Kategorie
Autor:innen
Jahr

In der «Klause» zieht die Kunst ein

St.Gallen bekommt einen neuen Ausstellungsort. Er liegt, wie es sich in Coronazeiten gehört, outdoor, dafür im Herzen der Stadt: in der Mülenenschlucht. Am 12. Februar wird «Die Klause» eröffnet.
Von  Peter Surber

Ein Riesenfuss aus Sandstein, mannshoch, rund sechs Meter lang, etwa 60 Tonnen schwer, rundherum Wiese, zwischen den Zehen wächst Gras. Eine Frau ganz in Weiss nähert sich der Skulptur und beginnt sie zu massieren, erst an der Ferse, dann dem Rist entlang bis zu den Zehen und rundherum zurück. Es ist eine Aktion ohne Worte, voller Irritation und Zärtlichkeit, festgehalten von einer ruhigen Kamera.

«Sculpture Massage» nennt Andrea Vogel, die Frau in Weiss, ihre Arbeit. Das Langzeitprojekt hat vor Jahren mit dem Massieren der Skulptur Die Schwebende in Rorschach begonnen. Inzwischen hat die Performancekünstlerin insgesamt 24 Skulpturen im öffentlichen Raum massiert: Werke von Peter Kamm in St.Gallen, Max Bill in Zürich oder die Helvetia in Basel, dazu Skulpturen in verschiedenen europäischen Städten und an der Westaustralischen Küste.

Filmstill aus «Sculpture Massage» von Andrea Vogel.

Der Grosse Fuss im Film stammt vom Japaner Yoshimi Hashimoto. Er liegt bei St.Wendel im Saarland und ist eine von über 50 Skulpturen, die zusammen eine «Strasse des Friedens» bilden. So nannte der deutsche Bildhauer Otto Freundlich in den 1920er-Jahren seine Vision eines Skulpturenwegs von Paris bis Moskau. Er blieb unrealisiert: Freundlich, einer der Wegbereiter der Abstraktion, wurde 1943 im Vernichtungslager Majdanek umgebracht.

Kunst auf der Strasse des Friedens

1971 nahm der Künstler Leo Kornbrust Freundlichs völkerverbindende Idee wieder auf und initiierte eine erste «Strasse des Friedens». Seither kamen weitere Teilstücke hinzu, unter anderem in Ostdeutschland.

«Auf die Strasse gehen» nennt Andrea Vogel ihr Projekt, diese Friedensskulpturen zu massieren. Die «Strasse des Friedens» sei unvermindert aktuell. Von Otto Freundlich stammt das Zitat: «Je ungeistiger, je brutaler die Gegenwart, desto Geistigeres, Feineres muss man tun. Das ist Starksein.» Dies passe gut zu ihrem Ansatz, «weich und hart zu verbinden», sagt Andrea Vogel. Den inzwischen über 90-jährigen Bildhauer Leo Kornbrust hat sie im Jahr 2020 besucht, Filmemacher Jan Buchholz hat die Begegnung dokumentiert.

Innert drei Jahren planen die beiden mehrere Reisen entlang der «Strasse des Friedens». Das Projekt wird mit einem Werkbeitrag des Kantons St.Gallen unterstützt. Vorerst aber gibt Vogel in der Mülenenschlucht Einblick in ihre Arbeit. Und damit kommt die weitläufige «Strasse des Friedens» zusammen mit einem steilen engen Stück St.Gallen.

Kunst in der stotzigen Gasse

An dem eiskalten Schneetag pfeift der Wind die Mühlenstrasse hinauf und hinab. An der schmalsten Stelle, bei Haus Nr. 17 treffen wir Anita Zimmermann und Andrea Vogel. Ein blaues Haus duckt sich unter den gewaltigen Nagelfluhfelsen, daneben ein Mauervorsprung, den Anita Zimmermann «Podest» getauft hat. Er ist die eine Hälfte der neuen Ausstellungslokalität. Die andere ist das «Schaufenster» im Haus daneben. Zwei Plätze für wechselnde Ausstellungen, beide nur von aussen einsehbar, dafür 24 Stunden am Tag: Das verspricht «Die Klause». Hier im Schaufenster wird ab Ende März Andrea Vogels Video zur «Strasse des Friedens» zu sehen sein.

Anita Zimmermann und Andrea Vogel vor der «Klause». (Bild: Su.)

Hinter dem Fenster liegt ein ungenutzter Raum, einst eine Werkstatt – und ungenutzte Räume zu Kunstorten umzufunktionieren, ist die Passion von Anita Zimmermann aka Leila Bock. Seit 2015 hat sie dreimal einen «Geilen Block» mit einer Gruppenausstellung bespielt, jetzt ab März kommt ein vierter hinzu in einer ehemaligen Fahnenfabrik, mehr dazu unten. Zwischendurch hat sie zudem zusammen mit Marianne Rinderknecht «Hiltibold» erfunden: zwei Fensternischen in der Goliathgasse, die seit bald fünf Jahren im stetigen Dreiwochentakt von jeweils zwei Kunstschaffenden für drei Wochen bespielt werden.

Leila Bock und ihr Trägerverein bleiben auch mit der Klause der Grundidee treu, «im Rahmen von Zwischennutzungen möglichst viele Kunstschaffende zu vernetzen und mit möglichst viel Publikum in kurzer Zeit zusammenzubringen». In Coronazeiten gelte es erst recht, Begegnungen zu ermöglichen und «den äusseren Zwängen ein Schnippchen zu schlagen».

Transformierte Schlucht

Schönes Zusammentreffen, dass sich von Hiltibold, dem Begleiter des Gallus, jetzt der Bogen zu Gallus selber schlägt, in jene Schlucht, in der der St.Galler Stadtheilige angeblich gestrauchelt ist und seine erste Klause errichtet hat.

Wie es zur neuen Kunstklause kam, erzählt Anita Zimmermann beim Gespräch im leerstehenden Werkstattraum: Ihr, die ganz in der Nähe, auf der anderen Steinachseite wohnt und arbeitet, sei das unscheinbare Haus bei Gängen durchs Quartier schon länger ins Auge gestochen. Sie sprach daher den Besitzer, Mathias Straetling, an und konnte ihn von der Idee überzeugen, hier einen temporären Ausstellungsort einzurichten. Die Lage sei ideal, sagt Zimmermann: hier kämen «Hundespazierer, Touristinnen, Arbeitende und Naturgeniesser» vorbei.

Die Klause: ab 12. Februar (Vernissage: 16 Uhr), Mühlenstrasse 17, St.Gallen. 12. Februar bis 20. März: Roman Signer, 12. Februar bis 6. März: Andy Storchenegger, 12. März bis 17. April: Monika Sennhauser, 26. März bis 1. Mai: Andrea Vogel

Für den Betrieb des ersten Jahres hat der Kanton St.Gallen Transformationsgelder gesprochen; «Gratulation an Leila Bock!», sagt Anita Zimmermann und ergänzt: «Wir können somit für ein Jahr gute Honorare bezahlen. Das braucht die Kunst.» Der Raum und das Podest sollen nach dem Transformationsprojekt jedoch im stetigen Wechsel als Plattform für Kunstschaffende bestehen bleiben.

Zur Eröffnung sind Andy Storchenegger mit einer Arbeit auf dem Podest und Roman Signer im Schaufenster mit dabei, Vernissage ist am 12. Februar. Im März folgen Monika Sennhauser auf dem Podest (ab 12. März) und Andrea Vogel mit ihrer Arbeit «Massage Sculpture» (ab 26. März). Die Ablösungen passieren verschoben, so dass sich die «Klause» zumindest zweimal im Monat mit einer Outdoor-Vernissage belebt. Das Programm steht vorerst bis Oktober.

Kunst zeigt Flagge

Im Februar geht die Klause auf – und im März öffnet die Fahnenfabrik: Im Gebäude an der Lindenstrasse im Osten St.Gallens sollen 22 Wohnungen «für Menschen in der zweiten Lebenshälfte» entstehen. Die Genossenschaft Segewo arbeitet seit längerem auf dieses Ziel hin. Als Zwischennutzung nistet sich im März für ein langes Wochenende Leila Bock ein. Das Motto: «Kunst zeigt Flagge». Anita Zimmermann und Mitinitiant Stefan Rohner haben über 40 Kunstschaffende aus der ganzen Ostschweiz für das Projekt angefragt.

Geiler Block: 17. bis 20. März 2022, Lindenstrasse 122, St.Gallen

Die Fahnenfabrik schliesst an frühere Gruppenausstellungen an: 2015 hat Leila Bock einen ersten «Geilen Block», einen dem Abbruch geweihten Wohnblock in Rotmonten, belebt, 2017 kam ein zweiter «Block» (im ehemaligen Cornelia-Gebäude in Trogen) und 2020 ein dritter in einer Fabrikliegenschaft in Arbon hinzu. Die Arbeiten für den neusten Block sollen unter dem Stichwort «Fahnen» stehen, politische Bezüge sind erwünscht. «Schöne Aussichten», schreibt Anita Zimmermann.

Das Kro­ko­dil schnappt wie­der zu

Von  Pius Frey  und  David Gadze
Krokodil 2026 pd

24/7 Traumacore

Heat Girl Sum­mer

Von  Mia Nägeli

Kunst in Oberuzwil

Spu­ren der Hei­mat

Von  Vera Zatti
Dieses

Musik

Mehr als Jazz im Kult­bau

Von  Richard Butz
GP Trio MF90302 k

«Die Wahr­neh­mung nicht be­die­nen, son­dern schär­fen»

Pa­trick Kess­ler er­hält den Aus­ser­rho­der Kul­tur­preis 2026. Der Kon­tra­bas­sist, Klang­künst­ler und Ku­ra­tor aus Gais reist mit al­ten Laut­spre­chern nach Wien und Ha­noi, tritt mit In­sek­ten in ei­nen mu­si­ka­li­schen Dia­log und fin­det sei­ne wich­tigs­ten Lek­tio­nen nicht un­be­dingt an Hoch­schu­len.

Von  Philipp Bürkler
Bassilikum 04

Mo­bi­li­täts­al­li­anz nimmt Fahrt auf

Die Mo­bi­li­täts­al­li­anz Ost­schweiz will Pend­ler:in­nen zum Um­stieg vom Au­to auf Bus, Bahn und Ve­lo be­we­gen. Bei den zehn be­tei­lig­ten Gross­un­ter­neh­men lässt be­reits je­de fünf­te Per­son das Au­to am Mor­gen ste­hen. Nun sol­len 500 wei­te­re Fir­men fol­gen. 

Von  Philipp Bürkler
Mobilitaetsallianz 1 philipp buerkler

Tu­bes, Pipe­lines, Cords

Au­gus­tin Re­be­tez macht kei­ne hal­ben Sa­chen. Sei­ne Kunst ist aus­ufernd und dicht zu­gleich. Er ent­wi­ckelt an­spie­lungs­rei­che Bild­wel­ten – ak­tu­ell in der Kunst­hal­le Ar­bon.

Von  Kristin Schmidt
Augustin Rebetez key visual Kunsthalle Arbon Augustin Rebetez

Zu hoch für Ap­pen­zell

Der Kan­ton Ap­pen­zell In­ner­rho­den plan­te am Lands­ge­mein­de­platz in Ap­pen­zell ein neu­es Ge­bäu­de für die Ge­rich­te, die Bi­blio­thek und die kan­to­na­le Ver­wal­tung. Die eid­ge­nös­si­schen Kom­mis­sio­nen für Na­tur- und Hei­mat­schutz und je­ne für Denk­mal­pfle­ge brach­ten das Pro­jekt je­doch zu Fall.

Von  René Hornung
Verwaltungsgebaeude appenzell pd

Offener Brief an die Bundespolitik

Wir wol­len Rech­te, kei­ne Al­mo­sen

Von  Christoph Keller

In­no­va­ti­on ge­hört zur DNA

Das Fi­gu­ren­thea­ter St.Gal­len wird 70. Was sich ver­än­dert hat, war­um Pup­pen Kin­der wie Er­wach­se­ne fas­zi­nie­ren und wie man auch Ju­gend­li­che er­rei­chen kann: ein Ge­spräch zum Ju­bi­lä­um.

Von  Peter Surber
Hochdruck Crasch Polizei 04665

Mit Sound und Vi­su­als ge­gen den Öko­kol­laps

Die zwei­te Aus­ga­be des au­dio­vi­su­el­len Fes­ti­vals Su­s­ur­rus in der Mü­le­nen­schlucht wid­met sich der «mehr-als-mensch­li­chen» Mit­welt. Mit akus­ti­schen und per­for­ma­ti­ven In­ter­ven­tio­nen er­kun­det das Fes­ti­val neue For­men der Be­zie­hung zwi­schen Mensch und Na­tur. 

Von  Lilli Kim Schreiber
DSC3137

Un­ter­schied und Wir­kung

In der Aus­stel­lung «Die lei­sen Un­ter­schie­de» im Haus zur Glo­cke in Steck­born be­fas­sen sich fünf Künst­ler:in­nen mit der Wahr­neh­mung von Un­ter­schie­den. 

Von  Vera Zatti
03 Schuetz Chraeje n un Gwaage ss Foto

Kolumne: Heppelers Bestiarium

Cy­borg-Ka­ker­la­ken

Von  Jeremias Heppeler

Fu­rio­ses Klang­ge­wit­ter

Mit dem En­sem­ble TAK aus New York gas­tier­te am Diens­tag ein Neue-Mu­sik-Quin­tett von Welt­rang im St.Gal­ler Kult­bau. Or­ga­ni­siert vom Zy­klus Con­tra­punkt, hät­te der Abend mehr Pu­bli­kum ver­dient. Ein Bubble-Pro­blem?

Von  Peter Surber
Contrapunkt 1 martin fluege

Ne­an­der­tha­ler:in, ge­hüllt in Pink 

Das St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um öff­net in der neu­en Aus­stel­lung «Ste­reo­ty­pes: Ne­an­der­tha­le­rin» den Blick auf die­se Stein­zeit­men­schen. Die Schau mit viel Pink ver­knüpft ge­schickt Spiel mit Wis­sen­schaft und Ver­gan­gen­heit mit Ge­gen­wart.

Von  Vera Zatti
Stereotypes Kulturmuseum 2026 1

Neue Sai­son un­ter be­son­de­ren Vor­zei­chen

Das Thea­ter an der Gren­ze in Kreuz­lin­gen star­tet heu­te in die neue Spiel­zeit. Kürz­lich ver­starb die prä­gen­de Co-Prä­si­den­tin An­na Rink. Aus­ser­dem fällt der bis­he­ri­ge Spiel­ort im Kul­tur­zen­trum Kult-X bis En­de 2027 weg. Wie der Ver­ein die­se Hür­den meis­tert, er­zäh­len Prä­si­den­tin Vro­ni El­len­br­oek und Klaus Okraf­ka aus der Pro­gramm­lei­tung im In­ter­view.

Von  Judith Schuck
Theater an der Grenze Klaus Ofraka und Vroni Ellenbroek

FC St.Gal­len vs. FC Si­on – St. Gal­len un­ter­liegt Si­on mit 0:3

St. Gal­len star­te­te gut in die Par­tie, agier­te aber oft­mals zu um­ständ­lich ge­gen tief ver­tei­di­gen­de Sit­te­ner und blieb letzt­lich glück­los. 

Von  SENF Kollektiv
Senf

Dampf auf dem Kes­sel

Auf sei­nem neu­en So­lo­al­bum the­ma­ti­siert Ma­nu­el Stahl­ber­ger die Über­hit­zung. Die kli­ma­ti­sche, die ge­sell­schaft­li­che, die po­li­ti­sche. Ge­mein­sam mit Bit-Tu­ner hat der St.Gal­ler Mu­si­ker da­für ei­nen düs­te­ren, elek­tro­ni­schen Sound ge­fun­den.

Von  David Gadze
Manuel stahlberger bit tuner heiss pd

Von War­te­häus­chen und ehe­ma­li­gen Te­le­fon­ka­bi­nen

An Klein­bau­ten ge­hen wir oft acht­los vor­bei: Bus­war­te­häus­chen, öf­fent­li­che WCs, nicht mehr ge­brauch­te Te­le­fon­ka­bi­nen oder Feu­er­wehr- und Stras­sen­wär­ter­ma­ga­zi­ne. Ak­tu­ell gibt es da­zu ei­ne Aus­stel­lung im 1. Stock des Rat­hau­ses St.Gal­len.

Von  René Hornung
2 Tramhaeuschen Schibenertor

«Wie ein Vor­film des­sen, was auf uns zu­kom­men könn­te»

Bis 2050 will die Stadt St.Gal­len kli­ma­neu­tral sein. Ka­rin Hun­ger­büh­ler und To­bi­as Fi­scher-Künz­ler von der Dienst­stel­le Um­welt und En­er­gie be­ant­wor­ten Fra­gen zur be­vor­ste­hen­den Kli­ma­wo­che und zum Kli­ma­schutz in der Stadt.

Von  Reto Voneschen , Bilder:  Sara Spirig
2609 Redeplatz Karin Tobias 01