffenden. Parallel dazu ist eine Publikation erschienen. von René Hornung
Nie Mode, immer Avantgarde
Die Schweizer Literaturzeitschrift «Orte» feiert ihr 50-Jahr-Jubiläum. Notizen aus der Redaktion: ein Blick zurück und ein Blick nach vorne. von Viviane Egli
Kult-X kämpft um seine Zukunft
Ob die Stimmberechtigten das Kreuzlinger Mehrspratenhaus weiterhin finanziell unterstützen möchten, zeigt sich am 22. September. von Judith Schuck
Ohren auf im Liegestuhl
In St.Gallen findet erstmals das Festival Les Digitales statt. Im Vordergrund steht aber nicht das Tanzen, sondern das Chillen im Liegestuhl. von Philipp Bürkler
Parcours: Berg-Werk, Kellerbühne, Musiknachwuchs, Orgelfestival und Galeriejubiläum
Gutes Bauen Ostschweiz (XXII): 20 Jahre Lindenpark. von Theresa Mörtl
Plattentipps: Analog im September
Boulevard: Wiesenwart und Seitenwechsel
Abgesang
Kellers Geschichten: Gymnasiasten
Comic von Julia Kubik: Zeit
Vielleicht ist es euch beim Blättern schon in die Hände gefallen – das «Kunstblatt». Es befindet sich neu als Beilage jeweils in der Mitte des Hefts. Herausgegeben und konzipiert wird es vom Verein Kunstblatt. Dessen Ziel ist es, dem Ostschweizer Kunstschaffen eine monatliche Bühne in gedruckter Form und damit mehr Präsenz und Ausstrahlung zu verschaffen. Jeden Monat erhält ein:e Künstler:in oder Kollektiv den Auftrag zur Gestaltung des «Kunstblatts». Auf dessen Rückseite findet sich ein Einführungstext zum Werk und zur Person. Die Auswahl der Kunstschaffenden und der Autor:innen trifft das unabhängige Kurator:innen-Team des Vereins, derzeit bestehend aus Ursula Badrutt, David Glanzmann, Josef Felix Müller, Corinne Schatz, Hanspeter Spörri und Anita Zimmermann.
Das erste «Kunstblatt» hat das Kollektiv U5 gestaltet. Das A2-Poster zeigt verschiedene «Recreation Areas», kleine Inseln der Lebenshilfe. Zum Beispiel einen Friedhof der Zukunftsängste, eine Trauerweide der glücklichen Zufälle oder eine geflechtartige Biosphäre, in der man Hierarchien verlernen kann – eine Anspielung auf ihre eigene Organisationsform als U5-Kollektiv. Die kommenden «Kunstblatt»-Nummern werden ebenfalls knackig, so viel können wir bereits verraten. Wir freuen uns jedenfalls auf alle weiteren Künstler:innen aus der Region, die da noch folgen. (red.)
Die Baupläne sind gezeichnet, das Baugesuch liegt zur Vorprüfung bei der Stadt – doch noch ist einiges rund um den Wiederaufbau der Rorschacher Badhütte zu klären. Was passiert zum Beispiel mit all den angerosteten und teils verbogenen Scharnieren, Schlössern und anderen Eisenteilen, die die Taucher aus dem See heraufgebracht haben?
Mohsen Masoudi ist 2022 aus dem Iran in die Schweiz geflohen. Heute lebt er in Stein AR und ist Teil der Exil-Opposition. Er erzählt, warum es die Schliessung der iranischen Botschaft braucht und was sich mit den Protesten Anfang Jahr verändert hat.
Das See-Burgtheater macht aus seiner Piratinnengeschichte Die Legende von Anne Bonny ein akrobatisches Spektakel vom Feinsten. Bei aller Sommertheater-Leichtigkeit hätte man aber doch ein bisschen mehr Emanzipationsgeschichte erwartet.
Zu seinem 20. Geburtstag hat das Kulturfestival am Wochenende Bands aus St.Gallen und der Region zu einem zweitägigen Konzertfest eingeladen. Dieses war so vielfältig wie gelungen – auch wegen der Idee, Covers aus der Gründungszeit des Festivals in die Sets einzubauen.
Bregenzer Festspiele
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 3: «Was der Kaiser noch sah», Olaf Breuning – «Humans» und Oriana Bruseghini – Das verlassene Rettungsboot.
Wie setzt Fotografie Mode in Szene? Und wer fotografiert dabei eigentlich wen? Das Textilmuseum St.Gallen gibt mit «Mise en Scène» Einblicke in 120 Jahre Modegeschichte. Es ist die letzte Schau vor dem Museumsumbau.
Seit elf Tagen befindet sich Velat Aydin vor dem Bundesverwaltungsgericht in St.Gallen im Hungerstreik. Im Gespräch mit Saiten erzählt der Kurde, woher er kommt und weshalb politischer Aktivismus so wichtig ist.
Die St.Galler Festspiele sind vorbei. Oper war indoor, draussen im Stadtpark spielte die Endzeitkomödie Planet B. Nähme man die Botschaft des Stücks ernst, müsste die Festspiel-Oper auch künftig ressourcenschonend drinnen bleiben.
Sindujan* lebt schon sein ganzes Leben in der Schweiz. Die Einbürgerung ist fast abgeschlossen, war aber mit hohen Kosten und einem unangenehmen Gespräch verbunden.
Bevor die Kunst Einzug hielt, war das Sittertal industrialisiert. Hier wurde gestickt, gewirkt, gefärbt, mercerisiert – aber auch gestreikt und geliebt.
Kolumne: Stimmrecht
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 2: Kinok-Open-Air, Solarkino, Christa Näher – «Excess», Living Museum, Poolbar Festival, Die Legende von Anne Bonny und SP-Spaziergänge.
In der Kunstkabine bei der St.Leonhard-Brücke in St.Gallen stellen bis September vier Personen mit Beeinträchtigung ihre Kunst aus. Den Anfang macht Sonja Lippuner mit ihrer «Rollstuhlkunst».
Die Kunstgiesserei St.Gallen und die Stiftung Sitterwerk strahlen weit über die Region hinaus. Felix Lehner, Gründer und Leiter der Kunstgiesserei, Geschäftsleitungsmitglied Till Jäckli sowie Patricia Hartmann, Co-Leiterin der Stiftung Sitterwerk, sprechen im Interview über die letzten 40 Jahre, aktuelle Herausforderungen und Zukunftspläne.
Geschlechterspezifische Gewalt ist auch in Appenzell Realität, und doch wird zu wenig darüber geredet. Mit der Diskussionsveranstaltung «werom – schwätze statt schwiige» luden drei junge Appenzellerinnen zum offenen Austausch über Gewalt, Prävention und Zivilcourage.
Heimat – ein vielschichtiger Begriff. Das Kunstmuseum St.Gallen spürt ihm gemeinsam mit der Werksammlung der Schweizerischen Post nach. Zu sehen ist die entstandene Schau «Heimatflimmern» bis Ende Oktober in St.Gallen.
Die St.Galler Festspiele laden, nach der letztjährigen Pause, wieder zum Tanz in die Kathedrale. Choreograf Antonio Ruz und die Tanzkompanie nehmen den Raum mit Respekt in Beschlag – samt dem Klosterplatz.
Der «Landesverräter» war gern am Fluss
Bis zum Ende der Sommerferien präsentiert Saiten wöchentlich Kulturtipps aus der Region. Teil 1: Openair-Kinos, Blablabor – «Guerilla Radio», Michail Pirgelis – «HYLE», «Heimatflimmern», Kulturfestival St.Gallen, Leonce und Lena, Kunstspaziergänge und Musik im «Flöözli» sowie Rundgänge zum Blumenwies und zur Schwammstadt.