Wenn Laila Bock ruft, finden sie sich freudig ein: Künstlerinnen und Künstler aus dem weit verzweigten Netzwerk der bockigen Kunstfigur. Fünf Jahre ist es her, seit Laila Bock zum ersten Mal die Ostschweizer Kunstbühne betrat und sie um eine grandiose oder um sie beim Namen zu nennen: geile Ausstellungsfläche bereicherte.
Kunsträume sind rar. Laila Bock begegnet diesem Mangel mit einem unbändigen Mass an Energie, Willenskraft und persönlichen Verbindungen. Dank ihr wird jetzt zum dritten Mal ein leerstehender Bau vollständig von der Kunst erobert: 2015 im St.Galler Rotmonten, 2017 in Trogen und jetzt in Arbon.
Nicht verpassen, sondern hingehen!
Der Block ist geil, er ist gross, er ist gelungen. Das liegt nicht nur am Gebäude im ehemaligen Saurer Werk 1 auf dem ZIK Areal, das auf zwei Etagen viele, gut dimensionierte Räume bietet. Das liegt auch an allen Beteiligten. Obwohl der Block nur an zwölf Tagen geöffnet ist – Achtung: nicht verpassen, sondern hingehen! – wurde er mit sehr viel Engagement, Einfallsreichtum und Sorgfalt in ein Kunstzentrum verwandelt.
Nicht weniger als 48 Künstlerinnen und Künstler zeigen in dem langgestreckten Bau ihre Arbeiten in entsprechender Vielfalt. Sie reicht von eigens entwickelten Installationen über dichte Malereiausstellungen und Zeichnungskabinette bis zu Fotografie- und Videopräsentationen.
Manches wirkt sogar in diesem ausgemusterten Industriebau museal. Anderes greift die Geschichte des Hauses auf und legt sie offen, wieder andere Arbeiten thematisieren die Architektur oder interpretieren deren Strukturen um. Einige greifen sogar handfest ein.
Ursula Palla beispielsweise lässt eine alte Kinderschaukel dank eines Motors heftig schwingen. Die Schaukel pendelt immer weiter aus, gerät ins Schlingern, pendelt weiter, bis sie schliesslich gegen die Wände des ehemaligen Büroraumes schlägt – ein eindrucksvoller Kontrast gegenüber der stark gerasterten Zweckarchitektur, deren Wände nun stellenweise zerbröseln.
Geiler Block XX-Large: bis 30. August, jeweils Freitag bis Sonntag von 10 bis 22 Uhr, im ehemaligen Saurer Werk 1 auf dem ZIK Areal an der Weitegasse 6 in Arbon
leilabock.ch
Überhaupt liefern die Büros und die damit verknüpften Assoziationen schönes Ausgangsmaterial. Vinzenz Meyner bekennt gar «Ich spielte als Kind gerne ‹Büro›» und hängt seine Arbeit mit und über Firmenbriefpapier in die passenden Aktenschränke. Christoph Rütimann hat kurzerhand ein Kulturkeulenbüro eingerichtet. Marianne Rinderknecht setzt der faden Büroatmosphäre ihre leuchtenden Bildwelten entgegen und lässt sie bis auf den Boden fliessen, so dass nun sogar der langweilige Novilon zu flirren beginnt.
Aber auch die Teppichetage bekommt ihren Teil. Bei Co-Gründler etwa wird der textile Bodenbelag Teil eines rosa-lachs-farbenen Gesamtkunstwerkes. Und Thomas Stüssi hat den zweckmässigen Spannteppich mit Kristallpartikeln besprüht, wie sie bei Autobahnmarkierungen verwendet werden, und eine quadratische Fläche beleuchtet. Dort glitzert und strahlt es nun so, dass selbst hartgesottenste Verwaltungsmitarbeiter leuchtende Augen bekämen.
Perfekt dazu passt der Vorhang für das grosse Bürotheater, doch halt: Er öffnet sich nicht nur, er fährt weiter und weiter, dreht seine Runden zwischen Zimmer und Gang. Damit verleiht Timo Müller nicht nur der Routine einen Ausdruck, sondern konterkariert auch die Formen und Grenzen der Architektur.
Herbert Weber geht mit einer Fotoinstallation und Karin K. Bühler mit einer Laserprojektion sogar über die Aussenwände des Gebäudes hinaus. Letztere lenkt mit ihrer Begeisterung für brutalistisches Bauen den Blick auf gestalterische Details, die selbst ein solches Zweckgebäude aufweist. Dieses wiederum wird von Alex Hanimann als Modell gezeigt.
Erinnerungen an den ersten «Geilen Block»
Es sind solche Querverbindungen, die immer wieder den besonderen Reiz dieser Ausstellung ausmachen, die eigentlich gar keine sein, sondern jeder Künstlerin und jedem Künstler ihren eigenen, autonomen Raum geben will. So gibt es Werke, die Erinnerungen an den ersten «Geilen Block» wecken, etwa der Raum von Teresa Peverelli. Es gibt Künstlerinnen, die sich für die Glasbausteine begeistern wie Katalin Déer und Cécile Hummel, während genau ein Stockwerk tiefer solche Glasbausteine und Durchblicke mit den Collagen von Andrea Giuseppe Corciulo korrespondieren.
Neben dem Büro ist auch der Boden ist immer wieder Thema. Er wird nicht nur bemalt, er wird auch als Druckplatte benutzt oder als Bildfläche. In zwei Räumen kommt sogar Stiftsbibliothekflair auf, denn hier stehen Filzfinken bereit: Sonja Rüegg führt auf bitzblankem Boden aus dem Wald heraus und in eine reiche Assoziationswelt hinein und Monika Sennhauser hält auf dem Boden die Sonnenreflexionen dauerhaft fest – oder zumindest bis Ende August.
Dann ist es bereits wieder vorbei mit diesem Fest der Kunst und wer dies verpasst, verpasst tatsächlich etwas. Benötigt jemand zusätzliche Motivation, die Reise zum «Geilen Block» anzutreten? Nicht nur der ein paar Dutzend Meter entfernte Bodensee lockt, sondern auch das dichte Begleitprogramm mit Führungen und Schnörkeln.
Vier Jahre nach ihrem Debüt kehren Lev Tigrovich mit einer neuen EP zurück. Diese handelt von Kontrollverlust, Illusionen und grossen Gefühlen – und enthält erstmals einen Song, der nicht auf Russisch gesungen ist.
Im letzten Spiel der Saison trifft der FC St.Gallen auf den neuen Schweizer Meister aus Thun - einen Sieger gibt es nicht.
Caline Aoun interessieren die Momente der Veränderung, die Übergänge und Zustände. Ihre Ausstellung in Kunstmuseum und Kunsthalle Appenzell wird zum Ende der sechsmonatigen Laufzeit eine andere sein als zu Beginn.
Der 1100. Todestag von Wiborada – Inklusin, Stadtheilige und Projektionsfläche – ist zurzeit Thema vielfältiger Aktivitäten. Zu den Highlights gehört eine mutmassliche Unterschrift, zu besichtigen in der Ausstellung im St.Galler Regierungsgebäude.
Gastkommentar
Anna Beck-Wörner hat ein Wiborada-Unterrichtsheft erarbeitet. Im Postenlauf, der durch St.Gallen führt, können Schüler:innen anhand von Wiboradas Lebensweg lehrplankonform Themen wie Gemeinschaft, Lebensform, Bücher oder Identität erarbeiten.
Am Wochenende bringt das Aufgetischt-Festival wieder über 100 Strassenkünstler:innen aus aller Welt in die Gassen der Stadt St.Gallen. Wir haben mit Daiana Mingarelli vom Duo Daiana Lou über die Eigen- und Besonderheiten des Busking gesprochen.
Heavy Psych Sounds Fest
Der peinliche bis inhaltsleere Auftritt des Tech-Faschisten Curtis Yarvin hat die Berichterstattung über das diesjährige St.Gallen Symposium dominiert. Am Montag haben – vor allem geisteswissenschaftliche – Exponent:innen der HSG in einem öffentlichen Gespräch versucht, Yarvins langen Schatten zu verwedeln.
Die St.Galler Theaterkompanie Rohstoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr aktuelles Theaterstück in der Kellerbühne. Wie in einem Rausch erzählt Orlando* von Geschlechternormen, Grenzauflösungen und Verwandlungen.
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Eleanor Antin ist seit 60 Jahren künstlerisch tätig. Früh hat sie sich mit Technologie, Rassismus und Genderfluidität beschäftigt, doch zwischenzeitlich war sie fast in Vergessenheit geraten. Nun macht die erste europäische Retrospektive Station im Kunstmuseum Liechtenstein.
Der Musiker und Künstler Nicolaj Ésteban veröffentlicht ein neues Album seiner Band Loveboy And His Imaginary Friends. Es führt in eine faszinierende Welt – und in sein Inneres, wo es manchmal dunkel ist.
Nach vierzig Jahren kehrt Guido R. von Stürler in die Kunsthalle nach Wil zurück. Der Künstler, mit einem Faible für Fliegen, zeigt in «Zwischen den Systemen – Kunst im vernetzten Jetzt» eine Werkübersicht, die Organisches und Digitales vereint.
Eine halbe Million weniger von Kanton und Stadt – trotzdem machen Konzert und Theater St.Gallen vorläufig keine Abstriche beim Programm. Die Spielzeit 26/27 kündigt «Grenzgänge» an, sehr zeitgemässe insbesondere im Schauspiel.
Die Kritik an der Einladung des extremistischen und techno-libertären US-Bloggers Curtis Yarvin ans St. Gallen Symposium war gross – und berechtigt. Trotzdem war sein Auftritt am Ende vor allem eines: entlarvend. Selten traten die Widersprüche, die Selbstüberschätzung und die intellektuelle Leere der Neuen Rechten so öffentlich zutage.
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