, 29. April 2018
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Sonnen am Cellohimmel

Tonhalle St.Gallen, volles Haus und stehende Ovationen: Mit ihrem neuen Projekt «Die grosse Cellonacht» begeisterte Sol Gabetta und ihr Ensemble die Zuhörer mit Kunst, Lust und Leidenschaft, schreibt Daniel Fuchs.

Es beginnt im Dunkel. Im dämmrigen Licht der Pultlampen erscheint ein Chor von zwölf Celli und leise beginnen Klänge zu fliessen. Diese seien «Zeichen von der Existenz der Schönheit», so das Credo des russischen Komponisten Alexander Knaifel. In seinem Comforter. A Prayer to the Holy Spirit wird das zum ruhigen Gebet, ins Unendliche gesprochen.

Programmatisch sehr geschickt ist es, gleich attaca das Konzert für zwei Violoncelli, Streicher und Basso continuo g-moll, RV 531 von Antonio Vivaldi anzuhängen. Im vollen Licht, mit unglaublicher Verve durchgespielt, entfalten sich die drei Sätze des Werks, in der kunstvollen Bearbeitung für zwölf Violoncelli von Ivan Monighetti, zu einem Bravourstück. Und das war es dann mit dem Barock, für diesen Abend.

Con fuoco

Giovanni Sollimas Violoncelles, vibrez! lässt sprichwörtlich den Saal erstmals vibrieren. Allerdings ermüdet das Stück auch durch die befehlsmässig verordnete Beschränkung auf ihre Spielweise. Doch da steht vor der Pause noch Heitor Villa-Lobos Bachiana brasileira Nr. 5 auf dem Programm. Wieder wird das Cello-Ensemble umformiert. Die Schweizer Sopranistin Regula Mühlemann, die den Vokalpart der zweisätzigen Komposition übernimmt, tritt barfüssig auf. Die Aria (Cantilena) mit ihren Vokalisen singt sie innig und glockenklar. In der Dança (Martelo) überrascht sie mit dramatischem Ton und gestaltet das zur opernhaften Szene.

Sechs verschiedene Werke bilden den zweiten Teil der Cellonacht. Leicht der Einstieg: ein Konzertwalzer für vier Violoncelli von Wilhelm Fitzenhagen und Jacques Offenbachs Pas de six für sechs Violoncelli. Es folgt der «Klassiker», Maurice Ravels Bolero in einer Bearbeitung für zwölf Violoncelli. Am Ende Musik aus Lateinamerika: Antônio Carlos Jobims Girl from Ipanema im Bossa-Rhythmus und – gleichsam eine Rückkehr in Sol Gabettas Heimatland Argentinien – Astor Piazzollas tangoinspirierter Verano porteño.

Das ist alles, in wechselnden Formationen, so quirlig und musikalisch mit  unerhörter Präsenz und Feuer interpretiert, dass man den Potpourri-Charakter vergisst und sich selbst den ravel’schen Bolero wieder einmal gefallen lässt.

Zwölf Sonnen

Geben wir der Ansicht Recht, dass das Violoncello der menschlichen Stimme im Klang am nahesten kommt. Dunkel und voluminös, weich und lyrisch, hell und direkt wurde an diesem Abend von der Bühne her gesungen, auf höchstem Niveau. Und das teilweise auf Instrumenten von illustren Violoncellobauern wie dem Venezier Matteo Goffriller (1730) oder Francesco Ruggieri (1689) aus Cremona.

Die Schar einer jungen Generation von Cellistinnen und Cellisten, die Sol Gabetta hier um sich versammelt, lässt aufhorchen und macht neugierig, beginnende Karrieren, wie die der französisch-armenischen Musikerin Astrig Siranossian oder des Spaniers Alfredo Ferre weiterzuverfolgen. Sympathisch wirkte die Zurücknahme von Sol Gabetta während des ganzen Abends. Das war im Geist ein Auftritt im Ensemble, denn jeder Chorist kann jederzeit Solist sein. Zwölf Sonnen am Himmel!

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