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Räume von Träumen und Erinnerungen

Iwan Schumacher widmet der Künstlerin Zilla Leutenegger eine filmische Hommage. Im Portrait Zilla besetzen Schattenwesen den Raum, spielen mit Farbe und werfen die Frage auf: Wie viele Zillas bin ich? Premiere ist am Mittwoch im Kinok. Von Sandra Cubranovic
Von  Gastbeitrag
Nur eine von vielen Zillas: Gorilla Zilla. (Bilder: pd)

Langsam vorwärtsrollend legt die Kamera den Blick in einen in dunkles Licht getauchten Raum frei. Im Kontrast dazu leuchtet imposant ein heller Vollmond von der Wand. Der an die Wand projizierte Erdtrabant bewegt sich langsam schwebend und leise durch den Raum, die Dunkelheit schluckt Existierendes und erlaubt nur verschwommen die Erkennung klarer Konturen. Der weiss-bläulich leuchtende Mond verharrt neben einer Türe. Sie steht einen spaltbreit offen.

Der Schauplatz vereint unheimliche, traumartige und märchenhafte Assoziationen. Die Kamera bewegt sich auf den offenen Türspalt zu, dumpfe Geräusche erklingen aus dem dahinterliegenden Raum. Jammern, Brummen und winselnde Klagelaute entweichen dem Spalt. Der Blick hinter die Türe offenbart den Schatten eines Gorillas: niedergeschlagen, in gebeugter Haltung kauert er trauernd und allein im Dunkeln unter einer Treppe.

Gorilla Zilla ist auch mal traurig

Die Szene beschreibt einen Ausschnitt aus Zilla, dem neuen Film von Iwan Schumacher, einem Portrait über die Schweizer Künstlerin Zilla Leutenegger, geboren 1968 in Zürich. «Der Gorilla ist traurig und tut mir fast leid. Während des Lockdowns habe ich oft Dokumentationen über Primaten geschaut, um das Verhalten zu analysieren – die weiblichen Gorillas trauern anders als die männlichen», so Leutenegger in einer Szene des Films.

Zilla: Premiere heute im Kinok St.Gallen um 20 Uhr in Anwesenheit der Künstlerin Zilla Leutenegger und des Regisseurs Iwan Schumacher.

Weitere Vorführung am 25. November, 17 Uhr.

Der Schatten des Gorillas, Leutenegger selbst schlüpfte während der Produktion ins Kostüm, ist ein Video, welches in den Ausstellungsraum projiziert wird. «Es ist erschreckend, dass man sich selbst auch sehr fremd sein kann.» Gorilla Zilla, wie Leutenegger ihn nennt, ist nämlich einer von vielen «Zillas», die in Leuteneggers Werken auftauchen und immer ein stückweit die Künstlerin persönlich repräsentieren.

Der Gorilla entsprang verschiedenen Inspirationsquellen: einerseits den Guerilla-Girls, einem feministisch-aktivistischem Künstlerkollektiv aus den 1980er-Jahren, die zum Schutz der Identität Gorilla-Masken trugen, andererseits fand sie die Tatsache interessant, als Frau in das Kostüm eines Silberrückens schlüpfen zu können, dessen Figur patriarchalischer nicht sein könnte.

Gegenwart im Fokus

Regisseur Iwan Schumacher

Im Fokus des Dokumentarfilms von Iwan Schumacher, stehen die Ausstellungsvorbereitungen zu «Espèces d’espaces» von Zilla Leutenegger, die von Mai bis August 2021 im Bündner Kunstmuseum Chur zu sehen war. Schuhmacher, ursprünglich ausgebildeter Fotograf, ist seit den 1970er Jahren kontinuierlich als Kameramann, Drehbuchautor, Produzent und Regisseur tätig und produziert vorwiegend Portraits namhafter Schweizer Künstler:innen. Sehenswert auch sein Film Feuer & Flamme von 2014 über die Kunstgiesserei im Sitterwerk.

Der 1947 in Luzern geborene Regisseur hat für Zilla drei Jahre lang die Schweizer Künstlerin Zilla Leutenegger mit der Kamera begleitet und ein feines, schnörkelloses Portrait fernab von romantischen Künstlerklischees geschaffen. Das filmische Narrativ verwebt biografische Elemente mit dem künstlerischen Arbeitsprozess und lässt durch collageartige Parallelen das gegenwärtige Kunstschaffen Leuteneggers verstehen.

Vieles wird Eins

Die Raumszenografie von «Espèces d’espaces» – der Titel beinhaltet eine Anlehnung an den französischen Autor Georges Perec, der sich mit Räumen aller Art beschäftigte – führte die Besucher:innen in ein nachempfundenes Wohnhaus. Die Ausstellung bot Räume voller biografischer Erinnerungen und Emotionen, die die Künstlerin ästhetisch überraschend und vielfältig zu inszenieren wusste. Biografisch, weil Zilla selbst in den Ausstellungsräumen allgegenwärtig war – mal als Zeichnung, als Monotypie oder als Schattenwesen. Die «Zillas» stehen immer in Relation zum Raum und dem Gebauten.

Wie akribisch genau Leutenegger in der Planung vorgeht und wie ernst sie ihre Arbeit nimmt, wird ersichtlich mit dem Pappmodell für die Werkschau in Chur. Das Modell dient als Miniansicht für den eigentlichen Ausstellungsaufbau. Es wird gepinselt, geklebt, verworfen und diskutiert. Zilla Leutenegger gestaltet für die Besucher:innen eine Erzählung aus Raum und Momenten. Der Raum ist dabei zentral für die Künstlerin: durch das fein abgestimmte Zusammenspiel von Wanddrucken, Lichtinstallationen, Zeichnungen und Musik wird Zweidimensionales zu Dreidimensionalem und schlussendlich Eins.

Iwan Schumacher zeichnet mit «Zilla» ein unaufgeregtes Portrait über eine Künstlerin, die in einer derart selbstverständlichen Weise Kunst schafft und darum in erfrischendem Kontrast zum heutigen Kunstspektakel steht. Nur zu gern folgt man dem filmischen Erzählstrang, der ganz klar aufzeigt, dass qualitative Kunst nicht laut, kryptisch und elitär daherkommen muss und wir schlussendlich alle ein ähnliches Ziel im Leben haben: nämlich mit unseren vielen Zillas klarkommen.

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