, 17. Dezember 2018
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Rein, raus oder der Kampf um die Kulturkeule

Spielbeginn! Der Anpfiff zur alle drei Jahre stattfindenden jurierten Ausstellung Heimspiel hallte mit fünf Vernissagen an drei Tagen durch die Kunsthäuser von Dornbirn, St.Gallen und Appenzell. Sandra Cubranovic hat sich in St.Gallen umgeschaut.

Bilder: Heimspiel

Ganz einsam liegt er da, der Gipssack, auf dem Boden des Foyers im Kunstmuseum St. Gallen. Sein Inhalt ist über den ganzen Boden verstreut. Als hätte ihn jemand in Wut und Verzweiflung mit voller Wucht auf den Boden geknallt. Was hätte aus dem Material entstehen können? Eine Skulptur, ein Relief? Der Sack verkörpert den Beginn oder Nichtbeginn einer künstlerischen Arbeit. Was ist potenziell möglich, was sind ökonomische Rahmenbedingungen?

Maria Anwanders Gipssack im St.Galler Kunstmuseum.

Das sind Assoziationen und Fragen, die beim Betrachten der Arbeit von Maria Anwander auftauchen. Die Künstlerin aus Vorarlberg widmet sich provokanten Themen wie der Belastung, der Kunstschaffende unterliegen, wenn sie für Ausstellungen und Auftragsarbeiten unter Zeitdruck Arbeiten produzieren. Der Aspekt der Selbstvermarktung und des Networkings sowie die Rahmenbedingungen, unter denen Kunstschaffende zu funktionieren haben, werden begleitet von Selbstzweifeln.

Das Keulenbündnis

Um sich vor einem Ausbremsen der Möglichkeiten zu schützen, macht sich ein Bündnis von Gleichgesinnten immer gut. Der Thurgauer Künstler Christoph Rütimann thematisiert die Zusammenarbeit der sieben teilnehmenden Kantone und Länder. An jedem Ausstellungsstandort ist seine Arbeit «7 Kulturkeulen für 7 Regionen» zu begutachten; an den Vernissagen wurden die Keulen von Vertretern der Ausstellungshäuser an die jeweiligen Kulturverantwortlichen der Kantone und Länder übergeben.

Eine von Christoph Rütimanns Kulturkeulen, hier im Kunstmuseum Appenzell, rechts Beni Bischof.

Die Arbeit Rütimanns besteht aus sieben Kulturkeulen: Holzskulpturen aus regionalen Obstbäumen. Die Veredelungsstellen der Stämme weisen mehrdeutige Formen auf. Die vegetative Vermehrung, der Begriff stammt aus der Botanik, ist ein künstlich vorgenommener Eingriff. Um Sorten zu erhalten und kräftigeren Wuchs zu fördern, werden einzelne Pflanzenteile auf andere aufgepfropft. Das Ziel ist dabei vergleichbar mit dem der Kunsthäuser: nämlich die Schaffung neuer Möglichkeiten, die auf eine ertragreiche Ernte hoffen lassen.

Identität und Integration

Ein grosses Foto zeigt Erwachsene und Kinder auf einem Holzboot, inmitten einer idyllischen Naturlandschaft. Die Berge im Hintergrund erzeugen eine monumentale Stimmung. Die Menschen sehen klein aus, im Vergleich zur See- und Bergkulisse. Das Foto vermittelt unmittelbar das Gefühl von Weite und Grösse, wie sie nur die Natur hat. Die Menschen scheinen glücklich. Doch sind sie es auch? Der Begleittext lässt anderes vermuten.

«Heimspiel» findet alle drei Jahre statt. Aus rund 370 eingereichten Portfolios wurden durch eine Fachjury 68 künstlerische Positionen ausgewählt. Beteiligt sind 75 Kunstschaffende, die ihre Arbeiten im Kunstmuseum Appenzell, im Kunstraum Dornbirn und in Kunstmuseum und Kunsthalle St.Gallen zeigen; zudem sind im St.Galler Projektraum Nextex alle Dossiers einzusehen. Bewerben konnten sich Kunstschaffende aus den Kantonen Thurgau, beiden Appenzell, St.Gallen und neu Glarus, Vorarlberg und Liechtenstein. Die Ausstellung dauert bis zum 10. Februar 2019.

heimspiel.tv

Der poetische Text erzählt von den Pflichten einer Tochter. Geleitet von Respekt und Ehrerbietung, die Ansprüche der Eltern zu erfüllen, die ein anderes kulturelles Umfeld erfahren haben. Die Tochter hat ihre Wurzeln aber auch hier, in der Schweiz. Diese raumeinnehmenden identifikativen Anteile des Selbst miteinander zu vereinbaren, ist der Kampf vieler in der Schweiz. Doch das Foto mit der Familie in der See- und Berglandschaft des Alpsteins lässt die Hoffnung auf eine weitere Möglichkeit durchblitzen. Es zeigt eine kulturelle Collage von Identität und Integration – das Boot, die Familie aus Vietnam, verbunden mit der Weite der hiesigen Natur.

Die Arbeit der jüngsten Teilnehmerin Thi My Lien Nguyen ist in der Kunsthalle St. Gallen zu sehen. Die Künstlerin beschreibt sich selbst als visuelle Geschichtenerzählerin. Sie untersucht Fragen zu kultureller Identität, die sie auch in Relation zu ihren vietnamesischen Wurzeln stellt.

Die Türen stehen nicht allen offen

Ein paar Schritte weiter sind sechs Türen zu sehen, freistehend positioniert und mit grossen Schrauben fest im Boden verankert. Die eigentliche Funktion der Türe, als Durchgang benutzt zu werden, ist ausser Kraft gesetzt. Bei näherer Betrachtung sind Löcher in den Türen, Gucklöcher, in verschiedenen Mustern angeordnet, zu erkennen. Wer schaut durch die Spione? Zusätzliche Schlitze in den Türen dienen als Platzhalter für verschiedene Objekte. Es scheint, als könnten die Objekte, wenn sie denn die richtige Form aufweisen, durchs Schlupfloch auf die andere Seite verschwinden. Die Gucklöcher erinnern an die Funktion des Panoptikums, das durch seine organisierte Struktur für die selbstregulierende Kontrolle sorgt.

Die Türen von Jiajia Zhang, links eine Arbeit von Vera Ida Müller.

Die Arbeit stammt von der St.Galler Künstlerin Jiajia Zhang. Sie thematisiert mit ihrer Installation ein- und ausschliessende Mechanismen, die im institutionellen oder persönlichen Geschehen stattfinden. So wie es auch mit den Künstlerinnen und Künstlern geschieht, deren Arbeiten von einer Jury anerkannt werden oder nicht.

Nächste Führungen:
18. Dezember, 18 Uhr, Kunsthalle St.Gallen
19. Dezember, 18.30 Uhr, Kunstmuseum St.Gallen

Die beschriebenen Werke in der Kunsthalle und im Kunstmuseum werfen Fragen zum Kunstbetrieb auf. Welche Kantone sind beteiligt und warum? Unter welchen Bedingungen darf sich Kunstschaffen einem Kanton zugehörig wissen? Was bedeutet kantonal und international in diesem Kontext? Welcher Preis wird fürs Mitspielen bezahlt? Und wer kommt in den Besitz einer Kulturkeule und warum?

Diese Fragen sind wichtig, um strukturelle Gegebenheiten in der Kulturlandschaft zu dekonstruieren. Wichtig, weil die Ein- und Ausschlussmechanismen das Potential der Kunst beschneiden. Die Kunsthäuser müssen sich für ihre eigene Positionierung und eine lautere Stimme Komplizinnen und Komplizen suchen. Kunstschaffende profitieren von der Stärke dieser Bündnisse, sind aber dem Urteil der Jury unterworfen, die ihrerseits von den Veranstaltern gestellt wird. Das Keulenbündnis hat seine zwei Seiten. Das Heimspiel überschreitet Grenzen, aber verstärkt zugleich Grenzziehungen.

Auf jeden Fall sind, wie sich an den Vernissagen in Dornbirn, in St.Gallen und Appenzell zeigte, «in der Region für die Region» viele Fans – in Form von Besucherinnen und Besuchern – da, die ihrer Mannschaft beim Heimspiel zujubeln. Und sich unter Gleichgesinnten gut aufgehoben fühlen.

Mehr zum Heimspiel 2018 im Januarheft von Saiten.

Die Kunst singt (oder sinkt) im Volksbad – Die Videoarbeit «Schildkrötenherz» von Anita Zimmermann im Kunstmuseum St.Gallen.

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