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«Ich freue mich auf Kairo und die weisse Wand»

Die Frauenfelder Künstlerin Carole Isler bewegt sich zwischen Auftragsarbeit und freier Kunst. Ihre Werke schwanken zwischen Leichtigkeit und Monumentalität. Ein Busunglück, das sie mit viel Glück überlebte, gab ihr den Mut, voll auf die Kunst zu setzen. 

Von  Judith Schuck
Carole Isler: Camp Vial auf Chios.

Heute, mit 31 Jahren, sagt Carole Isler bereits: «Ich plane nicht mehr. Das Leben ist unplanbar.» Dabei sprüht die dunkelgelockte Frau vor Lebensfreude und Begeisterung. Aufträge hat die talentierte Künstlerin zur Genüge. Momentan kommt sie kaum dazu, eigene Ideen entstehen zu lassen. Zu ihren Auftraggebern zählt die Tonhalle Wil, für die sie bereits die zweite Saison das Programm gestaltet. Veranstaltungsplakate sind dabei ein völlig neues Genre für sie, obwohl sie sehr vielfältig ist: Porträts, Alltagsszenen, Illustrationen, Reportagen.

«Ich tendiere zur Detailliebe. Hier musste ich lernen zu reduzieren», sagt sie. Die Schwierigkeit bei den Plakaten sei, etwas abzubilden, was einen Aha-Effekt bei den Leuten auslöst, die das Stück oder die Künstler:innen kennen; «und die, die es nicht kennen, soll es animieren hinzugehen».

Beim Räuber Hotzenplotz ist sofort klar, wer er ist, wegen seinem Attribut, der Kaffeemühle. Für die Kriminalkomödie 8 Frauen wählte Isler das Motiv einer in ein schwarzes, elegantes Kostüm gekleideten Frau, die vor einem orange-rot explodierenden Hintergrund über den Rücken eines Messers schreitet. Die Saison 2022/23 steckt teils noch in ihrer Arbeitsmappe, aber Hund Monty, ein zerschlagenes Ei und ein Schneebesen – das kann nur So ein Chaos, das neue Stück von Puppenspielerin Rahel Wohlgensinger und Simon Engeli sein.

Carole Isler: 8 Frauen.

Zur Tonhalle kam sie durch deren Gesamtleiterin Florence Leonetti. Diese besuchte die Theaterwerkstatt Gleis 5 in Frauenfeld, wo Carole Isler ihr Atelier hat. Leonetti fragte sie, ob sie nicht in Wil ausstellen wolle. Das Angebot freute die Künstlerin, doch wenn, dann wollte sie auch die Tonhalle malen. 2019 entstand das Triptychon in Acryl, das heute vor dem Konzertsaal hängt. Die Zuschauer:innen sind hier nicht figurativ dargestellt, sondern zerfliessen und verschwimmen.

Fehlende Identifikation mit älteren Herren

Carole Isler arbeitet viel mit Aquarellfarben. Die habe sie schon immer schnell zur Hand gehabt. Gemalt hat sie schon früh, doch Künstlerin zu werden, lag ihr während der Sekundarschulzeit noch völlig fern. «Ich kannte eher ältere Herren, die Künstler waren. Da gab es für mich keine Identifikation. Und wie sieht denn überhaupt der Alltag einer Künstlerin aus?»

Carole Isler im Atelier. (Bild: Judith Schuck)

Inzwischen weiss sie es. Sie beherrscht sowohl Auftragsarbeiten als auch die freie Kunst. Bei Aufträgen habe sie eine konkrete Aufgabenstellung, in der freien Kunst stehe sie schon manchmal vor der weissen Wand. «In den letzten zwei Jahren, als es wegen Corona keine Möglichkeiten zum Ausstellen gab, war ich mega dankbar für die schönen Aufträge.» Auftragsarbeiten sieht die Frauenfelderin immer als Bereicherung. «Sie geben neuen Input, Impulse, und man lernt Menschen kennen, auf die ich sonst vielleicht nie gestossen wäre.»

Ein Auftrag war, den Thurgauer Regierungsrat zu porträtieren. Statt Foto. So konnten die Politiker:innen unter absolutem Einhalten der Abstandsregeln, nämlich ohne selbst anwesend zu sein, abgebildet werden. Isler arbeitete hier viel mit Fotografien der Personen, die sie mit zum jeweiligen Amt passenden Attributen versah. Regierungsratspräsidentin Monika Knill beispielsweise mit Velo und Urkunde. Sie ist Chefin des Departements für Erziehung und Kultur.

Isler illustrierte aber auch schon den Katalog fürs Eidgenössische Schwing- und Älplerfest. Dadurch setzte sie sich intensiv mit diesem Nationalsport auseinander, der ihr vorher eher fremd war.

Menschen ihren Wert aufzeigen

Diese Art des Porträtierens fiel ihr wesentlich leichter, als eine andere Arbeit. Für Ärzte ohne Grenzen reiste sie 2019 nach Griechenland in das Flüchtlingslager Vial auf der Insel Chios. «Unter den unwürdigen Umständen, die dort herrschen, wird den Menschen ihr Wert genommen», sagt sie.

Ihre Aufgabe war es, den Geflüchteten durch das Porträtieren Aufmerksamkeit zu schenken und wieder eine Wertschätzung entgegenzubringen. Dies sei eine sehr aufwühlende und bereichernde Erfahrung gewesen. 2020 war sie wieder für Ärzte ohne Grenzen unterwegs, dieses Mal in der Westschweiz. Während des ersten Shutdowns, indem wir alle aufgerufen waren, zuhause zu bleiben, malte Carole Isler diejenigen Menschen, die gar kein Zuhause haben, und jene, die sich für sie einsetzen.

Parisa, Silvana und Amir Ali im Camp Vial (2019).

Dabei fällt ihr das Porträtmalen um so schwerer, je mehr sie über einen Menschen weiss: «Jedes Mal habe ich Zweifel. Ein Mensch ist so komplex, da kann ich ja nur scheitern. Aber die Leute haben Freude daran, gemalt zu werden und Wiedererkennungsmerkmale auf dem Papier zu entdecken.» Dass es ihr ganz gut gelingt, ans Wesen der Leute heranzukommen, beweist die Nachfrage nach ihrer Arbeit.

Den Aufträgen für Ärzte ohne Grenzen ging eine völlig andere Erfahrung voraus. Nach Abschluss ihres Kunststudiums in Luzern bewarb sich die Frauenfelderin als Bordmalerin auf einem Kreuzfahrtschiff. «Ich hatte zwar den Bachelor in Kunst, aber bezeichnete mich nicht als Künstlerin», sagt sie. «Mir fehlte dazu der Erfahrungsschatz. Die ständige Frage ‹Was machst du mit diesem Abschluss?› hat mich verunsichert.» Auf dem Schiff gab sie Mal-Workshops und kam in der Welt herum. Das Leben auf dem Schiff sei eine wahnsinnige Erfahrung gewesen. Sie wurde darin geschult, wie man auf so einem Ozeanriesen in Notfallsituationen reagiert, lernte Menschen und ferne Länder kennen, aber auch die Dekadenz. «Danach hatte ich genug von der Tourismusbranche.»

Ihre Zeit auf dem Schiff führte aber auch zu wertvollen Kontakten. Sie begegnete dort der Autorin Birgit Damer, deren Märchenbücher sie heute illustriert. Als Horizonterweiterung sieht sie zudem ihr Praktikum im Museum of Modern Art in New York. Im Special Event Departement war Carole Isler für die Vernissagen zuständig und traf auf Promis wie David Bowie oder Tilda Swinton, für die sie mal beim Geburtstagsständchen mitsang.

«Eine surreale Welt, die mir einen anderen Zugang zum Museumsbetrieb, zu einer einzigartigen Kunstsammlung und allgemein zur Kunst verschaffte», so Islers Bilanz. 2018 bis 2021 war sie ausserdem Kuratorin der Stadtgalerie Balière in Frauenfeld.

Sicherheit rückte in den Hintergrund

Die Entscheidung, alles auf die Kunst zu setzen, kam 2014. Von der Stadt Frauenfeld und der Städtekonferenz Kultur (SKK) erhielt Carole Isler ein Werkstipendium mit Aufenthalt in Buenos Aires.

Zwei wesentliche Dinge passierten hier mit der jungen Künstlerin: Erstens hatte sie Raum und Zeit, künstlerisch tätig zu sein, und zwar ausserhalb eines schulischen Kontextes. Hierzu gehörten auch das Vertrauen und die Bestätigung, die sie für ihre Arbeit erhielt, Bereicherungen, auf denen sie aufbauen konnte. «Buenos Aires bedeutete für mich einen grossen Entwicklungsschritt.»

Das zweite einschneidende Erlebnis war ein Busunfall in Bolivien. Sie erinnert sich: «Ich war auf dem Weg nach Peru, wollte auf den Machu Picchu. Der Reisebus verunfallte im bolivianischen Hochland und ich erwachte im Spital von Oruro. Es gab vier Tote, eines der Opfer hatte ich kurz vorher kennengelernt.»

Carole Isler selbst ist dem Tod mit einer Fraktur am obersten Halswirbel nur knapp entronnen. «Die materiellen Sicherheitsgedanken, von denen ich mich vorher leiten liess, waren weg. Mir wurde die Endlichkeit und Kostbarkeit des Lebens bewusst.» Sie entschied sich, voll auf die Malerei zu setzen. Sonst hätte sie vermutlich noch ein Pädagogikstudium drangehängt.

Für dieses Jahr steht wieder ein Atelierstipendium der Stadt Frauenfeld und der SKK an. Ab 1. August darf Isler für ein halbes Jahr nach Kairo. «Ich freue mich auf die Zeit und die weisse Leinwand. Ich möchte herausfinden, wo ich in der Malerei stehe. In diesen sechs Monaten will ich keine Aufträge annehmen und einfach schauen, was Kairo mit mir macht.» Ziemlich sicher ist, dass ihre Bilder sich weiter vom Figurativen ablösen, hin zur Abstraktion. Eine Entwicklung, die bereits bei einigen Werken eingesetzt hat.

Dieser Beitrag erschien im Maiheft von Saiten.

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