Rein, raus oder der Kampf um die Kulturkeule

Spielbeginn! Der Anpfiff zur alle drei Jahre stattfindenden jurierten Ausstellung Heimspiel hallte mit fünf Vernissagen an drei Tagen durch die Kunsthäuser von Dornbirn, St.Gallen und Appenzell. Sandra Cubranovic hat sich in St.Gallen umgeschaut.
Von  Gastbeitrag
Bilder: Heimspiel

Ganz einsam liegt er da, der Gipssack, auf dem Boden des Foyers im Kunstmuseum St. Gallen. Sein Inhalt ist über den ganzen Boden verstreut. Als hätte ihn jemand in Wut und Verzweiflung mit voller Wucht auf den Boden geknallt. Was hätte aus dem Material entstehen können? Eine Skulptur, ein Relief? Der Sack verkörpert den Beginn oder Nichtbeginn einer künstlerischen Arbeit. Was ist potenziell möglich, was sind ökonomische Rahmenbedingungen?

Maria Anwanders Gipssack im St.Galler Kunstmuseum.

Das sind Assoziationen und Fragen, die beim Betrachten der Arbeit von Maria Anwander auftauchen. Die Künstlerin aus Vorarlberg widmet sich provokanten Themen wie der Belastung, der Kunstschaffende unterliegen, wenn sie für Ausstellungen und Auftragsarbeiten unter Zeitdruck Arbeiten produzieren. Der Aspekt der Selbstvermarktung und des Networkings sowie die Rahmenbedingungen, unter denen Kunstschaffende zu funktionieren haben, werden begleitet von Selbstzweifeln.

Das Keulenbündnis

Um sich vor einem Ausbremsen der Möglichkeiten zu schützen, macht sich ein Bündnis von Gleichgesinnten immer gut. Der Thurgauer Künstler Christoph Rütimann thematisiert die Zusammenarbeit der sieben teilnehmenden Kantone und Länder. An jedem Ausstellungsstandort ist seine Arbeit «7 Kulturkeulen für 7 Regionen» zu begutachten; an den Vernissagen wurden die Keulen von Vertretern der Ausstellungshäuser an die jeweiligen Kulturverantwortlichen der Kantone und Länder übergeben.

Eine von Christoph Rütimanns Kulturkeulen, hier im Kunstmuseum Appenzell, rechts Beni Bischof.

Die Arbeit Rütimanns besteht aus sieben Kulturkeulen: Holzskulpturen aus regionalen Obstbäumen. Die Veredelungsstellen der Stämme weisen mehrdeutige Formen auf. Die vegetative Vermehrung, der Begriff stammt aus der Botanik, ist ein künstlich vorgenommener Eingriff. Um Sorten zu erhalten und kräftigeren Wuchs zu fördern, werden einzelne Pflanzenteile auf andere aufgepfropft. Das Ziel ist dabei vergleichbar mit dem der Kunsthäuser: nämlich die Schaffung neuer Möglichkeiten, die auf eine ertragreiche Ernte hoffen lassen.

Identität und Integration

Ein grosses Foto zeigt Erwachsene und Kinder auf einem Holzboot, inmitten einer idyllischen Naturlandschaft. Die Berge im Hintergrund erzeugen eine monumentale Stimmung. Die Menschen sehen klein aus, im Vergleich zur See- und Bergkulisse. Das Foto vermittelt unmittelbar das Gefühl von Weite und Grösse, wie sie nur die Natur hat. Die Menschen scheinen glücklich. Doch sind sie es auch? Der Begleittext lässt anderes vermuten.

«Heimspiel» findet alle drei Jahre statt. Aus rund 370 eingereichten Portfolios wurden durch eine Fachjury 68 künstlerische Positionen ausgewählt. Beteiligt sind 75 Kunstschaffende, die ihre Arbeiten im Kunstmuseum Appenzell, im Kunstraum Dornbirn und in Kunstmuseum und Kunsthalle St.Gallen zeigen; zudem sind im St.Galler Projektraum Nextex alle Dossiers einzusehen. Bewerben konnten sich Kunstschaffende aus den Kantonen Thurgau, beiden Appenzell, St.Gallen und neu Glarus, Vorarlberg und Liechtenstein. Die Ausstellung dauert bis zum 10. Februar 2019.

heimspiel.tv

Der poetische Text erzählt von den Pflichten einer Tochter. Geleitet von Respekt und Ehrerbietung, die Ansprüche der Eltern zu erfüllen, die ein anderes kulturelles Umfeld erfahren haben. Die Tochter hat ihre Wurzeln aber auch hier, in der Schweiz. Diese raumeinnehmenden identifikativen Anteile des Selbst miteinander zu vereinbaren, ist der Kampf vieler in der Schweiz. Doch das Foto mit der Familie in der See- und Berglandschaft des Alpsteins lässt die Hoffnung auf eine weitere Möglichkeit durchblitzen. Es zeigt eine kulturelle Collage von Identität und Integration – das Boot, die Familie aus Vietnam, verbunden mit der Weite der hiesigen Natur.

Die Arbeit der jüngsten Teilnehmerin Thi My Lien Nguyen ist in der Kunsthalle St. Gallen zu sehen. Die Künstlerin beschreibt sich selbst als visuelle Geschichtenerzählerin. Sie untersucht Fragen zu kultureller Identität, die sie auch in Relation zu ihren vietnamesischen Wurzeln stellt.

Die Türen stehen nicht allen offen

Ein paar Schritte weiter sind sechs Türen zu sehen, freistehend positioniert und mit grossen Schrauben fest im Boden verankert. Die eigentliche Funktion der Türe, als Durchgang benutzt zu werden, ist ausser Kraft gesetzt. Bei näherer Betrachtung sind Löcher in den Türen, Gucklöcher, in verschiedenen Mustern angeordnet, zu erkennen. Wer schaut durch die Spione? Zusätzliche Schlitze in den Türen dienen als Platzhalter für verschiedene Objekte. Es scheint, als könnten die Objekte, wenn sie denn die richtige Form aufweisen, durchs Schlupfloch auf die andere Seite verschwinden. Die Gucklöcher erinnern an die Funktion des Panoptikums, das durch seine organisierte Struktur für die selbstregulierende Kontrolle sorgt.

Die Türen von Jiajia Zhang, links eine Arbeit von Vera Ida Müller.

Die Arbeit stammt von der St.Galler Künstlerin Jiajia Zhang. Sie thematisiert mit ihrer Installation ein- und ausschliessende Mechanismen, die im institutionellen oder persönlichen Geschehen stattfinden. So wie es auch mit den Künstlerinnen und Künstlern geschieht, deren Arbeiten von einer Jury anerkannt werden oder nicht.

Nächste Führungen:
18. Dezember, 18 Uhr, Kunsthalle St.Gallen
19. Dezember, 18.30 Uhr, Kunstmuseum St.Gallen

Die beschriebenen Werke in der Kunsthalle und im Kunstmuseum werfen Fragen zum Kunstbetrieb auf. Welche Kantone sind beteiligt und warum? Unter welchen Bedingungen darf sich Kunstschaffen einem Kanton zugehörig wissen? Was bedeutet kantonal und international in diesem Kontext? Welcher Preis wird fürs Mitspielen bezahlt? Und wer kommt in den Besitz einer Kulturkeule und warum?

Diese Fragen sind wichtig, um strukturelle Gegebenheiten in der Kulturlandschaft zu dekonstruieren. Wichtig, weil die Ein- und Ausschlussmechanismen das Potential der Kunst beschneiden. Die Kunsthäuser müssen sich für ihre eigene Positionierung und eine lautere Stimme Komplizinnen und Komplizen suchen. Kunstschaffende profitieren von der Stärke dieser Bündnisse, sind aber dem Urteil der Jury unterworfen, die ihrerseits von den Veranstaltern gestellt wird. Das Keulenbündnis hat seine zwei Seiten. Das Heimspiel überschreitet Grenzen, aber verstärkt zugleich Grenzziehungen.

Auf jeden Fall sind, wie sich an den Vernissagen in Dornbirn, in St.Gallen und Appenzell zeigte, «in der Region für die Region» viele Fans – in Form von Besucherinnen und Besuchern – da, die ihrer Mannschaft beim Heimspiel zujubeln. Und sich unter Gleichgesinnten gut aufgehoben fühlen.

Mehr zum Heimspiel 2018 im Januarheft von Saiten.

Die Kunst singt (oder sinkt) im Volksbad – Die Videoarbeit «Schildkrötenherz» von Anita Zimmermann im Kunstmuseum St.Gallen.

Jetzt mitreden:
Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Dein Kommentar wird vor dem Publizieren von der Redaktion geprüft.

Ein Kurz­trip durch Schein­wel­ten

Vier Jah­re nach ih­rem De­büt keh­ren Lev Ti­gro­vich mit ei­ner neu­en EP zu­rück. Die­se han­delt von Kon­troll­ver­lust, Il­lu­sio­nen und gros­sen Ge­füh­len – und ent­hält erst­mals ei­nen Song, der nicht auf Rus­sisch ge­sun­gen ist.

Von  David Gadze
Lev Tigrovich Press Photo 4 Lena Frei

FC St. Gal­len vs. FC Thun 1:1 – Kein Sie­ger zwi­schen den bes­ten zwei Teams der Sai­son

Im letz­ten Spiel der Sai­son trifft der FC St.Gal­len auf den neu­en Schwei­zer Meis­ter aus Thun - ei­nen Sie­ger gibt es nicht.

Von  SENF Kollektiv
Senf

Phy­sik und er­schöpf­te Ma­schi­nen

Ca­li­ne Aoun in­ter­es­sie­ren die Mo­men­te der Ver­än­de­rung, die Über­gän­ge und Zu­stän­de. Ih­re Aus­stel­lung in Kunst­mu­se­um und Kunst­hal­le Ap­pen­zell wird zum En­de der sechs­mo­na­ti­gen Lauf­zeit ei­ne an­de­re sein als zu Be­ginn. 

Von  Kristin Schmidt
Kunsthalle Appenzell Caline Aoun 03 High Res RGB

Un­ter­schrift als Re­li­quie

Der 1100. To­des­tag von Wi­bora­da – In­klu­sin, Stadt­hei­li­ge und Pro­jek­ti­ons­flä­che – ist zur­zeit The­ma viel­fäl­ti­ger Ak­ti­vi­tä­ten. Zu den High­lights ge­hört ei­ne mut­mass­li­che Un­ter­schrift, zu be­sich­ti­gen in der Aus­stel­lung im St.Gal­ler Re­gie­rungs­ge­bäu­de.

Von  Peter Müller
Unterschriften2

Gastkommentar

Kul­tur­jour­na­lis­mus – ei­ne kul­tur­po­li­ti­sche Not­wen­dig­keit

Von  Johannes Sieber
Johannes sieber

Schü­ler:in­nen auf den Spu­ren Wi­bora­das

An­na Beck-Wör­ner hat ein Wi­bora­da-Un­ter­richts­heft er­ar­bei­tet. Im Pos­ten­lauf, der durch St.Gal­len führt, kön­nen Schü­ler:in­nen an­hand von Wi­bora­das Le­bens­weg lehr­plan­kon­form The­men wie Ge­mein­schaft, Le­bens­form, Bü­cher oder Iden­ti­tät er­ar­bei­ten.

Von  Kathrin Reimann
2605 Wyborada Laura Tura Crossing

Stras­sen­kunst als Ent­schleu­ni­gung

Am Wo­chen­en­de bringt das Auf­ge­tischt-Fes­ti­val wie­der über 100 Stras­sen­künst­ler:in­nen aus al­ler Welt in die Gas­sen der Stadt St.Gal­len. Wir ha­ben mit Dai­a­na Min­ga­rel­li vom Duo Dai­a­na Lou über die Ei­gen- und Be­son­der­hei­ten des Bus­king ge­spro­chen.

Von  Philipp Bürkler
Daiana Lou

Heavy Psych Sounds Fest

Fes­ti­val der schwe­ren Gi­tar­ren­klän­ge

Von  David Gadze
Weedpecker 25 BW 6 50

Ro­ter Tep­pich und ro­te Li­ni­en

Der pein­li­che bis in­halts­lee­re Auf­tritt des Tech-Fa­schis­ten Cur­tis Yar­vin hat die Be­richt­erstat­tung über das dies­jäh­ri­ge St.Gal­len Sym­po­si­um do­mi­niert. Am Mon­tag ha­ben – vor al­lem geis­tes­wis­sen­schaft­li­che – Ex­po­nent:in­nen der HSG in ei­nem öf­fent­li­chen Ge­spräch ver­sucht, Yar­vins lan­gen Schat­ten zu ver­we­deln.

Von  Roman Hertler
3 F1 A3554 web

Was­ser, Drag und Vir­gi­nia Woolf

Die St.Gal­ler Thea­ter­kom­pa­nie Roh­stoff zeigt am 22. und 23. Mai ihr ak­tu­el­les Thea­ter­stück in der Kel­ler­büh­ne. Wie in ei­nem Rausch er­zählt Or­lan­do* von Ge­schlech­ter­nor­men, Grenz­auf­lö­sun­gen und Ver­wand­lun­gen. 

Von  Vera Zatti
LUX 9420 JPG 1500 by Leni O

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Im Bi­ber­re­gen

Von  Jeremias Heppeler

Ei­ne ak­ti­vis­ti­sche Künst­le­rin wie­der­ent­deckt

Ele­a­n­or An­tin ist seit 60 Jah­ren künst­le­risch tä­tig. Früh hat sie sich mit Tech­no­lo­gie, Ras­sis­mus und Gen­der­flui­di­tät be­schäf­tigt, doch zwi­schen­zeit­lich war sie fast in Ver­ges­sen­heit ge­ra­ten. Nun macht die ers­te eu­ro­päi­sche Re­tro­spek­ti­ve Sta­ti­on im Kunst­mu­se­um Liech­ten­stein.

Von  Kristin Schmidt
Eleanor Antin Ausstellungsansicht Foto Sandra Maier pr6

Fik­tiv und doch sehr re­al

Der Mu­si­ker und Künst­ler Ni­co­laj És­te­ban ver­öf­fent­licht ein neu­es Al­bum sei­ner Band Love­boy And His Ima­gi­na­ry Fri­ends. Es führt in ei­ne fas­zi­nie­ren­de Welt – und in sein In­ne­res, wo es manch­mal dun­kel ist.

Von  David Gadze
Loveboy and his imaginary friends smile baby

Or­ga­nik trifft KI

Nach vier­zig Jah­ren kehrt Gui­do R. von Stür­ler in die Kunst­hal­le nach Wil zu­rück. Der Künst­ler, mit ei­nem Fai­ble für Flie­gen, zeigt in «Zwi­schen den Sys­te­men – Kunst im ver­netz­ten Jetzt» ei­ne Werk­über­sicht, die Or­ga­ni­sches und Di­gi­ta­les ver­eint.

Von  Shqipton Rexhaj
IMG 9225 2

Gren­zen und Brü­che auf der Büh­ne

Ei­ne hal­be Mil­li­on we­ni­ger von Kan­ton und Stadt – trotz­dem ma­chen Kon­zert und Thea­ter St.Gal­len vor­läu­fig kei­ne Ab­stri­che beim Pro­gramm. Die Spiel­zeit 26/27 kün­digt «Grenz­gän­ge» an, sehr zeit­ge­mäs­se ins­be­son­de­re im Schau­spiel.

Von  Peter Surber
Konzert Theater SG 1sw 79f097893f611

Ver­lo­ren auf der gros­sen Büh­ne – und im Ge­dan­ken­wirr­warr

Die Kri­tik an der Ein­la­dung des ex­tre­mis­ti­schen und tech­no-li­ber­tä­ren US-Blog­gers Cur­tis Yar­vin ans St. Gal­len Sym­po­si­um war gross – und be­rech­tigt. Trotz­dem war sein Auf­tritt am En­de vor al­lem ei­nes: ent­lar­vend. Sel­ten tra­ten die Wi­der­sprü­che, die Selbst­über­schät­zung und die in­tel­lek­tu­el­le Lee­re der Neu­en Rech­ten so öf­fent­lich zu­ta­ge.

Von  Philipp Bürkler
Curtis Yarvin Symposium 1 philipp buerkler

In eigener Sache

Weg­wei­ser in der Ost­schwei­zer Kul­tur­land­schaft

Von  Michael Lünstroth
Sarah luethi philip stuber michael luenstroth

Wi­bora­da – zwi­schen My­thos und Wahr­heit

His­to­ri­sche Über­lie­fe­run­gen sa­gen oft mehr über die Geis­tes­hal­tung der Ver­fas­ser aus als über ge­schicht­li­che Tat­sa­chen. Was lässt sich al­so ge­si­chert über die his­to­ri­sche Per­son Wi­bora­da sa­gen? Ei­ne quel­len­kri­ti­sche Spu­ren­su­che.

Von  Tanja Scherrer
2605 Wyborada Laura Tura listening iconography

Die Spit­ze des Zau­ber­bergs

Ein Jahr­hun­dert nach Tho­mas Manns Ro­man grei­fen Karl Ka­ve & Du­ri­an das Mo­tiv neu auf und er­zäh­len mit Zau­ber­berg ein viel­schich­ti­ges Kon­zept­al­bum über Pfle­ge, Per­spek­ti­ven und gut be­tuch­te Da­men.

Von  Jeremias Heppeler
Karl kave durian

Der ewi­ge Kreis­lauf des Le­bens

Pa­ris, New York, Shang­hai, It­tin­gen: Mit Fa­bri­ce Hy­ber gas­tiert mal wie­der ein in­ter­na­tio­nal re­nom­mier­ter Künst­ler im Kunst­mu­se­um Thur­gau. Ei­ne Be­geg­nung.

Von  Michael Lünstroth
l LünstrothI