Joan Didion trifft Terra X trifft St. Gallen
«Was bleibt?», fragt sich die Ich-Erzählerin in Laura Vogts neuem Roman Das Jahr des Kalks und findet Trauriges wie Tröstliches. Vieles davon scheint naheliegend. Sich auf das Buch einzulassen lohnt sich trotzdem.
Das Jahr des Kalks beginnt mit einem Blick aus dem Fenster; dem Schreibatelierfenster der Hauptfigur und Ich-Erzählerin. Dabei geht dieser erste Blick vielmehr auf die Fensterscheibe. Dort kleben Pollen: «Es sind Spuren eines Versuchs fortzubestehen, eines Versuchs zu bleiben.» Unten auf der Strasse werden Körper trainiert, die ja doch irgendwann verschwinden – auch ein vergeblicher Versuch, Vergänglichkeit zu trotzen, reflektiert die Erzählerin.
Sie weiss ihren todkranken Onkel im nahen Kantonsspital. Seit ihrer Kindheit ist er ihr eher Vater als Onkel. «Ich würde so gerne bleiben», hatte er zu ihr gesagt. Gibt es einen traurigeren Satz? Ein Abschied steht bevor. Wie gelähmt ist die Protagonistin, von einer Trauer, in die sich ein alter Schmerz mischt: der des Verlassenwerdens vom eigenen Vater.
Das Jahr des Kalks ist der vierte Roman der Ostschweizer Autorin Laura Vogt. Der Titel erinnert an Joan Didions autobiografisches Werk Das Jahr magischen Denkens, das Laura Vogt in ihrem Text auch erwähnt und das als Didions wichtigste Auseinandersetzung mit Tod und Trauer gilt.
Der abwesende Vater, der geliebte Onkel, die Ich-Erzählerin und dann ist da noch Ficus, die aus der Praxis der Psychotherapeutin gerettete Topfpflanze; und vielleicht eine Art Erweiterung der Heldin? Ficus ging es nach dem Umzug von der Praxis ins Schreibatelier schlecht. Doch bereits zu Beginn des Romans entdeckt die Ich-Erzählerin, dass die Pflanze neue Blätter austreibt. Sie startet eine Internetrecherche und findet heraus, dass Calcium Menschen wie Pflanzen guttut. Sie recherchiert weiter und stösst auf Kalkstein, ein Sedimentgestein aus Calcium und anderen chemischen Elementen und schliesslich auf das, was bleibt: Kalk.
Die Erzählerin findet Halt in der Beschäftigung mit diesem Ur-Stoff, befasst sich mit Erdgeschichte, dem Ur-Mittelmeer Tethys, den Alpen, Gletschern, Korallenriffen. Die naturwissenschaftlichen Fakten sind wohltuend konkret, die grossen erdgeschichtlichen Bögen erinnern daran, dass alles entsteht und vergeht. Die gesamte Schöpfung sitzt im gleichen Boot. Stellenweise ist es, als schaute man Terra X; Die Entstehung der Erde im Zeitraffer. Vogt zoomt raus, zeigt das Ganze und holt die Welt geschickt wieder nah ran, zum Beispiel wenn die Erzählerin sich in Fossilienpräparation versucht. Sogar einen Dinosaurierknochen bekommt sie dabei in die Hände.
Über 160 Seiten erinnert, recherchiert, schabt, gräbt die Erzählerin, folgt Spuren und findet schliesslich Wege des Umgangs, des Abschiednehmens, Trauerns, Verzeihens und Loslassens.
Dabei dienen Kalkstein und insbesondere das Verfahren des Kalksteinbrennens sowohl als Metapher als auch als Strukturierungselement innerhalb des Romans. Nebst den Kindern und dem Vater dieser Kinder, einem Bruder, einer Tante, bevölkern auch Gross- und Urgrosseltern den Roman. Oft sieht die Ich-Erzählerin, was sie sich vorstellt, woran sie sich erinnert, aber sie sieht auch, was nicht da ist, nicht sein kann. So wird die Erzählung gewürzt mit einer Prise Phantastik, lässt an Magischen Realismus denken.
Das Jahr des Kalks ist ein durchdachtes Buch, wohl strukturiert, einwandfrei geschrieben, flüssig und teilweise mit so schönen Übergängen, dass es eine wahre Freude ist.
Weil die Geschichte so lückenlos gebaut und wegen der gewählten Erzählperspektive so vollständig reflektiert ist, bleibt beim Lesen kaum Luft für eigene Gedanken. So manches dürfte auch unerklärt stehen gelassen sowie, Lesenden zugetraut und erlaubt werden, Zusammenhänge selber zu entdecken.
Und schliesslich ist es einfach beglückend, in einem Roman die eigene Stadt zu finden, Orte wiederzuerkennen. Das hilft, sich in einem Text zu Hause zu fühlen, insbesondere zu einem Thema, das restlos alle angeht. Dieses «Heimatgefühl» mag etwas für den fehlenden Platz zwischen den Zeilen entschädigen.
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