, 7. September 2014
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Ein Hauch «Eau de Cheval»

Das war er also, der zweitägige Feldversuch. Die Reithalle scheint einigermassen kulturtauglich zu sein, abgesehen von vereinzelten Wackel-Kacheln und einigen akustischen Mängeln.

Der hellbeleuchtete Eingang sieht fast ein wenig aus wie der einer Notaufnahme, jetzt wo die Dämmerung langsam einsetzt. Trotzdem ist es ziemlich gemütlich an diesem Samstag vor dieser Halle bei der Kreuzbleiche, wo sonst Pferde ihre Runden drehen. Vorne auf dem Platz hat es eine kleine Festwirtschaft mit Bierstand, Bratwurststand, Infostand, Dessertstand, Gehacktes und Hörnli. Stehtische, Gelächter, 20 Grad, gute Menschen, gute Stimmung.

Samstag ist Lokal-Tag, lauter St.Galler Acts. Am Nachmittag standen schon Yes I’m Very Tired Now und die Beat Dictator Crew auf der Bühne, gleich sollen Starch mit einem Zweistunden-Set aufwarten – eine selten gewordene Ehre für die Ostschweiz. Und die sieben Funker sind auch nicht alleine gekommen: Sie haben Gee-K dabei, und Marieel, Valérie Maerten, Tobias Degen, Odium oder Sky 189. Gagen haben sie nicht verlangt, niemand von ihnen, genau so wenig wie Mummenschanz, Martin O., Rigolo und die Slammer am Tag zuvor.

Durch die «Notaufnahme» geht es zur Kasse, dann rechts ums Eck und schon ist man mitten drin – in einer ziemlich leeren Kulturhalle. Ernüchterung. Starch spielen gerade einmal für sechzig, siebzig Leute, nur wenige mehr als draussen in der Festwirtschaft sitzen. Es scheint sie nicht zu stören. Sound und Lächeln sitzen einwandfrei, die Bühne wird mit vollem Einsatz ausgetestet, mal zu siebt, mal zu zwölft, kurz vor Schluss mit einem energiegeladenen Roots-Cover von Next Movement, zu finden auf ihrem grossartigen 99er-Album «Things Fall Apart».

Die Akustik passt, zumindest besser als erwartet. Ein bisschen zu viel Hall vielleicht. Bei knapp zwei Monaten Vorbereitungszeit für den Anlass kann man aber auch mal grosszügig darüber hinweghören. In den Toiletten liegt noch ein zarter Hauch «Eau de Cheval», auch der verschollen geglaubte Konzertboden müffelt ein wenig. Er ist aus Holz. Da und dort wackeln die quadratischen Kacheln, aber nicht so schlimm, dass man nicht mit dem Skateboard zur Bar im hinteren Teil der Halle fahren könnte. Dieser Tatbeweis wurde mehrmals erbracht.

Um elf beginnt bereits der Abbruch. Zwei Stunden später liegt die Halle wieder im Dunkeln. Kein Gelächter mehr, keine Lichter mehr, keine Bratwurst, kein Kuchen, kein Stimmengewirr und kein Funk. Nur das Grollen der Autobahn. Und ein geschlauchtes Reithalle-Komitee, das in einigen Stunden noch den Rest abbauen muss, damit die Pferde tags darauf wieder rein können. Von Vollauslastung will man auch bei den Initianten nicht sprechen, dafür vom Ambiente und der tollen Stimmung an diesem Wochenende. Schätzungsweise 900 Personen seien während der beiden Tage am Fest gewesen, sagen sie am Sonntag. Genaueres wisse man aber erst in den kommenden Tagen.

 

 

Nachtrag: Dienstag, 9. September

Insgesamt 1’200 Personen haben während der zwei Tage die Veranstaltungen in der Reithalle besucht, schreiben die Initianten am Dienstag in einer Mitteilung. Es habe sich bestätigt, dass die Reithalle «ein perfekter Standort mit der richtigen Grösse und einem wunderschönen Ambiente» sei. Im Sinn einer Doppelnutzung sei sie derzeit aber unbrauchbar für regelmässige professionelle Veranstaltungen, da Isolation und Akustik schlecht seien und es zudem weder Heizung noch Lüftung habe.

Falls sich die Stimmberechtigten am 28.September für ein Ja entscheiden, werde die Stadt «mit aller Wahrscheinlichkeit einen öffentlichen Ideenwettbewerb ausschreiben, bei dem diverse Betriebskonzepte eingereicht werden können». «Das regelmässig vorgebrachte Argument der schwierigen finanziellen Situation der Stadt St.Gallen akzeptieren wir nicht», heisst es weiter. Bei einem Ja werde frühestens in drei bis vier Jahren umgebaut, «bis dahin sollte die finanzielle Lage der Stadt hoffentlich wieder im Lot sein».

Die 600-Quadratmeter-Halle könne mit drei bis fünf Millionen Franken «zu einer guten und stadtgerechten Kulturstätte» für bis zu 150’000 Besucherinnen und Besucher pro Jahr umgebaut werden. Ein Betrieb dieser Grössenordnung sei selbstragend und nicht auf Subventionen angewiesen, schreibt das Komitee und verweist auf das Salzhaus in Winterthur. «Sie bekommen eine jährliche Unterstützung von 80’000 Franken seitens der Stadt, was 3 Prozent des Jahresumsatzes ausmacht. Gleichzeitig schaffen sie Teilzeitstellen für 100 Personen.» Vergleichbare Lokalitäten gebe es auch in anderen Städten: das Kofmehl in Solothurn, das Kammgarn in Schaffhausen oder das Kultur- und Kongresszentrum in Thun.

 

Titelbild: Marcello Engi, fotomax

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