Saiten 02/26
Editorial

Wie moderner Kolonialismus funktioniert, sieht man derzeit wunderbar am Beispiel von Grönland. Da proklamiert ein grössenwahnsinniger Despot, das Ei(s)land den USA einverleiben zu wollen, notfalls mit militärischer Gewalt. Und Europa? Hebt den Mahnfinger, getraut sich aber nicht, mit der Faust auf den Tisch zu hauen.

Um Kolonialismus geht es auch im neuen Heft. Das Kulturmuseum St.Gallen widmet sich in seiner aktuellen Ausstellung «Die Welt ins Museum – vom Handeln, Sammeln und Entdecken» der eigenen ethnologischen Sammlung und damit seiner Geschichte, die eng mit der Sammeltätigkeit der Ostschweizerischen Geographisch-Commerciellen Gesellschaft verknüpft ist. Roman Hertler hat die Ausstellung besucht und zeigt auf, was gelungen ist und was weniger. Weniger gelungen ist auch der Bericht zur kolonialen Vergangenheit St.Gallens, den die Stadt in Auftrag gegeben hatte und dem wir den zweiten Teil dieses Schwerpunkts widmen. Alles dazu in der Rezension von Rita Kesselring.

Im Kulturschwerpunkt befassen wir uns derweil mit dem Thema Clubsterben. Viele Clubs kämpfen ums Überleben, im Saiten-Land schlossen 2025 deren drei. Gründe für das schleichende Abflauen des Nachtlebens gibt es viele, vom oft zitierten «veränderte Ausgehverhalten» der Jugendlichen bis zur Konkurrenz durch Bars.

Mit diesem Heft endet nach einem Jahr unsere Reihe «Die Ostschweiz im Dritten Reich», in der wir die mannigfaltigen Verbindungen zwischen Ostschweizer:innen und Nazi-Deutschland beleuchtet haben. In der letzten Episode blickt Richard Butz auf die Verbindungen aus dem Kultur- und Wissenschaftsmilieu. Spoiler: Wir werden die Serie mit einer zweiten Staffel fortsetzen, die den Faschismus in der Ostschweiz vom Zweiten Weltkrieg bis in die Gegenwart thematisiert. Mehr dazu in Bälde.

Ausserdem im kurzen Februar: der Redeplatz mit Matthias Rickli vom Verein Sans-Papiers Anlaufstelle St.Gallen, die Flaschenpost aus Ghana, das Debüt des St.Galler Musikers Fabio Hauser alias Poly FM, das Jungspund-Festival und der neue Lyrik-Band von Paul Gisi.

Und last but not least: Im Februar feiert unser Kulturnewsletter den ersten Geburtstag. Im Interview erzählen Vera Zatti als verantwortliche Redaktorin und Co-Verlagsleiter Marc Jenny, warum es den Kulturnewsletter braucht, wie er sich etabliert hat und was es braucht, damit wir ihn nach dem zweiten Jahr fortführen können.David Gadze

Inhalt
St.Gallen kolonial

Vom Han­deln, Peit­schen und Sam­meln

Von 

Die ak­tu­el­le Aus­stel­lung über die Ost­schwei­ze­ri­sche Geo­gra­phisch-Co­mer­ciel­le Ge­sell­schaft ist ei­ne Rei­se um die ko­lo­nia­le Welt des 19. Jahr­hun­derts. Das Kul­tur­mu­se­um St.Gal­len be­fasst sich pro­gram­ma­tisch mit sei­ner Ge­schich­te: the­ma­tisch breit­ge­fä­chert, hübsch auf­ge­macht, aber stel­len­wei­se über­la­den und oh­ne Mut zu grif­fi­gen Kern­aus­sa­gen.

Ein An­fang ist ge­tan – mehr aber nicht

Von 

Der Stadt­rat hat den His­to­ri­ker Pe­ter Mül­ler mit der Auf­ar­bei­tung der St.Gal­ler Be­tei­li­gung an der Skla­ve­rei be­auf­tragt. Ei­ne Mam­mut­auf­ga­be, die bei die­ser Aus­gangs­la­ge kaum be­wäl­tig­bar ist.

Nachtleben

Nachtleben

Der Club­sze­ne brummt der Schä­del

Von 

Vie­le Clubs in der Schweiz kämp­fen ums Über­le­ben, meh­re­re ha­ben in den ver­gan­ge­nen paar Jah­ren ge­schlos­sen, auch in der Ost­schweiz. Die Ak­tuer:in­nen im Nacht­le­ben se­hen vie­le Grün­de da­für, ins­be­son­de­re das viel­zi­tier­te ver­än­der­te Aus­geh­ver­hal­ten, aber auch mehr Kon­kur­renz. Sie schöp­fen aber auch neue Hoff­nung.

Nachtleben

«Rümp» und Horst vor un­ge­wis­ser Zu­kunft

Von 

Das Rüm­pel­tum in St.Gal­len und der Horst-Klub in Kreuz­lin­gen sind zwar kei­ne Clubs im ei­gent­li­chen Sinn. Als au­to­no­me Kul­tur­lo­ka­le sind sie aber un­ver­zicht­bar, weil sol­che Frei­räu­me aus Städ­ten im­mer mehr ver­drängt wer­den. Bei­de bli­cken in ei­ne un­ge­wis­se Zu­kunft: Wäh­rend das «Rümp» in fi­nan­zi­el­le Schief­la­ge ge­ra­ten ist, weiss der Horst nicht, wie lan­ge er in den jet­zi­gen Räu­men blei­ben kann.

Positionen

Stimmrecht im Februar

Wol­len wir ins Ki­no?

Von 

Heppelers Bestiarium im Februar

Rau­chen­de Ra­ben

Von 

24/7 Traumacore

Fall in love (never) again and (never) again

Von 

In eigener Sache

Mu­tig wei­ter ge­gen den Strom

Von 

Seit ei­nem Jahr er­scheint je­den Diens­tag der Sai­ten-Kul­tur­news­let­ter. Ei­ne Idee, die Sai­ten lan­ge heg­te, die mitt­ler­wei­le sehr ge­schätzt wird und wel­che die Kul­tur­be­richt­erstat­tung in der Ost­schweiz auch künf­tig be­rei­chern soll.

Be­geg­nen, ver­net­zen, ver­bün­den

Von  , Bilder: 

Der Ver­ein Sans-Pa­piers An­lauf­stel­le St.Gal­len zieht in die Of­fe­ne Kir­che. War­um ein Um­zug in ein en­ges Bü­ro­ge­bäu­de nicht in Fra­ge kam und was al­les am neu­en Ort ge­plant ist, er­zählt Mat­thi­as Rick­li, der Lei­ter der An­lauf­stel­le, im Ge­spräch mit Sai­ten.

Perspektiven

Die Ostschweiz im Dritten Reich (XI) – letzter Teil

Braun­tö­ne im St.Gal­ler Kul­tur- und Wis­sen­schafts­be­trieb

Von 

Auch in der in­tel­lek­tu­ell-kul­ti­vier­ten Eli­te St.Gal­lens schau­te man in den 1930er- und 40er-Jah­ren mit ei­ni­ger Sym­pa­thie nach Nor­den und Sü­den. Zu den Braun­ge­sinn­ten zähl­ten et­wa ei­ni­ge Ro­ta­ri­er, ein spä­te­rer HSG-Rek­tor und ein Thea­ter­di­rek­tor.

Kultur

Von der So­li­tü­de bis auf den De­na­li

Von 

Fa­bio Hau­ser ali­as Po­ly FM macht viel­schich­ti­ge Mu­sik mit dem Ziel, ei­ne di­ver­se Hö­rer:in­nen­schaft in den Flow-zu­stand zu ver­set­zen. Mit sei­nem De­büt­al­bum So­li­tu­de könn­te ihm das ge­lin­gen.

Thea­ter­fes­ti­val mit ganz viel Drum­her­um

Von 

Ab En­de Fe­bru­ar wird St.Gal­len wie­der zum Treff­punkt für jun­ges Thea­ter­pu­bli­kum. Das Jung­spund-Fes­ti­val ku­ra­tiert elf Schwei­zer Pro­duk­tio­nen der frei­en Sze­ne und ruft erst­mals ei­ne Ju­gend­ju­ry ins Le­ben.

Neue Gedichte von Paul Gisi

«Um­schlun­gen­hei­ten»

Von 

Aus der Tief­see des Geists – neue Ge­dich­te von Paul Gi­si.

Gutes Bauen Ostschweiz

Aus eins mach zwei – fer­tig ist die Zau­be­rei

Von 

In Scha­an FL steht seit den 1960er-Jah­ren ein Ein­fa­mi­li­en­haus – wie an­ders­wo auch. Mit dem Haus Bret­scha ist dem Ar­chi­tek­ten Do­mi­nic Spalt ei­ne eben­so sen­si­ble und zu­rück­hal­ten­de wie prä­gnan­te und prag­ma­ti­sche Ver­wand­lung in ein Mehr­ge­ne­ra­tio­nen­haus ge­lun­gen.