Die Natur weint, aber die Menschen hören sie nicht
Der transatlantische Filmessay While the Green Grass Grows: A Diary in Seven Parts des ostschweizerisch-kanadischen Filmemachers Peter Mettler feiert am Visions du Réel Schweizpremiere. Wer sich den monumentalen Streifen am Stück ansehen möchte, sollte sich dafür einen Tag freinehmen.
(Bilder: pd/Filmstills)
Heute Freitag, beginnt in Nyon die 57. Ausgabe des Filmfestivals Visions du Réel. Bis übernächsten Sonntag präsentiert das Festival 164 Filme aus 75 Ländern, darunter 83 Weltpremieren. Als Schweizer Premiere findet sich auch ein singuläres, sieben Stunden dauerndes Werk eines eng mit der Ostschweiz verbundenen Filmemachers: Peter Mettler.
Der 1959 geborene kanadisch-schweizerische Regisseur, Sohn von Schweizer Eltern, die 1955 nach Toronto ausgewandert waren, lebt abwechslungsweise in Kanada und im Appenzellerland. Wie eng seine Verbindung zur Ostschweiz ist, zeigte sich in früheren Jahrzehnten etwa in seiner kontinuierlichen und engen Zusammenarbeit mit dem 2014 verstorbenen Peter Liechti («ein Seelenverwandter») oder auch darin, dass er im vergangenen November in St.Gallen, anlässlich des Festes zum 40-jährigen Jubiläum des Kinok, im Kunstraum der Lokremise eine zweistündige, eigens für diesen Anlass geschaffene Live-Video-Soundperformance präsentierte.
Ebenso eng wie mit der Ostschweiz ist Mettler auch mit dem Filmfestival Visions du Réel verbunden: Fast alle seine Filme sind hier gelaufen und bereits zweimal, 2002 und 2023, gewann er den grossen Preis des Festivals.
Peter Mettler, 2023 (Bild: Geri Krebs)
2023 war dies für While the Green Grass Grows, ein 166-minütiger Essayfilm, der sich tagebuchartig über einen Zeitraum von 2019 bis 2021 erstreckte. In dem sehr persönlich gehaltenen, häufig mit eigenem Voiceover arbeitenden Film verarbeitete Mettler einerseits den Tod seiner 2018 verstorbenen Mutter Julia und anderseits reflektierte er seine Beziehung zum Appenzellerland, wohin er auch seinen Vater Freddy einlud und mit dem er viel Zeit verbrachte.
Im Weiteren tauchte der Film in die Zeit der Pandemie ein, die Mettler in Toronto beim Vater verbrachte – und er dokumentierte schliesslich auch dessen Sterben. Das mag voyeuristisch klingen, war es aber überhaupt nicht. Denn im Zentrum stand dabei für Mettler stets das Finden von Bildern für die Zwischenwelten zwischen den Lebenden und den Toten. Darüber hinaus wollte er den Menschen als Teil eines weit grösseren Zusammenhanges mit allem Leben auf dem Planeten zeigen.
Der Grund dieses ausführlichen Rückgriffs auf Vergangenes: Peter Mettler betonte damals 2023 in Nyon – und auch Anfang 2024, als der Film erfolgreich auch in den Kinos lief – While the Green Grass Grows sei nur ein Fragment, ein «work in progress», es seien die Kapitel 1 und 6 eines im Rohschnitt fertigen, sieben Kapitel umfassenden Videotagebuchs. Elf Stunden umfasse der bereits fertige Rohschnitt, erklärte Mettler damals und freute sich über das erstaunte Gesicht des Gesprächspartners. Nun konnten die Produzent:innen – darunter die Ostschweizerin Cornelia Seitler von der Zürcher Firma Maximage und auf kanadischer Seite der berühmte Cineast Atom Egoyan Peter Mettler – offenbar davon überzeugen, jenen Rohschnitt auf eine Filmdauer von sieben Stunden zu reduzieren.
Mehr noch als im Fragment von 2023 geht Peter Mettler nun im kompletten While the Green Grass Grows: A Diary in Seven Parts auf den vieldeutigen Titel ein. Dieser basiert einerseits auf einem amerikanischen Volkslied, evoziert aber andererseits die Vorstellung, dass das Gras an einem anderen Ort grüner ist als dort, wo man sich gerade befindet. In jedem der sieben Kapitel gibt es denn auch Momente, in denen Mettler Gesprächspartner fragt, was sie mit dieser Vorstellung vom Gras assoziierten, das anderswo grüner sei. Und weil im ersten Kapitel, mit Hier in dieser Welt betitelt, der Tod der Mutter ziemlich am Anfang steht, dreht sich dieser andere Ort auch schon hier bald einmal um die Welt der Toten und unsere Vorstellung davon.
Diesen Gedanken vertieft der Film im zweiten Kapitel Meine Grossmutter war ein Baum. Mettler reist mit dem kanadischen Anthropologen Jeremy Narby, einem Spezialisten für Schamanismus, einen Fluss hinunter. Dabei erzählt Narby ihm unter anderem von einem Schamanen, den er im peruanischen Amazonasgebiet kennengelernt und der ihn überzeugt habe: Pflanzen gibt es auf unserem Planeten schon viel länger als uns – deshalb sind sie für uns Menschen so etwas wie Grosseltern. In freier Assoziation visualisiert der Film diesen Gedanken und es kristallisiert sich hier immer mehr heraus, was im Zentrum steht: die Sorge um die Zukunft des Planeten.
Ziemlich abgefahren-psychedelisch wird es schliesslich im dritten Kapitel Wahrheit und Konsequenz: Peter Mettler trifft in New Mexico auf einen älteren Mann, der einst durch eine Meditationserfahrung ein Erweckungserlebnis hatte, das ihn fortan für immer geprägt hat.
Im vierten Kapitel Freddys Tagebuch reist Mettler zurück nach Toronto zu seinem Vater und verbringt mit ihm einige Wochen in einer gemieteten komfortablen Jagdhütte im Wald an einem idyllischen See. Sohn und Vater tauschen sich dabei häufig über die Notizen aus, die der Vater minutiös Tag für Tag geschrieben hat. Sie sinnieren darüber, wie trügerisch Erinnerung sein kann und bestaunen immer wieder die Schönheit des Waldes und des Wassers, eines Elements, dessen Wichtigkeit mit jedem Kapitel grösser wird.
Das zeigt sich dann schon rein verbal in Kapitel fünf, spanisch mit Ojo de Agua betitelt (eigentlich: Auge des Wassers, aber auch: Quelle). Es handelt sich aber hier in erster Linie um ein kleines Dorf in der Nähe von San Antonio de los Baños auf Kuba, in der Nähe von Havanna gelegen. Peter Mettler war 2019 von Jean Perret, dem früheren Leiter von Visions du Réel und heute Dozent an der Filmschule Genf, angefragt worden, mit ihm drei Wochen an der internationalen Filmschule von San Antonio zu verbringen. Mettler sollte dort zusammen mit Perret einen künstlerischen Prozess mit einer kleinen Gruppe von Filmstudent:innen teilen.
Das Kapitel, eines der längsten des Films, bietet auch Einblick in das schwierige Alltagsleben in Kuba und Mettler verliert auch seine Illusionen über Konsumverzicht und das politischen System, dem die Menschen dort zwangsweise ausgesetzt sind. Laura, eine der mit Mettler arbeitenden Filmstudentinnen aus Paris, fragt dabei auf ihren Streifzügen in der Umgebung der Filmschule einmal einen jungen Kubaner, ob er den Satz mit dem grünen Gras kenne, das auf der anderen Seite grüner sei. Er verneint, sagt aber, in Kuba gebe es einen ähnlichen Satz: Die Natur weint, aber die Menschen hören sie nicht. Es sind solche Begegnungen, bei denen vordergründig schlichte Gedanken, verbunden mit den in überwältigender Schönheit von Peter Mettlers Kamera eingefangenen Naturbildern, einen Sog entwickeln, der die lange Dauer des Films spielend vergessen lässt.
Im sechsten Kapitel Der Fluss danach, das – im Gegensatz zum ersten – weitgehend unverändert schon im Filmfragment von 2023 enthalten war, geht es um die Monate der Pandemie, das Sterben und den Tod des Vaters und immer drängender um die Frage, was kommt danach?
Im siebten Kapitel Tiny Speck stehen schliesslich wieder die Ostschweiz und Peter Mettler allein im Zentrum. Der Filmemacher ist in St.Gallen im Spital, weil er plötzlich unter schweren Anfällen von Schwindel und Gleichgewichtsstörungen leidet – und wenn man das jetzt bösartig interpretieren wollte, könnte all das ja möglicherweise mit seinem schwindelerregenden Film zu tun haben.
Doch wir verwerfen den Gedanken gleich wieder und blicken fasziniert in die Umgebung der Rehaklinik von Valens. Dorthin wird Peter Mettler nach längerem Spitalaufenthalt geschickt und findet da in einem viel belesenen Therapeuten noch einmal einen Seelenverwandten. Und schliesslich erhält er in der wilden Taminaschlucht weitere Erkenntnisse über die grundlegende Bedeutung des Wassers.
Wenn er dann am Ende beim Räumen der Wohnung des Vaters einen von diesem als Zwanzigjährigen verfassten Essay mit dem Titel Wasser findet, schliesst sich ein Kreis. Und Peter Mettler ist einmal mehr überzeugt davon, dass alles seine Bestimmung hat, auch der Zufall.
Peter Mettler: While the Green Grass Grows: A Diary in Seven Parts, Samstag, 25.April, 10:30 bis 14 Uhr (Kapitel eins bis vier), 16 bis 19:30 Uhr (Kapitel fünf bis sieben), Visions du Réel, Nyon.
visionsdureel.ch
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