Geister der Vergangenheit
Die Toggenburger Autorin Beatrice Häfliger legt ihr neues Buch vor. In Der zerspringende Blick geht es um Lebensverwicklungen, Abgrenzung und Liebe. Ein Roman wie ein rauschender Fluss mit unverkennbaren autobiografischen Bezügen.
Die Toggenburger Autorin Beatrice Häfliger (Bild: pd/Stephan Bösch)
Drei Mädchen stehen auf einer Brücke. Sie schauen hinab auf den unter ihnen hindurch rauschenden Fluss. Das Bild, ein Abzug von Edvard Munchs Drei Mädchen auf der Brücke, ziert den Umschlag von Beatrice Häfligers neuem Roman Der zerspringende Blick.
Und «zerspringen» tut das Wort selbst schon auf ebendiesem Umschlag, wo es in weissen Lettern zerlegt über den Köpfen der Mädchen prangt. Munchs Bild, so heisst es im Roman, hätte Häfligers Hauptprotagonistin Eva gerne mit ihren Schwestern betrachtet – denn dann hätte man sich von den rigiden Vorstellungen, was ein «guter Mensch» ist, befreien können und hätte gemerkt, dass man längst einer ist.
Hätte, denn dazu kommt es nie. Aber dieses Bestreben, ein guter Mensch zu sein, ist vielleicht der Kern von Häfligers Roman, der unverkennbar autobiografische Bezüge aufweist. Schon Das Mädchen mit dem Pagenschnitt, ihr Debüt aus dem Jahr 2019, war autobiografisch begründet, und wie damals trägt die Protagonistin auch in Häfligers aktuellem Werk den biblischen Namen Eva.
Diese Figur der Eva ringt in Der zerspringende Blick mit sich und dem Lauf ihres Lebens. Zwei Einschnitte werfen sie aus der gewohnten Bahn: der begleitete Freitod ihres Lebenspartners Dario und der Selbstmord ihrer Schwester Gertrud kurz nach deren Frühpensionierung. Schreibend taucht Eva ein in ihre Familiengeschichte, in der sich ein tragischer Schicksalsschlag an den nächsten reiht. Und diese Geister aus der Vergangenheit üben noch immer einen starken Einfluss auf die Lebenden aus.
Der Roman ist in drei Teile mit jeweils acht Unterkapiteln gegliedert. Eine allwissende Erzählstimme führt in einem verwobenen Haupterzählstrang durch Evas Leben, beginnend kurz nach ihrer Geburt. Immer wieder geht der Blick der Protagonistin zurück und zerspringt – auch erzählerisch. Durch die Zeit gehts sprunghaft und achronologisch, alles bleibt fragmentarisch, selten wird etwas richtig zu Ende geführt. Auch die Perspektive liegt nicht konsistent bei Eva, sondern geht stellenweise auf Gertrud über.
In einem hohen Tempo führt die Toggenburgerin durch die Geschichte, die sie mit Dialogen auf Mundart anreichert. Es ist viel, was da auf weniger als 200 Seiten passiert. Gelegentlich bleibt man beim Lesen irritiert zurück, weil sich die eine oder andere Passage nur widerwillig in die Geschichte einfügen will. Etwa als Eva sich bei einer Univorlesung sexuell erregt fühlt und Häfliger das Ganze derb mit «ihre Möse brannte» enden lässt.
Lange darüber sinnieren kann man aber nicht, denn es geht rasant weiter. Das ist zuweilen eine Herausforderung. Wohl aber analog zum Empfinden der Protagonistin, die sich selbst im Strudel ihrer Lebensverwicklungen zu verlieren scheint.
Eine gewisse Orientierung im springenden Zeitgefüge bieten die jeweiligen Altersangaben von Protagonistin und anderen Figuren. Jedoch wirken die zahlreich eingestreuten Vermerke wie «die Achtundachtzigjährige», «Zweiundfünfzigjährig» oder «Siebzehnjährig» bald etwas angestrengt.
Mit sprachlicher Bestimmtheit, die sich mancherorts ins Poetische wandelt, lässt Beatrice Häfliger einen in das Leben und das Innerste ihrer Protagonistin Eva eintauchen. Beides scheint gelenkt von den Wünschen und Hoffnungen ihrer Bezugspersonen. Sei es die Mutter, der Vater, seien es die Geschwister oder verschiedene Partner – sie alle haben ihren eigenen Blick auf Eva. Und wie getrieben strebt diese nach Anerkennung und versucht, allen äusseren Ansprüchen gerecht zu werden.
Nicht nur in Evas Leben sind diese externen, mal bewussten und mal unbewussten Einflüsse erkennbar. Sie prägen die Lebensläufe aller, so auch den der Mutter oder eben den von Gertrud. Und obwohl diese Verwicklungen mitunter destruktive Prozesse in Gang setzen, scheint es den Figuren fast unmöglich, auszubrechen. So tief verankert in ihnen scheint das Geflecht, dass das eigene Ich, die eigenen Bedürfnisse kaum davon zu trennen sind.
Schreibend und die eigene Geschichte rekonstruierend, versucht Eva sich loszulösen. Es geht um Selbsterkenntnis und -ermächtigung. Darum, zu vertrauen, dass man geliebt wird, auch wenn man den eigenen Weg geht. Darum, dass man ein guter Mensch ist, so wie man ist. Und so wandelt sich schliesslich Evas Versprechen an den verstorbenen Vater von «Ätti, ich bliibe der treu. Du söusch stouz uf mich sii» zu «Ätti, ich cha der ned treu bliibe, aber du söusch stolz uf mich sii».
Und mit dieser Erkenntnis scheint der rauschende Fluss, als den man Der zerspringende Blick wohl beschreiben könnte, nicht zum Stillstand, aber immerhin zur Ruhe zu kommen.
Beatrice Häfliger: Der zerspringende Blick, Dielmann Axel Verlag, Frankfurt am Main 2026.
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