, 31. Januar 2016
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The Wicked Problem

«Designforschung im Bereich Soziale Innovation» titelt ein Event an der GBS Riethüsli in St.Gallen. Neben drei profilierten Gastrednern gab es an der gut besuchten Veranstaltung vor allem eines: gescheiterte Kommunikation. von Pierre Lippuner

Nachdem ein unsichtbarer Moderator die drei Redner, Ruedi Baur, Christof Hofstetter und Ulrike Felsing, vorgestellt hat, übernimmt Letztere das Wort. Als sie im Halbdunkel des Aula-Saales mit monotonem Tonfall ihren Vortrag beginnt, sitzen Baur und Hofstetter als stumme Beobachter auf einem Sofa.

Soziodesign – zwischen Globalisierung und Individualität.

Durch das Vermischen der Kulturen im Zuge der Globalisierung sei die Erforschung neuer Gestaltungsformen im Gestaltungsdesign nötig. Felsing hat Visuelle Kommunikation studiert, ihre Diplomarbeit wurde mit dem Kunstpreis der Dresdner Bank Leipzig ausgezeichnet und ist im Centre Pompidou in Paris ausgestellt.

Die Erforschung von typografischen Gestaltungsmethoden im Bereich der transkulturellen visuellen Kommunikation heisst ihre Forschungsarbeit. Mit der Fallstudie 1A: Die Koexistenz der chinesischen und lateinischen Zeichen zeigt Felsing dem Publikum auf, wie zwei Schriftsysteme in ein harmonisches Zusammenspiel gebracht werden können. Dabei soll auf das Gesamtbild der Schriftzeichen, ihre Entstehung und deren mikrotypografische Komponenten (Federführung, Formgebung, Schwarzwirkung) geachtet werden.

Anwendung findet Felsings Forschung im Städtebau, Verkehrssystemen oder im Gesundheitswesen, wo die verschiedene Kulturen aufeinandertreffen und unspezifische Zielgruppen mit spezifischen Botschaften konfrontiert werden sollen. Dabei spricht sie stets vom «Wicked Problem», dem schlimmen Problem. «To understand the problem, means solving it», sagt Felsing. Ein Lachen geht durch die Menge ob der flachen Binsenweisheit.

Abschied vom Ideal – Design für körperlich und geistig beeinträchtigte Menschen

Als Christof Hofstetter die Bühne betritt, richten sich die Zuhörer auf. Seine Stimme ist fest und etwas streng. Er begrüsst uns mit der Forderung, dass Gestaltung keine marktorientierte Fähigkeit sein soll und man sich vom Ideal verabschieden müsse, wenn man Design für verschiedene Alters- und Zielgruppen anfertigen wolle.

Sein Fallbeispiel: Eine Stiftung für Behinderte sucht eine neue Art der Verständigung. Unter Einbezug aller Parteien – Ärzte, Verwandte, körperlich und geistig beeinträchtigte Menschen – sei eine ideale Lösung nicht möglich. Feldtests sollen her, verschiedene Designs müssen mit Betroffenen getestet werden. Die Frage, die sich schliesslich stellt, sei folgende: Beschäftigen wir uns mit komplexen Dingen in einer einfachen Welt oder umgekehrt?

Um die Problematik aus einer wissenschaftlichen Ebene aufzuzeigen, greift Hofstetter zu – mit Aussagen überladenen – Folien und Theorien grosser Gestalter, die sich unter anderem mit Corporate Design in Quantenphysik, Weltreligion, Morphologie oder Arithmetik auseinandergesetzt haben. Hier verliert sich der Vortrag im Obskuren, die Zuhörer verlieren erst das Verständnis und dann das Interesse.

Wenn Kommunikation versagt – ein Fallbeispiel an sich selbst

Kurz vor 20 Uhr. Ich muss bald gehen, habe mich noch anderweitig verabredet. Mir wärs lieber, wenn ich bereits jetzt Hopfen und Malz geniessen könnte.

Entschuldigt dieses persönliche Interludium. Doch während sich Felsing, Hofstetter und Baur sicherlich mit interessanten Themen am Brennpunkt menschlicher Kommunikationsproblematik beschäftigen; während sich diese Designforscher täglich damit auseinandersetzen, wie sie Zeichensystemen, Signaletik oder Bildwelten für breite Massen verständlicher machen können, scheitern sie daran, uns ihre eigene Arbeit zugänglich zu machen.

Versteht mich nicht falsch: Die Praxisbeispiele waren gut. Sauber und solide. Doch während es schlussendlich darum ging, verschiedenen Volksgruppen durch Design eine gemeinsame Plattform zu geben, scheitern die Dozenten am grundlegendsten Problem: Sie gehen davon aus, dass wir dasselbe wissen, dasselbe denken und dasselbe verstehen wie sie.

Ihre Aussagen verpacken sie in Fremdworte und unspezifisches Fachwissen. Sie wollen auf den Tisch klopfen, wollen uns zu verstehen geben, wie wichtig eine frische und offene Herangehensweise sei für die Kommunikation zwischen Menschen. Wie wichtig Ethik und soziale Innovation sei.

Und sie klopfen. Und wir hören. Doch verstehen tut man gar nichts.

Symbole der Macht – die Abwesenheit jeglicher Aussage

Zuletzt tritt Ruedi Baur ans Mikrofon. Er räuspert sich. Bedankt sich für die Beiträge seiner Kollegen. Er wirkt etwas verwirrt und man hört einen leicht französischen Akzent heraus. Die Zuhörer setzen sich wieder gerade hin, spitzen die Ohren.

Er habe sich mit Symbolen der Macht beschäftigt, erklärt Baur und zeigt verschiedene Folien, erklärt etwas, sucht nach Worten. «Worum zum Teufel geht es eigentlich?», fragt mich eine Freundin – und ich habe keine Ahnung. Ruedi Baur schweift von einem Thema zum anderen, zeigt Designbeispiele, lächelt und macht Witze, die keiner versteht.

Auch er scheitert an den Problemen seiner Vorgänger. Macht sich nicht verständlich. Redet über Kommunikation, doch wendet sie nicht an.

Viertel nach acht, ich muss los. Beim Ausgang bleibe ich kurz stehen, hoffe auf eine Aussage die wirklich etwas bedeutet, doch vergebens. In der Eingangshalle der GBS spreche mit einem Lehrer der Schule, bringe meine Bedenken an. Er nickt und gibt mir resigniert recht: ein Professor der HSG sei eben erst gegangen und habe sich beschwert, dass er kein Wort verstanden habe.

Pierre Lippuner, 1991, ist Grafiker und lebt in St.Gallen.

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