Nur weil man nicht jedes Jahr pünktlich zum 1. August in hurrapatriotischen Freudenjubel ausbricht, heisst das noch lange nicht, dass der helvetische Flaggentag – immerhin ein Sonntag mitten in der Woche – nicht doch gefeiert werden soll. Wer braucht dazu schon Fahnenaufzug, Funken und Festtagsreden? Ein Strahlenmeer, und zwar ein Strahlenmeer der Kunst, gibts am Nationalfeiertag in einem ehemaligen Gewerbegebäude an der Helvetiastrasse 47 im St.Galler St.Fiden-Quartier.
Himmel Helvetia: Kunst, Essen, Trinken und Musik bis in alle Nacht bei Leila Bock, 1. August, ab 10 Uhr, Helvetiastrasse 47, St.Gallen
leilabock.ch
Dass es ein Fest wird, dafür bürgt die «eidgenössische fachstelle der schönen künste» (in Kleinbuchstaben, ohne Hoheitszeichen). In grossen Lettern wirbt über der milchglasigen Doppelschiebetüre beim grosszügig überdachten Eingangsbereich die himmelblaue und wolkenweisse Leuchtreklame «Himmel Helvetia». Darunter der bekannte Frakturschriftzug «geiler block». Das alles trägt natürlich die Handschrift von Künstlerin Anita Zimmermann, respektive von der von ihr geschaffenen Kunstfigur, der «Kuratorin» Leila Bock, die hier wie in früheren Geilen Blöcken das Sagen hat und allerhand Aufträge verteilt.
Vor allem auch an Künstlerin Anita Zimmermann, die sich für dieses Jahr eigentlich vorgenommen hatte, Leila Bock endlich mal zeichnerisch zu Papier zu bringen. Aber dann kam aus heiterem Himmel das Angebot einer Liegenschaftenverwaltung, weshalb das Portrait hintan stehen muss für den nächsten Geilen Block.
Halle als Atelier
Einen ersten Vorgeschmack auf das emsige regionale Kunstschaffen, das sich seit Frühling nach und nach in der ehemaligen Glaserei an der Helvetiastrasse breit macht, bietet der 1. August als eine Art Vorvernissage auf den Geilen Block, der im September unter dem Titel «Himmel Helvetia» eröffnet und bis Ende Jahr dauert.
Anita Zimmermann, Aramis Navarro und Andrea Vogel haben hier vorübergehend ihre Ateliers eingerichtet. Jenes von Vogel erweist sich bei einem spontanen Augenschein nicht wie erwartet als kleines Arbeitsstübchen, sondern als veritable Halle, in der sich nicht nur hervorragend bildende Kunst produzieren lässt, sondern sich gleich auch noch Platz bietet für ihre Performance-Proben fürs Paula Interfestival.
Kein Wunder, fühlen sich die Künstlerinnen und Künstler, die das Gebäude und seine Wände im Hinblick auf den Geilen Block mehr und mehr zu bespielen beginnen, hier wie im Himmel. So viel Platz für ansässige Kunst sucht man, respektive sucht Leila sonst allzu oft vergebens in der Stadt.
Kunterbuntes Festprogramm
Der Nationalfeiertag im «Himmel Helvetia» – sozusagen die Aufgeilparty für den Block – bietet das perfekte Rund-um-die-Uhr-Alternativprogramm zum althergebrachten Hochlobgesang auf die alpenländische Banken- und Bauernrepublik. Zum Beispiel mit künstlerischen Arbeiten von Arbeiten von Elke Graalfs, Luisa Zürcher, Josef Felix Müller, Daniel Lorenzi, Morena Barra und Stefan Rohner.
Und doch winkt das eine oder andere geliebte Traditiönchen hinter der abgehängten Flagge hervor. Zum Beispiel der Sonntagszopf, der ab 10 Uhr mit Butterbrot, Kaffee und Tönen vom Plattenteller von DJ Naurasta Selecta spendiert wird.
Musikalisch gehts weiter zum Mittagskonzert der jungen Ostschweizer Indieband Red Elevator. Um 16 Uhr singt Yvonne Apiyo Brändle-Amolo, Jodlerin mit kenianischen Wurzeln, die «Kuratorin» Leila Bock spricht über Kunst (also doch noch eine Festtagsrede!), und Emil Müller, Mathe-Lehrer an der Kanti Wattwil, denkt laut über «das Kognitive und das Künstliche» nach.
Mit der Öffnung der Ateliers für die Neugierigen und der Eröffnung der Apérobar für die Durstigen gehts weiter im Programm. Sounds im Garten liefert ab dann Landi. Ab 20 Uhr locken Reispfanne, Grill, Desserts und Drinks und ein Pianokonzert von Yes it’s Ananias alias Nicolas Streichenberg.
Ab 21 verlagert sich die Party in den Keller des Gewerbegebäudes. Den Dancefloor beschallen lorenzigermann alias Monica Germann und Daniel Lorenzi, ein Künstler:innenduo aus Zürich. Es gilt open end, oder wie auf dem Flyer angekündigt: «bis alle weg sind». Also hin!
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