Kategorie
Autor:innen
Jahr

«Die ewige Diskussion: Komödie oder Tragödie»

Vor 50 Jahren ging die Kellerbühne auf – ein Gespräch mit dem Leiter Matthias Peter über den Spagat zwischen Humor und Ernst. Nächsten Montag und Dienstag wird sein Jubiläumsbuch präsentiert.
Von  Peter Surber , 

1964 war alternative Kultur in St.Gallen noch ein Fremdwort. Wie kam es zur Gründung der Kellerbühne?

Am Anfang standen die Kabaretts: das Cornichon, das Fédéral, in St.Gallen das Sowieso. Sie traten in Wirtshaussälen auf. In den 50er-Jahren folgte daraus eine eigentliche Kellertheater-Bewegung quer durch die Schweiz. Die Kellerbühne gehört mit Gründungsjahr 1964 zu dieser Geschichte. Die Initiative ging hier vom Kabarett Schnodergoofe aus, dem späteren Sälewie. «Kennen Sie einen Keller, aus dem wir ein kleines Theäterchen basteln könnten?», hiess es in einem Aufruf. An der St.Georgenstrasse wurden sie dann fündig.

Was Kabarett betrifft, ist die Kellerbühne auch nach 50 Jahren in St.Gallen noch fast allein. Sonst aber hat sich die Zahl von Räumen ungeheuer erweitert, mit Grabenhalle, Palace, Kugl, Theater 111, Kultbau, Tivoli, Parfin de siècle etc. Ein Glück oder eine Gefahr?

Wir haben beschränkte Kapazität, trotz inzwischen 166 Vorstellungen im Jahr muss ich sehr viele Absagen erteilen. Schon deshalb ist das ein Glück. Wer kreativ ist, will eine Bühne. Neue Spielorte sind ein Auffangbecken für die Vielzahl an Produktionen. Es entsteht Neues, auch Dinge, die weniger an einen «etablierten» Ort mit seinen Qualitätsansprüchen passen, wie es die Kellerbühne ist.

Stichwort «Theäterchen»: In der Geschichte der Kellerbühne taucht wiederholt der Vorwurf auf, das Programm sei zu wenig bissig, und man habe die aktuellen Kleintheater-Entwicklungen verschlafen. Hat sich das geändert?

Es gab unterschiedliche Phasen. In den ersten Jahren machte Norbert Bischof mutige Dinge, er holte Alfred Rasser oder den jungen Franz Hohler, zeigte aktuelles Schauspiel. Fred Kurer pflegte als Leiter danach Kabarettisten wie Kaspar Fischer, Georg Kreisler, Hanns Dieter Hüsch, Franz Josef Bogner. Unter Renward Wyss kam es 1974 zur Kehrtwende, er sah die Kellerbühne als Forum für Laientheater. Auch wenn Bruno Broder, Liana Ruckstuhl, Kurt Schwarz wieder andere Akzente setzten, blieb die Kellerbühne bis Ende der 90er-Jahre stark vom Amateurtheater geprägt. Seit 2004 jedoch hat sie sich inhaltlich und auch baulich grundsätzlich erneuert. Sie gehört heute zu den wichtigen Kleintheatern der Schweiz, spiegelt in erster Linie die aktuelle Kleinkunst, bietet daneben aber immer noch dem Cabaret Sälewie und der St.Galler Bühne Gastrecht.

Gibt es auch ein politisches Anliegen?

Die Kellerbühne hat sich seit jeher politisch neutral verhalten. In einem alten Sitzungsprotokoll habe ich den Satz gefunden: «Es ist niemandem erlaubt, sich in der Kellerbühne politisch zu betätigen.» Eine einseitige politische Linie zu verfolgen, wäre auch nicht mein Ding und fände kaum Rückhalt bei den Mitgliedern. Mir geht es in umfassenderem Sinn um den Menschen. Wie gehen wir mit der Welt und den Mitmenschen um? Solche gesellschaftskritischen Fragen interessieren mich, überparteilich.

Fast gleichzeitig wie die Kellerbühne wurde 1965 das Africana an der Goliathgasse eröffnet. Das «Aff» war Rebellion, die Kellerbühne bürgerlich – die Fronten waren damals noch klar. Und heute?

Ganz klar waren die Fronten nicht. 19 Jahre lang, bis zur Eröffnung der Grabenhalle, war die Kellerbühne im Bereich der Kleinkunst praktisch allein auf dem Platz, da trat auch ein Popautor wie Urban Gwerder oder der Hippie Urs Graf auf, es gab Jazz, Unterschiedlichstes war möglich, auch eine gehörige Portion Rebellion. Trotzdem haftet der Kellerbühne bis heute ein bürgerlicher Touch an. Gut, unsere Vorstellungen fangen um 20 Uhr an… vielleicht ist das bürgerlich. Ich glaube aber, dass sich solche Fronten auflösen, gerade bei den Jüngeren. Die Kellerbühne hat ein durchmischtes Publikum, auch altersmässig. Und bei der Arbeit für das Jubiläumsbuch habe ich gestaunt, was da alles im Keller über die Jahre Platz hatte. Vielleicht macht das manchen Lust, zu sagen: Da gehe ich auch mal hin.

Viele gehen in die Kellerbühne, um sich zu entspannen und zu amüsieren.

Es ist die ewige Diskussion: Spielen wir Komödie oder Tragödie? Wer lässt sich auf was ein? Und wer hat den Kopf frei in einer Gesellschaft, die ihre Leute immer mehr ausbeutet und ihnen kaum Freiraum lässt, sich mit «schweren» Stoffen zu beschäftigen? Da den Ausgleich zu finden, ist nicht einfach. Grundsätzlich kann auch übers Lachen Erkenntnis transportiert werden. Das verbreitete Urteil, die Kellerbühne spiele nur lustiges Zeug, stimmt trotzdem nicht. Wir haben eine Schiene für anspruchsvolles literarisches Theater. Für diese stehe ich ganz klar ein.

Das Publikum kommt auch ins Sprechtheater?
Immer mehr. Wir haben mit etwa dreissig Besuchern angefangen, jetzt sind es um die siebzig. Und insgesamt war 2013/14 ein Rekordjahr mit einer Gesamtauslastung von siebzig Prozent. Offensichtlich stimmt die Mischung. Die Kellerbühne kann nicht nur auf eine einzige Klientel zählen. Deshalb mache ich bewusst ein Wellen-Programm. Hutzenlaub & Stäubli zum Auftakt, dann ein Theaterstück von Julian Barnes – und daneben sollen auch olma- oder fasnachtstaugliche Produktionen Platz haben. Wenn ich anfange auszuschliessen, kommt es nicht gut.

Matthias Peter, 1961, ist seit 2004 Leiter der Kellerbühne St.Gallen. Im Appenzeller Verlag erscheint zum Jubiläum sein Buch Applaus und Zugaben. Buchvernissage ist am 22./23. September in der Kellerbühne. Informationen zum Spielplan hier.

Bild: Tine Edel. Der Beitrag erschien im Septemberheft von Saiten.

FC St. Gal­len vs. Lau­sanne-Sport – Die Es­pen er­kämp­fen sich die 3 Punk­te

Nach ei­ner ganz pas­sa­blen ers­ten Halb­zeit der Es­pen so­wie Füh­rung durch ei­nen Elf­me­ter von Gört­ler vor der Pau­se, spie­len die St. Gal­ler die­ses Re­sul­tat an­schlies­send her­un­ter und ho­len sich die 3 Punk­te.

Von SENF Kollektiv,
Senf

Die Ge­walt hat ei­nen Schlüs­sel

Mehr als vier­ein­halb Stun­den dau­er­te Der Pro­zess Pe­li­cot im Thea­ter St.Gal­len. Mi­lo Rau und Ser­va­ne Dè­cle in­sze­nier­ten ei­nen Abend über se­xua­li­sier­te Ge­walt und che­mi­sche Un­ter­wer­fung – und über ei­ne Ge­sell­schaft, die von Män­nern mehr Ver­ant­wor­tung ver­langt.

Von Philipp Bürkler,
DSC02202 Kopie

Men­schen­rech­te sind kei­ne Selbst­ver­ständ­lich­keit

Die Men­schen­rech­te ste­hen welt­weit un­ter Druck. Doch wie kon­se­quent setzt sich die Schweiz für sie ein? Ein neu­es Buch nimmt die Schwei­zer Men­schen­rechts­po­li­tik kri­tisch un­ter die Lu­pe. An der Buch­vor­stel­lung im Squa­re wur­de über Wi­der­sprü­che, Ver­säum­nis­se und mög­li­che Lö­sun­gen dis­ku­tiert.

Von Marion Loher,
3 F1 A4812 web

Die Po­li­zei woll­te nichts se­hen und nichts hö­ren

In ei­ner Ten­nis­hal­le im tog­gen­bur­gi­schen Un­ter­was­ser tra­fen sich vor zehn Jah­ren 5000 Neo­na­zis zum gröss­ten Rechts­rock-Kon­zert, das je im deutsch­spra­chi­gen Raum statt­ge­fun­den hat. Lin­ke Po­li­ti­ker:in­nen re­agier­ten schnell, doch das Er­geb­nis ist er­nüch­ternd.

Von Hans Stutz,
2610 RIO Saalbild

Leopoldstadt am Vorarlberger Landestheater

Ver­schwun­de­ne Na­men im Fa­mi­li­en­stamm­baum

Von Sieglinde Wöhrer,
Leopoldstadt R anjakoehler 260217 1

Stimmrecht

Im Re­gen tan­zen

Von Liliia Matviiv,

Ern­ten in der Grau­zo­ne

Ern­te­hel­fer:in­nen sind in der Schweiz schlecht ge­schützt. Ih­re Ar­beits­be­din­gun­gen lie­gen oft in Grau­be­rei­chen, Kon­trol­len sind schwie­rig. Ei­ne Ver­än­de­rung wür­de je­doch be­deu­ten, ein gan­zes Sys­tem auf den Kopf zu stel­len.

Von Daria Frick, Bilder: Ueli Steingruber,
2610 Erntehelferei 260044 us 0218 max

Bücherherbst: Die Geschichte der Schweizer Uhrmacherkunst von Gion Mathias Cavelty

Gran­dio­se Gro­tes­ke

Von Florian Vetsch,

Ein En­de mit Aus­ru­fe­zei­chen

Die St.Gal­ler Re­stau­rants Tos­ca­na und The Pinch mach­ten ver­gan­ge­ne Wo­che über Nacht dicht. 15 Per­so­nen stan­den un­vor­be­rei­tet auf der Stras­se. Das ver­ant­wort­li­che In­ves­to­ren-Duo schliesst nicht zum ers­ten Mal ein Re­stau­rant in der Stadt. Das ab­rup­te En­de wirft Fra­gen auf.

Von Andi Giger,
IMG 5751

Volks­bad­sa­nie­rung: Trau­er­spiel seit über 40 Jah­ren

Die Stadt St.Gal­len muss spa­ren und will das his­to­ri­sche Volks­bad nach der Wie­der­eröff­nung des Hal­len­bads Blu­men­wies schlies­sen. Da­bei ver­spricht die Stadt seit über 40 Jah­ren die Sa­nie­rung.

Von René Hornung,
Volksbad rene hornung 1

Der St.Gal­ler Kul­tur gehts an den Kra­gen

Die St.Gal­ler Re­gie­rung spart ge­gen ih­ren Wil­len wei­te­re 60 Mil­lio­nen Fran­ken ein und rech­net für 2027 mit ei­nem Plus von 55 Mil­lio­nen Fran­ken. Kul­tu­rel­le Ar­beit wird da­bei wei­ter pre­ka­ri­siert – mit ei­ner gros­sen Aus­nah­me.

Von Roman Hertler,
Kanton sparmassnahme

Filminstallation über Vergänglichkeit

Nur Vor­wärts

Von Daria Frick,
Emilija Skarnulyte Time of Arrow 2026 Kunstmuseum St Gallen Lokremise Foto Stefan Altenburger

Win­tis Glücks­fall

Die al­ten Fa­brik­hal­len sind aus Win­ter­thurs Kul­tur­le­ben nicht mehr weg­zu­den­ken. Sie wä­ren aber nichts oh­ne en­ga­gier­te und gut ver­netz­te Men­schen. Sai­ten konn­te auf Ein­la­dung des Kul­tur­ma­ga­zins «Coucou» ei­ni­ge von ih­nen tref­fen. Ein klei­ner Stadt­rund­gang

Von Roman Hertler, Bilder: Daria Frick,
2609 Staetevergleich DSC 6589

Sai­son­start mit pu­rem Wahn­sinn

Das Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len zeigt ein­dring­lich auf: Fe­mi­zi­de exis­tie­ren in der Schweiz noch im­mer im un­ge­heu­ren Aus­mass. Die In­sze­nie­rung von Co­rin­na von Rad setzt auf das Gro­tes­ke in Ge­org Büch­ners Woy­zeck und fei­er­te am Sams­tag Pre­mie­re im Gros­sen Haus. Ei­ne Pro­duk­ti­on für «je­der-Mann»!

Von Viviane Sonderegger,
7228 dsc00923

Es kratzt, knallt und schep­pert

Viel En­er­gie und noch viel mehr Punk gibts auf dem neu­en Al­bum Now To Ru­in der Thur­gau­er Band S.G.A.T.V.. Ge­tauft wird am 1. Ok­to­ber im Win­ter­thu­rer Kraft­feld. Sai­ten hat vor­ab rein­ge­hört.

Von Jeremias Heppeler,
1000229093

Bak­te­ri­en und ein Fun­ke Hoff­nung 

Wie kön­nen wir un­se­ren Kon­sum nach­hal­ti­ger ge­stal­ten? In «Next Re­la­ti­ons – Zu­kunft ge­stal­ten» zeigt das Ge­wer­be­mu­se­um Win­ter­thur an­hand von Ar­bei­ten von Stu­die­ren­den mög­li­che An­sät­ze. Ei­ne an­spruchs­vol­le Schau, die Hoff­nung macht.

Von Vera Zatti,
3 gewerbemuseum winterthur next relations leon ehrmann matthis plaga 300dpi a5 1

Mas­ku­li­ni­tät als Spek­trum

Die Aus­stel­lung «Bey­ond the Ma­nos­phe­re. Mas­cu­li­n­i­ties to­day» im Kunst­mu­se­um St.Gal­len un­ter­sucht, wie Männ­lich­keit dar­ge­stellt, ge­prägt und ge­lebt wird. Und zeigt da­bei auch ih­re Wi­der­sprüch­lich­keit.

Von Lilli Kim Schreiber,
Ausstellungsansicht en Foto Sebasti

Tra­gi­ko­mö­die über das Le­ben

Ein Schre­ber­gar­ten wird im neu­en Ro­man Ver­tei­di­gung ei­nes Gar­tens von Chris­ti­na Wal­ker zum Zu­fluchts­ort. Dar­in lässt die Vor­arl­ber­ger Au­torin viel­schich­ti­ge Cha­rak­te­re eben­so auf­blü­hen wie Ap­fel­baum und Jo­han­nis­strauch. 

Von Annette Raschner,
Christina walker foto petra rainer 2026 farbe

Mit­spie­len dür­fen. Aber auch die Spiel­re­geln mit­be­stim­men?

Der Kan­ton St.Gal­len hat Kunst- und Kul­tur­schaf­fen­de zur jähr­li­chen Kul­tur­kon­fe­renz nach Wil ein­ge­la­den. Spie­le­risch wur­de ver­sucht, die Aus­rich­tung der Kul­tur­för­de­rung zu klä­ren und Mög­lich­kei­ten der neu­en Kul­tur­stra­te­gie zu dis­ku­tie­ren. Doch die zen­tra­le Fra­ge blieb of­fen: Wie stark kann die Kul­tur­sze­ne den In­halt der Stra­te­gie tat­säch­lich mit­be­stim­men?

Von Philipp Bürkler,
IMG 0333
Heftvorschau 10/26
Erntehilfe, Unterwasser, Bücherherbst

Wer als Ern­te­hel­fer:in in der Schweiz ar­bei­tet, tut dies in ei­ner recht­li­chen Grau­zo­ne. Das nützt vor al­lem ei­nem Sys­tem, das we­der die Land­wirt:in­nen noch die Kon­su­ment:in­nen im Al­lein­gang än­dern kön­nen. Aus­ser­dem im Ok­to­ber­heft: zehn Jah­re Un­ter­was­ser, ei­ne Fla­schen­post aus Hal­le (Saa­le), Kunst zum The­ma Männ­lich­keit, Mu­sik von The Black Salt und na­tür­lich der Bü­cher­herbst – mit neu­er Li­te­ra­tur von Ost­schwei­zer Au­tor:in­nen.

Saiten 2610 Cover