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Wegbrechendes Fundament

Die Autorin Julia Sutter (Bild: pd/Hanes Sturzenegger)

Die Autorin Julia Sutter (Bild: pd/Hanes Sturzenegger)

Die St.Gallerin Julia Sutter hat ihren Debütroman veröffentlicht. Und das wäre erst der Anfang ist ein pointiertes Werk mit grosser Sogwirkung. Am 25. Februar findet die vom Literaturhaus St.Gallen organisierte Premiere statt.

Krys­ti­na tau­melt. Krys­ti­na ist 27. Es braucht nicht mehr viel, die Mas­ter­ar­beit, die ei­ne oder an­de­re Ent­schei­dung, und dann … Aber seit dem Tod ih­rer Mut­ter ist nichts mehr so, wie es ein­mal war. Mit der Krank­heit, dem Ster­ben und dem Tod bricht al­les weg, auch der Bo­den, auf dem Krys­ti­na ihr jun­ges Le­ben ein­ge­rich­tet hat­te.

Die St.Gal­le­rin Ju­lia Sut­ter (1987) be­fasst sich in ih­rem De­büt­ro­man Und das wä­re erst der An­fang mit der Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit nach dem frü­hen Tod ei­nes El­tern­teils. Wenn je­nes Ge­fü­ge, in dem man sich in Si­cher­heit wähn­te, zu wan­ken be­ginnt. Wenn, wie bei Krys­ti­na, der Sturm so sehr wü­tet, dass er al­les mit­zu­reis­sen droht, wor­an man sich im Le­ben ori­en­tiert.

Um­gang mit dem Tod

Krys­ti­nas Mut­ter stirbt an Krebs. Ih­re drei Schwes­tern ver­ar­bei­ten Krank­heit, Ster­ben und Tod der Mut­ter ganz un­ter­schied­lich. Wäh­rend Li­sa ge­nug zu tun hat mit ih­rer ei­ge­nen Fa­mi­lie, ih­rer Mut­ter­schaft, Agnes auf Di­stanz geht und Zisch­ge in ih­ren For­schungs­pro­jek­ten Halt sucht, wankt Krys­ti­na – ob­wohl sie im Job und in der Be­zie­hung al­les hat, was ihr Si­cher­heit ge­ben könn­te: Ar­beit bei ei­nem For­schungs­pro­jekt, das sich um den Zu­stand der hei­mi­schen Fich­ten­wäl­der be­müht und Mau­rin, ih­ren Freund, der in der Dro­ge­rie, in der er ar­bei­tet, auf­stei­gen soll.

Aber Krys­ti­na schlin­gert. Und nicht ein­mal ih­re Nächs­ten kön­nen sie aus die­sem Tau­meln be­frei­en. Im Ge­gen­teil: Das Ver­hal­ten ih­res Va­ters, der nach dem Tod der Mut­ter rasch mit der Ent­sor­gung be­ginnt und nicht nur den Gar­ten, das Reich ih­rer Mut­ter ver­nach­läs­sigt, son­dern den Um­zug in ei­ne Woh­nung plant, macht al­les schlim­mer. Im Ge­gen­teil: Das Be­mü­hen ih­res Freun­des, der al­les ver­sucht und al­les in den fal­schen Hals ma­nö­vriert, des­sen Nä­he Krys­ti­na im­mer we­ni­ger er­trägt, ver­schärft die La­ge nur noch wei­ter. Auch bei der Ar­beit schwankt das Schiff. Ih­re Ar­beits­part­ne­rin, zu der sich die Prot­ago­nis­tin hin­ge­zo­gen fühlt, scheint in ei­ne Art Ex­tre­mis­mus weg­zu­kip­pen und wird ir­gend­wann von ih­ren Vor­ge­setz­ten we­gen Un­re­gel­mäs­sig­kei­ten frei­ge­stellt.

Ste­chen­de Bie­nen ret­ten

Krys­ti­na sucht nach dem, was sie mit dem Tod ih­rer Mut­ter ver­lo­ren hat. Ir­gend­wann so­gar im ehe­ma­li­gen Gar­ten, von dem da­mals die Fa­mi­lie weg­ge­zo­gen war, wo Krys­ti­na und ih­re Schwes­tern ih­re Kind­heit ver­brach­ten, je­nen Teil ih­res Le­bens, in dem sie sich auf­ge­ho­ben fühl­te, auch wenn da­mals schon Ris­se auf­tauch­ten. Ris­se, die sie nicht se­hen woll­te. 

«Mit der [Fa­mi­lie] ist es das­sel­be wie mit den Bie­nen und Wes­pen. Auch wenn man ih­nen die vie­len schmerz­haf­ten Sti­che nicht ver­zeiht, formt man den­noch oh­ne Zö­gern die Hän­de zu Schöp­fern, so­bald man eins der Tier­chen im dunk­len Brun­nen­was­ser zap­peln sieht.»

Ver­lo­ren in Selbst­zer­flei­schung

Das De­büt Und das wä­re erst der An­fang von Ju­lia Sut­ter er­zählt mit Rück­blen­den in die Kind­heit vom dro­hen­den Zer­fall ei­ner Fa­mi­lie. Es sind die Müt­ter, die die Fa­mi­lie zu­sam­men­hal­ten, die aus­zu­glei­chen wis­sen, die seis­mo­gra­phisch er­spü­ren, wenn Er­schüt­te­run­gen das Fun­da­ment er­zit­tern las­sen. 

Und gleich­zei­tig schreibt Ju­lia Sut­ter vom Schmerz all je­ner Ver­säum­nis­se, für die sich ih­re Prot­ago­nis­tin ver­ant­wort­lich macht, von all dem Kon­junk­tiv, den ih­re Mut­ter viel­leicht vor dem viel zu frü­hen Ster­ben be­wahrt hät­te. Nichts und nie­mand kann sie trös­ten. Der Ro­man schil­dert den un­will­kür­li­chen Sog der Selbst­zer­flei­schung, des Sich Ver­lie­rens, der Ori­en­tie­rungs­lo­sig­keit. Wie sehr ei­ne jun­ge Frau im Blick auf ih­re Mit­welt den Blick auf sich selbst ver­liert. 

Klaustrophobischer Sog

Dabei psychologisiert Julia Sutter nur unterschwellig. Sie erzählt in maximaler Nähe zu ihrer Protagonistin, was während der Lektüre eine beinahe klaustrophobische Enge erzeugt. Die Thematik, die Art des Erzählens – Sutters Schilderungen haben alles, was mir den Atem nehmen könnte. Aber die Autorin tut in ihrer Sprache genau das Gegenteil dessen, was der Gang der Geschichte tut. Sie öffnet eine Welt, eine immer ausweglosere Situation, die wie ein schwarzes Loch alles in sich hineinsaugt. Dieser Sog der Zerfleischung reisst beim Lesen auch an mir, ohne dass es mich in die Tiefe zieht.

Und das wäre erst der Anfang ist von überraschender Reife. Überraschend, weil es weit weg von autobiografischer Bewältigung angesiedelt ist. Ich staune über den langen Atem der Autorin, über die Prägnanz ihrer Sprache. Darüber, wie sie es immer wieder versteht, die mäandernde Handlung auf den Punkt zu bringen. 

Sutter ist ein Roman gelungen, der ein Spiegelkabinett unserer Gesellschaft ist – einer taumelnden Gesellschaft, einer Welt, der die Endlichkeit droht. Voller dezenter Metaphern wie der Garten der Mutter, um den sich niemand kümmert, und der Garten der Mutter Erde, dem es genauso ergeht.

Transparenzhinweis: Der Autor Gallus Frei ist Mitorganisator des Wortlaut Literaturfestival.

Julia Sutter: Und das wäre erst der Anfang, Frankfurter Verlagsanstalt, Frankfurt am Main 2026.

Buchpremiere am Mittwoch, 25. Februar, 19.30 Uhr, Literaturhaus St.Gallen, Raum für Literatur, St.Gallen.
Gespräch mit Julia Sutter und Katinka Ruffieux am Wortlaut Literaturfestival: Sonntag, 29. März, 13 Uhr, Bibliothek Hauptpost, St.Gallen.

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Zwi­schen Kunst und Kör­per 

In der Aus­stel­lung «Smi­le ma­nia­cal­ly we’re ali­ve» ver­bin­det Ja­la Wa­hid schein­bar ge­trenn­te Wel­ten. Sie schlägt dar­in ei­ne Brü­cke zwi­schen Er­in­ne­rung, Emo­ti­on, Wis­sen­schaft und Po­li­tik. 

Von Sieglinde Wöhrer,
Jala Wahid Smile maniacally were alive Sieglinde Woehrer

Ver­ei­nig­te Kul­tur­sze­ne pro­tes­tiert ge­gen den Spar­ham­mer

Die er­neu­ten Spar­vor­schlä­ge der St.Gal­ler Re­gie­rung stos­sen auf brei­te Ab­leh­nung. Die Kul­tur­sze­ne so­li­da­ri­siert sich ge­gen die Ab­bau­plä­ne. Die Kul­tur­lob­by hat sich in Stel­lung ge­bracht. Obs hilft?

Von Roman Hertler,
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Kunstausstellung

Mut­ter­schaft in Öl ge­fasst

Von Vera Zatti,
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Die Meis­te­rin der Bei­läu­fig­keit

Ei­gent­lich woll­te Zsuz­san­na Gah­se kei­ne Bü­cher mehr schrei­ben. Nun hat sie mit An­ge­rich­tet ihr Werk doch noch ein­mal er­wei­tert. Ih­re Spra­che dar­in bleibt neu­gie­rig, hu­mor­voll und spie­le­risch. Und wirkt fast wie ein Kom­men­tar zum ei­ge­nen li­te­ra­ri­schen Schaf­fen.

Von Michael Lünstroth,
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Bücherherbst: Ausser mir von Micha Friemel

Ana­ly­se des müt­ter­li­chen Wahn­sinns

Von Veronika Fischer,

Zwi­schen Ruhm und Knast

Ja­kob Stutz, Volks­schrift­stel­ler und Re­form­päd­ago­ge mit «zwie­späl­ti­gem» Cha­rak­ter: Ihn lässt Ex-Kel­ler­büh­nen­lei­ter Mat­thi­as Pe­ter 150 Jah­re nach sei­nem Tod noch ein­mal auf­le­ben – un­ter an­de­rem in Tro­gen, wo Stutz im Ge­fäng­nis sass.

Von Peter Surber,
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Das Mit­tel­mass fei­ern

Auf sei­nem neu­en Al­bum Th­ree Chords and a Shaking Hand be­singt der Rhein­ta­ler Sin­ger-Song­wri­ter Mo Klé die ge­gen­wär­ti­ge De­bat­ten­kul­tur, Re­gen­stür­me und Selbst­ak­zep­tanz. Die Al­bum­tau­fe fin­det am 7. No­vem­ber im st.gal­li­schen Bahn­hof Brug­gen statt.

Von Vera Zatti,
Artist Picture Mo Kle 2 Credits Johannes Gruber

FC St.Gal­len vs. Ser­vet­te 2:1 - Nicht bril­liert, aber ge­won­nen

Bouk­hal­fa und Gört­ler brin­gen die Es­pen in Füh­rung, wel­che das Team dann über die Zeit bringt.

Von SENF Kollektiv,
Senf

«Wir le­ben in ei­ner ver­blö­de­ten Mei­nungs­welt!»

Alex­an­der Vel­ja­nov ist die un­ver­wech­sel­ba­re Stim­me der Dark-Wa­ve-Band Dei­ne La­kai­en. Mit sei­nem neu­en So­lo­al­bum gas­tiert er am 9. No­vem­ber in Frau­en­feld. Ein Ge­spräch über Schub­la­den, Lü­ge, Wahr­heit und die Fra­ge, was Mu­sik mit un­se­rem Mensch­sein zu tun hat. 

Von Michael Lünstroth,
VELJANOV 2018 03

Zumthor plant in Wildhaus

Noch mehr Spit­zen­ar­chi­tek­tur fürs Tog­gen­burg

Von René Hornung,
Steinmodell 2

Die SP setzt auf Pe­ter Oli­bet

Ein Wahl­gang ge­nüg­te: Die SP der Stadt St.Gal­len schickt Pe­ter Oli­bet ins Ren­nen um die Nach­fol­ge von Stadt­rat Pe­ter Jans. Er er­hielt 109 von 182 Stim­men. In der Fra­ge­run­de ging es um Spar­po­li­tik, be­zahl­ba­re Woh­nun­gen und die Fra­ge, wie viel Op­po­si­ti­on ein künf­ti­ges Re­gie­rungs­mit­glied noch ma­chen kann.

Von Philipp Bürkler,
Nomination Peter Olibet 10
Heftvorschau 11/26
Postkolonial, Kulturgelder, Universum

Wäh­rend Zü­rich und Genf ge­raub­te Ben­in-Bron­zen zu­rück­ge­ben, la­viert das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len. Der­weil un­ter­sucht der Thur­gau sei­ne eth­no­gra­fi­sche Samm­lung und schliess Re­sti­tu­tio­nen nicht aus. Aus­ser­dem im No­vem­ber­heft: Der so­li­da­ri­sche Pro­test der St.Gal­ler Kul­tur­sze­ne ge­gen die Spar­plä­ne des Kan­tons, die neue Aus­stel­lung zum Zehn­jäh­ri­gen im Na­tur­mu­se­um St.Gal­len, das ers­te elek­tro­ni­sche So­lo­al­bum von Ka­fi-D und vie­les mehr.

Saiten 2611 01 Cover

Zü­rich und Genf ma­chen vor­wärts, St.Gal­len bremst

Seit ei­ni­gen Jah­ren sind Ben­in-Bron­zen in Schwei­zer Mu­se­en ein heis­ses Ei­sen. Im St.Gal­ler Kul­tur­mu­se­um la­viert man bei der Fra­ge ei­ner mög­li­chen Rück­ga­be zwi­schen Dia­log­be­reit­schaft und Ver­wei­ge­rungs­hal­tung.

Von Richard Butz und Hans Fässler,
Benin bronze kulturmuseum 2026

Bücherherbst: Nie ist alles gut von Raffael Rihs

Mo­ment­auf­nah­men

Von Veronika Fischer,

Ma­gen­brot bis zu­letzt

Ein Fes­ti­val über den Tod – darf das auch lus­tig sein? «Last Call» lädt am 31. Ok­to­ber in St.Gal­len da­zu ein, über das Ster­ben zu spre­chen. In­ter­view mit Mi­chel­le Mauch­le von der Ge­schäfts­stel­le Pal­lia­ti­ve Ca­re Stadt St.Gal­len.

Von Philipp Bürkler,
Festival zum tod michelle mauchle

Kampf­sport als Safe Space

In St.Gal­len hat am Sams­tag zum ers­ten Mal ein eman­zi­pa­to­risch-an­ti­fa­schis­tisch-que­er­fe­mi­nis­ti­sches Kampf­sport­tur­nier statt­ge­fun­den. Wie das aus­sieht? Schon ziem­lich bru­tal, aber dann auch wie­der herz­lich.

Von Malena Widmer,
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Bücherherbst: Unwucht von Sarah Elena Müller

Zwi­schen Lie­be und Lei­den

Von David Gadze,

Be­stän­dig­keit, die ero­diert 

Seit 35 Jah­ren un­ter­sucht Pa­trick Roh­ner Na­tur­pro­zes­se, ins­be­son­de­re im Zu­sam­men­hang mit Geo­lo­gie, zeich­ne­risch, ma­le­risch und bild­haue­risch. Die Aus­stel­lung «Fal­tun­gen» im Mu­se­um Bickel zeigt noch bis zum 22. No­vem­ber ei­nen Quer­schnitt die­ser kon­ti­nu­ier­li­chen Be­schäf­ti­gung. 

Von Angela Kuratli,
Gu Kas Pa Ro 26 385960 Email Orginal 2

Klimaseniorinnen besuchen Bern

Hit­ze und Dür­re im Bun­des­haus

Von Beatrice Häfliger,
Gruppenfoto

Chil­len am Steinach­strand

Vor dem Karls­tor ein Pick­nick un­ter Bäu­men am Ufer, die Mit­tags­pau­se mit den Füs­sen im Was­ser vor der Kan­tons­schul-Bi­blio­thek oder ein Bier am Bäch­lein zwi­schen der Bar La Bue­na On­da und dem «Bier­hof» – das al­les soll ge­mäss der Mach­bar­keits­stu­die «Al­te Stein­ach» mög­lich wer­den. Am Mon­tag ha­ben sie die Ver­ant­wort­li­chen vor­ge­stellt. 

Von René Hornung,
Alte Steinach Karlstor Zukunft