Ferkel Johnson tanzt anrüchige Szenen, reisst derbe Witze als Clown, singt traurig-komische Lieder, die er mit der Ukulele begleitet. Vor allem aber ist Ferkel Johnson eines: Reisender. Seit Jahren ist der 33-jährige Berliner, der eigentlich Merlin Pohse heisst, als Schauspieler und Clown in der ganzen Welt unterwegs. 2012 und 2013 trat er mit dem jurassischen Cirque Starlight in der Westschweiz auf. «Seit ich den Zirkus verlassen habe, vermisse ich dieses Leben. Unterwegssein und Theater zu den Menschen zu bringen, ist meine Leidenschaft», sagt der ausgebildete Pantomime, der als freier Künstler auftritt und sich in Berlin etwa im Burlesque – eine Art Striptease mit künstlerischem Anspruch – einen Namen gemacht hat.
Merlin Pohse im Cirque Starlight.
Vorfreude auf Hansi Hinterseer
Nun hat Pohse gemeinsam mit der Ostschweizerin Katia Rudnicki das Karfunkel Kabinett gegründet, einen schrägen Mini-Zirkus, der diesen Sommer in einem Oldtimer-Feuerwehrauto durch die Schweiz reist. Tourneestart ist diesen Mittwoch an der Rheintalmesse (Rhema) – bei der einem ja eher biertrinkende Horden in den Sinn kommen statt progressiver Zirkus.
Pohse nimmt es gelassen: «Ich habe gesehen, dass auch Hansi Hinterseer an die Rhema kommt, und freue mich sehr darauf.» Und sowieso gehe es mit dem kleinen Karfunkel Kabinett darum, nahe bei den Leuten zu sein. «Unser Zelt ist so klein, dass es überall hinpasst, aber trotzdem gross genug, um eine eigene Welt zu erschaffen.»
Ostschweizer Zirkuskultur fördern
Hinter Karfunkel steht aber mehr: Es ist das erste Projekt des kürzlich gegründeten «Vereins zur Förderung circensischer Kultur in der Ostschweiz», kurz Rejnvalo (Rheintal in der Kunstsprache Esperanto). Mit Pohse stehen die beiden Ostschweizer Katia Rudnicki und Ralf Eberle hinter dem Verein. Sie sind im Rheintal beziehungsweise im Sarganserland aufgewachsen, leben aber mittlerweile nicht mehr dort. Ziel von Rejnvalo ist es, der Heimat etwas zurückzugeben und Geschichten zu erzählen, die beide in der Fremde erlebt haben.
«Rejnvalo will zudem Zirkus als Kunstform aus der verstaubten Ecke holen», sagt Pohse. Man sehe sich als Vertreter des «Cirque Nouveau», einer Zirkusform, die Theaterelemente betont und einen dramaturgischen roten Faden hat. Tiere – wegen deren Haltung der traditionelle Zirkus oft kritisiert wird – kommen im «Cirque Nouveau» nicht vor. Kostüme, Clownerie und Artistik haben jedoch weiterhin ihren festen Platz. Und auch Popcorn (den Zirkus-Snack schlechthin) wird es im Karfunkel geben. «Cirque Nouveau»-Vertreter in der Schweiz sind etwa der Zirkus Rigolo, der erwähnte Cirque Starlight oder der Weihnachtszirkus Salto Natale von Rolf Knie. Weltweiter Vorreiter der Kunstform ist der Cirque du Soleil aus dem kanadischen Montréal.
Zirkusshows, offene Bühnen und Strassenmusik
Auf der Karfunkel-Tournee, deren genauer Verlauf noch offen ist, soll je nach Auftrittsort und -zeit eine Kindershow und/oder ein Erwachsenenprogramm gezeigt werden. An der Rhema tritt Pohse mit seinem langjährigen Bühnenpartner Lukas Besuch als «Duo Desolato» jede volle Stunde im eigenen Zelt auf, in dem bis zu 40 Personen Platz haben. Das Rhema-Programm ist eher auf Kinder ausgerichtet, so wird es etwa auch spielerische Zirkustrainings geben.
Da Pohse gut vernetzt ist, sollen an den verschiedenen Spielorten weitere Artisten oder Musiker hinzukommen. «Denkbar ist auch, eine offene Bühne abzuhalten oder Strassenmusiker einzuladen – das Programm unterwegs gestalten wir spontan», sagt Pohse. Seine Freundin, die Fotografin und Karfunkel-Mitbegründerin Katia Rudnicki wird das gemeinsame Leben auf Achse zudem mit ihrer Kamera dokumentieren. Das Karfunkel Kabinett, benannt nach seinem roten Transportmittel, einem Mercedes-Feuerwehrauto aus dem Jahr 1968, will sich auf kleinere Orte und Gaukler- und Zirkusfestivals konzentrieren.
Es lockt das Abenteuer
Für die Zeit nach der Tournee plant Rejnvalo derzeit eine grössere Show namens Finiziun in der Ostschweiz. Angedacht ist ein Zirkusspektakel im Versuchsstollen Hagerbach in Flums. Das verzweigte Stollensystem soll den würdigen Rahmen bieten für eine düster-komische Show. Auftreten sollen internationale Künstler, darunter Pantomimen, Clowns, Burlesque- Tänzerinnen und -Tänzer sowie Luftartisten. «Zurzeit ist die Durchführung aber nicht sicher, da wir noch Sponsoren suchen», sagt Pohse.
Wie der traditionelle Zirkus kämpfen auch künstlerische Klein-Zirkusse hart um einen Platz im gut gesättigten Schweizer Unterhaltungsmarkt. Doch reich zu werden ist so oder so nicht das Ziel, dem Karfunkel auf den (Land-)Strassen der Schweiz nachfährt. «Uns lockt nichts weniger als das Abenteuer», sagt Pohse.
Titelbild: Ferkel Johnson auf dem Karfunkel-Dach. (Bild: Katia Rudnicki)
Karfunkel Kabinett an der Rhema: Mittwoch, 29. April bis Sonntag, 3. Mai, Allmendplatz Altstätten.
rejnvalo.ch
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