, 9. Juni 2014
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Neue Tendenzen im japanischen Filmschaffen

Noch bis Ende Juni widmet sich das Kinok St.Gallen der Geschichte des japanischen Films und dessen Klassikern. Roger Walch geht auf die gegenwärtige Situation des Filmschaffens in Nippon ein.

Die erfolgreichsten Filme 2013

Laut statistischem Jahrbuch wurden 2013 in Japan 591 Filme herausgebracht. Der Anteil der einheimischen Filme in den Kinos betrug dabei 60,6%. Im Vergleich dazu produzierte die Schweiz letztes Jahr 220 Filme, die einen Marktanteil von 6,2% erreichten. In Nippon dominieren neben den Hollywood-Blockbustern also vor allem inländische Produktionen.

The Wind Rises (Kaze tachinu) von Anime-Altmeister Hayao Miyazaki war der erfolgreichste japanische Film des letzten Jahres und spielte bisher über 119 Millionen Dollar ein. Der Film löste schon vor seinem Erscheinen eine Kontroverse aus, weil er den japanischen Ingenieur und Flugzeugbauer Jirô Horikoshi porträtiert, der den legendären Zero Fighter konstruierte – Japans tödlichste Waffe während des Zweiten Weltkrieges.

Die grösste englischsprachige Zeitung Japans, die «Japan Times», nannte den Film zwar «eine visuell opulente Feier des unverdorbenen Vorkriegsjapans», allerdings hagelte es in Japan sowohl von rechter als auch von linker Seite Kritik. Miyazaki selbst bezog Stellung, indem er die von der konservativen Abe-Regierung vorgeschlagene Verfassungsänderung – es geht um die Abschaffung des sogenannten Friedensartikels und die militärische Aufwertung der Selbstverteidigungskräfte – in einem Artikel offen kritisierte und damit die Nationalisten gegen sich aufbrachte. Gleichzeitig lobte er in einem Interview mit der «Asahi»-Zeitung den Zero Fighter als eine der wenigen technischen Errungenschaften, auf die Japan wirklich stolz sein könne. In Südkorea wurde der Film verurteilt, weil das Militärflugzeug während des Krieges vor allem von Zwangsarbeitern aus China und Korea in den japanischen Rüstungsbetrieben zusammengebaut wurde. Trotz des kommerziellen Erfolgs des Films war die Öffentlichkeit enttäuscht, dass Miyazaki seinen Abschlussfilm einem so kontroversen Thema widmete und hätte sich lieber einen unpolitischen Film gewünscht.

Interessanterweise hiess der zweiterfolgreichste japanische Spielfilm des Jahres The Eternal Zero (Eien no zero). Er spielte 82 Millionen Dollar ein und befasste sich auch mit dem legendären Militärflugzeug. Ein durch die Anwaltsprüfung gefallener orientierungsloser Student und seine als Journalistin tätige ältere Schwester arbeiten in dem Film die Geschichte ihres Grossvaters auf, der als Kamikaze-Pilot in einem Zero Fighter ums Leben kam.

Verlorenes Selbstvertrauen

Das aktuelle Kino in Japan ist geprägt von der wirtschaftlichen Stagnation, die schon seit 20 Jahren anhält. Territorialkonflikte mit China, Korea und Russland haben zusätzlich am Selbstwertgefühl gekratzt und gleichzeitig nationalistischen und rechtspopulistischen Strömungen Auftrieb gegeben. Die Dreifachkatastrophe vom 11. März 2011 hat den Japanern ihre Ohnmacht gegenüber den Naturgewalten vor Augen geführt und das blinde Vertrauen in die vorher so hochgelobte Technik erschüttert. Viele aktuelle Spielfilme setzen sich mit der zurzeit grassierenden Unsicherheit und den Ängsten einer verletzlich gewordenen Nation auseinander. Unzählige Dokumentarfilme zu Fukushima werden immer noch gedreht. Viele Regisseure flechten das AKW-Unglück von Fukushima in ihre Werke ein oder drehen gar vor Ort in Nordostjapan.

In einem Land, in dem es Autorenfilme und anspruchsvolle Themen schon immer schwer hatten, mutet diese Tendenz fast erstaunlich an. Wollten die durchschnittlichen japanischen Angestellten früher nur leichte Kost, heile Welt und leichte Unterhaltung im Kino, identifizieren sie sich heute immer mehr mit den Gegenwartsproblemen, die auf der Leinwand thematisiert werden. In einem Klima ökonomischer Depression, das einhergeht mit einer dramatisch gesunkenen Geburtenziffer und dem Kollaps der traditionellen Familienstrukturen, sucht man im Kino nach Antworten.

Filme mit Fukushima als Hintergrund

Der auch im Kinok gezeigte Film Tokyo Family (2013) von Yôji Yamada ist ein Remake von Ozus Tôkyô monogatari. Während der Dreharbeiten änderte Yamada das Drehbuch, um die Realität nach dem Fukushima-Desaster einfliessen zu lassen. Yamada bleibt zwar dem Original in weiten Linien treu, aber während Ozu den Film vor dem Hintergrund eines sich vom Krieg erholenden Landes konzipierte, reflektiert Yamada die Unsicherheit einer Gesellschaft, die seit zwei Jahrzehnten in einer wirtschaftlichen Rezession steckt und von unvorhersehbaren Katastrophen heimgesucht wird.

Himizu von Shion Sono wurde am Filmfestival Venedig 2011 uraufgeführt. Der Film basiert auf dem gleichnamigen Manga von Minoru Furuya und erzählt die Geschichte von zwei orientierungslosen 14-jährigen Teenagern und ihrem existenziellen Unbehagen. Da kurz vor Beginn der Dreharbeiten das AKW-Unglück passierte, entschloss sich der Regisseur, kurzfristig das Drehbuch anzupassen und den ganzen Film im Katastrophengebiet zu drehen. So wurde aus der ursprünglich ziemlich gewalttätigen Manga-Adaption ein Werk, das sich mit dem Schmerz einer Nation und dem Willen zum Wiederaufbau auseinandersetzt und zum Schluss sogar – im Gegensatz zur düsteren Vorlage – mit einem positiven Ausblick in die Zukunft endet.

Popularitätsgewinn des Militärs

Die japanischen Selbstverteidigungskräfte waren bis vor zehn Jahren nur in den Godzilla-Filmen auf der Leinwand präsent. Doch ab 2005 sollte sich das ändern. Gleich drei japanische Kriegsfilme wurden – zum ersten Mal in Kooperation mit den Streitkräften – in diesem Jahr mit grossem Budget produziert: Lorelei (Lorelei – The Witch of the Pacific Ocean) erzählt die Geschichte eines japanischen U-Boots, das den Abwurf einer dritten Atombombe durch die Amerikaner verhindern kann, Sengoku jietai 1549 (Samurai Commando Mission 1549) schickt die Selbstverteidigungskräfte in einer Zeitreise 500 Jahre zurück, und in Bôkoku no îjisu (Aegis) geht es um einen nordkoreanischen Terroristen, der sich unerkannt an Bord eines japanischen Zerstörers befindet und einen Anschlag plant.

In Japan werden China und Nordkorea als Bedrohung empfunden. Der Ruf nach einer starken japanischen Armee mit dem Recht auf einen präventiven Erstschlag wird immer lauter. Die in der Vergangenheit von der Öffentlichkeit eher belächelten japanischen Selbstverteidigungskräfte werden plötzlich ernst genommen. Auch ihr selbstloser Einsatz nach der Tsunami-Katastrophe in Nordostjapan 2011 wurde gelobt und hat dazu beigetragen, dass bei Schulabgängern eine Karriere bei den früher so unpopulären JSDF (Japan Self-Defense Forces) auf einmal als erstrebenswert gilt.

Japanische Kriegsfilme und Streifen, in denen die Selbstverteidigungskräfte eine heroische Rolle spielen, sind plötzlich ganz oben auf der Beliebtheitsskala.

Ausblick auf die nächsten Jahre

Die Olympischen Spiele in Tokio 2020 werden wirtschaftlich wie kulturell wohl kurzfristig einen positiven Schub auslösen. Schon jetzt schmiedet die japanische Regierung eine internationale PR-Kampagne, die das angekratzte Image von Japan wieder etwas aufpolieren soll. Das Medium Film wird sicher eine grosse Rolle dabei spielen. Für den einheimischen Markt werden vermutlich nicht wenige Filme produziert, die sich mit dem Thema Sport befassen. Auch die ungebrochene Popularität der Anime-Filme wird dazu benutzt werden, noch mehr internationales Interesse an Japan und der grossen Sportveranstaltung zu entfachen.

Das durch die Olympiade generierte Momentum wird sich aber vermutlich nicht über längere Zeit halten können. Die düstere demographische Situation und die damit zusammenhängende stagnierende Wirtschaft werden vermutlich dazu führen, dass wieder pessimistischere Töne angeschlagen werden.

Roger Walch (geb. 1965) ist ehemaliger Saiten-Redaktor und war zwei Jahre für die Leitung des Kinok verantwortlich, bevor er 1998 nach Kyoto in Japan übersiedelte, wo er heute als Filmemacher, Dozent und Publizist tätig ist. Infos auf vimeo.com.

Das aktuelle Kinok-Programm gibt es auf kinok.ch.

Bild: The Wind Rises (Kaze tachinu, 2013)

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