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Ausflug ins Gebirg – im Home-Cinema

Streamen, was das Zeug hält? Und dabei die Kinogiganten subventionieren? Es gibt Alternativen – Geri Krebs stellt kostenlose Online-Plattformen mit Schweizer Spiel- und Dokfilmen vor.
Von  Geri Krebs
Peter Liechti: Ausflug ins Gebirg.

«Say yes to Netflix», «Start watching today»: Solche und ähnliche Angebote häufen sich dieser Tage in meiner Mailbox. Da ich mich aber auch im herrschenden Ausnahmezustand den US- Streaminggiganten – und auch den unabhängigen einheimischen Bezahlplattformen (wie etwa filmo, filmingo, cinefile) – möglichst verweigern werde, hier ein paar Hinweise auf Video-On-Demand-Angebote, die während der Zeit des Lockdown frei verfügbar sind.

Sicher ist es eine gute Sache, dass Filme, die kurz vor dem 16. März gerade neu in den Kinos angelaufen waren (wie Andrea Stakas Mare, Pablo Larraíns Ema y Gastón oder Gianni Di Gregorios Cittadini del mondo) über die Homepages der jeweiligen Programmkinos – wie etwa des Kinok – für den reduzierten Preis eines Kinobilletts auf den heimischen Computer gestreamt werden können. Aber angesichts der Tatsache, dass schon jetzt nicht wenige Leute in ernsthafte finanzielle Nöte geraten sind, werden Gratisangebote, die in Zusammenarbeit mit Produzenten und Verleihern angeboten werden, zunehmend wichtiger – und es ist jetzt auch ein guter Moment, einmal zurückzublicken, gerade was das einheimische Filmschaffen betrifft.

Unterwegs mit Liechti

An erster Stelle steht hier die Plattform artfilm.ch. Seit vergangener Woche sind über 400 Schweizer Filme (70 Spielfilme, 240 Dokumentarfilme und 150 Kurzfilme) frei zugänglich (vorerst bis 30. April). Die ältesten Filme stammen aus den 1930er Jahren, die neuesten aus dem Jahr 2016.

Peter Liechtis Hans im Glück.

Aus dem aktuellen Anlass, dass sich dieser Tage (am 4. April) der Todestag von Peter Liechti zum sechsten Mal jährt, finden sich auf der Plattform sämtliche Langfilme des grossen St. Galler Regisseurs, aber auch einige seiner frühen Kurzfilme wie etwa Tauwetter oder Ausflug ins Gebirg.

Weiter ist aber auch ein wenig bekanntes Werk zu entdecken, bei dem Peter Liechti 1990 als Kameramann mit seiner unverkennbaren Bildsprache führend beteiligt war: Traumzeit von Franz Reichle. Der Filmtitel bezieht sich auf einen Zustand, den ein Schamane während eines Rituals erlangen kann, und der Film kontrastiert die Visualisierung dieses Zustandes mit den Erfahrungen, die der Zürcher Regisseur und seine Equipe in der Endphase der zerfallenden Sowjet Union während eines längeren Aufenthalts bei Schamanen im äussersten Sibirien gemacht hatten.

Als Zeitdokument interessant ist auch Franz Reichles Film Rosmarie, Susanne, Ruth, das Porträt von drei 16jährigen Urnäscherinnen aus ganz unterschiedlichen Milieus im damals noch frauenstimmrechtslosen Ausserrhoden. 1978, das Erscheinungsjahr, scheint sehr weit weg, wenn man den Film heute anschaut.

Filmische Oral History

Man findet auf der artfilm-Plattform aber beispielsweise auch eine Serie aus dem Jahr 2004, die zeigt, wie Menschen in der Schweiz vor einem Dreivierteljahrhundert einen Ausnahmezustand erlebten, der in mancher Hinsicht dem heutigen vergleichbar ist: Für L’histoire c’est moi taten sich 15 Regisseure und Regisseurinnen aus der Deutschschweiz und der Romandie zusammen und realisierten insgesamt 21 Dokumentarfilme von je 15 Minuten Dauer, die als Oral-History-Projekt  Erfahrungen und Erinnerungen von ZeitzeugInnen des 2. Weltkrieges in der Schweiz lebendig werden lassen.

Szene aus Ormenis 199+69, Imhoofs Film über die Kavallerie, 1970 uraufgeführt und gleich verboten.

Neben solch dokumentarischen Entdeckungsreisen in die Vergangenheit findet man Perlen wie die Werke von Markus Imhoof – jenem Schweizer Regisseur, der wie kaum ein anderer im Fiktionalen wie im Dokumentarischen Meilensteine geschaffen hat. Zu ersteren zählen etwa Das Boot ist voll, Die Reise oder Der Berg – und bei letzteren etwa seine frühen Arbeiten wie Ormenis 199+69 oder Rondo. Es sind Zeitdokumente, die bei ihrem Erscheinen prompt der Zensur zum Opfer fielen.

Die Zentralschweiz und die Welt

Näher in der Gegenwart ist schliesslich die seit Monatsbeginn aufgeschaltete kleine Plattform von «Film Zentralschweiz»:  filmstream.ch. Diese präsentiert jeden Tag einen neuen Langfilm sowie zwei bis drei Kurzfilme von Zentralschweizer Filmschaffenden. Den Auftakt machen hier der sagenhafte, bildgewaltige Dokumentarfilm Das Mädchen vom Änziloch von Alice Schmid und unter den Kurzfilmen unter anderem der vielfach preisgekrönte Kurzfilm All inclusive von Corina Schwingruber Ilic.

Noch nicht sofort, aber ab dem 17. April online frei verfügbar (bis 2.Mai) wird schliesslich das Programm der 51. Ausgabe des Filmfestivals Visions du Réel sein. Das internationale Dokumentarfilmfestival, das weltweit zu den bedeutendsten gehört, wird 113 neue Filme präsentieren, darunter 89 Weltpremieren.

Im Gegensatz zu anderen Schweizer Filmfestivals wie den Jugendfilmtagen oder dem Filmfestival Fribourg, die in den letzten drei Wochen bereits dem Lockdown zum Opfer gefallen sind und die nur teilweise frei zugänglich waren oder die Teile ihres Programms über das Jahr verteilen werden, ist Visions du Réel nun jenes Festival, das als erstes vollständig online und frei zugänglich stattfindet. Es bleibt zu hoffen, dass das nicht die Form sein wird, in welcher in der Zukunft kulturelle Grossanlässe stattfinden werden.

Wachsam bleiben        

Und noch etwas bei aller Liebe zum Kino: Wichtiger als am Compi im Home-Cinema zu sitzen, wird in diesen kommenden Wochen allerdings der Aufbau von maximalem politischen Druck sein – um zu verhindern, dass der Staat seine vollmundigen Ankündigungen bezüglich Entschädigungen und Kompensationen gerade im Kulturbereich nur höchst selektiv umsetzt und Finten und Fallen einbaut, um nichts oder allenfalls nur Almosen zahlen zu müssen.

Es soll sich niemand einlullen lassen von hehren Versprechungen, salbungsvollen Worten und dem Geschwätz, dass wir vor dem Virus alle gleich seien.

 

 

 

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