, 3. Juni 2017
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Hexenkesselkilbi mit viel Crazy

Würde der Kompass falsch herum gelesen, läge Düdingen in der Ostschweiz. Genau da muss Saiten also hin. Vava, Caro und Michu berichten von der Bad Bonn Kilbi, völlig objektiv und fast ohne Bullshit.

Wetter passt, der Frosch lügt.

Es gibt wenige Argumente, um an diesem Wochenende nicht an der Afropfingsten in Winti zu sein. Primavera in Barcelona würde allenfalls geltend gemacht werden können. Sicherlich aber die beste aller möglichen Ausreden ist die berühmt-berüchtigte Kilbi in Düdingen. Diese ist schliesslich auch so etwas wie das beste aller möglichen Festivals. Die wenigen Tickets waren in unglaublich kurzer Zeit ausverkauft, eine Fete also, die schlecht ohne Saiten über die Bühne gehen soll. Booking Agents aus dem ganzen Land schielen wieder neidisch auf das naice Programm der feinen Händchen im Bad Bonn. Damit auch diejenigen, welche sich kein Ticket besorgen konnten, nicht völlig aussen vor bleiben, begeben wir uns in den Hexenkessel und berichten lebhaft von der Kilbi.

Es schreiben und fötelen für Euch: Caro (Musikerin, Künstlerin, Theoretikerin mit frischgebackenem Master-Diplom, das wir gestern schon feierten, was wir heute nochmals tun), Vava (freischaffende Professorin für coole Soundtracks, Künstlerin, Theoretikerin, Musikerin, DJane, wird ihre Sonnenbrille auch zum Schlafen nicht ablegen) und Michu (Schreiberling und Calendeur bei Saiten, zum ersten Mal an der Kilbi, noch ein wenig schüchtern, Stand Freitagabend).

Tag I:

15:27
«A strange phenomenon» dieser Stau im Aargau, es fährt, steht, fährt und steht schon wieder. Wenn wir nicht aus irgendwelchen Gründen von dem Stau verschluckt werden, gehen wir heute noch nach Düdingen.

16:35
Kurz vor Bern kommt eine heimelige Wolke Gülle zum Fenster hinein. An appenzellischen Wiesen geschulte Nasen differenzieren: das ist weder die richtig derbe Hüsligülle, welche Köbi quasi selbst auf die Wiese schiss, noch das weitaus breitere Duftbouquet grunzender Schweine. Das ist eindeutige Kuhpisse, vermutlich von diesen schwarzweiss gescheckten Flachlandkühen. Eine fette Wolke über Bern zwingt unseren Fahrer Erik, die Sonnenschutzklappe hochzuklappen beim Grauholz. Erik ist übrigens Drummer bei XXX und machte Witze darüber, so wichtige Leute herumzukurven, damit uns Journalist*innen meinend, die währendessen ihre Zigaretten aus ihren linken Mundwinkeln hängen haben. Wir antworten mit einem vielbedeutenden Schluck aus der verbeulten Bierdose.

16:50
Düdingen! Rechts der Autobahn Sonnenschein, links stockfinster. (Berner Dächer haben übrigens auch in Fribourg einen Ecken ab.)

18:28
Ankunft mit Booze auf der Tigerdecke und scharfem Salami, extrem hot, die Packung macht keine Witze. Eine Rose vom Nachbarn, aber nur für die Ladies, das fängt ja gut an. Tief durchatmen und Vorfreude auf die kommenden Sounds, die dumme Sprüche vergessen machen.

Die Zelte stehen, Erik sieht sie gerade aus der Perspektive.

19:36
Die Flamingods heizen ein, die WOZ tanzt sich bereits ein wenig warm. Etwa hundert Strobos entziehen dem Tageslicht hinter uns die Deutungshoheit über die Gesamtsituation, mit der wir langsam warm werden.

20:09
Afrirampo aus Osaka (zu Deutsch: nackter Rock) kicken Ärsche auf der kleinen Bühne. Freund*innen der 5.6.7.8.s fühlen sich verstanden, die zwei Frauen machen Punk mit Kriegsbemalung, Kopfabgestik und ziemlich viel Spass. Sie wechseln heftig zwischen laut und leise, eine Herausforderung für den Soundtechniker. Letzte Woche waren sie in Brüssel, weiss Erik und müssen heut noch nach Hause, wie sie nach dem etwa fünften, als letzten angekündigten Song erklären. Sie holen einen Typen auf die Bühne und verzieren ihn mit roten Bändeln an Bart und Ohren. Der animiert die Crowd bei der nächsten Nummer. Die beiden spielen und schreien weiter. Headbangen wie Oni an der Gitarre müsste man können. Die blutrote Gegenwart vor uns, alles andere lassen wir zurück, das ist eine Ouverture in die Kilbi mit vollem Sog, das Chäferfest aus voller Überzeugung hat begonnen. Oder ist es auch einfach das hemmungslose Grinsen mit hervorblitzendem Goldzahn, welches entzückt und als Energieschübe in unsere Blutadern einfährt und im Nacken kitzelt?


20:40
The Drums von Lord Kesseli and the Drums chillts mal noch. Machen wir und etwa zwöi tausend weitere Sonnenbrillen auch. Die psychedelischen Parts von Afrirampo flashen, bei denen rockt die Ruhe noch mehr als der Krach.

20:47
Hier laufen lebendige Tarotkarten durch die Gegend. Hexenkessel. Chauvi bleibt draussen.

20:53
Das weltgewandte Publikum schreit «arigato», das Belebungsprojekt begibt sich schon in erfreuliche Dimensionen. Wir haben ein Motörhead-Tishi gesichtet. Sieht ungefährlich bekifft aus. Nebel auf der Bühne, massiv. Jack Sparrow auch hier. Afrirampo hinterlässt Katharsis.

21:36
Die alte Liebe Angel Olsen mit perfekt angeordneter Bühnenperformance, jede*r am gesetzten Platz und den Blick stets aufgerichtet zu ihrer Anführerin; Diva Angel. Mit sanftem Flügelschlag schwebt sie auf hohen Stöckeln auf die Bühne und zeigt sich von ihrer souveränsten Seite. Professionalität entkräftet ihre einstige verzaubernde roughe Präsenz, die reihum angeordneten Untertan*innen hängen an den Lippen und Gesten der Meisterin, lechzende Besucher in der ersten Reihe himmeln ihre Göttin an, und sie selbst gewinnt die Menge mit einem charmanten Schlafzimmeraugenaufschlag. Spiel nicht mit unserer Liebe, Musikindustrie!

Gewusel massiv. Aber freundlich.

23:33
Sleep sind Männer an Gitarre mit grossen Gesten und hastuschongehörtem Schweinerock. Penis. Legenden, sagt unser Fahrer.

00.39
Michu hat seinen Powernap verschlafen und wir sind alleine bei den geretteten Seelen Satans. Zuvorderst, mit allen Exil-Sankt-Galler*innen in der heiligen Weihrauchwolke, warten wir auf die brachialen Drums, der Lord ist wirklich ein Lord mit einem riesigen Buttplugkristall um den Hals.
Schön. Östliche Perfektion, schwarze Lederschühchen wohl aus Marrakesh und der rote Wein eingeschenkt, die Lichtshow kommt, wie wir glauben, aus den Pedalen des Hexers, alles passt, um mit den beiden in die tiefe Freitagnacht zu tauchen, aber irgendwie können wir uns nicht helfen, der Pop der folgt, wäre so schön für einen sonnigen, bekifften Nachmittag.

Tag II (soweit wir das noch beurteilen wollen)

Der Hexenkessel. In der Nacht Feuer und Flamme.

08:30
Die freundliche Campingaufsicht macht noch keinen Kaffee, verspricht aber, die Batterien unserer Werkzeuge aufzuladen. Die WC’s nebenan sind blitzblank. Ein entfernterer Zeltnachbar, der gestern Nacht durch brünstiges, nicht wirklich ästhetisches Balzgeröhre auffiel, wird von einer früh bereits aufgeweckt wirkenden Nachbarin gefragt: «heit ir dänn geshter na Droge gno?» Dieser schon wieder auf Trab: «Neeeiii, Nonono, schwarzi Olive!».

10:12
Jemand ruft im Viertelstundentackt nach Laura. Der Nachbar spielt Johnny Cash auf seiner Klampfe, sicher ein Zivilbulle.

11:46 (und überhaupt)
Stichwort Polizei: hier eigentlich nicht. An Guantanamo erinnernde Schleusen, Zäune und Eingangskontrollen, die von grösseren Festivals bekannt sind, die Züge von anderen Lagern aufweisen, eine klare Grenze ziehen zwischen drinnen und draussen, stetig suggerieren, dass ohne rigoroses Sicherheitsdispositiv keine Ausgelassenheit denkbar sei, würden hier vergeblich gesucht. Das dystopische Gesellschaftsbild der Massenkultur, das anhand solcher Szenen gezeichnet werden könnte, geht der Kilbi komplett ab. Ausserordentlich zuvorkommende Helfer*innen an allen Ecken, angefangen beim Parkplatzguide mit Fliegerbrille – «ig bi gäng nume zum Biertrinke hie» –, über die extrem sympathischen Presseverantwortlichen, bis zu dem Techniker, der schnell hinter die geschlossene Bar huscht, um leidenden Journis einen Kaffee zu bringen: wenn es hier keine güldenen Hirsche gibt, die durch die mondbeschienenen silbernen Ähren rauschen, fliegen wir mit dem Hexenbesen nach Hause. Über dem nahen, morgens tieftürkisen See hüpfen rosarote Delfine durch die Lüfte, ihr habt unser glasklares Ehrenwort. No Bullshit, Herr Seibt.

13:38
Ein bedreadlockter Zeitgenosse hat seinen Spass mit so einem Teller an einem Drahtseil mit dem sonst Kinder hinundher rasen: chillen am See für Fortgeschrittene. Kornblumen zwischen Buchenwälder, ein leises Windchen von ferne, hier nerven nicht mal die Mücken. Eine Burg über dem Wasser, eine ziemlich schräge Treppe im Wald, Vogelgezwitscher im Surroundmodus – wir entspannen mal.

13:50
«Am Abig rägnets dänn.» «Scho-o?»

14:49
Schüüche Tröpfli auf des Nachbars Segeltuch, welches wir sofort besetzen, da diese gerade abwesend sind. Pyrit hatte gestern die grossartigste Party bei Lena Willikens, als er um zwei Uhr früh nicht mehr schaffen musste. Aus allen müden Mündern hagelts überschwengliches Lob für die Grande Dame. Haben wir verpasst. Wir müssen ja noch schaffen.

15:27
Der Platz füllt sich langsam wieder, KoKoKo! aus Kinshasa machen Soundcheck, das Curry macht uns glücklich, das Wetter verbleibt bipolar.

15:49
«D’Loura!» «Die sind vorne links». KoKoKo! beginnen laut. Frische Sonnenbrände bewegen sich allmählich mit den Drums.

15:58
Mal so’n Panasché wär nicht schlecht. War nur Soundcheck bisher. Etwa 600 schöne Menschen haben eine halbe Stunde fröhlich ausgeharrt. Jetzt aber. Kokoko! mit Ölfassbässen. Der Tag hat begonnen. Afrobeat auf selbsterfundenen Instrumenten zieht die Massen zurück aufs Gelände. Der einzige Schatten weitundbreit liegt direkt vor der Bühne. Viva con agua-Flaggen tanzen ausgelassen in der dritten Reihe. Aber auch zuhinterst läuft was. Wir sind wach. Moooore noise!

16:42
Schaaaatten!

16:57
Zeltplatz: «drüü Meter im Abseits du Wixxooo». Düdingen liegt in der Ostschweiz. Ein Raubvogel kreist über uns. «Ibi vo Sangalle, und i waiss grad nöd wa säge». «Schüga du Wixoo!». «Schüga du Wixo!».

17:16
Platzregen. Du Wixxo.

18:27
Nahawa Doumbia flasht, ihre Musiker genauso. Sie hat die Autorität einer Revolutionärin. Der Koraspieler mit virtuosen, humorvollen Soli, auch mal verkehrt herum und hinter dem Rücken. Schöne Persiflage des genormten Gitarristentums. Die Musiker von KoKoKo!, kurz zuvor noch selbst auf der Bühne, jetzt mitten in den Leuten am abgehen. Draussen regnets friedlich, eine erfrischende Brise geht durch die Crowd. Frau aus Publikum tanzt Samba mit Nahawa, zweitere drei Takte gemütlicher, die Jugend kann schliesslich auch noch etwas arbeiten. Nahawa arbeitet mit der Stimme gegen und mit den Beats, korrespondiert dabei selbstverständlich mit der Kora, dirigiert mit den Händen das Weltgeschehen, die Gewalten und Gezeiten in Bewegung, agiert sie agil und bestimmt, mit Körper, Stimme und Geist, feministische Poesie par excellence.

DJ Marcelle ist vorne mit dabei, die Freude steht ihr ins Gesicht geschrieben – für uns der unnötige Beweis, dass dies ein ganz spezieller Moment ist – die Rührung ist gross.
Der Gitarrist führt ein in den Didadi, le dance des jeunes, dieser besteht aus Perkussion und Chanson. Zwei Fäuste in die Luft. War wohl ein Scherz, die Gitarre gibt bei dem Track die Soli. Wohltemperiert, aber ansonsten wenig normiert. Chefin nimmt ihre Jungs an den Händen, wirft Küsse in die Menge, und tritt ab, wie sie kam, auf der Welle.

19:35
Xylouris White: Sehen aus wie Simon and Garfunkel (zumindest die Frisuren) an Laute und Schlagzeug. Postotherness. Der eine mit Dirigentenposen am Schlagzeugen, der andere klampft die Laute als wärs ein Gewehr. Aber Hippies sindse beide geblieben. Eindringlich psychedelisch. Rockt gewaltig. Xylouris stammt aus einer berühmten Dynastie klassischer Lauten-Spieler, die beiden werden in Griechenland wie Könige gefeiert. Nach dem Konzert steht nur noch unsere griechische Freundin Ana am Bühnenrand und raucht genüsslich, sichtbar zufrieden.

Der Hexenkessel brennt auch im Regen.

19:47
Gewitter! Wo sind unsere Jacken? Erik hat die Autoschlüssel und befindet sich irgendwo zwischen tausend Menschen unter dem Bühnendach. Warmes Bier könnte uns jetzt vor Erkältung retten. Wir sind Profis.

Ein Auto ist auch ein Fumoir.

22:40
Princess Nokia wollen wirklich alle sehen. Aber: Wir wissen nicht recht, wie wirs schlucken sollen. Nach 33 Minuten beendet Prinzessin Sony aka Nokia ihren offensichtlichen Playbackauftritt hinter ihrer Sonnenbrille, den sie startete mit folgender Ansage: Sie sei eine junge Woman of Color an einem überaus weissen Festival und sollte es irgendwer wagen, Bier auf die Bühne zu leeren, wird sie das Konzert sofort abbrechen. Erstmal möglichst solidarisch, wahrscheinlich. Niemand muss sich mit klebrigen Getränken anspritzen lassen und sich mit der Position der «angry brown woman» rumschlagen ist bestimmt alles andere als gechillt. Angeblich sei sie nahe am Burnout, hat alle weiteren Europa – Konzerte abgesagt. Die andere Quelle meint, nur die Orte, die nicht so gut bezahlen konnten. Ihre Kilbigage hat sie bereits in der Tasche. Auch irgendwie Punk, müssen wir zugeben. Die Fans nahmens leicht. Hach. Wir wünschten wir könnten sie feiern. Wir wünschten, wir könnten sie fragen.

Hexenkessel. Mit viel crazy.

1:22
Dengue Dengue Dengue, die Stimmung ist hoch, mit genug Platz zum tanzen und getanzt wird euphorisch, gemeinsam und im singulären Rausch. Die Dj*anes aus Peru tragen genderlose Masken, der Blick liegt auf den pink, gelb, grünen post-internet Tribalvisuals: Überspulte shamanistische Tänze, eine Ananas kommt aus dem Gehirn der androgynen indigenen Person, sie dreht und dreht und dreht. Nach einer Dreiviertelstunde dreht uns der ritornelle Kumbia in Richtung Clubhaus.

4:34
Clubbühne – wo wir die nächsten, kürzesten 4 Stunden des letzten Jahrzehnts verbringen, zu DJ Marcelle zucken und rollen. Ihre ver-rückenden Übergängen zwingen zu überschwänglichem Hopsen, kochen das Blut hoch und rücken den Schlaf in eine entfernte Zukunft. Keine Langeweile, nicht einen Moment, und zu unserer Freude sind ihre gnadenlosen Brüche zu anspruchsvoll für agressive Nervbatzen der ersten Reihe. Trotzdem: die Frauen*, die es bis zum Morgengrauen schaffen, müssen sich, wie leider üblich, die letzten betrunkenen Desperates vom Halse halten.

Tag III (wurde uns so mitgeteilt)

10:32
Riesige Schlange vor den Campingwc’s, heisst hier 15 Menschen vor 4 Toitois. Grosses Dankeschön an dieser Stelle an das Toitoiputzteam, die uns alle paar Stunden mit saubergespritzten Scheisshäusern beglückten. Etwas schlammig inzwischen die Gehwege vor dem proletarisch-französischen Frühstücksbuffet. Gummistiefel würden helfen.

12:14
Refreshen vor dem Café Bad Bonn, mit Strom auf der Terrasse. Die Aufwecktracks von der Tontechnik erinnern uns schmerzvoll an die gestrige Alkoholmenge. Der Parkplatzguide vom ersten Tag, der am zweiten Tag wiederum mit dem Tipp auffiel, offene Wunden sollen mit Bier behandelt werden, kommt nun sehr erfreut sehr nahe und zeigt auf einen Helfer: «chum mir göi de go überfaue, du und ig, de het uu viu Bier!»

12:37
Europas neue Leichtigkeit schleppt sich légère über den Platz und bereitet eine Chillout-Performance vor, zu der sie irgendwelche Töffs herankarren, US-Flagge inklusive.

13:23
uzgti8uhzzrtjzbhujnugtfrtfghbhjklfgdfdfhzjko9tuzrt (Konzeptkunst: Headbangen auf der Tastatur zu Soundchecks auf drei Bühnen zur selben Zeit. Wir Profis könnten noch viel mehr.)

14:11
«The Akkuladegerät killed the Festivallifestyle». So?

15:17
Die dreiminütige Feedbacksession und der darauffolgende HCpunkrap von Show me the Body beissen sich ganz leicht mit der Meditationsidee, welche neben dem begehbaren Kebabmonument stattzufinden versucht. Wir hängen mal noch vor dem Club, wegen: Stühlen! Mit! Lehnen! Und! Steckdosen! Erik wieder mittendrin.

16:33
Unser Lieblingsfuchs ist mittlerweile wieder in seinem Bau. Da hats ein Sofa, wir haben Bilder gesehen. Mdou Moctar spielen auf der Kantinenbühne Tuaregrock, wir beobachten unsere Nachbar*innen, die ein Ölfass zu einem Pizzaofen umfunktionierten, und hören die wunderbaren Klänge aus der Ferne. Lamzak, der Name der aufblasbaren Lippen – dem bequemsten aufblasbaren Sessel weit und breit – ist übrigens Belgisch oder Niederländisch für «lazy bastard», erklärt Erik. Ein Flugzeug fliegt durch Michu’s Kopf.

16:52
«Chönd ihr mal afange walze?» «so en Gaggel!»

Wir haben unseren einen Nachbarn erlaubt, bei unseren anderen Nachbarn, deren Platz wir gerade besetzt haben, zu töggelen. Wir haben sehr aktive Nachbarn. Nicht unser Stil. Aber die, welche wir besetzt haben, sind sehr nett. Die, welche uns besetzt haben in unserer Besetzung, sollen uns dafür eine Pizza schenken (17:04).

18:29
Weyes Blood beginnt mit langer Intromucke, die auch tatsächlich Intro ist. Sie (und Band) vereinen dezentes Divengehabe, Katholenkitsch, stadionrockige Abschiedsmusik und Kesselipop (ach nö, sind nur die Kerzenständer). Ein Psychosmileyballon fliegt durch die Luft. Wir haben Angst. Von ferne erinnern die Tracks an Protestsongästhetik, unterlegt mit Kinderliederorgel. «Es ist schon kitschig, aber in den Lyrics darunter auch dystopisch, abweichend», so Vava, die es zu kitschig findet. Diese Schlagerharmonien, San Remo in den 80ern gleich. Da gefriert noch das letzte bissl Optimismus zu zynischem Noch-mehr-trinken. Weyes gewinnt in den Mollkadenzen sehr, die Band verrockt den Rest. Eurovision?

19:03
Von weiter weg als von ganz vorne links klingt Weyes genial: hässige Drums, eine Stimme ohne wenn und aber.

19:04
Das Sanitätsteam mags hier: nur kleinere Schnittwunden, nix Ernstes. Caro ist die einzige Verletzte am ganzen Festival. Gonzaism hurts.

19:08
Metalelemente bei Weyes, sehr geil. You’re loosing, you’re loosing. Can lässt grüssen. Caro wünschte sich diesen Song heute Morgen zum Aufwachen, Weyes ist also doch eine waschechte california-«psychic»! Vitamin C – Kur spätestens ab Montag. Ob die Katharsis wirklich schon durch ist und wir diese kommende dritte Nacht einfach durchstehen müssen?

19:13
Erste Reihe träumt noch etwas weiter, das Konzi ist aber vorbei.

19:27
Bei Kaitlyn Aurelia Smith auf der Clubbühne machts Spass, so zuvor etwas geraucht wurde (werden wir von einer Fachkraft informiert). Die Schädel sind aber etwas warm, könnte an den Weissweinpantschungen liegen. Ohne Gesang wären die Walgesänge ihrer Synths tatsächlich ziemlich grossartig.

20:55
Siesta Leute, Siesta. Wir leiden genug für euch.

Kebab. Wahre Heiligkeit, verdientes Mausoleum anderer Speisen.

21:22
Verzweifelt rufende Nachbarschaft: Gilles soll jetzt gottverdammi maintenant seinen Joint allümieren. Chill gilles mal.

21:30 (und überhaupt)
Die Wolken zu Bad Bonn sind unglaublich. In den Sphären über uns scheint was zu gehen, alle paar Stunden erscheint ein völlig neues Bild am Abendhimmel. Zerfetzte, geairbrushte, ein Seepferdchen, stürmische Verschichtungen und einige Skylines ohne Fundament: Ein Meteo-Zoo. In Bodennähe ists aber schweinekalt. Lang lebe der konkrete Gartenstuhl unserer Nächsten. Die haben ihren Schnaps hier vergessen. Reichst dem Teufel den kleinen Finger, will der doch nur spielen. Rotwein stattdessen, heilt gar den logischen Festivalblues (wir arbeiten hart!). Der Kessel kocht noch immer.

22:40
Viel Nebel bei Gaika, macht aber Spass. Eine Stimme ruft gegen die blauen Schwaden an, treibt uns weiter zur Clubbühne und der sehr geilen Performance von Jessy Lanza. Deren funkige Discotracks würden wir zu Hause nicht unbedingt hören, aber jedes Konzert von ihr sofort besuchen gehen. Ihre Bühnenpräsenz ist unerreicht. Den Applaus am Schluss winkt sie entschuldigend ab und schwirrt ins Backstage, sie lebt für ihre Leidenschaft.

23:20
King Gizzard and the Lizard Wizard bringen viel Gewusel auf die Bühne, gefühlte zwanzig Rockvulkänlein die abwechselnd hochgehen, um – sich schüttelnd – wieder runterzukommen. Spielen auf zwei Schlagzeugen dasselbe. Könnte Erik alleine.

23:55
Crowdsurferei vor Papageienface in den Visuals von King Gizzard. Sieht lustig aus von weiter weg.

00:22
Piiiiiiiinis! King Gizzard bliebt Würstchenfest. Kiffen beim Hexenkessel erwärmt die Seele mit allem, was auf der Bühne grad fehlt. Die Mucke ist rein für die Ohren aber pretty nice.

00:42
Pandour fehlt einzig mucous, aber dann würde das «einzige» zur Vielheit werden. Keine europäische Spezialität. Das Cap gerichtet auf zwei Uhr, shiat, auch das nicht mutig. Jetzt tanzen alle. Michu verzichtet seltsamerweise freiwillig, auf dem Stuhl zu sitzen, den Caro geklaut hat. Pandour geht ab. Noch besser wären jetzt vielleicht nur die abgebrochenen Playbacktracks von Princess Nokia.

01:13
(Konzeptkunst II:) Objektiv betrachtet, so mit dem geklauten Gartenstuhl zwanzig Meter von der Performance (Menschen an Laptops) Abstand genommen im Gras residierend, wirkt so ein Rechteck mit grad noch fähigen, ohne viel Sinn tanzenden Singularitäten reichlich banal. Bei eingehender Betrachtung stellen wir, die noch arbeitenden, mehr noch als wir die Zelebrierung unseres eigenen unglaublichen Partyvermögens begehen, fest, dass die hehre Objektivität noch aus einem Gewusel ein Raster machen könnte, grad so abseits, wie es die Wixxos von Knöppel besingen. Distanz hilft hier gerade mal, Zigaretten zu drehen.

01:27
Neue Leichtigkeit über Pandour: «Es gab so viele geile Bands hier. Aber die sind es nicht. Sie fühlen es nicht richtig. So viele haben es gefühlt an diesem Festival, der Aufgabe waren Pandour nicht gewachsen». Treffend, aber gar nicht mehr so wichtig. Wir hobn Tag drei Oida.

Tag eigentlich immer noch III

07:16
«Nicooooo!» «Nicooooo!» «Nicoooo!»

08:29
Erste Nasen versuchen wieder arbeitsfähig reinzuschauen, die Magie des Montags. Dreadlock und Mohawk haben Nico inzwischen gefunden, und haben nun ein umherschweifendes Käferfest.

09:47
Altersausflug am Bahnhof Düdingen (nur da gibts noch Kaffee) schaut begeistert aus dem Car auf die dreckige Anomalie der kaffetrinkenden Überlebenden, der Kiosk schaut aus wie ein Spital, verglichen mit dem Festivalkopfkino der letzten (wieviel?) Tage.

#nofilter #nobullshit

10:33
Autobahn. Zurück ins republikäre Ödland.

10:47
Ohne unseren Fahrer wär das nix mehr geworden heute. Danke Erik, Gonza lebt. <3

10:59
Caro: «Want some early Black Rock’n’roll?» Erik: «That’s racist, Rock’n’roll IS black.»

11:16
Eudaimonie ab Kassette, wir jiven innerlich.

Wurst der Woche: Käsekrainer. Ketchup enthält Vitamin-C.

12:07
Wir erobern die Raststelle Gunzgen-Süd mit unserem unwiderstehlichen Groove, die Crowd liegt uns zu Füssen. No bullshit.

12:42
Tsüri. Gibts hier irgendwo Musik?

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