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Saiten im September: Windig

Die Zentrumsbibliothek im Gegenwind, die städtischen Linken mit Rückenwind und das Figurentheater im Aufwind: Einiges los im neuen Heft. Ausserdem im September: Das grosse Crowdfunding, der neue Kalender und der tolle Kongress zum 30. Geburtstag von Saiten – geilgeilgeil!
Von  Redaktion Saiten , 
Fotografie: Mario Nägele, Illustrationen: Saitengrafik und Luisa Zücher (links) und Lea Le (rechts)

Es war einmal vor langer Zeit in einer galligen Falte zwischen Berg und See, da kämpfte sich eine Magd über den Markt auf der Suche nach Rat. Um sie herum schreiende Händler, stampfende Rösser, stinkende Ställe. Weiter oben, hinter den Klostermauern, gut abgeschirmt von Gestank und Gesocks, hockten verhüllte Gestalten und horteten tausendseitige Schätze. Dort wollte sie hin: Wo das Wissen der bekannten Welt lag. Irgendjemand musste ihr doch weiterhelfen können. Nur darum hatte sie den heimischen Hof verlassen, ausnahmsweise.

Ihr Weg führte sie, gesäumt von Geschnorr und Geplapper, vorbei an etlichen Krämern, Gauklerinnen, Handwerkern und Edelleuten aus allen Landen. Hin und wieder blieb sie stehen, horchte nur oder liess sich sogar in ein kurzes Gespräch verwickeln. Als sie etwas ausser Atem und mit roten Backen endlich vor dem dicken Tor der Weisen stand, fiel ihr auf, dass sie gar nicht mehr wusste, warum sie sie eigentlich hatte aufsuchen wollen. Ihr Kopf brummte. Aber nicht so wie nach der allmorgendlichen Ohrfeige ihrer Herrin, sondern auf eine ganz wohlige Art. Auf den wenigen Metern zwischen Hof und Kloster hatte sie so viel Neues über die Welt gelernt. So viel gehört und gesehen. So viele neue Fragen. Das gefiel ihr, und sie beschloss, sich von nun an öfters fortzuschleichen.

 

1200 Jahre später ist die Stadt unserer wissensdurstigen Magd grösser und sauberer geworden. Und sie nennt sich jetzt vollmundig «Buchstadt» oder «Literaturstadt», und ihre Wissensschätze und Archivleichen werden freimütig aller Welt vorgeführt – gegen entsprechendes Entgelt natürlich. Das selbstbewusste Image als Hort der Wissensvermittlung wird vor allem gegen aussen gepflegt. Ausgelebt werden – von der Bevölkerung und den umliegenden Gemeinden – soll das bibliophile Selbstverständnis eher ungern. Zumindest, solang dieser Anspruch etwas kostet.

So zumindest könnte man die jüngsten Vorstösse der bürgerlichen Parteien gegen die neue Kantons- und Stadtbibliothek deuten, die in der Hauptstadt gebaut werden soll. Das Grossprojekt war eigentlich längst in trockenen Tüchern, wäre da nicht die selbsternannte Bildungspartei FDP. Sie macht nun Stimmung dagegen, aber lest selbst: David Gadze und Roman Hertler haben den freisinnigen Wandel und die Geschichte des Bibliotheksgesetzes ab Seite 24 aufgearbeitet.

Ja, eine ordentliche Bibliothek muss man sich eben leisten wollen. Doch der frühmittelalterliche Ehrgeiz dieser Region ist offenbar längst verpufft. Kein Wunder tickt St.Gallen heute lieber klein-klein. Bloss keine grossen Würfe, bloss keine kantigen Köpfe, bloss nicht öffentlich anecken – es könnte fast das Motto des derzeitigen Stadtrats sein. Alle fünf Mitglieder wollen am 22. September wiedergewählt werden. Reto Voneschen blickt ab Seite 34 zurück auf die Legislatur und fragt sich, was passieren müsste, damit der Wahlsonntag doch nicht gar so langweilig wird.

Ausserdem im überbordenden September: 20 Jahre Solinetz, viel los im Figurentheater, die Gewinner:innen des inklusiven Schreibwettbewerbs und allerhand weitere Lesestoffe. Und natürlich das Neuste aus der Saiten-Kombüse: Diesen Monat veranstalten wir einen Kongress, wir launchen unser neues Kalender-CMS und wir machen ein Crowdfunding. Phuh! Und im Oktober kommt dann unsere neue Website. Also nachlesen und dranbleiben, alle Infos gibt es ab Seite 6.

Corinne Riedener

 

Der Inhalt:

Reaktionen / Positionen
In eigener Sache: Auf zu neuen Ufern
Bildfang: Naturschütze(r)
Redeplatz mit Sükran Magro
Saitenlinie von Nathalie Grand
Stimmrecht von Liliia Matviiv
24/7 Traumacore von Mia Nägeli

 

Perspektiven

Bibliothek im Gegenwind

Der Leuchtturm kommt ins Wanken

Das Projekt für eine neue Kantons- und Stadtbibliothek in St.Gallen bekommt politischen Gegenwind. Die bürgerlichen Parteien fordern eine Verkleinerung und wollen die «regionale Ausgewogenheit» stärken. von David Gadze

Geringgeschätzte Bibliothekstradition

Dass die St.Galler FDP heute fordert, der Kanton solle auch die Bibliotheken ausserhalb der Hauptstadt berücksichtigen, ist löblich. Dass ihm dazu Geld und Rechtsgrundlage fehlen, ist aber das Resultat ihrer eigenen Politik. von Roman Hertler

Jonathan Callan: Rushmore (2021), Privatsammlung, Boston USA

 

Wahlen in der Stadt St.Gallen

Stadtrat: Überraschungen sind möglich

Am 22. September stehen Kampfwahlen um die fünf Sitze im St.Galler Stadtrat auf dem Programm. Am wahrscheinlichsten ist, dass die fünf Bisherigen bestätigt werden. Überraschungen liegen aber im Bereich des Möglichen. von Reto Voneschen

Parlament: Eine Mehrheit tickt heute links

Im September wird auch das St.Galler Stadtparlament neu gewählt. Mit grossen Verschiebungen ist nicht zu rechnen. Das Kräfteverhältnis zwischen links und rechts dürfte stabil bleiben. von Reto Voneschen

Schafft der Baudirektor die Wiederwahl? (Illustration: Lea Le)

 

Inklusiver Schreibwettbewerb: «Überall sind wir»

Die Texte der drei Gewinner:innen Fiona Feuz, Juli und Percy Usleber

 

Kultur

Im Figurentheater

«Wir wollen Geschichten erzählen»

Seit zehn Jahren leiten Frauke Jacobi (Bild oben) und Stephan Zbinden das Figurentheater St.Gallen. Ein Gespräch über das Ankommen in St.Gallen, gekillte Darlings und den Zustand der Figurentheater-Szene in der Deutschschweiz. von Roman Hertler

 

Erinnerungen an Urs Bürki (1950—2024)

von Adrian Riklin, Margrit Bürer, Yves Ebnöther, Ursula Badrutt, Barbara Auer, Ueli Vogt, Gallus Knechtle

 

Ein baukulturelles Grossprojekt

Der Bauatlas Appenzellerland leistet praktische Hilfe beim Bauen an historischen Häusern und erzählt auch ein Stück Kulturgeschichte. von Corinne Riedener

 

Stadtprojektionen zum Fünften

Die «Stadtprojektionen» zeigen in St.Fiden Werke von neun Kunstschaffenden. Parallel dazu ist eine Publikation erschienen. von René Hornung

 

Nie Mode, immer Avantgarde

Die Schweizer Literaturzeitschrift «Orte» feiert ihr 50-Jahr-Jubiläum. Notizen aus der Redaktion: ein Blick zurück und ein Blick nach vorne. von Viviane Egli

 

Kult-X kämpft um seine Zukunft

Ob die Stimmberechtigten das Kreuzlinger Mehrspratenhaus weiterhin finanziell unterstützen möchten, zeigt sich am 22. September. von Judith Schuck

 

Ohren auf im Liegestuhl

In St.Gallen findet erstmals das Festival Les Digitales statt. Im Vordergrund steht aber nicht das Tanzen, sondern das Chillen im Liegestuhl. von Philipp Bürkler

 

Parcours: Berg-Werk, Kellerbühne, Musiknachwuchs, Orgelfestival und Galeriejubiläum

Gutes Bauen Ostschweiz (XXII): 20 Jahre Lindenpark. von Theresa Mörtl

Plattentipps: Analog im September

Boulevard: Wiesenwart und Seitenwechsel

 

Abgesang

Kellers Geschichten: Gymnasiasten

Comic von Julia Kubik: Zeit

 

Apropos Neuigkeiten:

Vielleicht ist es euch beim Blättern schon in die Hände gefallen – das «Kunstblatt». Es befindet sich neu als Beilage jeweils in der Mitte des Hefts. Herausgegeben und konzipiert wird es vom Verein Kunstblatt. Dessen Ziel ist es, dem Ostschweizer Kunstschaffen eine monatliche Bühne in gedruckter Form und damit mehr Präsenz und Ausstrahlung zu verschaffen. Jeden Monat erhält ein:e Künstler:in oder Kollektiv den Auftrag zur Gestaltung des «Kunstblatts». Auf dessen Rückseite findet sich ein Einführungstext zum Werk und zur Person. Die Auswahl der Kunstschaffenden und der Autor:innen trifft das unabhängige Kurator:innen-Team des Vereins, derzeit bestehend aus Ursula Badrutt, David Glanzmann, Josef Felix Müller, Corinne Schatz, Hanspeter Spörri und Anita Zimmermann.

Das erste «Kunstblatt» hat das Kollektiv U5 gestaltet. Das A2-Poster zeigt verschiedene «Recreation Areas», kleine Inseln der Lebenshilfe. Zum Beispiel einen Friedhof der Zukunftsängste, eine Trauerweide der glücklichen Zufälle oder eine geflechtartige Biosphäre, in der man Hierarchien verlernen kann – eine Anspielung auf ihre eigene Organisationsform als U5-Kollektiv. Die kommenden «Kunstblatt»-Nummern werden ebenfalls knackig, so viel können wir bereits verraten. Wir freuen uns jedenfalls auf alle weiteren Künstler:innen aus der Region, die da noch folgen. (red.)

Wenn Mu­se­ums­ob­jek­te ei­nen neu­en Sinn be­kom­men

Ei­ne ben­zin­be­trie­be­ne Glüh­bir­ne? Ein ro­bus­tes Schnaps­glas? Oder ein Kat­zen­hals­band, das die Raub­tie­re vom Vö­gel­fan­gen ab­hal­ten soll? Im His­to­ri­schen Mu­se­um Thur­gau schlum­mern ei­ni­ge Ge­gen­stän­de, de­ren Funk­ti­on auf den ers­ten Blick nicht ganz klar ist. Tho­mas Götz, Mar­ti­na Hü­gi und Ste­fan Kel­ler muss­ten die­se am Icon Po­et her­aus­fin­den.

Von Judith Schuck,
Icon Poet Judith Schuck

Lang­sam­keit als Mo­tor

Die St.Gal­ler Rock­band The Black Salt ver­öf­fent­licht ihr zwei­tes Al­bum. Und ver­ab­schie­det sich ein Stück­weit von ih­ren An­fän­gen.

Von David Gadze,
Theblacksalt1

Fah­nen der Ver­gäng­lich­keit

Die Welt ist in ste­tem Wan­del. Und man­che Ver­än­de­run­gen sind ir­rever­si­bel – Glet­scher schmel­zen, Tier- und Pflan­zen­ar­ten ster­ben aus. Die Aus­stel­lung «Flim­mern» wid­met sich der Be­wusst­wer­dung die­ses Wan­dels – und dem Schmerz, den er aus­löst.

Von Judith Schuck,
Flimmern Blossom 0 2 von Hoa Luo Patrik Muchenberger

Du­bio­se Zah­len zum Au­to­bahn­aus­bau

Die Grund­la­gen, mit de­nen die Be­für­wor­ter:in­nen die drit­te Au­to­b­anhröh­re durch den Ro­sen­berg in St.Gal­len und die Teil­span­ge mit dem An­schluss im Gü­ter­bahn­hof­are­al for­dern, ba­sie­ren auf frag­wür­di­gen Zah­len. Zu die­sem Schluss kommt der Raum- und Ver­kehrs­pla­ner Tho­mas Hug-Di Le­na.

Von René Hornung,
Anschluss gueterbahnhof

Grüs­se aus ei­nem kom­pli­zier­ten Land

Die St.Gal­ler Tanz­kom­pa­nie fei­er­te ver­gan­ge­nen Sams­tag mit From Eng­land wi­th Love Pre­mie­re. Das Stück wagt sich aber­mals aus dem Gleich­schritt – mit un­miss­ver­ständ­li­chen Ges­ten.

Von Andi Giger,
From England with Love

Eman­zi­pa­ti­on in geo­me­tri­scher Form

Das Kunst­haus Bre­genz zeigt in der neu­en Aus­stel­lung Ar­bei­ten der US-ame­ri­ka­ni­schen Künst­le­rin Tork­wa­se Dys­on. Aus­gangs­punkt ih­rer gross­for­ma­ti­gen geo­me­tri­schen Skulp­tu­ren und poe­ti­schen Ma­le­rei­en bil­det das Le­ben und die Be­frei­ung Schwar­zer Men­schen.

Von Sieglinde Wöhrer,
Torkwase Dyson EG Y3 A3594 Foto Markus Tretter

Vom Ges­tern in die Zu­kunft tau­chen

Wie stehts heu­te um die Gleich­stel­lung? Und wie war das frü­her? Die Pop-up-Aus­stel­lung «Frau­en­spu­ren im Hal­len­bad» in Gos­sau ar­bei­tet ein Stück Ge­sell­schafts­ge­schich­te auf. Zeigt, wo es heu­te noch hakt, und dass es nicht blei­ben muss, wie es ist.

Von Vera Zatti,
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Kolumne: 24/7 Traumacore

Ich bin Bra­ve­he­art (Mel Gib­son ty­pe shit)

Von Mia Nägeli,

Theater

Kein Kom­pli­ment

Von Vera Zatti,
Unreif Presse 05

Von Trans­sil­va­ni­en in den Thur­gau

Jo­han­na und Szi­lamer ar­bei­ten seit vier Jah­ren als Ern­te­hel­fer:in­nen in Fru­thwi­len. In ih­rer Hei­mat Ru­mä­ni­en ist die wirt­schaft­li­che La­ge an­ge­spannt und die kör­per­li­che Ar­beit auf dem Feld sind sie ge­wohnt.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
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Er­satz­wahl in den Stadt­rat: Vor­ent­scheid fällt an SP-No­mi­na­ti­ons­ver­samm­lung

Am 29. Ok­to­ber ent­schei­det die SP der Stadt St.Gal­len, wen sie in die Er­satz­wahl um den Stadt­rats­sitz von Pe­ter Jans schickt. Was ur­sprüng­lich wie ei­ne For­ma­li­tät aus­sah, hat sich zu ei­nem span­nen­den Ren­nen ent­wi­ckelt. Mit of­fe­nem Aus­gang.

Von Reto Voneschen,
2026 Stadtrat Collage farbig

Jock Kobels zweiter Fall

Die Welt ist im­mer He­ris­au

Von Andrej Millius,
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Musik

Der Hai­fisch beisst wie­der zu

Von David Gadze,
Bildschirmfoto 2026 10 14 um 18 07 57

Heppelers Bestiarium

100 Jah­re Ein­sam­keit

Von Jeremias Heppeler,

FC St. Gal­len vs. Lau­sanne-Sport – Die Es­pen er­kämp­fen sich die 3 Punk­te

Nach ei­ner ganz pas­sa­blen ers­ten Halb­zeit der Es­pen so­wie Füh­rung durch ei­nen Elf­me­ter von Gört­ler vor der Pau­se, spie­len die St. Gal­ler die­ses Re­sul­tat an­schlies­send her­un­ter und ho­len sich die 3 Punk­te.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
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Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
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Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,