Ein Riesenfuss aus Sandstein, mannshoch, rund sechs Meter lang, etwa 60 Tonnen schwer, rundherum Wiese, zwischen den Zehen wächst Gras. Eine Frau ganz in Weiss nähert sich der Skulptur und beginnt sie zu massieren, erst an der Ferse, dann dem Rist entlang bis zu den Zehen und rundherum zurück. Es ist eine Aktion ohne Worte, voller Irritation und Zärtlichkeit, festgehalten von einer ruhigen Kamera.
«Sculpture Massage» nennt Andrea Vogel, die Frau in Weiss, ihre Arbeit. Das Langzeitprojekt hat vor Jahren mit dem Massieren der Skulptur Die Schwebende in Rorschach begonnen. Inzwischen hat die Performancekünstlerin insgesamt 24 Skulpturen im öffentlichen Raum massiert: Werke von Peter Kamm in St.Gallen, Max Bill in Zürich oder die Helvetia in Basel, dazu Skulpturen in verschiedenen europäischen Städten und an der Westaustralischen Küste.
Filmstill aus «Sculpture Massage» von Andrea Vogel.
Der Grosse Fuss im Film stammt vom Japaner Yoshimi Hashimoto. Er liegt bei St.Wendel im Saarland und ist eine von über 50 Skulpturen, die zusammen eine «Strasse des Friedens» bilden. So nannte der deutsche Bildhauer Otto Freundlich in den 1920er-Jahren seine Vision eines Skulpturenwegs von Paris bis Moskau. Er blieb unrealisiert: Freundlich, einer der Wegbereiter der Abstraktion, wurde 1943 im Vernichtungslager Majdanek umgebracht.
Kunst auf der Strasse des Friedens
1971 nahm der Künstler Leo Kornbrust Freundlichs völkerverbindende Idee wieder auf und initiierte eine erste «Strasse des Friedens». Seither kamen weitere Teilstücke hinzu, unter anderem in Ostdeutschland.
«Auf die Strasse gehen» nennt Andrea Vogel ihr Projekt, diese Friedensskulpturen zu massieren. Die «Strasse des Friedens» sei unvermindert aktuell. Von Otto Freundlich stammt das Zitat: «Je ungeistiger, je brutaler die Gegenwart, desto Geistigeres, Feineres muss man tun. Das ist Starksein.» Dies passe gut zu ihrem Ansatz, «weich und hart zu verbinden», sagt Andrea Vogel. Den inzwischen über 90-jährigen Bildhauer Leo Kornbrust hat sie im Jahr 2020 besucht, Filmemacher Jan Buchholz hat die Begegnung dokumentiert.
Innert drei Jahren planen die beiden mehrere Reisen entlang der «Strasse des Friedens». Das Projekt wird mit einem Werkbeitrag des Kantons St.Gallen unterstützt. Vorerst aber gibt Vogel in der Mülenenschlucht Einblick in ihre Arbeit. Und damit kommt die weitläufige «Strasse des Friedens» zusammen mit einem steilen engen Stück St.Gallen.
Kunst in der stotzigen Gasse
An dem eiskalten Schneetag pfeift der Wind die Mühlenstrasse hinauf und hinab. An der schmalsten Stelle, bei Haus Nr. 17 treffen wir Anita Zimmermann und Andrea Vogel. Ein blaues Haus duckt sich unter den gewaltigen Nagelfluhfelsen, daneben ein Mauervorsprung, den Anita Zimmermann «Podest» getauft hat. Er ist die eine Hälfte der neuen Ausstellungslokalität. Die andere ist das «Schaufenster» im Haus daneben. Zwei Plätze für wechselnde Ausstellungen, beide nur von aussen einsehbar, dafür 24 Stunden am Tag: Das verspricht «Die Klause». Hier im Schaufenster wird ab Ende März Andrea Vogels Video zur «Strasse des Friedens» zu sehen sein.
Anita Zimmermann und Andrea Vogel vor der «Klause». (Bild: Su.)
Hinter dem Fenster liegt ein ungenutzter Raum, einst eine Werkstatt – und ungenutzte Räume zu Kunstorten umzufunktionieren, ist die Passion von Anita Zimmermann aka Leila Bock. Seit 2015 hat sie dreimal einen «Geilen Block» mit einer Gruppenausstellung bespielt, jetzt ab März kommt ein vierter hinzu in einer ehemaligen Fahnenfabrik, mehr dazu unten. Zwischendurch hat sie zudem zusammen mit Marianne Rinderknecht «Hiltibold» erfunden: zwei Fensternischen in der Goliathgasse, die seit bald fünf Jahren im stetigen Dreiwochentakt von jeweils zwei Kunstschaffenden für drei Wochen bespielt werden.
Leila Bock und ihr Trägerverein bleiben auch mit der Klause der Grundidee treu, «im Rahmen von Zwischennutzungen möglichst viele Kunstschaffende zu vernetzen und mit möglichst viel Publikum in kurzer Zeit zusammenzubringen». In Coronazeiten gelte es erst recht, Begegnungen zu ermöglichen und «den äusseren Zwängen ein Schnippchen zu schlagen».
Transformierte Schlucht
Schönes Zusammentreffen, dass sich von Hiltibold, dem Begleiter des Gallus, jetzt der Bogen zu Gallus selber schlägt, in jene Schlucht, in der der St.Galler Stadtheilige angeblich gestrauchelt ist und seine erste Klause errichtet hat.
Wie es zur neuen Kunstklause kam, erzählt Anita Zimmermann beim Gespräch im leerstehenden Werkstattraum: Ihr, die ganz in der Nähe, auf der anderen Steinachseite wohnt und arbeitet, sei das unscheinbare Haus bei Gängen durchs Quartier schon länger ins Auge gestochen. Sie sprach daher den Besitzer, Mathias Straetling, an und konnte ihn von der Idee überzeugen, hier einen temporären Ausstellungsort einzurichten. Die Lage sei ideal, sagt Zimmermann: hier kämen «Hundespazierer, Touristinnen, Arbeitende und Naturgeniesser» vorbei.
Die Klause: ab 12. Februar (Vernissage: 16 Uhr), Mühlenstrasse 17, St.Gallen. 12. Februar bis 20. März: Roman Signer, 12. Februar bis 6. März: Andy Storchenegger, 12. März bis 17. April: Monika Sennhauser, 26. März bis 1. Mai: Andrea Vogel
Für den Betrieb des ersten Jahres hat der Kanton St.Gallen Transformationsgelder gesprochen; «Gratulation an Leila Bock!», sagt Anita Zimmermann und ergänzt: «Wir können somit für ein Jahr gute Honorare bezahlen. Das braucht die Kunst.» Der Raum und das Podest sollen nach dem Transformationsprojekt jedoch im stetigen Wechsel als Plattform für Kunstschaffende bestehen bleiben.
Zur Eröffnung sind Andy Storchenegger mit einer Arbeit auf dem Podest und Roman Signer im Schaufenster mit dabei, Vernissage ist am 12. Februar. Im März folgen Monika Sennhauser auf dem Podest (ab 12. März) und Andrea Vogel mit ihrer Arbeit «Massage Sculpture» (ab 26. März). Die Ablösungen passieren verschoben, so dass sich die «Klause» zumindest zweimal im Monat mit einer Outdoor-Vernissage belebt. Das Programm steht vorerst bis Oktober.
Kunst zeigt Flagge
Im Februar geht die Klause auf – und im März öffnet die Fahnenfabrik: Im Gebäude an der Lindenstrasse im Osten St.Gallens sollen 22 Wohnungen «für Menschen in der zweiten Lebenshälfte» entstehen. Die Genossenschaft Segewo arbeitet seit längerem auf dieses Ziel hin. Als Zwischennutzung nistet sich im März für ein langes Wochenende Leila Bock ein. Das Motto: «Kunst zeigt Flagge». Anita Zimmermann und Mitinitiant Stefan Rohner haben über 40 Kunstschaffende aus der ganzen Ostschweiz für das Projekt angefragt.
Geiler Block: 17. bis 20. März 2022, Lindenstrasse 122, St.Gallen
Die Fahnenfabrik schliesst an frühere Gruppenausstellungen an: 2015 hat Leila Bock einen ersten «Geilen Block», einen dem Abbruch geweihten Wohnblock in Rotmonten, belebt, 2017 kam ein zweiter «Block» (im ehemaligen Cornelia-Gebäude in Trogen) und 2020 ein dritter in einer Fabrikliegenschaft in Arbon hinzu. Die Arbeiten für den neusten Block sollen unter dem Stichwort «Fahnen» stehen, politische Bezüge sind erwünscht. «Schöne Aussichten», schreibt Anita Zimmermann.
Tunneleröffnung
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Die Sonderausstellung «Baustelle Erinnerung / ‹Hitler entsorgen› – Arbeiten am belasteten Erbe» im Vorarlberg Museum in Bregenz beschäftigt sich damit, wie ein verantwortungsvoller Umgang mit Gegenständen aus der NS-Vergangenheit aussehen kann. Ausserdem berät das Museum Privatpersonen, die solche Gegenstände besitzen.
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