, 17. Dezember 2009
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Mehr Inhalt weniger Brüste

Seit ca. einem Jahr gebe ich regelmässig Führungen durch unseren schönen Bunker: „Das Theater St. Gallen gibt es nun schon seit mehr als 200 Jahren, aber erst 1968 wurde das heutige Theatergebäude eröffnet blablabla.“ Diese Führungen werden meist von Schulklassen genutzt, das heisst, emsige Lehrer bestellen sich einen Rundgang. Meist waren die armen Schüler, die […]

Seit ca. einem Jahr gebe ich regelmässig Führungen durch unseren schönen Bunker: „Das Theater St. Gallen gibt es nun schon seit mehr als 200 Jahren, aber erst 1968 wurde das heutige Theatergebäude eröffnet blablabla.“ Diese Führungen werden meist von Schulklassen genutzt, das heisst, emsige Lehrer bestellen sich einen Rundgang. Meist waren die armen Schüler, die aus der Agglo angedüst kommen, davor bereits in irgendeinem Museum, bei der Polizei oder ähnlichem und danach müssen sie noch ins Kloster, in die Stiftsbibliothek undundund … Das Interessanteste an diesen Führungen ist die Tatsache, dass alle männlichen Schüler, egal welchen Alters, exakt gleich reagieren. Und zwar an einem ganz bestimmten Ort …: In der Maske oder Schneiderei noch ziemlich unbeeindruckt – während die Mädels das durchaus nicht unspanned finden – blühen sie spätestens im Maalsaal so richtig auf.

Denn dort hängt er, oder besser gesagt „SIE“. Während ich fleissig zu erklären versuche, wie wichtig für alle Werkstätten ein Bühnenbildmodell ist (siehe Foto, die schwarzen Türmchen links), hallt meistens bereits ein unterdrücktes Fiepen und Grölen zu mir rüber. Fotoapparate, Handys werden gezückt und die jeweilige „Miss Monat X“ festgehalten (siehe rechts auf dem Foto). Die Jungs stossen sich gegenseitig mit ihren Ellbögen in die Rippen und flüstern sich aufgeregt Worte zu, worauf sie beinahe aufjaulen. Man könnte ja denken, Vierzehnjährige hätten so was eh schon tausend Mal gesehen, von der Nivea-Werbung bis hin zum 22-Uhr-Film. Ich meine, auf diesem Kalender sieht man nicht mal einen Nippel! Oder sind sie doch unverdorbender als ich denke? Aber wenn ja, warum filmen sie immer gleich alles und schreien dabei? Nachdem ich auf dem Rückweg vom Maalsaal noch Fragen beantworte wie „Kleischt – isch de berüehmt?“ oder „Schpiiled sie do au SAW VI?“ oder auch „Schpiiled Sie do en Film vom Brad Pitt, äh, aso ich mein en Theaterfilm?“, entlasse ich die Horde wieder in die Freiheit. (Okay, wenn es Kanti-Schüler sind, sagt ein Mädchen meistens noch „Hey, dasch jo voll sexistisch de Kalender …!“) Und eigentlich hat sie Recht. Vielleicht sage ich den Jungs das nächste Mal einfach, die auf dem Bild spielt auch mit, dann kommen sie wenigstens schauen. Oder noch besser, ich hänge ein paar nackte Männer daneben. So zum Ausgleich. Für die Gleichberechtigung. Und die Auszubildende im Malsaal. Und für mich!

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