, 14. November 2016
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Salamandra salamandra!

Oh tiefschwarzglattgelbe Schwanzlurch-Glückseligkeit, oh wehleidig-gähniges Hurra-Ostrandzonen-Geheul – die Nachrichten aus dem spätherbstlichen Sumpf. Von Charles Pfahlbauer jr.

Mindestens zehn Jahre hatte ich vergeblich nach ihnen Ausschau gehalten, war in feuchten Wäldern in jedes Bachbett und jede Wegrinne gestolpert und über unzählige Laubbeigen und Abhänge gekrochen. Doch jetzt endlich war mir die Begegnung wieder einmal vergönnt, mit gleich zwei höchst lebendigen Prachtskerlen: Den ersten, einen wahrhaft Grossen von gegen 20 Zentimeter Länge, erspähte ich im Buchenwald am Osthang des Monte Lema unweit einer Alp mit dem erquicklichen Namen Fontana, wie er, auf einen Laubhügel hochgekraxelt, seinerseits Ausschau hielt, stolz wie ein kleiner Saurier; der zweite, etwa handgross, vielleicht sein jüngerer Bruder oder auch die Tochter, wer weiss das schon, kroch nur eine Armlänge entfernt Kreise scheinbar orientierungslos vor einer Laubhöhle. Feuersalamander, in echt, Salamandra salamandra, tiefschwarzglattgelbe Schwanzlurch-Glückseligkeit! Unter den Lieblingstieren eines der allerliebsten, in manchen Momenten noch vor Dachs, Uhu und Steinkauz. Natürlich war ich hin und weg, auch Braunauge jauchzte vergnügt, und wir liessen es nicht lange bei der Beobachtung bleiben. Zusammen legten wir uns ins Laub und liessen die Urviecher über unsere Jacken und später garament nackten Oberkörper laufen, schon unsere Urahnen wussten, dass es nichts Besseres gegen Hautpilz gibt, die munteren Passagen von Maldorors Gesängen leise im Hinterkopf. Bis uns ein diffuses Brennen der Haut daran erinnerte, dass die ja ein leichtgiftiges Sekret absondern können. Zugegeben, wir hatten es etwas übertrieben mit der tierischen Freude, und wir liessen es dann auch gut sein und die beiden Kerle wieder in ihre feuchtlaubfröhliche Freiheit entkriechen.

Wir liefen weiter, warfen uns die wenigen italienischen Wörter zu, die wir am Morgen gelernt hatten, besonders schön lautmalerisch: Torrente, für Wild- oder Gebirgsbach, da ist die Turbulenz drin im Wort, und auch der Horror, der bald folgen sollte. Weiter, weiter, den Hohlweg rauf, doch etwas hatte sich merklich verändert. Ein Wind war aufgekommen, dunkle Wolken zogen auf, Nebelschwaden umschlangen die alten Buchen, die nun immer bedrohlicher erschienen. Manche, meinten wir, streckten sich nach uns. Unter all den Buchen ein paar vereinzelte Kastanien, aber ihre wenigen Marroni klein oder dann wurmstichig. Auf einer Anhöhe unvermittelt Ruinen einer Siedlung; drei, vier Gemäuer, lose Steine, die Überreste eines Stalles. Dort stand eine geisterhafte Figur: ein uraltes Männchen, langbärtig und schieläugig und offenbar stumm, es beobachtete uns bewegungslos, ohne den Hauch eines Winks, schon gar nicht eines freundlichen. Wir versuchten möglichst unauffällig zu passieren und machten Tempo; als wir uns nach einigen hastigen Dutzend Metern umdrehten, war das Männchen verschwunden. Spurlos, wie ein Spuk, der nur eingebildet war. Wir haben die Dämonen geweckt, du weisst doch, mit diesen Feuermolchen ist letztlich nicht gut Laub fressen, versuchte Braunauge ein Spässchen. Doch zum Lachen war uns längst nicht mehr zumute. Den Steilhang keuchend hinter uns, rannten wir am Ende fast eine Stunde, bis wir endlich, bis auf die Knochen erschöpft, den Weiler mit der Postautohaltestelle erreichten.

Abends, halbwegs erleichtert in unserer Hütte am Langen See, erfreulicher Besuch von Harry Grimm und Sumpfbiber. Die hatten wie erwartet wenig gute Nachrichten aus der Ostrandzone: Im Trubel der Kuhmesse das wehleidig-gähnige Hurra-Ostrandzonen-Geheul der regierenden Ost-Orks für einen Bundesratssitz, derweil der Club im Halbschuhstadion kaum noch Fussball spielt, dafür jetzt diesen öligen Austrovolksalpenrocker Gabairgendwie engagiert hat. Was für eine Affiche: Mausis, zieht schon mal das Dirndl an, ihr könnt hernach dann auch gleich ostwärts auswandern.

Immerhin, sagte Harry, seien im Toggenburg soeben die letzten der zehntausend Bäume des sogenannten Helvetia-Schutzwaldengagements gepflanzt worden. Der Regierungsork Da Mann habe eigenhändig zehn Weisstannen gepflanzt, es gebe ja gar nichts Besseres gegen all die Naturgefahren wie Hochwasser, Murgänge, Rüfen, Lawinen und Steinschlag. Gerade wenn dort Wildbäche wie der Dürrenbach wüteten. Oder wie der Förster sagte: «Die Weisstanne mit ihrem tief reichenden Wurzelwerk ist für die Stabilität der Schutzwälder äusserst wichtig.» Harry war dabei, er kaufte brav mehrere Baumpässe, für zehn Franken schon gibt’s einen zusätzlichen Baum im Gebiet Ölstein in Unterwasser. Das war, Irrtum vorbehalten, einen Tag, bevor Unterwasser ein wenig übers Toggenburg hinaus Schlagzeilen machte. Und man sich fragte, ob die Versicherung Helvetia für den Schutzwald auch einmal eine Aktion lancieren könnte, wo man für einen Zehnerlappen eine Halle abbrechen kann. Oder ein paar Weisstannen den Hang herunter kugeln könnten, wenn eine Halle so toll voll ist mit Ostglatzen. Aber eben, da wussten wir noch nichts von der Invasion, sondern nur, dass es eben doch keine Dämonen gibt. Jedenfalls nicht solche wie das Langbartmännchen in der torrentig-salamandrigen Fontana-Alp.

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