Im Spielfilm Wolf & Sheep zeigt die Afghanin Shahrbanoo Sadat eine archaische ländliche Gesellschaft: intrigant und repressiv. Das ist fern von jeglicher Idylle, aber noch weiter entfernt von den Schlagzeilen über Afghanistan.
Elf Jahre alt war Shahrbanoo Sadat, als die heute 26-jährige Regisseurin einen ungeheuren Kulturschock überleben musste. Aufgewachsen in der Acht-Millionen-Metropole Teheran, wurde sie Ende 2001 gezwungen, mit ihren Eltern und Geschwistern zusammen in das namenlose kleine Bergdorf in der zentralafghanischen Provinz Merkez zu übersiedeln, das ihre Eltern in den 1980er-Jahren auf der Flucht vor dem Bürgerkrieg verlassen hatten. Das iranische Regime hatte nach der Vertreibung der Taliban im Nachbarland Afghanistan durch die US-Interventionstruppen starken Druck auf die afghanischen Flüchtlinge ausgeübt, in ihr Heimatland zurückzukehren.
Schule: nur mit «männlicher Begleitung»
Während sechs Jahren hatte Shahrbanoo Sadat in Teheran die Schule besucht, nun sah sich das Mädchen plötzlich mit einer Realität konfrontiert, in der es ausser karger Landwirtschaft nichts gab. Sieben lange Jahre lebte Sadat in dieser Welt, die ersten vier Jahre ohne Schule. Dann endlich, mit 15, erlaubte ihr der Vater den Schulbesuch. Ein jüngerer Cousin kam ins schulpflichtige Alter und Shahrbanoo Sadat konnte nun dank dieser «männlichen Begleitung» die täglich zweimal drei Stunden Fussmarsch in die nächstgelegene Schule auf sich nehmen.
Seit 2008 lebt Sharboona Sadat in Kabul, sie schaffte nach Abschluss der Schule die Aufnahmeprüfung an die Universität in der afghanischen Hauptstadt. Man muss sich diese Hintergründe in Erinnerung rufen, um Wolf & Sheep besser zu verstehen. Ein Stück weit sind es die Erfahrungen der Regisseurin zwischen ihrem elften und fünfzehnten Lebensjahr in dem Bergdorf, die Eingang gefunden haben ins Drehbuch des Films, der es als erster aus Afghanistan bis ans Filmfestival von Cannes geschafft hat – in die Quinzaine des réalisateurs, und der dort prompt den Preis als bester Film gewann.
Hänseleien und ein «böser Wolf»
Erzählt wird in Wolf & Sheep im Wesentlichen die Geschichte zwischen zwei kindlichen Aussenseitern, Qodrat und Sediqa. Der Film beginnt mit dem Tod von Qodrats Vater. Der 12-jährige Hirtenjunge wird fortan von seinen Kameraden gehänselt, weil seine Mutter nun gezwungen ist, einen wesentlich älteren Mann zu heiraten, der bereits zwei Frauen hat. Beim Hüten der Schafe und Ziegen in den Bergen freundet er sich langsam mit der etwa gleichaltrigen Sediqa an, die von den anderen Mädchen des Dorfes gehänselt wird, weil ihre Grossmutter angeblich verhext ist.
Wolf & Sheep: ab 2. Dezember (Premiere) im Kinok St.Gallen kinok.ch
Bildlich präsent ist diese Welt von Mythen und Aberglauben im Mikrokosmos des Dorfes in der Figur des Kaschmir-Wolfes, eines zweibeinigen Ungeheuers, das nachts sein Unwesen treibt und sich in gewissen Momenten in eine nackte grüne Fee verwandelt. Diese ganz kurz eingestreuten Fantasy-Elemente bilden einen reizvollen Kontrast zu den oftmals geradezu dokumentarisch wirken- den Teilen in Wolf & Sheep. Sie lassen das Bestreben der Regisseurin, ein «anderes» Afghanistan zu zeigen, als jenes, das uns durch die Medien vermitteln, bisweilen überdeutlich werden.
Der visuell starke Film lässt sich dabei auch als Plädoyer für genaues Hinsehen lesen – gerade auch, was westliche Asylpolitik gegenüber geflüchteten Afghaninnen und Afghanen betrifft. Nicht überall in Afghanistan herrschen Krieg, Terrorgefahr und Repression, das ist die zentrale Botschaft des Films. Wenn in der Schlussszene die Leute dann unvermittelt doch noch aus dem Dorf flüchten müssen, wirkt das angesichts der davor vermittelten Geschehnisse fast wie ein Fremdkörper – oder wie eine Konzession an Erwartungen eines westlichen Publikums.
Dieser Beitrag erschien im Dezemberheft von Saiten.
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